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Marjane Satrapi, Chronistin einer verlorenen Generation, gestorben
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Die Zeit·7 sa önce·🇩🇪Germany·Media

Marjane Satrapi, Chronistin einer verlorenen Generation, gestorben

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Die Zeit
Yayıncı
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Sie war die Chronistin einer verlorenen Generation, sie erzählte von zerschlagenen Hoffnungen, vom Terror der fundamentalistischen Religion. Und sie erzählte vom unbändigen Widerstandsgeist einer Frau, die sich nicht fügen wollte. Persepolis heißt der Comic, mit dem Marjane Satrapi weltberühmt wurde, das französische Original erschien im Jahr 2000, die deutschsprachige Ausgabe drei Jahre später. In Persepolis schildert Satrapi ihre Biografie: Geboren wird sie 1969 in Rascht im Iran, ihre Eltern führen ein sorgloses Leben unter dem Schah, dennoch protestieren sie gegen ihn und unterstützen die islamischen Revolutionäre. Als die Mullahs an die Macht kommen, ist Marjane zehn Jahre alt, und die Erwartungen ihrer Eltern werden bitter enttäuscht: All die gutgläubigen Linken, die die Islamisten unterstützten, werden von diesen nun eingekerkert oder gleich liquidiert. Während des Ersten Golfkriegs schicken die Eltern ihre Tochter ins österreichische Exil. Als Marjane mit 18 Jahren in den Iran zurückkehrt, erkennt sie ihre Heimat nicht wieder. Bald wird sie sie ein letztes Mal verlassen, nach Paris, wo sie seither lebte.

In ungeheurer Eindringlichkeit, mit großer grafischer Erfindungskraft, erzählt Satrapi ihre Geschichte. Dabei überschreitet sie unentwegt die Grenze zwischen dem Realistischen und dem Symbolischen. Man betrachte nur die allererste Seite des Comics: Hier sieht man die kleine Marjane vor dem Tor ihres Schulhofes stehen, eine grimmige Wächterin der jungen Revolution fordert sie auf, ein Kopftuch überzuziehen. Hinter den Schulmauern kann man bereits die ersten islamisch korrekt gekleideten Mädchen erkennen – wenn auch noch bei einem jener fröhlichen Spiele, die ihnen bald verboten sein werden. Ins zufällige Augenblicksbild ist die Drohung einer ganzen Biografie eingeschrieben; in der Überschneidung von Vergangenheit und Zukunft verschränken auch das Private und Politische sich in nie wieder zu entwirrender Weise.

Comic als Medium des autobiografischen Erzählens

Marjane Satrapi war auch eine der bedeutendsten Comic-Zeichnerinnen ihrer Generation, und das, obwohl sie eher zufällig zu dem Medium gekommen war. Über den französischen Zeichner David B., der eine Weile ihr Lebensgefährte war, kam sie bei dem Pariser Avantgarde-Verlag L’Association unter Vertrag. Und überstrahlte dort alles, was es sonst in den frühen Nullerjahren an Comics gab. Mit »Persepolis« brachte sie nicht nur den Terror der islamischen Revolution zurück in das Gedächtnis der westlichen Gesellschaften und der daran angeschlossenen Popkulturen, wo man – bis heute – nur zu gern dazu neigt, den Islamismus zu relativieren oder zu romantisieren. Sie zeigte einer ganzen Generation junger Zeichnerinnen und Zeichner, wie sich der Comic als Medium des autobiografischen Erzählens nutzen lässt – und als Medium der politischen Aufklärung.

Persepolis verkaufte sich, für einen Comic völlig unüblich, millionenfach. Nach dem großen Erfolg machte Satrapi einen Animationsfilm daraus, und wieder gelang es ihr, gemeinsam mit ihrem Co-Regisseur Vincent Paronnaud alias Winshluss, eine ganz eigene visuelle Sprache für ihre Geschichte zu finden. In ihren Animationsbildern erkannte man die scharfkantigen Schatten des expressionistischen Films und das triste, vielfach differenzierte Grau des Neorealismus. Vor allem aber war Persepolis, der Film, eine Revue fast vergessener Animationsschulen. Die scharfen Ornamente von Lotte Reinigers Scherenschnitt-Filmen fanden sich hier ebenso wie die zerrieselnde Vagheit der alten russischen Sand-auf-Glas-Animation. Bei den Filmfestspielen von Cannes erhielt sie dafür im Jahr 2007 den Preis der Jury.

Die Aufnahme in die französische Ehrenlegion lehnte sie ab

Daneben und danach zeichnete sie noch einige weitere Comics: Sticheleien (2003) schilderte einige Gespräche in grafisch noch stärker minimalistisch verdichteter Weise; Huhn mit Pflaumen (2004) handelte von ihrem Großonkel Nasser Ali, der in den 1950er-Jahren in Teheran ein bekannter Musiker war; auch diese Geschichte brachte sie (unter gleichem Titel 2011) in die Kinos. Und betätigte sich im Folgenden vor allem als Regisseurin, unter anderem drehte sie unter dem Titel Radioactive ein Biopic über die Physikerin Marie Curie mit Rosamund Pike in der Hauptrolle. 2023 versammelte sie die wichtigsten Zeichnerinnen und Zeichner der französischen und (exil-)iranischen Comic-Szene für einen Sammelband mit dem Titel Frau, Leben, Freiheit. Als ihr 2025 die höchste staatliche Auszeichnung Frankreichs, die Aufnahme in die Ehrenlegion, verliehen werden sollte, lehnte sie die Annahme ab: Zu »scheinheilig« sei die Haltung Frankreichs, die sich darauf beschränke, »Fotos mit Opfern oder Prominenten bei den Gedenkfeiern zum Tod von Mahsa Amini« zu machen, so Satrapi. Es sei unerträglich, dass Frankreich jungen Iranern, Künstlern und Dissidenten Touristenvisa verweigere, während die Kinder iranischer Oligarchen durch Paris und Saint-Tropez spazierten.

Ebenfalls im vergangenen Jahr starb ihr Ehemann, der schwedische Schauspieler Mattias Ripa. Gerade erst hatten sie 2024 eine Stiftung zur Förderung des Kinos ins Leben gerufen, die Fondation pour le cinéma Mattias et Marjane Ripa-Satrapi. Er sei die Liebe ihres Lebens gewesen, hat Satrapi mal über ihn gesagt, und sein Tod ließ sie tief verzweifelt zurück. An diesem Donnerstag ist Marjane Satrapi, wie es aus ihrem Freundeskreis heißt, »aus tiefer Traurigkeit« in Paris gestorben. Sie wurde 56 Jahre alt.

This article was originally published by Die Zeit.

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