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Riese und Müller zieht sich aus den USA zurück
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FAZ·16 sa önce·🇩🇪Germany·Business

Riese und Müller zieht sich aus den USA zurück

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FAZ
Yayıncı
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In der Cafeteria ist von Rückzug nichts zu spüren. Während hier oben Mitarbeiter in schwarzen Shirts an großen Tischen Kaffee trinken, aus Tupperboxen mitgebrachtes Essen konsumieren oder einfach mal zehn Minuten auf ihr Smartphone schauen, läuft unten die Produktion weiter. Die Cafeteria ist bewusst so gestaltet, dass man von hier aus sehen kann, wie die Räder montiert werden. So soll die Verbindung von Mitarbeitern aus allen Teilen des Betriebs zu den Produkten erhalten bleiben. 75.000 Fahrräder produziert der E-Bike-Hersteller Riese und Müller jährlich. Von einem Zielmarkt wird sich das hessische Familienunternehmen in Kürze allerdings verabschieden: Ende Juli zieht sich der Premiumfahrradhersteller aus den USA zurück.

Die Marktbedingungen seien zu volatil geworden, erklärt das Unternehmen. Zölle, Unsicherheiten, steigende Risiken – für einen vergleichsweise kleinen Absatzmarkt lohne sich der Aufwand nicht mehr. „Angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen ist es wichtiger denn je, Kräfte gezielt auf die Kernmärkte zu konzentrieren“, sagt die geschäftsführende Gesellschafterin Sandra Wolf.

Wolf sitzt in einem schicken Konferenzraum auf dem Campus von Riese und Müller im hessischen Mühltal, südöstlich von Darmstadt. Der Abschied aus den USA, sagt sie, sei keine Kapitulation, sondern eine Konsequenz. „Resilienz heißt heute auch, an manchen Stellen klar ‚Nein‘ zu sagen.“ Die Entscheidung fällt in eine Phase, in der sich die Branche neu sortiert.

E-Bikes: Aus der Nische zum Massenmarkt

Vor wenigen Jahren war Riese und Müller einer der großen Gewinner eines Booms um Elektrofahrräder. Während der Corona-Pandemie explodierte die Nachfrage nach elektrisch unterstützten Bikes und damit das Interesse an neuen Mobilitätskonzepten. Die Menschen wollten raus, Städte diskutierten über neue Radwege, Leasingmodelle machten teure Räder erschwinglicher. So wurde aus einer Nische plötzlich ein Massenmarkt.

Riese und Müller, 1993 von den Maschinenbaustudenten Markus Riese und Heiko Müller gegründet, wuchs rasant mit. Aus der einstigen Garagenfirma wurde ein mittelständischer Hersteller mit heute mehr als 700 Mitarbeitern und eigenem Campus. Doch nach Jahren der Euphorie erlebt die Branche eine Phase der Ernüchterung. Hohe Lagerbestände, Rabattschlachten, schwächelnde Konjunktur und vorsichtige Verbraucher setzen viele Hersteller unter Druck. Im Geschäftsjahr 2024/25 lag der Umsatz bei Riese und Müller bei 253 Millionen Euro – und damit 14 Prozent unter Vorjahr.

Selbst große Anbieter streichen Stellen, etwa der Koblenzer Hersteller Canyon oder die Kultmarke Brompton. Der Boom habe viele neue Wettbewerber angezogen, sagt Wolf: junge Marken, neue Komponentenhersteller, Investoren, Softwarefirmen. Das habe in der Branche zu Innovationen und Diversifizierung geführt. Sandra Wolf findet das gut, „nur so sehen die Kunden, was alles möglich ist“. Und auch die Marktbereinigung, die nun hier und da wahrzunehmen sei, sei normal.

Warum Resilienz für Fahrradhersteller wichtiger wird

Riese und Müller versucht, die Konsolidierung nicht als Ausnahmezustand zu betrachten, sondern als neue Normalität. „Wir wachen morgens auf, und es gibt schon wieder ein neues Thema“, sagt Wolf. Mal gehe es um Lieferketten, mal um geopolitische Konflikte, mal um Zölle. Der Begriff, der in Mühltal deshalb immer wieder fällt, ist Resilienz. Gemeint ist die Fähigkeit, in einer Branche voller Unsicherheiten flexibel zu bleiben.

Was das bedeutet, zeigt sich beim Rundgang durch die Werkshallen, zum Beispiel da, wo die Rahmen mit den Laufrädern verheiratet werden. Die Hälfte der Fahrradrahmen lässt sich Riese und Müller inzwischen aus Portugal anliefern, die andere Hälfte stammt weiterhin aus Asien. Portugal ist per Landweg erreichbar, Transportketten sind kürzer, Risiken kalkulierbarer. „Nearshoring“ nennt man das.

Gleichzeitig hebt ein Sprecher hervor, dass Asien bei der Fahrradtechnologie noch immer führend sei. „Das sind Hochtechnologieländer, die sind uns teilweise weit voraus.“ Auch bei den Antrieben setzt Riese und Müller auf Diversifizierung: Außer mit Bosch arbeiten die Hessen heute auch mit Fazua und Pinion zusammen. Die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter gilt inzwischen als Risiko.

Dass das Unternehmen weiterhin in Deutschland produziert, gehört ebenfalls zur Strategie. Viele Wettbewerber fertigen in Asien. Riese und Müller montiert seine Räder dagegen weiterhin in Mühltal. „Wir haben den Standort Deutschland nie infrage gestellt“, sagt Wolf. Gleichzeitig beschreibt sie die Bedingungen für Unternehmen zunehmend als kritisch: Langwierige Genehmigungen und wachsende Bürokratie seien schwierig zu händeln.

Die Geschichte von Riese und Müller begann lange vor dem E-Bike-Boom. Anfang der Neunzigerjahre entwickelten Markus Riese und Heiko Müller zunächst das vollgefederte Faltrad Birdy, später folgten Cityräder und Lastenräder. Früh beschäftigten sie sich mit elektrisch unterstützten Fahrrädern. 2012 traf das Unternehmen die damals ungewöhnliche Entscheidung, sich auf E-Bikes zu konzentrieren. Zu jener Zeit galten Elektrofahrräder vielerorts noch als Nischenprodukt für ältere Menschen. Heute machen sie mehr als die Hälfte aller neu verkauften Fahrräder in Deutschland aus.

Fahrradbranche: Die große Verkehrswende ist bislang ausgeblieben

Von Anfang an ging es den Gründern weniger um Rennräder oder sportliche Freizeitprodukte als um Mobilität im Alltag. Viele Modelle sind auf Pendler zugeschnitten, andere auf Familien oder den Warentransport in Städten. Gerade Lastenräder gehören bis heute zu den wichtigsten Geschäftsfeldern des Unternehmens. Gleichzeitig verändert sich der Markt weiter. Die Räder werden leichter, kompakter und technischer. Kunden fragten heute deutlich spezifischer nach Lösungen für ihren Alltag, sagt Wolf: für den Weg ins Büro, den Kindertransport oder den Einkauf.

Dass die große Verkehrswende bislang dennoch nur begrenzt stattgefunden hat, sieht Wolf vor allem als Infrastrukturproblem. Während der Pandemie habe es zeitweise so gewirkt, als könnte das Fahrrad politisch deutlich stärker gefördert werden. Viele Hoffnungen hätten sich aber nur teilweise erfüllt. Vor allem außerhalb der Städte fehlten weiter sichere Radwege. „Mit dem Rad an einer Bundesstraße entlangzufahren, das ist am Rande des Wahnsinns“, sagt Wolf.

Der Campus in Mühltal zeigt zugleich, wie sehr das Unternehmen versucht, seine Vorstellungen von Mobilität und Produktion selbst umzusetzen. Auf den Dächern liegen Photovoltaikanlagen, viele Prozesse wurden auf Wiederverwertung und Ressourcenschonung umgestellt. Nachhaltigkeit ist dem familiengeführten Betrieb wichtig, auch wenn das Bemühen darum von vielen Kunden nicht honoriert wird, wie es in Mühltal heißt.

Riese und Müller will trotzdem daran festhalten, genauso an der Strategie, hochwertige E-Bikes herzustellen. Sandra Wolf sagt, der große Boom sei vielleicht vorüber. „Die Entwicklung zu einer E-Bike-Kultur ist es aber noch lange nicht.

This article was originally published by FAZ.

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