Die Malwinen: Ein Trauma und ein nationales Symbol Argentiniens
Auf einen Blick
- Argentinien und Großbritannien streiten seit 1833 um die Falklandinseln (Malwinen).
- Der Krieg von 1982 ist ein Trauma, doch die Inseln sind auch ein nationales Symbol, das Präsident Milei politisch nutzt.
- Die kulturelle Aufarbeitung prägt bis heute das argentinische Selbstverständnis.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Der Artikel beleuchtet die komplexe Beziehung Argentiniens zu den Falklandinseln (Malwinen), die seit 1833 umstritten sind und 1982 zu einem Krieg führten. Die Inseln sind ein nationales Symbol und ein politisches Thema, insbesondere für Präsident Milei.
Buenos Aires im Sommer 2026: Im Krieg zwischen Argentinien und Großbritannien um die Falklandinseln fielen vor 44 Jahren nach offiziellen Angaben rund 650 argentinische und 250 britische Soldaten. Das Gemetzel spielt im Westen schon lange keine Rolle mehr. Anders in der argentinischen Hauptstadt, wo die Inseln Malvinas heißen: „Las Islas Malvinas son argentinas“, „Die Malwinen sind argentinisch“, steht auf Linienbussen. In Spielzeugläden gibt es Modellbauflugzeuge und Panzer, mit dem sich die „Guerra de las Malvinas“ von 1982 nachstellen lässt. An Kasernenmauern in der Stadt erinnern Wandgemälde an die Schlachten. Und neuerdings sind die Inseln, die unter Hoheit des fast 13.000 Kilometer entfernten Vereinigten Königreichs stehen, auch wieder politisch ein Thema. Der argentinische Präsident Javier Milei hat wiederholt Verhandlungen über ihre Rückgabe gefordert und spürte kürzlich wohl Rückenwind, als die Nachrichtenagentur Reuters im April über ein Schreiben der US-Regierung berichtete, in dem angeblich mögliche Strafmaßnahmen gegen NATO-Partner diskutiert wurden, die den Irankrieg nach Ansicht Washingtons nicht ausreichend unterstützen. Dazu gehöre auch, dass die USA ihren neutralen, probritischen Standpunkt zu den Falklandinseln ändern könnten. In Argentinien wird das als potentielle Unterstützung für die Ansprüche interpretiert. Wir haben den argentinischen Schriftsteller Alan Pauls um einen Beitrag über die schwierige politische und emotionale Beziehung der Argentinier zu der Inselgruppe direkt vor ihrer Küste gebeten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Bis 1982 war die rund 400 Kilometer vor der argentinischen Küste im Südatlantik gelegene Inselgruppe der Falklands oder Malwinen – Islas Malvinas in der spanischsprachigen Welt – eine offene Rechnung Argentiniens mit England, seit das British Empire sich das Archipel im Jahr 1833 gewaltsam einverleibt hatte. Zwar war die Wunde nie verheilt, doch lag die Sache zeitlich zu weit zurück (150 Jahre) und war die Entfernung zwischen der Hauptstadt Buenos Aires und dem Archipel zu groß (2300 Kilometer), als dass sie den Argentiniern des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts den Schlaf geraubt hätten, zumal ihnen drängendere Nöte Albträume bereiteten.
Immerhin aber wurde die Forderung nach einer Rückgabe der Inseln über all die Jahrhunderte hinweg aufrechterhalten, eine mehr als überraschende Konstanz in einem so unbeständigen Land wie Argentinien. Während sie im allgemeinen Bewusstsein eine eher diffuse Rolle spielte, erhitzte die Malvinas-Frage vor allem die Gemüter traditionsverhafteter oder nationalistisch eingestellter Politiker und Historiker, die sie in Zeiten politischer Spannungen und wenn die Konjunktur für antikolonialistische Positionen günstig war, mit Vehemenz an die große Glocke hängten.
Alles änderte sich am 2. April 1982, als die seit 1976 in Argentinien herrschende Militärdiktatur überraschend die Invasion des Inselarchipels startete und in der Hauptstadt Stanley, bei der Gelegenheit in Puerto Argentino umbenannt, die argentinische Fahne hisste. Von diesem Moment an hatten die Malvinas das juristisch-diplomatische Schattenreich verlassen, in dem sie Jahrhunderte überdauert hatten, und wurden zum Sinnbild historischer Wiedergutmachung, eines Aktes später Gerechtigkeit, mit dem eine Nation vom äußeren Rand der Welt eine alte Rechnung mit dem britischen Empire beglich, das seine territoriale Integrität verletzt hatte und mittlerweile die strenge Uniform des Thatcherismus trug.
Zur Verblüffung des gesamten Planeten forderte eine blutige Militärdiktatur, die dem Land die höchste Staatsverschuldung seiner Geschichte beschert hatte, das Vereinigte Königreich heraus und bediente sich dabei pikanterweise derselben antikolonialistischen und emanzipatorischen Rhetorik wie ihre Opfer, die sogenannten „Subversiven“, die die Militärs seit sechs Jahren brutal unterdrückten und verfolgten.
Natürlich hatte diese Mutation keine ideologischen, sondern rein pragmatische Gründe. Abnutzungserscheinungen, die Unfähigkeit, eine plausible Perspektive für eine postdiktatorische politische Zukunft zu bieten, auch der internationale Druck, der die Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen potenzierte, bewogen die Militärregierung, die Karte der Malvinas zu spielen, um sich einen Rückhalt und eine Legitimität zu verschaffen, zu denen kein anderes zivilisiertes Mittel ihnen hätte verhelfen können, und so eine Gesellschaft auf ihre Seite zu bringen, die sie dezimiert und mundtot gemacht hatte.
Unglaublich, aber wahr: Die Gesellschaft ließ sich auf das Spiel ein. Die Menschen gingen auf die Straße und zogen zur Plaza de Mayo – neuralgisches Zentrum des öffentlichen Lebens –, wo sie den Chef der Militärjunta, General Galtieri, mit Applaus und Hochrufen begrüßten, als der auf den Balkon hinaustrat – Schauplatz legendärer Momente im demokratischen Leben Argentiniens, schon Juan und Evita Perón hatten dort gestanden – und in der polternden Manier des Maulhelden und Trinkers das Vereinigte Königreich vor Gegenreaktionen warnte: Andernfalls werde man gegen England „in die Schlacht ziehen“.
Das Land war wie ein Handschuh auf links gedreht. An die Stelle von Angst und Depression, den vorherrschenden moods jener Jahre der Diktatur, war eine seltsame, blinde Euphorie getreten. Die Menschen, die durch jahrelangen Staatsterror darauf gedrillt waren, den öffentlichen Raum zu meiden oder, wenn sie es nicht taten, Knüppel und Tränengas in Kauf zu nehmen, eroberten erneut die Straße. Schwarze Schafe wie die nationale Rockmusik, bis dahin aus den öffentlichen Medien weitestgehend verbannt, waren plötzlich rehabilitiert und wurden als erhabenster Ausdruck vaterländischer Gefühle gefeiert: Lieder, die zuvor nur im Untergrund kursierten, wurden wie Nationalhymnen geschmettert. Wer in den Fußballstadien beim rituellen Hüpfen auf den Tribünen nicht mitmachte, „war ein Engländer“, und es genügte, in der Sprache Shakespeares zu singen, um von jeglicher Präsenz in den öffentlichen Medien ausgeschlossen zu werden.
Für die große, über jeden Zweifel erhabene Sache der Malvinas war jedes Mittel recht, auch wenn die Militärs, die sie auf die Tagesordnung gebracht hatten, nicht die Gunst des Volkes genossen: Demonstrationen, politische Auftritte, Musikfestivals oder Marathonsendungen im Fernsehen, die Spendengelder und Lebensmittel einwerben sollten und bedingungslose Solidarität erfuhren, obwohl die Präsentatoren, die für sie Stimmung machten, dieselben waren, die sonst das offizielle Bildschirmmonopol nutzten, um die Anschuldigungen wegen Menschenrechtsverletzungen zu entkräften, sie als schändliche, vom Ausland gesteuerte „antiargentinische Kampagnen“ zu denunzieren. (Übrigens kamen die Gelder und Lebensmittel nur selten bei den Truppen an, in deren Namen sie gesammelt worden waren.)
Die Topographie und das unwirtliche Klima der Inseln, das jugendliche Alter der Soldaten, die Waghalsigkeit der argentinischen Piloten, die Kriegsberichte, die Modelle von Flugzeugträgern, U-Booten und Raketen, die Listen der Gefallenen: Der Krieg in all seinen Einzelheiten flutete die Titelseiten von Zeitungen und Zeitschriften, die Radio- und Fernsehnachrichten, die öffentlichen Debatten. „Heute haben wir ein Torpedoboot versenkt!“, hörte eines Tages der Schriftsteller Rodolfo Fogwill am Telefon seine Mutter mit vor Stolz bebender Stimme sagen. Dieses „Wir“ aus dem Mund einer Siebzigjährigen, die nicht für patriotische Ekstasen bekannt war, machte ihm deutlich, dass hier etwas Unerhörtes geschah. Fogwill ging nach Hause, schloss sich ein und schrieb in drei Tagen „Los pichiciegos“, „Die unterirdische Schlacht“, das bemerkenswerteste Experiment, das die Literatur zum Malvinas-Krieg hervorgebracht hat. Der einzige Roman, der live geschrieben wurde, während die Gefechte andauerten.
Aber, ach und wenig verwunderlich: Margaret Thatcher nahm Galtieris Fehdehandschuh auf und bewies, dass ihr nom de guerre nicht von ungefähr „Eiserne Lady“ lautete. Kaum hatte sie sich der Unterstützung der Vereinigten Staaten versichert (von der Galtieri und seine Anhänger vor der Invasion naiver- und fälschlicherweise, wie sich herausstellte, angenommen hatten, dass sie sie besäßen), als Thatcher auch schon 21.000 Soldaten, die Flotte der Royal Navy und die Kampfjets der Royal Air Force entsandte; keine zwei Monate später waren die Inseln zurückerobert. Am 14. Juni, nur Stunden nach der Kapitulation, zogen die Argentinier erneut auf die Plaza de Mayo, diesmal um das Einknicken der Militärs zu geißeln, und die Regierung reagierte, wie es ihre Gewohnheit war: mit Gewalt.
Von da an waren die Malvinas zum Trauma des heutigen Argentiniens geworden. Zu den offiziell 649 Kriegstoten kamen im Laufe der Zeit rund 450 weitere Soldaten hinzu, die ihrem Leben selbst ein Ende setzten, Opfer der traumatischen Folgen eines Krieges, für den sie weder richtig ausgebildet noch gut genug ausgerüstet waren, Opfer aber auch der mangelnden Anerkennung seitens der Regierung, die sie alleinließ, denen sie sogar den Rücken kehrte. Anfangs Nationalhelden, wurden die ehemaligen Kombattanten zum Sinnbild der Schande, zu argwöhnisch beäugten Relikten einer schimpflichen Episode, die man ausblenden oder verheimlichen musste, um den Schrecken zu leugnen, dessen lebendiges Zeugnis sie waren.
Es sollte bis zur Wiederherstellung der Demokratie im Jahr 1983 dauern, dass sich die politische Führung und die Gesellschaft zähneknirschend bereit fand, sich mit den Untoten des Malvinas-Kriegs und der Schmach, die sie verkörperten, auseinanderzusetzen. Es entstanden Spiel- und Dokumentarfilme, Romane, Sachbücher und Chroniken über die Malvinas. Während die Gesellschaft darum rang, das Geschehene zu verarbeiten – fast nie mit der politischen und materiellen Unterstützung, die dafür nötig gewesen wäre –, erfuhren die Malvinas und die Ex-Kombattanten mehr Glück in der symbolischen Welt, wo ihnen ein kultureller „Starruhm“ zuteilwurde, der bis heute andauert.
Denn tatsächlich sind die Malvinas heute allgegenwärtig. Sie finden sich im Lehrplan der Schulen, an zwei Tagen im Jahr wird ihrer gedacht – einmal am Tag der Invasion, dann am Tag der Kapitulation; sie finden als Gemeinplatz in den Medien und in Politikerreden Verwendung. Jedes Schulkind jenseits der Pubertät weiß über die Inseln Bescheid, weiß, wo sie liegen und was auf ihnen geschah, jedes kennt ihre Geschichte und kann den Marsch mitsingen, der sie feiert und in den Kriegsmonaten als obligatorischer Soundtrack alle ermahnte, die „verlorene Perle des Südmeers“ in das „Diadem des Vaterlandes“ wieder einzufügen. Es wurden Straßen, Schulen, Kulturzentren, Clubs, Theater nach ihnen benannt. (Die Benennungswut erreichte sogar Berlin, wo im Stadtteil Friedrichshain ein Steakhouse den Namen Las Malvinas trägt.)
Die Silhouette der Inseln ziert Fahnen, Schlüsselanhänger, Wappen, Anstecknadeln, Broschen, bedruckte T-Shirts, Poster. Der Krieg überlebt in Kartenspielen („Contame: Malvinas“, „Malvinas, sprich!“), Puzzles und sogar ein Brettspiel namens „Saberanía“ (ein Wortmix aus „saber“, „wissen“, und „soberanía“, „Hoheitsrecht“), eine Art militärisches Strategiespiel, das den Krieg im Südatlantik mit didaktischem Vorzeichen auslotet. Es zeigt sich das Doppelleben des Traumas: auf der einen Seite die dunkle Wunde, die nicht vernarben will; auf der anderen die kulturelle Erlösung, die popkulturelle Oberfläche, der Trost einer erfolgreichen Vermarktungsstrategie.
Fast 45 Jahre nach dem Krieg haben sich die Malvinas schon in einer Art von nationalem Common Sense aufgelöst. Sie sind als ein ständiges Raunen im Hintergrund präsent: Sie bilden eine jener patriotischen Reserven, in denen sich die argentinische DNA beziffert, denen man keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken braucht, die aber dauerhaft gespeichert sind und ab und zu plötzlich aktiviert werden, in kurzen, abrupten Ausbrüchen nationaler Emphase, wenn irgendein äußerer Reiz ihre sensiblen Punkte berührt: Ein Kelper-Referendum wie im Jahr 2013 beispielsweise, in dem die Inselbevölkerung ihre Loyalität zur britischen Krone bekräftigte; ein unter britischer Flagge fahrendes Schiff, das in unerlaubten Gewässern kreuzt („Kelper“ ist eine in Argentinien gebräuchliche Bezeichnung für die Falkland-Bewohner; nach dem englischen Wort „kelp“ für eine dort vorkommende Riesentang-Art. Im Englischen wird die Bezeichnung als eher abwertend verstanden; üblich dort ist „Falkland Islanders“). Oder jüngstens ein im April 2026 geleaktes internes Memorandum des Pentagons, in dem aus Verärgerung über Keir Starmers Vorbehalte gegen Trumps kriegerische Gelüste erwogen wird, Großbritannien die Unterstützung der Vereinigten Staaten in der Malvinas-Frage zu entziehen.
Die Indiskretion blieb nicht unbemerkt. Sie kam in zeitlicher Nähe zu einem erneuten Jahrestag des Konflikts ans Licht, was „Daily Mail“ und „The Telegraph“ zum Anlass nahmen, auf die prekäre militärische Sicherung der Inseln hinzuweisen und das Gerücht einer möglichen zweiten Invasion zu streuen, während sich Präsident Javier Milei bemüßigt fühlte, vehement für die Forderung nach Wiedereingliederung der Malvinas in argentinisches Hoheitsgebiet Stimmung zu machen.
Die Inselgruppe ist das vielleicht einzige Thema, bei dem Milei – der erbitterte Feind des Staatswesens im Allgemeinen und des staatlichen Bildungswesens im Besonderen, Verächter der nationalen Währung und Anhänger einer Ersetzung des kastilischen Spanisch durch jenen vulgären und beleidigenden Jargon, dessen er sich alle Tage bedient – bereit scheint, von seinem anarchokapitalistischen Dogma abzurücken, das für das Konzept staatlicher Souveränität nur Hohn und Spott übrighat.
Möglich, dass sich in Mileis unpassenden nationalistischen Ausbrüchen ein militaristisch-antikommunistischer Groll oder seine ebenso unausrottbare wie unstillbare Sehnsucht nach dem „starken“ Argentinien des 19. Jahrhunderts Bahn bricht, also für jenes Rinder züchtende und exportierende, zutiefst ungleiche Land, in dem das Militär den Horizont der Zivilisation erweiterte, indem es die Urbevölkerungen ausrottete.
Der ungewöhnlich emphatische Ton seiner Restitutionsforderung machte das immer misstrauische Gedächtnis jener Argentinier hellhörig, die die wahnwitzige Landung auf den Malvinas im Jahr 1982 miterlebt hatten (und sich mit Schaudern daran erinnern). Mileis Rekurs auf die Malvinas-Frage ist tatsächlich ebenso verdächtig wie seinerzeit die von Galtierei und seiner Entourage. In beiden Fällen funktionierten (und funktionieren bis heute) die Malvinas als das, wofür Nicolas Shumway den Begriff der „guiding fiction“ fand: Ein imaginäres K
Worauf zu achten ist
KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten
Verschärfung der diplomatischen Spannungen zwischen Argentinien und Großbritannien.
Wahrscheinlich · Innerhalb von Monaten
Mögliche Änderung des US-Standpunkts zur Souveränität der Malwinen.
Spekulativ · Langfristig
Offene Fragen
- Wie wird sich die US-Position entwickeln?
- Wie reagiert Großbritannien auf Mileis Forderungen?
- Welche Rolle spielt die Bevölkerung der Malwinen?



