Finanzaufseher warnen vor Börsenrisiken – Analysten optimistischer
Auf einen Blick
- Finanzaufseher wie Verena Ross und Joachim Nagel warnen vor gestiegenen Risiken an den Kapitalmärkten durch den Iran-Krieg und Cybergefahren.
- Aktienanalysten bleiben trotz der geopolitischen Unsicherheiten optimistisch, gestützt durch starke Unternehmensgewinne und die Hoffnung auf stabile Zinsen.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Finanzaufseher äußern Bedenken hinsichtlich der Marktbewertungen und der Auswirkungen geopolitischer Spannungen, während Analysten optimistisch bleiben, gestützt durch starke Unternehmensgewinne und eine vorläufige Waffenruhe im Iran-Konflikt.
Verena Ross und andere Finanzaufseher zweifeln, ob Investoren an den Börsen die Folgen des Irankriegs und weitere Gefahren richtig bewerten. Aktienanalysten werden indes immer optimistischer. Andreas Kröner 17.06.2026 - 04:01 Uhr Artikel anhören
Joachim Nagel, Verena Ross: „Risiken an den Kapitalmärkten nochmals gestiegen.“ Foto: Imago, getty, Reuters, brckmnn [M]
Frankfurt. Die Gemütslage von Investoren, Börsenhändlern und Finanzaufsehern könnte derzeit nicht unterschiedlicher sein. Während die Aktienkurse nach der vereinbarten Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran teilweise deutlich steigen und Analysten ihre Prognosen anheben, werden die Warnungen von Finanzmarktkontrolleuren und Notenbankern immer eindringlicher.
„Durch den Irankrieg und die gestiegenen Energiepreise sind die Risiken an den Märkten nochmals gestiegen“, sagt Verena Ross, Chefin der EU-Finanzmarktaufsicht Esma, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Die Lage ist hochvolatil. Es gibt berechtigte Zweifel, ob die Märkte die längerfristigen Effekte des Krieges schon eingepreist haben, etwa seine Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und die Inflation.“
Zudem gebe es strukturelle Gefahren wie Cyberrisiken und die Probleme am privaten Kreditmarkt. „Das sorgt für große Unsicherheit“, betont Ross. „Das Risiko von Rückschlägen an den Märkten ist hoch.“
Die gebürtige Hamburgerin reiht sich damit ein in die Riege hochrangiger Finanzmarktaufseher, die zuletzt mit immer deutlicheren Worten vor einem Crash an den Börsen warnten. Die Bewertungen an den Kapitalmärkten wirkten „im historischen Vergleich überdehnt“, erklärte die Europäische Zentralbank (EZB) kürzlich bei der Vorstellung ihres Finanzstablitätsberichts.
Iran-Krieg
So reagieren Öl, Zinsen, Aktien und Gold aufs Friedensabkommen
„Das macht die Märkte anfällig für eine scharfe Neubewertung“, sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos. Weniger regulierte Finanzinstitute außerhalb des Bankensektors „könnten Ausschläge an den Märkten verstärken, wenn es dazu kommt“, warnte de Guindos.
Dow Jones markierte Rekordhoch
Mark Branson, Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, hatte bereits Mitte Mai von einem hohen „Potenzial für plötzliche Marktkorrekturen“ gesprochen. „Objektiv betrachtet hat sich die ökonomische Lage seit Anfang 2026 nicht verbessert“, argumentierte er.
Branson beobachtet zudem, dass sich die Märkte in letzter Zeit eher gleichförmig bewegen. „Sie kennen nur zwei Modi, ohne große Differenzierung dazwischen: ‚risk-on‘ oder ‚risk-off‘“, sagte Branson. „Und die Marktteilnehmer scheinen fest daran zu glauben, dass politische Turbulenzen immer reversibel sind.“
Entsprechend positiv reagierten die Aktienmärkte in dieser Woche auf die Ankündigung eines Friedensabkommens zwischen den USA und dem Iran, das am Freitag unterzeichnet werden soll. Der US-Leitindex Dow Jones erreichte daraufhin am Montag ein Rekordhoch.
Bafin-Chef Branson: „Die ökonomische Lage hat sich seit Anfang 2026 nicht verbessert.“ Foto: dpa
Der deutsche Leitindex Dax legte zum Wochenstart um gut ein Prozent zu. Am Dienstag stieg der Index leicht weiter und pendelte um die viel beachtete Marke von 25.000 Punkten.
In den USA hat der wichtige, breite Index S&P 500 seit Jahresbeginn trotz des Irankriegs um rund zehn Prozent auf 7554 Zähler zugelegt. Der unabhängige US-Analyst Ed Yardeni hob sein Jahresendziel für den S&P 500 Mitte Mai von 7700 auf 8250 Punkte an. Es ist die höchste Prognose an der Wall Street. Gegenüber dem aktuellen Kursniveau wäre das ein weiteres Plus von rund zehn Prozent.
Yardeni begründet dies mit der Stärke und Breite der Firmengewinne während der Berichtssaison über das erste Quartal. Aus seiner Sicht wird die Entwicklung am Aktienmarkt derzeit nicht von „Fomo“ (fear of missing out) – der Angst, etwas zu verpassen – getrieben, sondern von „Femo“ (Fabulous Earnings Momentum) – also „fabelhaften“ Gewinnen.
Viele Unternehmen übertreffen Erwartungen
Ähnlich argumentieren Analysten der US-Bank Goldman Sachs: Sie haben ihren Zielkurs für den S&P 500 nach den „außergewöhnlich starken Ergebnissen“ von Unternehmen im ersten Quartal kürzlich von 7600 auf 8000 Zähler heraufgesetzt. Die Analysten der US-Bank Citi erhöhten ihre Prognose von 7700 auf 8100 Punkte.
Die Zahl der Unternehmen, die mit ihren Ergebnissen im ersten Quartal die Markterwartungen übertroffen hätten, sei ungewöhnlich hoch gewesen, erklärte Citi-Stratege Scott Chronert Anfang des Monats. Der verstärkte Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) sorge bei Firmen aus verschiedenen Sektoren für Rückenwind. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass Unternehmen ihre Gewinnprognosen auch in den kommenden Quartalen übertreffen werden“, betonte Chronert.
Die vorläufige Einigung auf einen Friedensvertrag dämpfte Anfang der Woche zudem die Inflationssorgen vieler Anleger, was den Aktienmarkt typischerweise stützt: Investoren hoffen, dass die wieder anlaufenden Ölexporte aus dem Nahen Osten der US-Notenbank Fed Spielraum geben werden, die Zinsen stabil zu halten.
In Europa hat die EZB wegen der gestiegenen Inflation die Leitzinsen in der vergangenen Woche erstmals seit drei Jahren wieder erhöht. Zudem erwarten Marktteilnehmer und Analysten, dass die EZB bei einer der kommenden Sitzungen nachlegen wird.
Geldpolitik
„In 60 Tagen kann viel passieren“: Bundesbankchef Nagel traut Entspannung im Iran nicht
Die Inflationsrate in der Euro-Zone hatte sich im Mai mit 3,2 Prozent deutlich vom Zwei-Prozent-Ziel der EZB entfernt. Aus Sicht von Bundesbank-Präsident Joachim Nagel sind die Inflationsrisiken auch nach dem anvisierten Deal zwischen den USA und dem Iran noch nicht gebannt.
„Selbst wenn die Meerenge von Hormus demnächst wieder befahrbar sein sollte, wird es Monate dauern, bis sich das Ölangebot wieder normalisiert“, sagte Nagel am Montag. Die Produktionsstätten in der Region seien schließlich teilweise beschädigt oder außer Betrieb gesetzt, die Reserven schrumpften.
Zudem hat der Bundesbank-Präsident Zweifel, ob die Entspannung im Nahen Osten nachhaltig ist: Man müsse sehen, „wie belastbar das ist“, sagte Nagel.
Esma-Chefin sorgt sich über höhere Cyberrisiken durch KI-Modelle
Neben den geopolitischen Unsicherheiten bereiten Esma-Chefin Ross vor allem die gestiegenen Cyberrisiken Sorgen. Neue KI-Modelle wie Mythos von Anthropic könnten Finanzkonzernen helfen, sich besser zu schützen, sagt die Finanzmarktaufseherin.
„Wenn die Modelle in die falschen Hände geraten, kann das aber zu großen Problemen führen und am Ende sogar die Finanzstabilität gefährden“, warnt Ross. „Die Dringlichkeit, Schwachstellen bei der Abwehr von Cyberangriffen zu schließen, hat sich signifikant erhöht.“
Finanzunternehmen in der EU müssen seit Anfang vergangenen Jahres die Anforderungen des Digital Operational Resilience Acts (Dora) erfüllen. Die Esma überwacht seitdem auch zusammen mit anderen europäischen Aufsichtsbehörden die 19 wichtigsten Dienstleister für die Finanzbranche.
Banken sind zudem verpflichtet, den Behörden zu berichten, von welchen Anbietern sie abhängig sind. „Die Einführung von Dora hat dazu beigetragen, dass das Schutzniveau gegen Cyberattacken branchenweit gestiegen ist“, berichtet Ross. „Dennoch bleibt das Risiko, dass es irgendwann eine große Cyberattacke erfolgreich sein könnte.“
Dass es sich dabei um kein theoretisches Risiko handelt, zeigt der Fall der Münchner V-Bank. Deutschlands größte Depotbank für unabhängige Vermögensverwalter hatte am Montag eingeräumt, Opfer eines Hackerangriffs geworden zu sein. Dabei seien auch Kundendaten abhandengekommen.
Droht bei privaten Kreditfonds eine größere Krise?
Nervös macht Finanzaufseher rund um den Globus zudem das starke Wachstum von privaten Kreditfonds. Diese sammeln Geld bei Investoren ein und verleihen es dann an Unternehmen. Im Gegensatz zu Banken werden sie bisher allerdings kaum überwacht.
Der Private-Credit-Markt ist nach Schätzungen des internationalen Gremiums zur Überwachung des globalen Finanzsystems, Financial Stability Board (FSB), bis Ende 2024 auf 1,5 bis 2 Billionen Dollar gewachsen. In den vergangenen Monaten hat das Misstrauen gegenüber dieser Anlageklasse jedoch zugenommen. Viele Investoren zogen Gelder aus Private-Credit-Fonds ab.
Banken
Bafin warnt: Abflüsse aus Private-Credit-Fonds sind ein „wichtiger Warnschuss“
„Der private Kreditmarkt ist in den USA deutlich größer, allerdings ist er auch in der EU stark gewachsen“, betont Ross. Weltweit hätten einige private Kreditfonds Bewertungen herabgesetzt und Ausschüttungen begrenzt oder ganz untersagt.
Verwandte Themen
EZBUSAEuropäische UnionIranJoachim NagelS&P 500
„Die entscheidende Frage ist nun, ob es sich um eine normale Marktkorrektur handelt oder den Beginn einer größeren Krise, bei der mehr Fonds in Schwierigkeit geraten und dann eine Schneeballreaktion auslösen könnten“, sagt Ross. „Diese Frage kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten.“
Ross sieht den Private-Credit-Markt nicht per se kritisch. „Dass Unternehmen mehr Möglichkeiten haben, Geld für ihre Entwicklung und ihr Wachstum aufzunehmen, ist eine gute Sache“, sagt sie. Neben Bankkrediten und Anleihen zählten dazu auch außerbörsliche Beteiligungen (Private Equity), Wagniskapital (Venture Capital) und zu einem gewissen Grad Private Credit.
Mehr: Vermögenswerte von 54 Billionen Euro – Der Aufstieg der Schattenbanken in Europa
Mehr Qualität in Ihren Suchergebnissen
Worauf zu achten ist
KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten
Unternehmen werden ihre Gewinnprognosen auch in den kommenden Quartalen übertreffen.
Wahrscheinlich · Innerhalb von Monaten
Eine größere Krise bei Private-Credit-Fonds könnte ausgelöst werden.
Möglich · Mittelfristig
Offene Fragen
- Wie nachhaltig ist die Entspannung im Nahen Osten?
- Sind die Märkte auf längerfristige Kriegsauswirkungen vorbereitet?
- Beginnt eine größere Krise bei Private-Credit-Fonds?




