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Gamification in Finanz-Apps: Spielen statt Investieren
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FAZ·16 sa önce·🇩🇪Germany·Business

Gamification in Finanz-Apps: Spielen statt Investieren

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Yayıncı
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Die Börse, so eine alte Investorenweisheit, ist das einzige Casino, in dem die Spieler glauben, sie seien keine Spieler. Nun ist es sicher übertrieben zu sagen, dass jegliches Investieren ein Spiel ist, aber die Finanzbranche hat längst entdeckt, dass Menschen lieber spielen als investieren.

Sie nutzt diese Vorliebe, um auf Kundenfang zu gehen mithilfe eines Konzepts, das sich „Gamification“ nennt. Die Idee kommt aus der Psychologie und besteht darin, spielerische Elemente in eigentlich nicht spielerische Bereiche einzubauen, um Motivation und Engagement zu steigern.

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Auf diese Weise versuchen Finanzunternehmen, die Nutzer ihrer Apps dazu anzuregen, dort mehr Wertpapiere zu handeln. Viele dieser Kniffe haben sich die Macher solcher Apps bei Videospielen abgeschaut. Dazu zählt beispielsweise das Konfetti oder das Feuerwerk, das als visuelle Belohnung über den Bildschirm fliegt, sobald man seinen ersten Kauf getätigt hat.

Kleine psychologische Schubser, große Wirkung

Das ist ganz ähnlich wie in Videospielen, wenn man eine Spieletappe gewinnt. Ähnliche Belohnungs- oder Motivationseffekte haben Klänge, Farben oder Ranglisten mit den erfolgreichsten Investoren, die dazu einladen sollen, sich auf einen Renditewettlauf einzulassen. In der Psychologie bezeichnet man all dies als „Nudging“, was so viel heißt wie „schubsen“. Mit kleinen psychologischen Schubsern will man das Verhalten von Menschen beeinflussen.

Warum die Anbieter ihre Apps mit spielerischen Elementen auffrischen, liegt auf der Hand: Sie verdienen umso mehr, je mehr ihre Kunden handeln. Bis 2026 finanzierten sie in Deutschland ihre extrem günstigen Tarife über sogenannte „Payment for Order Flows“ – sie leiteten die Aufträge ihrer Kunden an bestimmte Handelsplätze und bekamen dafür Provisionen.

Weil die EU hinter diesem Modell Interessenkonflikte witterte, hat sie es verboten; in Deutschland gilt dieses Verbot von Juli an. Die Anbieter von Finanz-Apps werden zwar ihre Geschäftsmodelle umstellen oder haben das bereits getan, beispielsweise indem sie eigene Handelsplätze betreiben. Es ändert sich aber im Prinzip nichts daran, dass sie gut verdienen, wenn ihre Kunden rege handeln.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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Die spielerischen Elemente zeigen nämlich Wirkung, wie die Mehrzahl der dazu existierenden Studien zeigt. Eine Studie der Forschungsplattform Alphacution für die „New York Times“ zeigte beispielsweise, dass in den ersten drei Monaten des Jahres 2020 die Nutzer der Finanz-App Robinhood im Verhältnis zum durchschnittlichen Kontostand im vorhergehenden Quartal neunmal so viele Aktien handelten wie Kunden des Onlinebrokers E-Trade, der auf solche Elemente verzichtete. Und sie kauften und verkauften im Verhältnis zum durchschnittlichen Kontostand 88-mal so viele risikoreiche Optionskontrakte wie Kunden der Handelsplattform Charles Schwab.

Wie gut Gamification wirkt, zeigt auch eine Analyse der Liste der „Top-100-Aktien“, die nur Robinhood-Kunden zugänglich war: Aktien, die es neu auf diese Liste schafften, wurden mit siebenmal höherer Wahrscheinlichkeit gekauft, mit der Folge eines dramatischen, aber kurzfristigen Kursanstiegs.

Besonders sogenannte „Push-Notifications“, also aufploppende Handynachrichten über Kursbewegungen, scheinen ihre Wirkung nicht zu verfehlen, zeigt eine Studie der Financial Conduct Authority, einer englischen Regulierungsbehörde. Solche Push-Benachrichtigungen führten zu einem Anstieg der Anzahl der getätigten Wertpapiertransaktionen um elf Prozent, der Anteil der Anlagen in riskante Papiere stieg um acht Prozent.

Typische Nutzer sind überwiegend Neueinsteiger

Der allgemeine Befund vieler Studien besagt: Nutzer dieser Apps handeln mehr als andere Aktionäre und gehen auch höhere Risiken beim Investieren ein. Das mag auch daran liegen, dass die typischen Nutzer überwiegend Neueinsteiger sind, die eher unerfahren in Finanzdingen sind. Das hat Folgen: Eine Studie im „Journal of Finance“ von 2022 zeigt, dass die Anleger der Finanz-App Robinhood anfälliger für ein gewisses Herdenverhalten waren.

Das heißt: Ihr Verhalten wurde stärker von Schlagzeilen und Trends bestimmt als bei anderen Anlegern – mit deutlich negativen Renditen. Die Autoren der Studie führen dies auch unmittelbar auf die besondere Gestaltung der App zurück.

Seit den Kurskapriolen um die Aktie des Videospielehändlers Gamestop vor einigen Jahren besteht die Befürchtung, dass Finanz-Apps sogar die Stabilität von Finanzmärkten gefährden können.

Gamification ist auch ein ethisches Problem

Schon damals spielte Robinhood eine wichtige Rolle. Zwar ist die Zahl der Nutzer solcher Apps bisher noch im Vergleich zu anderen Finanzdienstleistern gering. Aber ihre Nutzer handeln eben auch deutlich häufiger als andere Anleger, womit sie potentiell auch einen höheren Einfluss auf die Kurse haben.

Unter dem Strich werfen die Wertpapier-Apps also einige Probleme auf: Was, wenn nur der Spaß am Investieren im Vordergrund steht? Möglicherweise führt das zu mehr Instabilität an den Finanzmärkten. Aber nicht nur das: Wenn die mehrheitlich unerfahrenen Nutzer Verluste machen, lädt sie das möglicherweise dazu ein, riskanter zu investieren, um diese Verluste wettzumachen. Oder sie hören ganz auf, Geld anzulegen – was ein Rückschlag für die Idee der privaten Altersvorsorge wäre.

Zudem ist Gamification ein ethisches Problem: Dürfen Unternehmen ihre Kunden mittels spielerischer Elemente dazu verleiten, mehr zu handeln? Oder sind Anleger souverän und sachkundig genug, um selbst zu entscheiden, was sie tun – psychologische Tricks hin oder her?

Das neue Phänomen kann jedoch auch sein Gutes haben. Wenn Gamification mehr Anleger an den Aktienmarkt lockt, würde das die Einstiegshürden in die private Altersvorsorge senken. Mittlerweile hat die Entwicklung auch die Regulierungsbehörden auf den Plan gerufen. Unter dem Begriff „Confetti Regulation“ finden sich Ansätze zum Einhegen der Gamification von Finanz-Apps. Der Begriff entstand vor allem wegen der früheren Praxis von Robinhood, nach einem Aktienkauf digitale Konfetti-Animationen anzuzeigen.

Der Reigen der diskutierten Maßnahmen reicht von Offenlegungspflichten über Hinweise auf mögliche Verluste bis hin zu Verboten von spielerisch gestalteten Anreizen. Die Schwierigkeit bei diesen Maßnahmen besteht allerdings darin, ein Gleichgewicht zwischen Finanzinnovationen und Anlegerschutz herzustellen. Und wie soll eigentlich zwischen einem Investor und einem Spieler unterschieden werden?

Für die Finanzunternehmen lohnt sich die Sache ganz bestimmt, solange sich nicht allzu viel ändert. Eine Metastudie von 2026, also eine Zusammenfassung vieler Studien, zeigt: Richtig eingesetzt, verbessert Gamification die Loyalität der Kunden.

This article was originally published by FAZ.

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