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Edgar Allan Poe: Warum der umstrittene Autor bis heute so beliebt ist
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FAZvor 12 StundenKultur7 Min. LesezeitGermany

Edgar Allan Poe: Warum der umstrittene Autor bis heute so beliebt ist

Auf einen Blick

  • Edgar Allan Poe, bekannt für makabre Geschichten und umstrittene Ansichten, bleibt trotz seiner Antidemokratie und rassistischen Weltsicht populär.
  • Seine Werke werden in Filmen und Serien neu entdeckt, und er gilt als amerikanischster Autor, auf den sich Rechte und Linke einigen können.

KI-generierte Zusammenfassung

Warum es wichtig ist

Edgar Allan Poe, bekannt für makabre Geschichten und umstrittene Ansichten, bleibt trotz seiner Antidemokratie und rassistischen Weltsicht populär. Sein Werk wird in Filmen und Serien neu entdeckt und er gilt als amerikanischster Autor.

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Seine Geschichten strotzen nur so vor Blut, Perversem und Makabrem. Er gilt als Großmaul und Antidemokrat mit rassistischer Weltsicht. Seiner Beliebtheit aber kann das bis heute nichts anhaben. Im Gegenteil: Sein Werk wird immer wieder neu entdeckt, in Serien und Filmen zitiert. Als Vater des Goth-Genres, des Horrors und der Science-Fiction, besonders aber als vermeintlich amerikanischster aller amerikanischen Autorinnen und Autoren steht Edgar Allan Poe unverrückbar im Literaturkanon. In einem gespaltenen Amerika können sich Rechte wie Linke auf ihn einigen. Wie ist das möglich?

Zu Lebzeiten galt Poe als spielsüchtiger, alkoholkranker Poet und streitbarer Literaturkritiker: Man befand ihn zwar für brillant, diffamierte ihn aber als einen amoralischen Mann „ohne Freunde“ – und so einer könne schließlich bei anderen keine „Gefühle durch sein Schreiben erzeugen“, schrieb der Autor James Russell Lowell 1848.

Es ist diese Unbeliebtheit, die ihn heute so beliebt macht: „Er war der Typ, den die Kritiker nicht mochten. Das verlieh ihm den Underdog-Status, der sich mit der Zeit positiv auf seinen Ruf auswirkte“, sagt Scott Peeples, Mitherausgeber des „Oxford Handbook of Edgar Allan Poe“ und Verfasser mehrerer Monographien über Poe, im Gespräch. In gewisser Weise, fügt er an, sei Poe immer im amerikanischen Bewusstsein präsent gewesen. Nicht nur wegen seiner Werke: Die Kontroversen seien es, die ihn über die Zeit lebendig gehalten hätten.

Moralische Fragen, die als prüde galten

Ein Underdog wollte Poe dabei eigentlich nicht sein. 1809 geboren, wuchs er in der sogenannten jeunesse dorée Virginias auf, zur Zeit der Sklaverei und der Rassentrennung. Als Waisenkind strebte er nach einem Leben als Südstaaten-Gentleman. Mit 27 Jahren heiratete er seine 13-jährige Cousine. Die Ehe, die schon damals als problematisch galt, interessiert bis heute jedoch wenig. „Es ist nicht der Aufmacher in Poes Biographie“, sagt Scott Peeples, der in Charleston Literatur unterrichtet. Im Gegenteil, damals galt als prüde, wer Poe wegen moralischer Fragen wie der Ehe mit einer 13-Jährigen nicht las.

Heute ist es vor allem das weltmüde wie weise Konterfei des Poeten, das so vertraut ist; mehr noch vielleicht als der Schnurrbart Mark Twains oder Ernest Hemingways kantiges Lächeln. Doch während Twain als Antiimperialist für Sympathien sorgt und Hemingway mit seinen archaischen Männlichkeitsvorstellungen Anhänger sammelt, ist Edgar Allan Poe ein Autor larger than fiction, eine ambivalente Kunstfigur, die immer im Spiegel der Phantasmen seines Werks betrachtet wird. In der 2025 erschienenen Graphic Novel „Der Untergang des Hauses Usher“ haben die Autoren Jean Dufaux und Jaime Calderón ihn in seine Kurzgeschichte hineingeschrieben – als Schreibenden, der versucht, das Unumgängliche doch noch abzuwenden.

Das Schikanieren lag ihm

Zu solch einer literarischen Figur seiner selbst wurde Poe unmittelbar nach seinem Tod. Als er 1949 mit 40 Jahren in Baltimore starb (vielleicht an einer Hirnblutung, vielleicht an Tuberkulose, vielleicht an Tollwut), verfasste sein ärgster Widersacher, der Verleger Rufus Wilmot Griswold, einen berühmt gewordenen Nachruf, in dem er Poe verunglimpfte. Rückblickend liest sich das wie Poes erfolgreichster Streich: Er hatte Griswold immer wieder mit falschen Geschichten gefüttert, sein Erzfeind ihn wiederum weiter fiktionalisiert, indem er eine Charakterbeschreibung aus Edward Bulwer-Lyttons Roman „The Caxtons“ übernahm.

Poes Leben wurde so zum abschreckenden Beispiel, über das weiter getratscht wurde. Ein paar Freunde hatte er dann aber doch: Sein Freund Nathaniel Parker Willis und andere verteidigten ihn postum, sein Werk wurde pressewirksam vertrieben. Die Aufmerksamkeitsökonomie, die Poe bereits als umtriebiger Autor, Journalist und Kritiker selbst für sich genutzt hatte, wirkte weiter.

Gut tausend Rezensionen und Essays schrieb Poe neben seiner literarischen Arbeit. Über seine Kritiken zettelte er jahrelange Fehden mit Autoren wie Henry Wadsworth Longfellow oder Thomas Dunn English an. „Das Schikanieren lag ihm“, sagt sein Biograph Scott Peeples, „aber ich glaube auch, dass er, wenn er sich hinsetzte, um eine vernichtende Kritik zu schreiben, sehr strategisch vorging.“

Ein Großmaul, das sich nicht den Mund verbieten ließ – eine Eigenschaft, die ihm heute in den Vereinigten Staaten zugutegehalten, ja gar als amerikanisch umgedeutet wird. Diese Direktheit findet sich auch in seinen Kurzgeschichten. Als Poe 1835 begann, für den „Southern Literary Messenger“ zu arbeiten und die Geschichte „Berenice“ veröffentlichte, bat ihn sein Herausgeber, den makabren Ton künftig zu dämpfen. Poe soll ihm entgegnet haben: Wer geschätzt werden will, muss gelesen werden. Und wer Zeitschriften verkaufen will, muss Aufmerksamkeit erregen.

Beliebte Verschwörungserzählungen

Poe zeigt früh die Abgründe der modernen Medienkultur auf. „Die Printkultur war damals eine Art Wilder Westen, vergleichbar mit den sozialen Medien und der Flut von Informationen und Desinformationen im Internet“, sagt Peeples. In „Hinab in den Maelström“ greift Poe beispielsweise eine beliebte Verschwörungserzählung auf. In „The Literary Life of Thingum Bob, Esq.“ macht er sich über das muntere Plagiieren in Redaktionen lustig. In „Der Engel des Seltsamen“ befiehlt ein Himmelsbote, alles zu glauben, was in der Zeitung steht.

Auch die Kurzgeschichte „Wie man einen Blackwood-Artikel schreibt“ verweist hellsichtig auf einen düsteren Aspekt der Gegenwart: Darin werden Artikel verfasst, indem alte, bereits erschienene Texte zerschnitten und neu zusammengeklebt werden – ein schlechtes Sprachmodell für eine KI quasi.

Diese Satire lässt sich heute leicht als Kritik an einer Medienelite missverstehen. Wie Poe sich diese Möglichkeiten der Sprache dabei zu eigen macht und deren Affekte damit vorführt, macht ihn vielmehr zu einem Skeptiker, der danach fragt, welchen Stellenwert Wahrheit noch in einer Welt hat, in der alles mediatisiert wird.

Dass Poes Geschichten heute breit rezipiert werden, liegt nicht nur an dem medienwirksamen Mythos, der um seine Person geschaffen wurde. Kurz nach seiner Zeit wird der Film erfunden, der früh zu einer weiten Verbreitung von Poe-Stoffen führt: Besonders das Horrorgenre hilft dabei, den Autor noch beliebter zu machen. All die Medien, die seit dem Film dazukamen, sind durchwirkt von Poes Geschichten und den Formen, die er für sie gefunden hat: im Horror, im Mysterygenre, in der Schauerliteratur. Poes Werk zitierte sich so von einem Medium ins andere, von einer Generation in die nächste.

Stoffe für die Streamer von heute

Und es bietet heute Stoff für zahlreiche Serien und Streamingproduktionen: Ganz aktuell in der Serie „Widow’s Bay“ über eine schauerlich-schöne Insel, die mit Motiven aus dem Werk Poes (ein Familienfluch, ein Leuchtturmwärter, eine Figur namens Lenore wie aus Poes „Raben“) spielt. Im Film „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“ (2022) erlebt der Autor selbst sein Leben als Schauergeschichte. „True Detective: Night Country“ von 2024 mit Jodie Foster folgt den Erzählbögen der „Abenteuer des Arthur Gordon Pym“. Der Gen-Z-Serienhit „Wednesday“ bedient sich ausgiebig an Poes Werk, seine Geschichten dienen auch als Blaupause für eine zeitgenössische Kritik von Machtverhältnissen. In Mike Flanagans Serie „The Fall of The House of Usher“ von 2023 ähnelt die Familie aus dem Titel, die todbringende Medikamente vertreibt, dem Sackler-Clan aus der realen Opioid-Krise in den Vereinigten Staaten. Das Versprechen des Kapitalismus wird zum teuflischen Pakt, der sich angesichts globalisierter Verhältnisse und der Klimakrise neu ausdeutet.

Fraglich aber, ob Poes Geschichten für progressive Auseinandersetzungen mit gegenwärtigen Verhältnissen wirklich so dienlich sind. Besonders in der Corona-Pandemie drängten sich seine Stoffe auf. In „Die Maske des Roten Todes“ hatte Poe eine Gesellschaft gezeichnet, in der die Privilegiertesten bereit sind, Krankheit und Pest zuzulassen, solange sie in ihrer Festung sicher sind. Das, sagt sein Biograph Scott Peeples, sei allerdings eine der wenigen moralischen Geschichten, die Poe je geschrieben habe.

Denn die Gewalt, die bei Poe ausgeübt wird, sei nicht nur makaber, sondern auch unmotiviert. Es werde nicht psychologisiert, Empathie für Opfer gebe es keine. Wenn Peeples Poe unterrichtet, erzählt er, machten sich seine Studierenden, anders als bei der Lektüre etwa von Toni Morrison, keine Gedanken darüber, was die Opfer fühlen, ob nun die Frau in „Die schwarze Katze“ oder der alte Mann in „Das verräterische Herz“. Meist werde die Perspektive des Täters eingenommen, und in ihren sachlichen Beschreibungen wirken diese Täter hier und da karikaturistisch.

Texte, losgelöst von Vernunft und Moral

„Das verräterische Herz“ landete dennoch auf Verbotslisten in den Vereinigten Staaten von Trump, dabei macht das Cartoonhafte, das Satirische das Grausame verdaulich. Gerade deshalb lassen seine Texte auch eine politisch unkorrekte Lesart zu, losgelöst von Vernunft und Moral, allein auf Affekt zielend, etwas, das sich in gegenwärtiger Literatur weniger finden lässt.

Bis heute fällt es schwer, hinter seinen amoralischen Geschichten den politischen Poe zu erkennen. „Der Goldkäfer“, die zu seinen Lebzeiten beliebteste Kurzgeschichte, wurde in den 1990er-Jahren wegen seiner als rassistisch gedeuteten Darstellung des Sklaven Jupiter diskutiert. Und in der Kurzgeschichte „Mellonta Tauta“ heißt es, die Demokratie sei eine Herrschaftsform, die nur unter Präriehunden zu finden sei. Poe selbst spricht in einer Rezension von 1836 von „bigotten Liebhabern der abstrakten Demokratie“ und appelliert, sich dieser Staatsform gegenüber nicht mit „ungesunder Euphorie“ zu nähern, sondern zu prüfen, ob sie „das Glück des Volkes“ überhaupt im Sinn habe.

„Ich glaube nicht, dass es einen progressiven Poe gibt, abgesehen von seinem Image als Nonkonformist“, sagt Scott Peeples. Er sieht ihn als vor allem konservativen Autor, der genau zum richtigen Zeitpunkt gestorben sei: „Was seinen Ruf über den Tod hinaus anging, hatte Poe Glück, dass er vor dem Bürgerkrieg gestorben ist. Er war zwar nicht mehr in Virginia, aber auch in New York, wo Poe lebte, gab es eine Menge Sympathisanten der Konföderation.“

Hätte Poe den Krieg erlebt, glaubt Peeples, hätten seine Sympathien bei den Südstaaten gelegen. Vor allem literarisch tritt Poe für Nationalbewusstsein ein. Er plädiert für eine amerikanische Literatur, die sich nicht an der europäischen orientieren solle. Paradoxerweise beschäftigt sich der Großteil seiner Kritiken mit Büchern europäischer Autoren, nur etwa die Hälfte seiner Geschichten spielt in seiner Gegenwart und nur eine Handvoll in den Vereinigten Staaten. Seine Geschichten spiegeln amerikanischen Lesern somit nicht konkret ihre politische Vergangenheit, das macht ihn heute in dieser Hinsicht unverfänglicher.

Der amerikanische Autor schlechthin

Dass Poe dabei aber amerikanische Ideale infrage stellte, dass er den American Way of Life verachtete, machte ihn damals zum Antagonisten der Neuen Welt – aus Sicht der alten wiederum zu ihrem Wortführer. Vom Franzosen Charles Baudelaire an die Spitze des amerikanischen Literaturkanons installiert, wurde er zu „dem amerikanischen Autor“, auf dessen Nationalität sich seine Landsleute heute berufen.

Es wäre ein Leichtes, Poe als Pädophilen, als Großmaul, als Rassisten, als Antidemokraten zu beschreiben. Wieso wurde er trotzdem nicht gecancelt? Scott Peeples hält es für eine kognitive Dissonanz: „Man könnte auch sagen: Die Zeit war gut zu ihm.“ Vor allem aber wünschten sich die meisten, dass Poe unpolitisch sei. „Wie Halloween. Alle sind sich einig, da gibt es keine rechte oder linke Dekoration.“ Der unpolitische Edgar Allan Poe ist ein verzerrtes Abbild – wie der Mann ohne Freunde, der amoralische Autor, die popkulturelle Ikone.

Betrachtet man ihn als den ewigen Poeten, der sich am Abgründigen erfreute, als Kritiker, der die Agitation suchte, dann eröffnet vielleicht sein letzter und wenig bekannter Text einen Blick darauf, wie er sich selbst sah. Die Kosmogonie „Heureka“ hielt Poe für seine beste Arbeit. Darin versucht er, die Welt in ihrem metaphysischen Sein zu erfassen.

Man kann diesen Essay, wie von ihm gedacht, als Gottesbeweis lesen oder als dessen Gegenteil, weil er prophezeit, es werde nicht mehr lange dauern, bis Physiker in ihren Theorien ähnlichen Annahmen folgen. Poe glaubte, dass diese Abhandlung sein eigentliches Vermächtnis sein würde. Ein ontologischer Philosoph, der dichterisch die Welt zu begreifen sucht: Vielleicht wäre das der Edgar Allan Poe, auf den man sich einigen könnte.

Offene Fragen

  • Wie wird Poes Werk in anderen Kulturen rezipiert?
  • Welche Rolle spielen seine Werke in der aktuellen politischen Debatte?

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This article was originally published by FAZ.

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