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Stress-Expert Volker Busch: "Jüngere schaden sich oft selbst"
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Stress-Expert Volker Busch: "Jüngere schaden sich oft selbst"

Hirnforscher Volker Busch erklärt, warum Stress uns wachsen lässt, wenn wir richtig damit umgehen, und warum viele junge Menschen ihn kategorisch vermeiden wollen.

Auf einen Blick

  • Hirnforscher Volker Busch kritisiert, dass viele Menschen, insbesondere junge, Stress vermeiden, was ihrer psychischen Widerstandskraft schadet.
  • Er plädiert für eine "Stressimpfung" und Selbstmitgefühl, um besser mit Belastungen umzugehen.

KI-generierte Zusammenfassung

Warum es wichtig ist

Hirnforscher Volker Busch leitet die Stressambulanz an der Universitätsklinik Regensburg und kritisiert, dass viele Menschen, insbesondere junge, Stress kategorisch vermeiden. Er argumentiert, dass dies ihrer psychischen Widerstandskraft schadet und plädiert stattdessen für eine "Stressimpfung".

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Aus dem Handelsblatt-Archiv: Volker Busch leitet eine Stressambulanz. Er sagt: Gerade Jüngere schaden sich oft selbst, indem sie Stress um jeden Preis vermeiden wollen. Julia Beil 11.06.2026 - 11:39 Uhr Artikel anhören

Hirnforscher Volker Busch: „Stress hilft uns zu wachsen, wenn wir wissen, wie wir richtig mit ihm umgehen.“ Foto: Getty, Privat [M] Handelsblatt

Berlin. Stress kann krank machen, etwa, wenn er chronisch wird. Dazu allerdings kommt es nicht so schnell, wie viele Menschen denken, sagt Hirnforscher Volker Busch. In den vergangenen Jahren seien „unheimlich viele falsche Geschichten“ über Stress erzählt worden – auch von Ärzten.

Busch leitet seit 15 Jahren die Stressambulanz an der Universitätsklinik Regensburg. Wer lernen will, mit Belastungen in Zukunft besser klarzukommen, sollte ihm zufolge einen Fehler nicht machen: Stress kategorisch aus dem Weg gehen. Wie Sie Ihre psychische Widerstandskraft stattdessen stärken, erklärt er im Interview.

Lesen Sie hier das gesamte Interview zu Stress mit Volker Busch:

Herr Busch, kommen zu Ihnen in die Stressambulanz viele Führungskräfte?

Ja, und es werden mehr.

Warum?

Weil die Belastungen gestiegen sind. Sie müssen mehr Arbeit in weniger Zeit schaffen, sich ständig an neue Anforderungen anpassen und Entscheidungen von hoher Tragweite unter immer unsichereren Bedingungen treffen. Damit können gerade viele junge Menschen nicht mehr gut umgehen.

Jüngere Menschen sind weniger entscheidungsfreudig?

Dafür gibt es aus der Wissenschaft zumindest Hinweise. Junge Erwachsene, die in den vergangenen 20 bis 30 Jahren groß geworden sind, kommen oft aus einem sehr behüteten Umfeld. Ihre Eltern haben ihnen viele Entscheidungen abgenommen. Sie haben deswegen im Vergleich mit früheren Generationen weniger Autonomie entwickelt. Als Führungskraft musst du aber eigenständig handeln, deine Entscheidungen vertreten und mit widersprüchlichen Anforderungen zurechtkommen. Diese Erkenntnis trifft viele junge Führungskräfte mit voller Wucht.

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Haben Sie ein Beispiel für einen solchen Fall?

Ja, viele sogar. Ich hatte vor einiger Zeit einen jungen Mann in Behandlung, Mitte 30. Er wurde Mitgesellschafter in dem kleinen Unternehmen, in dem er arbeitete. Man bezog ihn in wichtige strategische Entscheidungen ein, er sollte eigenes Kapital einbringen. Für ihn war diese Verantwortung so überfordernd, dass er Schlafstörungen und Gedankenspiralen entwickelte und anfing, Alkohol zu trinken.

Und dann?

Dem Mann fehlte es an Resilienz und Selbstwirksamkeit, deswegen hat er sehr gelitten. Er hatte nicht das Gefühl, durch sein eigenes Handeln zum Erfolg der Firma beitragen zu können. Er fühlte sich machtlos und den äußeren Umständen ausgeliefert. Am Ende hat er sich dafür entschieden, seinen Job hinzuschmeißen. Heute ist er Finanzbeamter. Im Staatsdienst fühlt er sich sicherer.

Ist das der Weg, den Sie Ihren gestressten Patientinnen und Patienten vorschlagen: einfach den Job wechseln?

Da treffen Sie einen wunden Punkt. Dass der Patient in den öffentlichen Dienst gewechselt ist, hat natürlich zunächst mal dazu geführt, dass er kurzfristig entlastet war. Aber ist er auch mental stärker geworden? Vermutlich nicht. Deswegen plädiere ich insgesamt nicht für Vermeidung, sondern für etwas, das ich „Stressimpfung“ nenne.

Viele Menschen gehen Belastungen heute von vornherein aus dem Weg und streben in die Komfortzone. Volker BuschHirnforscher

Was meinen Sie damit?

Um resilienter zu werden, muss ich mich Belastungen stellen. Es ist wie bei einer Impfung: Auch da wird der Körper mit einem Erreger in Kontakt gebracht, damit er ihn später sofort erkennen und abwehren kann. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Kind und wischen ihm jedes Mal die Hände ab, nachdem es irgendetwas angefasst hat. So schützen Sie es zwar kurzfristig vor Erkältungsviren. Aber Sie machen es langfristig nicht stark, weil es nie in Berührung mit Keimen kommt.

Und genauso ist es mit der Psyche?

Ja, wir haben so etwas wie ein „mentales Immunsystem“. Es dient der Abwehr psychischer Belastungen. Ich beobachte nur leider, dass es oft nicht mehr ausreichend trainiert wird. Viele Menschen gehen Belastungen heute von vornherein aus dem Weg und streben in die Komfortzone, um sich zunächst besser zu fühlen. Wenn wir aber jeder Herausforderung aus dem Weg gehen, lernen wir nichts dazu. Wir erleben uns nicht mehr als Problemlöser, die Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen können. In der Forschung nennen wir das „positive Bewältigungserfahrungen“. Sie sind entscheidend für die Entwicklung von Resilienz.

Volker Busch

Prof. Dr. Volker Busch ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie wissenschaftlicher Arbeitsgruppenleiter an der Uniklinik Regensburg. Dort leitet er seit 15 Jahren die Stressambulanz.

Busch ist Autor der Bücher „Kopf frei“ (2021) und „Kopf hoch“ (2024). Im Oktober 2025 erschien im Drömer-Verlag seine neue Gedankensammlung „Gute Nacht, Gehirn“. Darin behandelt er Themen wie Ausgleich und Stressentlastung und schreibt über Methoden, um zur Ruhe zu kommen.

Was kann man noch tun, um stressresistenter zu werden?

Selbstmitgefühl haben. Stress kann ich besser bewältigen, wenn ich auch in harten Zeiten freundlich und liebevoll mit mir umgehe. Wenn das gelingt, hebt es die negativen Auswirkungen von Stress sogar auf. Das hat erst im vergangenen Jahr eine amerikanische Studie gezeigt.

Was heißt das genau – freundlich mit sich umgehen?

Wer liebevoll zu sich ist, verzeiht sich eigene Fehler, kann sich von negativen Gedanken und Gefühlen distanzieren und macht seinen Selbstwert nicht von der eigenen Performance abhängig. Viele Menschen treten sich selbst dann noch weiter, wenn sie nach einem Misserfolg am Boden liegen. Diese Selbstgeißelung verstärkt die Belastung. Viel hilfreicher ist es zu sagen: „Auch wenn ich gerade etwas falsch gemacht oder ein Ziel nicht erreicht habe, kann ich mir verzeihen und mir etwas Gutes tun.“ Wer mit dieser Haltung durchs Leben geht, kann auch starken Stress oft besser aushalten.

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Sie sagen, dass viele Menschen Stress vermeiden und in ihrer Komfortzone bleiben. Ist das in einer Welt, in der seit bald sechs Jahren Dauerkrise herrscht, nicht auch verständlich?

Sicher, ich formuliere das auch nicht als Vorwurf. Trotzdem sollten wir uns fragen, wie diese Vermeidungshaltung entstanden ist. Ich glaube, sie kommt auch daher, dass wir in den vergangenen 30 Jahren unheimlich viele falsche Geschichten über Stress erzählt haben.

Was meinen Sie damit?

In der Öffentlichkeit wird uns seit Jahren vermittelt, dass es nichts Schlimmeres gibt als Stress. Auch wir Ärzte haben teilweise dazu beigetragen. Der Fokus in Zeitungen, Büchern und Fernsehen liegt fast immer auf den Gefahren, man liest und hört dauernd, dass Stress zu Herzinfarkten führt, zu Burnout, zu Krebs. Natürlich ist das nicht falsch – aber in seiner Ausschließlichkeit schon. Stress ist erst einmal Ausdruck eines lebendigen und funktionsfähigen Organismus. Nichts, das man um jeden Preis von sich fernhalten muss.

Trotzdem ist Stress nicht immer positiv. Er kann auch krank machen. Woran erkenne ich, ob meine Belastung noch gesund ist oder zu hoch?

Die Grenze verläuft bei jedem Menschen anders. Zwei Arten von Stress aber deuten darauf hin, dass er pathologisch ist: extremer und chronischer Stress. Extremer Stress wird oft durch „Life Events“ ausgelöst, die für die betroffene Person maximal belastend sind: Todesfälle, Verbrechen oder schwere Erkrankungen sind Beispiele dafür. Im Fall von Führungskräften kann extremer Stress auch dadurch entstehen, dass man eine falsche Entscheidung mit schwersten Konsequenzen getroffen hat. Man muss aber sagen: Solche „Life Events“ sind eher selten.

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An welchen körperlichen Warnsignalen merke ich, dass der gesunde Stress ins Pathologische gekippt ist?

Da ist zunächst die Leistungsebene: Sie sind weniger konzentriert, auffassungsbereit, kreativ. Auf der körperlichen Ebene sind mögliche Symptome dann Herzrasen, innere Unruhe, ein Reizdarm oder Schlafstörungen. Außerdem gibt es die Gefühlsebene: Sie sind vielleicht ängstlicher, weniger belastbar, fahren schneller aus der Haut oder weinen häufiger als sonst. Und schließlich ist da die Verhaltensebene: Betroffene ziehen sich womöglich zurück, werden unzuverlässiger und uninteressierter. Oft ist es so, dass Frauen eher körperlich oder emotional reagieren, Männer eher auf der Leistungs- oder Verhaltensebene.

Teilweise beobachte ich völlig übertriebene Ängste davor, dass jede Art von Stress uns traumatisch schädigen könnte. Volker BuschPsychiater

Wir haben über extremen Stress durch prägende „Life Events“ gesprochen. Wodurch kennzeichnet sich die andere pathologische Stressform – der chronische Stress?

Er dauert über lange Zeit an. Der Körper kann sich nie erholen, weil wir zum Beispiel nur noch arbeiten oder dauerhaft in Konflikten mit Kolleginnen, Untergebenen oder der Chefin sind. Solche dauerhaften Stresssituationen führen dazu, dass wir uns irgendwann erschöpft und vor allem ohnmächtig fühlen. Das ist auch der gemeinsame Nenner von extremem und chronischem Stress: Wir haben den Eindruck, die Kontrolle zu verlieren.

Ein unschönes Gefühl.

Absolut. Aber auch hier gilt: Zum kompletten Kontrollverlust kommt es nicht so schnell. Wenn ich mal ein paar Überstunden mache, einen Konflikt mit einem Kollegen austrage oder ein Projekt nicht so über die Bühne geht, wie ich es mir vorgestellt habe, dann ist das noch nicht gleich ein krank machender Kontrollverlust. Dieses Bewusstsein fehlt mir in der Gesellschaft. Teilweise beobachte ich völlig übertriebene Ängste davor, dass jede Art von Stress uns traumatisch schädigen könnte. Dabei hilft er uns zu wachsen, wenn wir wissen, wie wir richtig mit ihm umgehen.

Mehr: Gefangen in der Rushhour des Lebens – So gelingt Ihnen trotzdem die Work-Life-Balance

Dieser Artikel erschien bereits im Januar 2026. Der Artikel wurde am 02.04.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.

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Offene Fragen

  • Wie genau können die von Busch beschriebenen "positiven Bewältigungserfahrungen" im Alltag gefördert werden?
  • Welche spezifischen Übungen empfiehlt Busch für das "mentale Immunsystem"?
  • Gibt es Langzeitstudien, die die Effektivität von "Stressimpfungen" belegen?
  • Wie unterscheidet sich die Herangehensweise für Männer und Frauen bei der Bewältigung von Stress?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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