Chinas Überkapazitäten entstehen in einem System harter Konkurrenz
Auf einen Blick
- Chinas Städte konkurrieren hart um Investoren, was zu Überkapazitäten führt.
- Lokale Regierungen fördern aggressiv Schlüsselindustrien, blockieren sich aber gegenseitig und verstärken den globalen Wettbewerb.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Chinas lokale Regierungen konkurrieren intensiv um ausländische Investoren und wirtschaftliche Leistung, was zu Überkapazitäten in Schlüsselindustrien führt. Dieser Wettbewerb wird durch das politische System und die Karrierelogik der Kader verstärkt.
Chinas Überkapazitäten entstehen in einem System harter Konkurrenz. Ein Besuch bei einer Veranstaltung für Investoren zeigt, wie Städte sich in diesem Wettbewerb aber gegenseitig blockieren. Martin Benninghoff 02.06.2026 - 14:54 Uhr Artikel anhören
Die ostchinesische Metropole Shanghai zieht Investoren aus aller Welt an. Doch das gilt längst nicht für alle Regionen des Landes. Foto: E+/Getty Images
Shanghai. Mehr als hundert ausländische Unternehmensvertreter, darunter auch Deutsche, sind für zwei Tage in eine ostchinesische Stadt eingeladen worden. Ein Bus fährt die Gruppe durch einen Industriepark mit viel Glas: Links glänzen Bürogebäude, Hochglanzbroschüren in Englisch liegen bereit.
Später wird ein lokaler Parteikader auf der Bühne vom „besten Ort zum Investieren“ sprechen. Hotel, Transfer, Abend- und Mittagessen – alles organisiert und bezahlt von der Lokalregierung.
Für diese Veranstaltung gibt es keine Presseakkreditierung; offizielle Interviews mit Funktionären werden nicht angeboten. Der Name des Ortes wird deshalb in diesem Artikel nicht genannt, die von Unternehmen und Teilnehmern ebenso wenig.
Dabei ist es eigentlich kein heikler Termin – es geht nur um Werbung für den Standort. Aber in China wird alles heikel, sobald die Politik involviert ist. Und in der Logik des Systems ist sie das bei Fragen zur wirtschaftlichen Entwicklung fast immer.
Deshalb war das Handelsblatt bei dieser Veranstaltung dabei, die so oder so ähnlich in vielen Regionen und Städten stattfindet. Denn was hier passiert, hilft zu verstehen, wie Chinas Industriepolitik konkret funktioniert. Und weshalb sie sich bis nach Deutschland auswirkt.
Wettbewerb in Hochglanz
Die wichtigste Währung in der chinesischen Industriepolitik ist wirtschaftliche Performance. Dies führt zu einem harten Wettbewerb, der in Europa oft unterschätzt wird. Lokalregierungen, Städte, sogar Stadtviertel konkurrieren untereinander wie Unternehmen auf einem Markt – um Fabriken, Forschungszentren, Steuereinnahmen, ausländische Investoren und politische Aufmerksamkeit in Peking.
Wie offensiv dieser Wettbewerb geführt wird, zeigt sich hinter den verschlossenen Türen der Veranstaltung in Ostchina. Das Programm wirkt wie eine Mischung aus Investmentmesse, Verkaufsveranstaltung und Networking-Event. Der Bus fährt die Teilnehmer durch perfekt gepflegte Industrieparks, Fotomöglichkeiten und Gesprächsslots sind zeitlich eng getaktet.
Humanoide Roboter in einer südchinesischen Industrieanlage: Investments für Chinas Schlüsselindustrien. Foto: Yang Shiyao/XinHua/dpa
In sachlichen Wortbeiträgen preisen chinesische Politiker und Stadtregenten – wie in China üblich nach ihrer Stellung in der Hierarchie, mit abnehmender Wichtigkeit – die Region als „Fenster zur Öffnung zur Welt“ an, weisen auf hervorragende Zugverbindungen, den kulturellen Reichtum und landschaftliche Schönheiten hin. Es gibt eine Simultandolmetscherin und eine Moderatorin, die auf Chinesisch und Englisch für etwas Stimmung sorgt.
Ein europäischer Manager – wie er arbeiten die meisten bei ausländischen Unternehmen in China – greift geopolitische Bedenken Europas gegenüber China kurz auf, wischt sie dann beiseite und wirbt für Vertrauen in den Standort China. Es gehe längst nicht mehr nur um „made in China“, sondern um „designed in China“. Das bedeute, dass China längst auch in Forschung, Entwicklung und Design Maßstäbe setze.
Wer mithalten wolle, müsse vor Ort sein. Ein anderer Unternehmer sagt: Die Zulieferindustrie sei hier schlichtweg unschlagbar.
Infrastruktur und Familienfreundlichkeit
Die Argumente wiederholen sich im Laufe der Veranstaltung. Bahnverbindungen, Hafen in Reichweite, Flughafen, eine vollständig integrierte industrielle Kette: Alles liege innerhalb weniger Kilometer, dazu Schulen für ausländische Familien, Kliniken, Wohnraum für Expats.
Eine Präsentationsfolie stellt einen „talent housing voucher“ in Aussicht, einen Wohn- oder Hausgutschein mit Zuschüssen von bis zu 300.000 Yuan – das sind umgerechnet mehr als 38.000 Euro. Dazu Subventionen für Start-ups, Forschungsförderung und garantierte Flächen für Produktion und Büros. Ein Imagefilm zeigt die Familienfreundlichkeit des Standorts.
Die Szene beweist auch, wie umfassend Chinas Öffnungspolitik heute funktioniert – nicht als Liberalisierung im klassischen Sinne, sondern als staatlich organisierter Wettbewerb um Industrien und die besten Köpfe. Ausländische Unternehmen sind willkommen, sofern sie zu den strategischen Zielen passen.
Exporte
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Besonders gefragt sind Investoren aus Maschinenbau, Künstlicher Intelligenz, Biotechnologie, Elektromobilität oder industrieller Software. Während China zwischen den 1980er- und 2000er-Jahren als Produktionsstandort überzeugte, wollen Regionen nun Forschungszentren, Entwicklungsabteilungen und komplette Lieferketten anziehen. Ausländisches Kapital soll helfen, die technologische Modernisierung des Landes zu beschleunigen.
Fünfjahresplan bestätigt Industriestrategie
Der strategische Ausbau mancher Schlüsselindustrien setzt sich jedoch über Markterfordernisse hinweg. Experten des China-Thinktanks Merics sprechen in einem Report vom April 2025 von „Voraussetzungen für Überinvestitionen, Überkapazitäten und Überproduktion“.
Selbst „in reifen Industrien, die unter Überkapazitäten und Preisdruck leiden“, unterstütze Peking weiterhin Unternehmen dabei, Marktanteile zu gewinnen und Produktionskosten zu senken – „statt Kapazitäten abzubauen“, ergibt auch die Analyse des Forschungsinstituts Rhodium aus diesem Jahr. Die strukturellen Ungleichgewichte seien zwar erkannt, doch Reformen blieben hinter dem Notwendigen zurück.
Der neue Fünfjahresplan, der im März beim Volkskongress in Peking für die Jahre 2026 bis 2030 verabschiedet wurde, bestätigte diese Strategie dennoch. Und die lokalen KPIs – die zu erreichenden Wirtschafts- und Wachstumsdaten – bleiben der entscheidende Maßstab für politische Karrieren.
Die Kaderbeförderung in China hängt laut mehrerer Studien stark an der ökonomischen Performance ihrer Regionen. Umwelt- oder Sozialziele haben demnach zwar an Bedeutung gewonnen, doch Wachstum, Investitionen und Industrieentwicklung bleiben die härteste Währung.
4,5 bis 5Prozent Wachstumerwartet die chinesische Regierung für das laufende Jahr 2026.
Hinzu kommt ein Mechanismus, der den Druck weiter verstärkt. Wachstumsziele werden von oben nach unten weitergereicht: von Peking an die Provinzen, von dort an Städte und Landkreise. Oft setzen lokale Regierungen ihre Ziele sogar bewusst höher als die Vorgaben der nächsthöheren Ebene. Forscher der US-Eliteuniversität Stanford sprechen von einem „Upward-Ratcheting“-Effekt.
Solange Chinas Wirtschaft stark wuchs, war das beherrschbar. Seit der Abschwächung nach 2010 und erst recht nach der Coronapandemie ist daraus ein struktureller Wettlauf geworden. Die chinesische Regierung peilt für dieses Jahr nur noch ein Wachstum von 4,5 bis fünf Prozent an, Experten gehen ohnehin davon aus, dass das reale Wachstum in Wahrheit geringer ist.
Doppeltes Dilemma für europäische Firmen
Viele Regionen versuchen, die Lücke zwischen politischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität durch Investitionen, Kredite und Industriepolitik zu schließen. In den Daten geht ein Prozentpunkt Wachstumsdifferenz laut Stanford-Analyse aus dem Vorjahr mit einem Anstieg der Infrastrukturinvestitionen um etwa 0,4 Prozent des Provinz-BIP einher. Ähnliche Effekte gebe es auch beim Thema Verschuldung und Landverkauf.
Daraus ergibt sich jedoch ein Problem: Viele Regionen fördern gleichzeitig dieselben Zukunftsbranchen – Robotik, Batterien, Halbleiter, Wasserstoff, Künstliche Intelligenz. Ein Teilnehmer der Veranstaltung in Ostchina sagt, dass die Showrooms der Industrieparks überall ähnlich aussähen. Jede Provinz will eigene Champions hervorbringen, gegenseitig blockieren sie sich dadurch.
Im Elektroautomarkt war das lange besonders sichtbar. Städte unterstützten Hersteller mit Krediten, Grundstücken und Subventionen. Der Wettbewerb drückte jedoch die Margen, der Druck auf die Unternehmen stieg immer weiter. Viele Hersteller exportieren deshalb zunehmend aggressiv ins Ausland.
Für europäische Unternehmen entsteht ein doppeltes Dilemma. China bleibt wegen Lieferketten, Infrastruktur und Marktgröße oft aus ihrer Sicht unverzichtbar. Investieren sie dort, stärken sie jedoch genau jene industrielle Basis, die künftig neue Konkurrenz erzeugt. Experten sprechen von einem „zweiten Chinaschock“, der Deutschland derzeit treffe und Arbeitsplätze koste. Der erste Chinaschock kam nach dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001.
Gerade deutsche Firmen, die Produktion und Forschung lokalisieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben, bewegen sich in diesem Spannungsfeld. Das war auch ein zentrales Thema für Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die in der abgelaufenen Woche zu politischen Gesprächen nach Peking und Guangzhou gereist ist – mit einer knapp 40-köpfigen Wirtschaftsdelegation aus Konzernen und Mittelständlern.
Powerhäuser werden noch stärker
In China dürften die Gewinner in diesem Wettbewerb die industriellen Powerhäuser sein. Shanghai, das Jangtse-Delta, die Provinz Guangdong mit Shenzhen und Guangzhou sowie der Großraum Peking verfügen über dichte industrielle Ökosysteme aus Kapital, Talenten und Zulieferern.
Andere Regionen haben es deutlich schwerer. Die südchinesische Provinz Guizhou etwa wirbt erfolgreich um Rechenzentren – dank günstiger Energie aus Wasserkraft und dem Klima in der Bergregion. Doch geografische Lage und fehlende industrielle Substanz begrenzen die Entwicklung kompletter Lieferketten.
Mehr: Ausländische Investitionen in Deutschland brechen ein
Erstpublikation: 29.05.2026, 04:04 Uhr.
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Worauf zu achten ist
KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten
Chinas aggressive Exportpolitik aufgrund von Überkapazitäten wird zu verstärkten Handelskonflikten mit Europa und anderen Regionen führen.
Sehr wahrscheinlich · Mittelfristig
Deutsche Unternehmen werden weiterhin unter dem Druck stehen, in China zu investieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben, was zu einem Dilemma führt.
Sehr wahrscheinlich · Langfristig
Die chinesische Regierung wird weiterhin Schlüsselindustrien fördern, auch wenn dies zu Überkapazitäten und Marktverzerrungen führt.
Wahrscheinlich · Langfristig
Offene Fragen
- Wie werden die lokalen Regierungen ihre überzogenen Wachstumsziele angesichts der wirtschaftlichen Realität erreichen?
- Welche spezifischen Maßnahmen wird Deutschland ergreifen, um auf den 'zweiten Chinaschock' zu reagieren?
- Inwieweit werden die chinesischen Überkapazitäten zu Handelskonflikten mit anderen Regionen führen?
- Wie wird sich die staatlich gelenkte Industriepolitik Chinas langfristig auf die globale Innovationslandschaft auswirken?






