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Anschlag von Halle: Der Terrorakt und seine Folgen
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Die Welthace 9 horasCrime4 min de lecturaGermany

Anschlag von Halle: Der Terrorakt und seine Folgen

En resumen

  • Oktober 2019 verübte Stephan Balliet in Halle an der Saale einen rechtsextremen Anschlag, bei dem er versuchte, in eine Synagoge einzudringen, und zwei Menschen tötete.
  • Er streamte die Tat live auf Twitch, scheiterte jedoch an seinem eigentlichen Ziel und wurde später zu lebenslanger Haft verurteilt.

Resumen generado por IA

Por qué importa

Am 9. Oktober 2019, dem jüdischen Feiertag Jom Kippur, versuchte Stephan Balliet, in eine Synagoge in Halle an der Saale einzudringen, und tötete dabei zwei Menschen. Er streamte die Tat live im Internet.

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Halle an der Saale, Humboldtstraße 52 im Paulusviertel. Es ist 12.02 Uhr an diesem Mittwoch, dem 9. Oktober 2019. In der Synagoge der Jüdischen Gemeinde haben sich mehr als 50 Menschen eingefunden, um gemeinsam Jom Kippur zu begehen, den höchsten jüdischen Feiertag. Jom Kippur gilt als Tag der Versöhnung. Gläubige fasten 25 Stunden lang, beten und bitten Gott sowie ihre Mitmenschen um Vergebung für begangenes Unrecht.

Gerade hat die Thora-Lesung begonnen, als von draußen laute Knallgeräusche ins Innere dringen. Merkwürdig, denkt eine der Anwesenden in diesem Moment noch, es ist doch erst Anfang Oktober. Sind das etwa schon Feuerwerkskörper? Plötzlich steigen vor den Fenstern Rauchschwaden auf.

Max Privorozki, der Gemeindevorsteher, wird von einem Sicherheitsmann zur Seite genommen. Auf der Überwachungskamera, sagt der, sehe man einen bewaffneten Mann in paramilitärischer Kleidung, der auf die Tür schieße und offenbar versuche, in das Gebäude zu gelangen. Privorozki wird nervös und ruft die Polizei. Jemand schieße auf die Synagoge, sagt er. „Auf welche Synagoge?“, fragt der Polizist am anderen Ende der Leitung. Privorozki beginnt zu brüllen.

Der Täter erschießt kaltblütig eine Passantin

Um 12.03 Uhr kommt die 40-jährige Jana Lange an der Humboldtstraße vorbei; sie wohnt in unmittelbarer Nähe der Synagoge. Sie sieht einen Mann mit einem Helm auf dem Kopf in einer ihr unbekannten Uniform, der versucht, sich Zugang zur Synagoge zu verschaffen. Der Mann richtet seine Waffe auf die Frau und erschießt sie kaltblütig.

Als er es weiterhin nicht schafft, in die Synagoge einzudringen, steigt er in sein Auto und fährt auf die nahe gelegene Ludwig-Wucherer-Straße. Eine beliebte Straße, in der sich zahlreiche Bars, Kneipen und Imbissbuden befinden. Unter anderem auch der „Kiez Döner“, in dem sich zu diesem Zeitpunkt vier Gäste und ein Mitarbeiter aufhalten. Der Mann betritt den Laden und eröffnet das Feuer.

Die Gäste laufen panisch die Treppe hinauf, schließen sich in einem winzigen Badezimmer ein oder springen aus dem Fenster. Sie begreifen schnell, dass sie hier gerade Opfer eines Anschlags werden. Kevin Schwarze schafft es nicht zu fliehen. Er wird von dem Täter niedergeschossen. Schwarze ist 20 Jahre alt und hatte wenige Tage zuvor seine Ausbildung zum Maler begonnen. Er erliegt seinen Verletzungen.

Um 12.14 Uhr trifft eine Polizeistreife ein und sieht den Mann, der mit einem Gewehr in den Händen gerade den „Kiez Döner“ verlässt und über die Hauptstraße läuft. Es kommt zu einem Schusswechsel. Der Attentäter wird angeschossen – ein Streifschuss am Hals. Dennoch gelingt es ihm, sich wieder in seinen Wagen zu setzen und loszurasen.

Während der Flucht fährt der Täter Richtung Landsberg, schießt dort auf weitere Menschen und verletzt zwei Personen schwer. Anschließend kapert er ein Taxi. Um 13.19 Uhr schließlich wird der Mann auf der B100 bei Wiedersdorf nach einem Verkehrsunfall und einer Verfolgung festgenommen. Damit endet der Anschlag von Halle rund 85 Minuten nach seinem Beginn.

Als die WELT am nächsten Morgen „Schüsse auf Synagoge – dann feuert der Täter auf Passanten“ titelt, sind die Hintergründe der Tat noch völlig unklar. Das soll sich bald ändern.

Der Attentäter in der paramilitärischen Uniform, so stellt sich heraus, heißt Stephan Balliet. Er ist zum Zeitpunkt der Tat 27 Jahre alt, stammt aus Eisleben und lebt zuletzt zurückgezogen bei seiner Mutter in Benndorf, einer kleinen Gemeinde in Sachsen-Anhalt. Nach dem Abitur leistet er seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr, beginnt anschließend ein Studium des Chemieingenieurwesens, bricht es jedoch nach wenigen Semestern ab. Danach findet er keinen festen Platz mehr im Leben. Er ist arbeitslos, verbringt immer mehr Zeit allein vor seinem Computer und radikalisiert sich über Jahre hinweg im Internet.

Balliet gehört keiner bekannten rechtsextremen Organisation an. Für die Sicherheitsbehörden ist er vor dem Anschlag praktisch unbekannt. Seine Welt entsteht nicht auf Parteitagen oder in Kameradschaften, sondern in internationalen Online-Foren. Stundenlang bewegt er sich in anonymen Imageboards und Gaming-Communities, in denen sich Memes, Zynismus, Computerspielästhetik und rechtsextreme Propaganda zu einer eigenen Subkultur vermischen. Dort spricht man Englisch, kommuniziert in Codes und Ironie und feiert Attentäter wie Popstars.

Genau in dieser Logik plante auch Balliet seine Tat. Er veröffentlichte vor dem Anschlag ein Manifest, montierte eine Helmkamera und übertrug den Angriff live auf Twitch, derselben Plattform, auf der Millionen Menschen normalerweise Computerspiele streamen. Seine Ausrüstung, seine Sprache und sogar seine Kommentare während der Tat orientierten sich an der Gaming-Kultur und früheren rechtsterroristischen Anschlägen wie im neuseeländischen Christchurch am 15. März 2019, als ein Attentäter 51 Besucher zweier Moscheen ermordete und fast ebenso viele teilweise schwer verletzte.

Balliet wollte nicht nur Menschen (und besonders Juden) töten. Er wollte damit auch eine Community erreichen. „Die Wurzel all dieser Probleme ist der Jude“, sagte er in seinem Stream. Sein Anschlag sollte konsumiert, geteilt und von Gleichgesinnten als beispielhaft verstanden werden. Der Terror sollte nicht nur Angst verbreiten, er sollte viral gehen.

Doch damit scheiterte Balliet. Nicht nur an der massiven Holztür der Synagoge, die seinen eigentlichen Plan vereitelte. Auch in jener digitalen Parallelwelt, deren Anerkennung er so verzweifelt gesucht hatte, blieb ihm der „Ruhm“ versagt. In den Imageboards, an die sich sein Livestream richtete, wurde er nicht als Held gefeiert, sondern als Versager verspottet. Ausgerechnet jene Community, deren Aufmerksamkeit er um jeden Preis gewinnen wollte, degradierte ihn zur Witzfigur.

Im Dezember 2020 verurteilte das Oberlandesgericht Naumburg Stephan Balliet wegen zweifachen Mordes, versuchten Mordes in 68 Fällen sowie zahlreicher weiterer Straftaten zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Das Gericht stellte außerdem die besondere Schwere der Schuld fest und ordnete die anschließende Sicherungsverwahrung an. Eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ist damit praktisch ausgeschlossen.

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This article was originally published by Die Welt.

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