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Adnoc-Topmanager Seele: "Rohölpreis wird wieder auf 80 Dollar fallen"
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Handelsblatt26.05.2026Business9 dk okumaGermany

Adnoc-Topmanager Seele: "Rohölpreis wird wieder auf 80 Dollar fallen"

Auf einen Blick

  • Adnoc-Topmanager Rainer Seele erwartet nach einer möglichen Öffnung der Straße von Hormus einen Rückgang des Rohölpreises auf rund 80 Dollar.
  • Er warnt jedoch vor einer schwachen Weltwirtschaft und fordert Europa auf, globale Chemie-Champions zu schaffen und zu marktwirtschaftlichen Wurzeln zurückzukehren.

KI-generierte Zusammenfassung

Warum es wichtig ist

Der Artikel diskutiert die wirtschaftlichen Folgen einer möglichen Öffnung der Straße von Hormus und die Zukunft der europäischen Chemieindustrie aus der Sicht von Adnoc-Topmanager Rainer Seele. Er beleuchtet die Auswirkungen von geopolitischen Spannungen auf Lieferketten und Preise sowie die Notwendigkeit für Europa, wettbewerbsfähiger zu werden.

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Rainer Seele ist Top-Chemiemanager beim arabischen Ölkonzern Adnoc. Er beschreibt, was nach einer Öffnung der Straße von Hormus passiert – und welche Zukunft er für Europas Chemie sieht. Bert Fröndhoff 26.05.2026 - 03:56 Uhr Artikel anhören

XRG-Chemiechef Rainer Seele: „Das Hochfahren der Anlagen wird man schon hinbekommen. Aber gibt es dann auch genügend Nachfrage?“ Foto: PR, Picture Alliance

Berlin. Rainer Seeles Berichte und Eindrücke vom Persischen Golf sind derzeit gefragt. Als Top-Manager beim Ölkonzern Adnoc in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist er nah am Geschehen in der Kriegsregion und bewertet die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts beinahe täglich.

Seele führt das globale Chemiegeschäft bei der Adnoc-Investmentgesellschaft XRG und ist Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen Covestro AG, die zu XRG gehört. Von Abu Dhabi aus blickt er nach eigenem Bekunden oft „mit Schmerzen“ auf die Entwicklung der Heimat, des Standorts Deutschland und Europa.

Seele gibt Unternehmen und Politikern klare Ratschläge: Europa müsse globale Chemie-Champions schaffen. Deutschland sollte zu seinen marktwirtschaftlichen Wurzeln zurückkehren. „Es war nicht ein immer weiter wachsender Regulierungsstaat, der die industrielle Stärke aufgebaut hat“, sagt er. „Es waren freie Märkte und Verantwortung.“

Lesen Sie das ganze Interview mit Rainer Seele

Herr Seele, der Iran hat auch Chemieanlagen des Ölkonzerns Adnoc in den Emiraten angegriffen? Sind die Werke dauerhaft beschädigt?

Zum Umfang der Schäden kann ich nichts Neues berichten. Es werden Reparaturen notwendig, die sicher einige Zeit in Anspruch nehmen werden. Aber es wird weiter produziert.

Aber nicht geliefert?

Wir versuchen, soweit es geht, die gesperrte Wasserstraße von Hormus zu umgehen. Lkw-Kolonnen transportieren bestimmte Stoffe, etwa Düngemittel, auf dem Landweg an Seehäfen wie Fudschaira, die hinter der Meerenge liegen. Ich bin überrascht, was wir da leisten.

Bei Petrochemie und Rohöl ist das nicht möglich?

Nein. Beim Bau unserer neuen Pipeline nach Fudschaira kommen wir schneller voran als geplant, sie wird aber frühestens 2027 in Betrieb gehen. Derzeit produzieren viele Raffinerien in der betroffenen Nahostregion überwiegend auf Halde.

Wie muss man sich das vorstellen?

Vor der gesperrten Straße von Hormus liegen Hunderte Tanker, das ist wie ein riesiges Lager auf See. Noch dazu werden weitere Mengen in der Wüste gelagert. Die Raffinerien der Region produzieren, und können ihre Produkte kaum exportieren. Das ist wie ein brodelnder Topf mit wackelndem Deckel. Alle warten darauf, dass sich dieser Druck endlich entladen kann.

Dazu müsste die Straße von Hormus von den Iranern geöffnet werden. Wann rechnen Sie damit?

Ich glaube fest an eine diplomatische Lösung. Die wirtschaftlichen Schäden einer dauerhaften Schließung wären für alle Seiten zu groß. Je länger diese Blockade dauert, desto länger werden wir alle brauchen, um uns davon zu erholen.

Was passiert direkt nach einer Öffnung dieses wichtigen Seewegs?

Die Öltanker werden einige Zeit brauchen, bis der Rohstoff in Asien ankommt. Es werden zunächst auch die strategischen Reserven in vielen Ländern wieder aufgefüllt. Der Nachholbedarf ist riesig. Die Verfügbarkeit von Rohstoffen wird bis weit ins Jahresende hinein angespannt bleiben. Das wird sich auf die Chemie in Asien auswirken. Die Erholung der Lieferketten kommt nicht über Nacht, sondern wird Monate dauern.

Wird damit auch der Ölpreis hoch bleiben?

Die Energiekosten werden schnell sinken. Ein Großteil dessen, was wir heute sehen, ist eine Risikoprämie, und diese wird sich schnell auflösen, sobald eine Lösung in Sicht ist. Der Rohölpreis wird wieder auf das Vorkriegsniveau von rund 80 Dollar pro Barrel zurückkehren. Ich mache mir um andere Effekte viel größere Sorgen.

Vita Rainer Seele

Rainer Seele leitet den Chemiebereich der 2024 gegründeten Adnoc-Tochter XRG. Zuvor war Seele CEO des österreichischen Energieunternehmens OMV und in Führungspositionen bei dem weltgrößten Chemiekonzern BASF und dessen einstiger Energietochter Wintershall tätig. Zudem arbeitete Seele als Berater des Industrie- und Technologieministeriums der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Er hat einen Doktortitel in Chemie der Universität Göttingen. Seit Ende 2025 ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Leverkusener Kunststoffherstellers Covestro.

Der Energiekonzern Adnoc gründete Ende 2024 für seine internationale Expansion eine neue Tochtergesellschaft namens XRG. XRG versteht sich als eine Investment-Holding mit eigenständig arbeitenden Tochtergesellschaften. Adnoc will in den nächsten Jahren Milliardenbeträge in die drei Säulen Chemie, Gas und nachhaltige Energien investieren. 2025 übernahmen die Araber für knapp zwölf Milliarden Euro den Leverkusener Kunststoffhersteller Covestro.

Um welche?

Das Hochfahren der Anlagen wird man schon hinbekommen. Aber gibt es dann auch genügend Nachfrage? Die Weltwirtschaft hat schon im Januar und Februar keine Anzeichen von Besserung gezeigt. Ab März hat es dann Hamsterkäufe bei Vorprodukten wie Chemikalien gegeben, weil Kunden produktionsfähig bleiben wollten. Das ist keine Nachfrage, die auf Wachstumserwartungen fußt.

Sie fürchten einen weiteren Rückschlag für die Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr?

Die verarbeitende Industrie ist jetzt mit hohen Einkaufspreisen konfrontiert. Sie wird versuchen, diese weiterzugeben, und das wird über die Inflation beim Verbraucher ankommen. Ich fürchte, dass das Vertrauen der Kunden und Konsumenten durch die Folgen des Golfkonflikts noch brüchiger wird.

Industrie

Diese Branchen und Firmen profitieren besonders stark vom Iran-Krieg

Europas Chemie erwartet ein starkes zweites Quartal – und auch im Laufe des Jahres Wettbewerbsvorteile gegenüber den Asiaten.

Europa profitiert sicher gerade von den Problemen der Asiaten. Aber das ist nur eine Verschnaufpause. Spätestens nächstes Jahr geht der Stress auf dem Chemiemarkt wieder los, wenn China wieder große Mengen zu Billigpreisen auf den Weltmarkt bringt. Ich kann nur jedem europäischen Chemieunternehmen raten, die jetzige Phase zu nutzen.

Wofür?

Seit Langem haben die Firmen mal wieder Preissetzungsmacht. Die Erträge müssen sie nutzen, um sich für die drohende nächste Schwächephase zu rüsten.

Sie blicken von der XRG-Zentrale in Abu Dhabi auf das Geschehen der weltweiten Chemiemärkte. Womit können europäische Hersteller dort noch punkten?

Bei der Basischemie sehe ich schwarz. Da investiert niemand in Europa, dazu ist der Kostennachteil viel zu hoch. Diese Produktionen werden verlagert und dort erweitert, wo es Rohstoffe gibt und Energie billig ist. Europa kann nicht mit Chemie von der Stange erfolgreich sein. Gerade Deutschland hat zwar kaum Rohstoffe, aber jede Menge Innovationskraft. Darauf müssen wir setzen.

Skyline von Abu Dhabi: Von der Hauptstadt der Emirate aus steuert die Adnoc-Tochter XRG die weltweite Expansion. Foto: imago images/Walter Bibikow

Welche Technologien sind das konkret?

Vorne liegen werden diejenigen Chemiefirmen, die über Flexibilität bei den Ausgangsstoffen, operative Exzellenz, technologische Differenzierung und Nähe zu hochwertigen Kunden verfügen. Das gilt vor allem bei Spezialchemikalien, bei fortschrittlichen Werkstoffen und kundennaher Produktion. Diese Felder sind weiterhin gut zu verteidigen.

Sind die deutschen Chemiefirmen, mal abgesehen von BASF, für den Weltmarkt zu klein?

Größe spielt eine Rolle. Als Chemiefirma muss man heute global stark sein, in jedem großen Markt mit seinem Kernprodukt die Nase vorn haben. Wer weiter nur in Deutschland bleibt, wird Probleme mit der Resilienz bekommen.

Europas Politik muss sich vorwerfen lassen, die heimischen Märkte kaputtreguliert zu haben.

Rechnen Sie mit einer Übernahmewelle in der Chemie?

Es gibt zwei große Trends zur Konsolidierung. Der eine zeigt sich in Stilllegungen von Anlagen, die hier nicht mehr rentabel zu betreiben sind. Da stecken wir mittendrin. Was noch kommen wird, ist eine Neusortierung und Fokussierung, die durch Übernahmen und Fusionen vorangetrieben wird. Meine Empfehlung an Europa lautet: Lasst uns schauen, wo wir global noch wirklich gut mithalten können. Und dann lasst uns darin globale Champions aus Europa schaffen. Wir brauchen Chemiefirmen von Weltrang.

Was zeichnet diese Champions aus?

Sie sind Weltmarktführer mit hoher geografischer Reichweite, sie haben Größe und Bilanzstärke, um über Konjunkturzyklen hinweg und unabhängig von den nächsten Umbrüchen wettbewerbsfähig zu bleiben. Im heutigen Umfeld ist dies überlebenswichtig.

Ist das auch der Weg der Covestro AG, die jetzt zu XRG gehört und deren Aufsichtsrat Sie führen?

Covestro ist bereits ein solcher globaler Champion und wird sich sicher noch verstärken. Ein weiteres Beispiel aus unserem Portfolio: Der Polyolefin-Hersteller Borealis aus Österreich ist durch die Fusion mit unserer Borouge Plc und Nova aus Nordamerika gerade auf dem Weg dorthin.

Produktion bei Covestro: Der deutsche Kunststoffproduzent gehört seit 2025 zur Adnoc-Investmentgesellschaft XRG. Foto: Covestro

Führt die Entwicklung dazu, dass in Europa zwar noch die Firmenzentralen stehen, aber die Produktion nur noch woanders in der Welt stattfindet?

Das erwarte ich nicht. Man braucht die lokale Produktion nah am Kunden. Der europäische Markt bleibt äußerst attraktiv – gute Nachfrage, erstklassige Kunden, fundiertes technisches Know-how. Daran gibt es keinen Zweifel. Die Frage ist nicht, ob Europa Chemie braucht. Aber Europa muss wieder wettbewerbsfähig genug werden, damit sie auch hier produziert werden kann.

In der Branche ist die Sorge groß, dass sich Investoren aus Europas Chemie zurückziehen.

Das Kapital zieht sich nicht aus der Chemiebranche zurück, selbst nicht in den turbulentesten Zeiten. Es wird aber selektiver und geht dorthin, wo die Rahmenbedingungen langfristige Investitionen ermöglichen. Dazu zählt Klarheit bei den Rohstoffen. Vorhersehbarkeit der Regulierung und eine Regierung, die aktiv Investoren anwirbt, Türen öffnet und für jeden investierten Dollar gute Argumente liefert.

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Das klingt jetzt nicht nach Berlin und Brüssel.

Europas Politik muss sich vorwerfen lassen, die heimischen Märkte kaputtreguliert zu haben. Es ist, als würde man versuchen, einen Marathon mit Gewichten zu laufen. Noch schlimmer: Die Gewichte ändern sich alle zehn Minuten. Regeln werden eingeführt, überarbeitet, ausgesetzt, erweitert – oft ohne Klarheit über das Endergebnis. Für Investoren, die Entscheidungen für 20 oder 30 Jahre treffen, ist das nicht machbar. Diese regulatorische Belastung, verbunden mit strukturell höheren Energie- und Arbeitskosten, lenkt Kapital aktiv von Europa ab.

Wie kann man das wieder ändern?

Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln der sozialen Marktwirtschaft. Es war nicht ein immer weiter wachsender Regulierungsstaat, der die industrielle Stärke dieses Kontinents aufgebaut hat. Es waren freie Märkte, Wettbewerb, Verantwortung. Deutschland wurde zur globalen Industrienation, weil es die Bedingungen geschaffen hat, unter denen die Industrie wettbewerbsfähig sein, innovieren und investieren konnte. Diese Denkweise müssen wir wiederentdecken, statt Schicht um Schicht weitere Regulierung hinzuzufügen. Europa kann wettbewerbsfähig sein. Deutschland kann führen. Aber nur mit der Klarheit, Stabilität und Verlässlichkeit, die ernsthafte Investoren brauchen.

» Lesen Sie auch: „Selbst das beste Szenario ist schlecht“: Wird das Öl nicht nur teurer, sondern auch wirklich knapp?

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Worauf zu achten ist

KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten

  • Der Rohölpreis wird auf rund 80 Dollar pro Barrel zurückkehren.

    Sehr wahrscheinlich · Mittelfristig

  • Die Verfügbarkeit von Rohstoffen wird bis weit ins Jahresende 2026 angespannt bleiben.

    Wahrscheinlich · Mittelfristig

  • Eine Übernahmewelle und Konsolidierung in der europäischen Chemieindustrie.

    Wahrscheinlich · Langfristig

Offene Fragen

  • Wie schnell können die Reparaturen an den beschädigten Adnoc-Anlagen abgeschlossen werden?
  • Wie stark wird die Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr 2026 tatsächlich zurückfallen?
  • Welche spezifischen regulatorischen Änderungen sind in Europa notwendig, um Investoren anzuziehen?
  • Wie wird sich die Nachfrage nach Chemikalien entwickeln, wenn die Weltwirtschaft weiter stagniert?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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