Geldnot im Studium: Studenten sind zunehmend verschuldet
Auf einen Blick
- Eine EY-Umfrage zeigt: 60% der Studenten sind verschuldet, viele leiden unter Geldmangel, der ihr Studium beeinträchtigt.
- Die Zuversicht sinkt drastisch, während die Lebenshaltungskosten steigen.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Viele Studenten sehen sich mit erheblichen finanziellen Belastungen konfrontiert, die ihr Studium und ihre Zukunftsaussichten beeinträchtigen. Steigende Lebenshaltungskosten und eine komplizierte BAföG-Beantragung verschärfen die Situation.
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Zu Beginn ihres Studiums pendelte Karla. Für die Strecke vom Elternhaus auf dem Land zur Uni nach Köln brauchte sie etwa 45 Minuten. Mit dem Auto. Mit Bahn und Bus wären es gut zwei Stunden gewesen. Folglich kam es einer Katastrophe gleich, als ihr Auto den Geist aufgab. Die Reparaturkosten, rund 700 Euro, „fühlten sich an wie ein Schlag in die Magengrube“, so erzählt die 22-jährige Politikwissenschaftlerin, die als erste ihrer Familie studiert.
Rücklagen hatte sie nicht. „Und meine Eltern verfügen über ein niedriges Einkommen, da war nicht viel zu holen. Also habe ich gelernt, eisern zu sparen. Sogar beim Essen. Und ich habe mir die Füße wundgelaufen, um ein Zimmer in Köln zu finden und das Pendeln zu beenden.“ Das gelang. Für 600 Euro monatlich. Doch Umzug und Kaution rissen das nächste tiefe Loch in den Geldbeutel. Als Lösung blieb nur eins: Schulden. Zwischenzeitlich gut 4000 Euro.
Die Studentin, die bei einer politischen Studentenorganisation mitarbeitet, möchte anonym bleiben, ihr Name wurde auf ihre Bitte geändert. Ihre Begründung: „Finanzielle Verhältnisse in der Familie sollten privat bleiben.“ Trotzdem müsse man darüber reden, „dass diese Verhältnisse viele Studenten am Erfolg hindern“. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Für eine Studie wurden im Mai deutschlandweit mehr als 2000 Studenten befragt. WELT stellt exklusiv die Ergebnisse vor, die vor allem eines verdeutlichen: Die Geldfrage bedrängt die Studenten mehr und mehr.
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So beklagen 81 Prozent, der Zwang zum Gelderwerb, der Dispokredit oder andere finanzielle Verbindlichkeiten würden ihre Studienleistung beeinträchtigen. 31 Prozent geben sogar an, „starke bis sehr starke Auswirkungen“ zu spüren. Das verwundert nicht allzu sehr, wenn man bedenkt, dass 50 Prozent der Studenten, die nicht bei den Eltern leben, mit weniger als 930 Euro pro Monat auskommen müssen.
„Zugleich sind die Lebenshaltungskosten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen“, gibt Jan-Rainer Hinz von der EY-Geschäftsführung zu bedenken. Nur 43 Prozent der angehenden Akademiker seien daher mit ihrer Finanzsituation zufrieden. 60 Prozent sind laut EY-Studie verschuldet, knapp jeder Zehnte mit mindestens 5000 Euro – Geld, das nach dem Studium zurückgezahlt werden muss.
Auch der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) beklagt die materielle Not bei Studenten. Dessen NRW-Vorsitzende Vanessa Wafzig, eine 25 Jahre alte Sozialwissenschaftlerin, hat ebenfalls als erste ihrer Familie ein Studium aufgenommen und entschied sich – auch aus finanziellen Gründen – für die Uni im kleinen Siegen. Wafzig beobachtet, der monetäre Druck bedeute „für viele Studenten eine psychische Belastung, die die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt“.
Wenn dann noch eine außerplanmäßige Ausgabe wie der Kauf eines neuen Laptops hinzukomme, „kann das zu einer erheblichen Herausforderung werden“. Natürlich gebe es auch „vergleichsweise vermögende Kommilitonen, aber für viele sind regelmäßiges Arbeiten und Verschuldung fast alternativlos“. Die EY-Studie bestätigt das. Demnach arbeiten 59 Prozent aller Studenten.
Auch Nicole Dietl, Partnerin Assurance und Talent-Leaderin bei EY, glaubt: „Gerade für junge Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen wird ein Studium zunehmend zur Herausforderung. Wenn ein großer Teil der Zeit in Nebenjobs fließt, leidet zwangsläufig die Konzentration auf die Ausbildung.“ Das wiederum kann Studentin Karla bestätigen. Sie arbeitet mittlerweile 18 Stunden pro Woche und verdient knapp 1200 Euro im Monat. Laut Deutschem Studentenwerk braucht man knapp 1000 Euro im Monat – bei einer Warmmiete von 440 Euro und ohne Versicherungen.
„Ich könnte ohne Arbeit nicht meine Miete von 600 Euro, dazu Strom, Ticket, Laptop und Lebensmittel bezahlen“, erläutert Karla. Das Studium komme dabei „manchmal zu kurz. Außerdem frage ich mich, ob ich mit meinen Schulden nach dem Bachelor wirklich noch den Master wagen soll“.
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Erstaunlich wirkt zunächst, dass Karla kein Bafög beantragt hat, obwohl sie bezugsberechtigt wäre. Diese staatliche Förderung von durchschnittlich 635 Eurolaut Destatis sogar nur von 16 Prozent primär für Studenten gemäß Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) wird laut EY-Studie von 28 Prozent der Befragten bezogen (die Diskrepanz erklärt sich ein Stück weit dadurch, dass die EY-Studie nur Studenten von Unis und Fachhochschulen befragte, nicht von privaten Hochschulen, Akademien und Fernstudiengängen). Dabei hätten 73 Prozent der künftigen Akademiker einen Anspruch auf Bafög.
Warum verzichtet der Großteil der Anspruchsberechtigten? Die politischen Hochschulgruppen – von JuSos bis zum RCDS – sind sich in einer Antwort einig: Weil die Beantragung zu kompliziert und aufwendig sei. So war es auch bei Karla. „Das ist extrem viel Papierkram, und dann müsste ich auch noch meine Eltern um Einkommensnachweise bitten, einer meiner Elternteile ist da aber sehr widerwillig“, erklärt sie.
Eine Generation verliert die Zuversicht
All diese Umstände tragen zu einem verheerenden Effekt bei: Den Akademikern in spe bricht die Zuversicht weg. Nur noch 50 Prozent blicken optimistisch in die Zukunft. 2018 waren es noch 92 Prozent. Und nur noch 39 Prozent sind sich sicher, schnell einen passenden Job zu finden (2024: 54 Prozent). Dieses radikale Schrumpfen der Zuversicht wird laut dem EY-Experten Hinz noch von etwas anderem verstärkt: von der ökonomischen Lage insgesamt.
„Der wirtschaftliche Druck, den Studenten heute spüren, geht weit über finanzielle Fragen hinaus – weil viele heute nicht nur sparen müssen, sondern gleichzeitig mit unsicheren Berufsperspektiven und steigenden Anforderungen beim Berufseinstieg konfrontiert sind“, erläutert Hinz. Ein Studienabschluss allein garantiere längst keinen nahtlosen Berufseinstieg mehr. In vielen Branchen gingen die Jobangebote, gerade für Berufseinsteiger, „deutlich zurück.“ Wo aber die Zuversicht auf eine bessere Zukunft fehlt, lassen sich Unannehmlichkeiten in der Gegenwart schlechter ertragen – diese Erkenntnis ist psychologisches Gemeingut.
Wie könnte man die studentische Not lindern (außer durch eine erfolgreichere Wirtschaftspolitik)? Zum einen plant die schwarz-rote Bundesregierung eine Reform des BAföG. Angedacht sind höhere Wohnkostenzuschüsse, höhere Bedarfssätze und weniger Bürokratie. Ein Teil dieser Erhöhungen wird wegen Sparzwängen aber erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen, so teilten Vertreter von Union und SPD nun mit. Der RCDS fordert zwar die Anhebung der Bedarfssätze. Wenn dafür aber aktuell kein Geld bereitgestellt werde, sollte laut den RCDS-Studenten zumindest die Beantragung sofort vereinfacht, beschleunigt und digitalisiert werden.
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Zudem fordert ein breites Expertenbündnis von den Verbraucherschutzzentralen über den Bankenverband bis zur OECD, die Finanzbildung in den Schulen zu verbessern, damit Schulabsolventen, also auch Studenten, mit finanziellen Engpässen besser umzugehen lernen. Das ist auch der RCDS-Vorsitzenden Wafzig ein Herzensanliegen. Manche Studenten besäßen bereits eine gute finanzielle Bildung. „Die sind von Haus aus im Umgang mit Geld geübt, haben früh mit den Eltern über die beste Anlage-Bank gesprochen, verwalten Aktiendepots und besitzen Apps für ökonomische Haushaltsgestaltung, von denen andere noch nie gehört haben. „Diese anderen, die Geld nie als Anlagematerial kennengelernt haben, bräuchten diese Bildung ebenfalls.
Einen anderen Tipp hat EY-Analytikerin Nicole Dietl: „Wir beobachten, dass alternative Bildungswege – etwa im Handwerk – früher finanzielle Stabilität bieten und in vielen Fällen langfristig konkurrenzfähige Einkommen ermöglichen.“ Daher fordert sie „eine ehrlichere Debatte über Bildungswege: Nicht jede akademische Laufbahn führt automatisch zu besseren Perspektiven – und nicht jeder Verzicht auf ein Studium ist ein Verlust.“
Worauf zu achten ist
KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten
Die Zahl der verschuldeten Studenten wird weiter steigen, wenn keine wirksamen Maßnahmen ergriffen werden.
Wahrscheinlich · Mittelfristig
Die BAföG-Reformen werden die Bürokratie nur teilweise reduzieren.
Möglich · Mittelfristig
Offene Fragen
- Wann werden die BAföG-Reformen wirksam?
- Wie viele Studenten brechen ihr Studium wegen Geldmangel ab?
- Welche alternativen Finanzierungsmodelle gibt es?