Zehn Jahre nach dem Brexit: Kommt Großbritannien zurück nach Europa?
نظرة سريعة
- Zehn Jahre nach dem Brexit diskutiert Großbritannien ernsthaft über eine Rückkehr in die EU.
- Eine Mehrheit der Briten würde in einem neuen Referendum dafür stimmen.
- Eine Rückkehr wäre ein geopolitischer Erfolg für Europa und ein Signal gegen Populismus.
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لماذا يهم
Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum von 2016 diskutiert Großbritannien ernsthaft über eine Rückkehr in die EU. Die Entscheidung für den Austritt löste eine Welle von Populismus aus, deren Nachwirkungen spürbar sind.
Zehn Jahre nach dem Brexit diskutiert das Königreich ernsthaft über ein Comeback. Europa würde sich mit einem Ausrufezeichen auf der Weltbühne zurückmelden. Es gäbe aber einen Verlierer. Torsten Riecke 23.06.2026 - 07:29 Uhr Artikel anhören
London. „Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts geschieht; und es gibt Wochen, in denen so viel geschieht wie sonst nur in Jahrzehnten.“ Selbst dieses alte Lenin-Zitat aus den stürmischen Zeiten der Russischen Revolution wird den atemberaubenden Veränderungen unserer Zeit nicht mehr gerecht. Oft sind es nur Tage, die einen Wendepunkt der Weltgeschichte markieren. Der 23. Juni 2016 war so ein Schicksalstag.
An jenem Donnerstag vor zehn Jahren entschied sich eine knappe Mehrheit in Großbritannien dafür, aus der Europäischen Union (EU) auszutreten. Der Brexit löste eine weltweite Welle von Populismus und Nationalismus aus, deren Nachwirkungen wir auch heute spüren.
Zugleich gibt es an diesem historischen Jahrestag erstmals ernsthafte Anzeichen dafür, dass die Briten ihre Entscheidung rückgängig machen könnten. Das wäre zugleich ein Stoppzeichen für den globalen Vormarsch von Rechtspopulisten und Autokraten.
Viele verorten das politische Epizentrum des populistischen Weltbebens in den USA und terminieren es mit der ersten Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten am 8. November 2016.
Tatsächlich war es jedoch die Volksabstimmung der Briten über den EU-Austritt, in der sich vier Monate zuvor erstmals die geballte Wut vieler Bürger auf die Führungseliten und ihre Politik der vorausgegangenen 70 Jahre manifestierte. Dass Trump sich im US-Wahlkampf 2016 als „Mr. Brexit“ präsentierte, war kein Zufall.
Umdenken auf der Insel der Vernunft
Wenn die Briten ausgerechnet zum zehnten Jahrestag des Brexits erstmals wieder ernsthaft über eine Rückkehr in die EU diskutieren, erscheint das wie eine Ironie der Geschichte. Kommt das Inselreich des gesunden Menschenverstandes nach einer Dekade auf Abwegen voller Chaos, Wohlstandsverluste und Bitterkeit wieder zur Vernunft?
Reform-UK-Chef Farage: Seine Partei führt seit Monaten die Meinungsumfragen in Großbritannien an. Foto: REUTERS
Auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus. Im Gegenteil. Der britische Regierungschef Keir Starmer ist nach nur zwei Jahren im Amt politisch am Ende, weil er das unter einer chronischen Wachstumsschwäche leidende Königreich nicht aus der Dauerkrise führen kann.
Sein wahrscheinlicher Nachfolger, Labour-Parteifreund und Manchester-Bürgermeister Andy Burnham, wäre der siebte Premierminister in zehn Jahren. Im Hintergrund lauert der Rechtspopulist und Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage auf seine Chance, dessen Reform-UK-Partei seit Monaten die Meinungsumfragen im Königreich anführt.
Die aktuelle Führungskrise in London könnte jedoch in kathartischer Weise den Brexit-Knoten lösen, in den sich das Land seit einem Jahrzehnt selbst verstrickt hat. „Ich wünsche mir, dass wir noch zu meinen Lebzeiten wieder beitreten. Das heißt aber nicht, dass man das Referendum jetzt erneut durchführen sollte“, sagt Starmer-Herausforderer Burnham.
Die öffentliche Meinung ist dem Möchtegern-Premier schon voraus: Nach einer neuen Umfrage des Ipsos-Instituts würden 58 Prozent der britischen Wähler in einem neuen Referendum für eine Rückkehr in die EU stimmen.
Die Hälfte der Befragten plädiert für eine Volksabstimmung nach den nächsten Parlamentswahlen 2029, die zum Showdown zwischen europhilen Rückkehrwilligen links und euroskeptischen Brexiteers rechts der politischen Mitte werden könnte.
„Natürlich werden wir der Europäischen Union wieder beitreten, denn das liegt ganz eindeutig in unserem nationalen wirtschaftlichen Interesse“, sagte kürzlich Spencer Livermore voraus, der als Staatssekretär der Labour-Regierung im Oberhaus sitzt und daran erinnerte, dass der Brexit die britische Wirtschaftsleistung um bis zu acht Prozent geschmälert haben könnte.
Wes Streeting, der als Gesundheitsminister auch aus Protest gegen Starmers zögerlichen Europa-Kurs zurückgetreten ist, nennt den Brexit einen „katastrophalen Fehler“, den er als Premierminister korrigieren würde.
Andy Burnham: Der Bürgermeister des Großraums Manchester will Großbritannien als Premierminister in die EU zurückführen. Foto: AFP
Das sind neue, ungewohnt offene Töne. Lange war es im politischen London ein Tabu, die alten Brexit-Wunden wieder aufzureißen. Zu schmerzhaft und traumatisch waren die Erinnerungen an die erbittert geführte Kampagne, die das Vereinigte Königreich beinahe zerrissen hätte. Selbst Brexit-Vorkämpfer Farage meidet das Thema.
In Nordirland, Wales und Schottland führen zwar Parteien die dortigen Regionalregierungen, die zurück in die EU wollen. Ob in einem neuen Referendum jedoch tatsächlich eine Mehrheit für die Rückkehr stimmen würde, hängt entscheidend davon ab, ob die EU-Europäer die Briten mit offenen Armen oder mit nur schwer überwindbaren Hindernissen empfangen würden. Dabei geht es vor allem um viel Geld, aber auch um nationalen Stolz.
EU-Austritt spaltet das Königreich noch heute
Europa bleibt für viele Insulaner ein Reizthema, an dem sich die Geister scheiden. „Bis heute definieren sich viele Briten politisch zuerst als ‚Remainer‘ oder als Anhänger von ‚Vote Leave‘“, sagt Sara Hobolt, Politologin an der London School of Economics. Die Zerrissenheit des Königreichs hat sie in ihrem gerade erschienenen Buch „Tribal Politics: How Brexit Divided Britain“ beschrieben.
Eine Rückkehr Großbritanniens in die EU wäre nicht nur der größte geopolitische Erfolg Europas seit dem schicksalhaften Austrittsvotum vor zehn Jahren. Der alte Kontinent, den die USA und China bereits abgeschrieben haben, würde sich mit einem Ausrufezeichen auf der Weltbühne zurückmelden.
Labour-Partei
76.000 Wähler entscheiden über Großbritanniens Zukunft
Und es wäre nicht zuletzt auch ein weltweites Signal gegen die Geister des populistischen Nationalismus, die der Brexit einst gerufen hat. Autokraten wie Trump, der russische Präsident Wladimir Putin und Chinas starker Mann Xi Jinping könnten nicht mehr länger sicher sein, dass ihr machtpolitisches Kalkül „Spalte und herrsche“ funktioniert.
Noch ist es jedoch nicht so weit. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, soll der frühere russische Präsident Michail Gorbatschow kurz vor dem Mauerfall 1989 gesagt haben. Ungestraft kommen aber auch jene nicht davon, die zu früh kommen. „Es braucht eine Generation, um die Brexit-Wunden zu heilen“, prophezeite der inzwischen 93-jährige Konservative Michael Heseltine in einem Handelsblatt-Interview bereits vor drei Jahren. Und zwar auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Anders als der Brexit-Sprint 2016 wird die Rückkehr ein Marathon-Hindernislauf.
Anti-Brexit-Protest in London: Die Mehrheit der Briten will zurück in die EU. Foto: Getty Images
„Die Briten beginnen am zehnten Jahrestag des Brexits darüber zu diskutieren, wieder dem beizutreten, was sie ‚Europa‘ nennen“, schreibt der Oxford-Historiker Timothy Garton Ash. Doch wie in den meisten bisherigen britischen Debatten über „Europa“ bleibe Europa selbst außen vor.
„In der Diskussion dreht sich alles darum, was für Großbritannien wirtschaftlich am besten wäre, und um die britischen politischen Strategien, um dieses Ziel zu erreichen“, warnt Garton Ash, „was der Rest Europas denkt oder was ihm wichtig ist, wird kaum oder gar nicht berücksichtigt.“
Viele ältere Brexit-Wähler sind gestorben, viele jüngere Briten denken proeuropäisch. Anand MenonDirektor der Denkfabrik „UK in a Changing Europe“
Viele halten den EU-Austritt der Briten immer noch für einen Unfall der Geschichte. Nicht einmal Boris Johnson und Nigel Farage, die an der Spitze der „Leave“-Kampagne für den Brexit standen, glaubten am Tag zuvor, dass sie gewinnen könnten. Das Ergebnis fiel mit 52 zu 48 Prozent denkbar knapp aus.
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Meinungsforscher erklären den Sieg für „Vote Leave“ vor allem damit, dass viele ältere Briten für den Brexit stimmten, während viele jüngere zu Hause blieben. „Dass heute eine Mehrheit zurück in die EU will, hat auch demografische Gründe“, sagt Anand Menon, Direktor der Denkfabrik „UK in a Changing Europe“. „Viele ältere Brexit-Wähler sind gestorben, viele jüngere Briten denken proeuropäisch.“
Ursachen des Brexits sind nicht beseitigt
Die Anhänger der Unfall-Theorie und diejenigen, die auf eine demografische Korrektur hoffen, verkennen jedoch, dass die Ursachen, die 2016 zu dem Brexit-Votum führten, bis heute nicht beseitigt sind.
Im Gegenteil: Vieles von dem, womit sich auch die deutsche Politik immer noch herumschlägt, ist erstmals in den vier Monaten der Brexit-Kampagne vor zehn Jahren sichtbar und hörbar geworden – und bestimmt nach wie vor die politisch aufgeheizte Stimmung in vielen westlichen Industrienationen.
Da ist der Zorn der politisch Vergessenen und wirtschaftlich Zurückgelassenen auf die Globalisierung und ihre Führungseliten. Da sind die Zweifel am Wahrheitsgehalt von Fakten und an der Wahrhaftigkeit von Experten. Aber eben auch die Angst vor einer Masseneinwanderung, der „Wir zuerst“-Nationalismus, der sich aus kultureller Überforderung, Furcht vor Identitätsverlust, verletzten Überlegenheitsgefühlen und dumpfem Fremdenhass speist, sowie der massive Einsatz von Bots in den sozialen Medien, um Stimmungen zu machen oder zu verstärken.
All das hat sich zuerst im Brexit-Votum des Vereinigten Königreichs entladen und ist dann zum Markenzeichen unserer Epoche geworden. „Vote Leave“ war das Ventil für einen Massenprotest gegen politische Verhältnisse, gegen die viele Bürger aufbegehrten, weil sie das Gefühl hatten, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren.
„Take back control“ war 2016 das bis heute nicht eingelöste Versprechen der Brexit-Vorkämpfer, das Politiker von rechts und links, von Donald Trump in Amerika über Keir Starmer in Großbritannien bis hin zur AfD-Chefin Alice Weidel in Deutschland, übernommen haben.
Demonstrant in London: In der Hand hält er ein Fünf-Millionen-Pfund-Plakat mit dem Konterfei des Brexit-Vorkämpfers Nigel Farage. Foto: IMAGO/ZUMA Press
Zugleich ist der Brexit aber auch der erste Realitätstest für Populisten wie Trump und Farage, die ihren Anhängern versprechen, Nationalismus und Abschottung könnten ihnen die Kontrolle über ihr Schicksal in einer sich rasant wandelnden Welt zurückgeben. Die Bilanz zehn Jahre nach dem Referendum zeigt: Das Gegenteil ist der Fall.
Nicht nur hat Großbritannien seit dem EU-Austritt enorme Wohlstandsverluste hinnehmen müssen. Ökonomen an der amerikanischen Eliteuniversität Stanford schätzen, dass das britische Bruttoinlandsprodukt „um sechs bis acht Prozent“ höher läge, wenn das Königreich in der EU geblieben wäre. Die Investitionen seien durch den Brexit um bis zu 18 Prozent, die Beschäftigung und Produktivität um vier Prozent gesunken.
Der EU-Austritt hat Großbritannien die Kontrolle über die Einwanderung zurückgegeben, doch die Wähler mögen das Ergebnis nicht. Jonathan PortesWirtschaftsprofessor am King’s College
„Diese erheblichen negativen Auswirkungen sind auf eine Kombination aus erhöhter Unsicherheit, rückläufiger Nachfrage, zusätzlichem Zeitaufwand für das Management und einer verstärkten Fehlallokation von Ressourcen infolge eines langwierigen Brexit-Prozesses zurückzuführen“, schreiben die Experten.
Ähnlich negativ ist die Bilanz beim wichtigsten Anliegen der Brexit-Anhänger: der unkontrollierten Einwanderung einen Riegel vorzuschieben. „Der EU-Austritt hat Großbritannien die Kontrolle über die Einwanderung zurückgegeben, doch die Wähler mögen das Ergebnis nicht“, sagt Jonathan Portes, Wirtschaftsprofessor am King’s College in London.
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Der Brexit habe die Beschäftigung von Arbeitnehmern aus der EU in Großbritannien erheblich verringert und die Beschäftigung von Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Ländern erheblich erhöht. Unter dem Strich sei die Gesamtzahl der im Königreich lebenden Arbeitnehmer ausländischer Herkunft heute höher, als sie es gewesen wäre, wenn Großbritannien in der EU geblieben wäre.
Kontrollverlust durch Alleingang
„Wenn man sich ansieht, wie sich die Welt in den nächsten zwanzig Jahren voraussichtlich entwickeln wird – eine Welt konkurrierender Großmächte und Imperien, mit einem militärisch aggressiven Russland, einem wirtschaftlich aggressiven China und den USA, die niemals wieder zu ihrem außergewöhnlichen transatlantischen Engagement nach 1945 zurückkehren werden –, dann liegt es auf der Hand, dass die beste Option für eine Mittelmacht wie Großbritannien darin besteht, Teil eines größeren Bündnisses von Ländern zu sein, die weitgehend dieselben Interessen und Werte teilen“, schreibt der Historiker Garton Ash.
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Napoleons Credo, dass die Geografie eines Landes sein Schicksal bestimmt, gehört zu den wenigen geopolitischen Gesetzen, die nichts von ihrer Wirkungsmacht verloren haben. Der Brexit war ein Versuch, sich darüber hinwegzusetzen, und ist kläglich gescheitert. Jetzt ist es an den Briten und ihren europäischen Nachbarn, diesen historischen Fehler zu korrigieren.
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Erstpublikation: 19.06.2026, 13:40 Uhr.
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Eine Rückkehr Großbritanniens in die EU wird in den nächsten zehn Jahren diskutiert.
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Die Ursachen des Brexits werden weiterhin westliche Industrienationen beeinflussen.
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- Welche wirtschaftlichen und politischen Bedingungen würden gestellt?
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