Junge Politikerinnen und Politiker über die Zukunft Deutschlands
En resumen
- Junge Politiker wie Johannes Winkel (JU), Rasha Nasr (SPD) und Jean-Pascal Hohm (AfD) äußern sich zur Zukunft Deutschlands.
- Sie diskutieren Themen wie Rente, Migration, Wirtschaft und die Rolle von Parteien, wobei sie unterschiedliche Lösungsansätze und Sorgen äußern.
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Die F.A.S. wird 25 Jahre alt. Ein Grund zurück zu schauen und nach vorn: Wie sehen junge Politikerinnen und Politiker die Zukunft? Was hoffen sie, was fürchten sie – und welche Rolle wollen sie selbst in ihren Parteien noch spielen?
Johannes Winkel: „Es muss sich eigentlich alles ändern“
Heute ist Johannes Winkel so etwas wie das schlechte Gewissen von Friedrich Merz. Morgen muss er sich dann vielleicht selbst mit den Vorwürfen der Jüngeren herumschlagen. Jedenfalls trauen ihm in der Partei viele was zu. Für den Kanzler ist es deshalb auch schwer, den JU-Chef als nervenden Rebellen abzutun. Dafür ist die Lage zu ernst und die Kritik der Jungen zu berechtigt.
Das Land wird älter, immer weniger junge Menschen kommen nach. Diese wenigen aber müssen immer mehr einzahlen, damit die Alten weiter ihre Rente bekommen. Man muss nicht besonders gut in Mathematik sein, um zu ahnen, wie das endet: ziemlich schlecht für all jene, die in Zukunft alt werden. „Das Problem wird seit 30 Jahren beschrieben, aber keiner tut was“, sagt Winkel. „Stattdessen werden Entscheidungen getroffen, die das Problem noch verschärfen.“
Für Winkel ist das kein isoliertes Problem, sondern eher Ausdruck davon, was insgesamt schiefläuft. „Die Berliner Blase und ihre etablierten Abläufe, das ist alles ziemlich überholt.“ Ihn stört die „Bräsigkeit“, die den politischen Betrieb und das ganze Land seit Jahren lähmt. Dass die Parlamentarier Beschlüsse der Regierung einfach nur abnicken, dass statt der Besten immer nur die Dienstältesten aufsteigen, dass Macht zum Selbstzweck wird. Für ihn ist klar: „Es muss sich eigentlich alles ändern.“
Ziemlich radikal für einen JU-Chef, der auch noch Bundestagsabgeordneter einer Regierungsfraktion ist. Und vielleicht erklärt das ganz gut, was in diesen Jahren auf dem Spiel steht. Während die Demokraten sich in Detaildiskussionen verlieren, wächst die AfD und mit ihr das Misstrauen gegen alles Bewährte. Winkels größte Sorge: „dass sich die allgemeine Misslaune im Land irgendwann spontan artikuliert“ und es statt eines Politikwechsels einen Systemwechsel gibt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Lange hielt Winkel Weimar-Vergleiche für Quatsch. Aber zwei Parallelen geben ihm zu denken: Damals kam zum allgemeinen Unwohlsein über den Versailler Vertrag der individuelle wirtschaftliche Abstieg. Auch heute hätten seit der Migrationskrise viele ein schlechtes Bauchgefühl. „Wenn dazu der individuelle wirtschaftliche Abstieg kommt, ist das ein toxischer Cocktail.“
Was er dagegen tun will? Endlich die Rente und den Sozialstaat reformieren, und zwar ohne Illusionen zu nähren. „Klar werden wir in Zukunft mehr und länger arbeiten“, sagt er etwa. Aber es klingt so, als könne das ja auch Spaß machen. „Wenn ich als Politiker zwei Dinge fördern würde, dann immer Leistung und Kinder.“
Winkels Vision für Deutschland in 25 Jahren: „Dass die klügsten Köpfe der Welt hinwollen.“ Ein Land, in dem sie Unternehmen gründen, arbeiten, studieren wollen. Wo KI und Robotik florieren und neue Atomkraftwerke günstige Energie liefern. Deutschland als starkes Land inmitten der Vereinigten Staaten von Europa, Seite an Seite mit Amerika, in dem es für junge Männer und Frauen selbstverständlich ist, nach der Schule zur Bundeswehr zu gehen, um Freiheit und Wohlstand gar nicht erst gegen aggressive Nachbarn verteidigen zu müssen. „Der größte Irrtum wäre es, zu glauben, dass wir es alleine könnten.“
Rasha Nasr: „Es gab niemanden in der Politik, der so aussah wie ich“
Anders als die anderen Politiker in dieser Reihe muss Rasha Nasr nicht lange nachdenken, als wir sie nach ihrem größten politischen Fehler fragen. „Den Familiennachzug mit auszusetzen“, sagt sie sofort. Der Bundestag hat vor einem Jahr beschlossen, dass Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern ihre Familien nicht mehr nach Deutschland holen können. So hatte es die Union in den Koalitionsvertrag geschrieben, und die SPD hat im Parlament dafür die Mehrheit ermöglicht – mit Rasha Nasr. „Das nehme ich mir immer noch übel“, sagt sie. „Ich habe den Kampf im parlamentarischen Verfahren zu schnell aufgegeben.“
Nasr ist migrationspolitische Sprecherin ihrer Partei und die Tochter syrischer Einwanderer, die in den Achtzigerjahren in die DDR kamen. Sie ist überzeugt davon, dass Menschen sich nicht integrieren können, wenn sie getrennt sind von ihren Liebsten. Der Kampf gegen Rassismus brachte sie schließlich erst in die Politik. Was nicht heißt, dass Nasr die migrationspolitischen Probleme einfach ausblenden würde. Zertifizierte Verfahren in Drittstaaten etwa nennt sie „eine spannende Idee“. Das müsse man „ohne Schaum vorm Mund diskutieren“. Dass sie selbst einmal Politikerin werden würde, hätte sie lange nicht für möglich gehalten. „Es gab ja niemanden in der Politik, der so aussah wie ich.“
Dass der Bundestag nun anders aussieht als damals, zeigt, was sich geändert hat. Er sieht ein klein wenig mehr aus wie Deutschland. Einerseits. Andererseits scheint der Kanzler ihrer Koalition genau diese optische Veränderung im deutschen „Stadtbild“ für ein Problem zu halten, jedenfalls hat Nasr seinen Satz so verstanden.
Die Sozialdemokratin hofft, dass es nicht dieser Satz ist, der am Ende von der schwarz-roten Koalition in Erinnerung bleibt. Sondern eher die Reformen, die sie angestoßen hat. „Die Rente und den Sozialstaat zukunftsfest machen, das wäre was, wo ich sagen würde: Hey, da kann man wirklich stolz drauf sein.“
So weit, so einig ist sie sich da etwa mit dem jungen Christdemokraten Johannes Winkel. Doch schon in den folgenden Sätzen wird klar, wie weit die Vorstellungen auseinanderliegen. Wirtschaftswachstum ja, aber „nicht zulasten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern“. Sie will „niemanden zwingen, länger zu arbeiten“, niemandem Urlaubsanspruch oder Krankengeld wegnehmen. Die Deutschen könnten schließlich auch mit 30 Urlaubstagen produktiv sein und ja, vielleicht sogar mit der Viertagewoche.
„Eine Kanzlerin mit Migrationsgeschichte wäre großartig“
Das passt dann doch alles besser zu der rot-rot-grünen Koalition, die Nasr sich nicht nur heimlich wünscht: Ein Selfie mit der Grünen Ricarda Lang und der Linken Heidi Reichinnek hat einigen Genossen einen Schrecken eingejagt. „Gemeinsame Gespräche. Aus Gründen“, hatten die drei Frauen dazugeschrieben. Aber ob es dafür in Zukunft noch reicht? Von einer Volkspartei kann bei der SPD ja schon länger nicht mehr die Rede sein. „Klar“, sagt Nasr. „Der Begriff geht an der Realität vorbei.“ Die Zeiten, in denen CDU und SPD sich einfach abgewechselt hätten, seien endgültig vorbei.
Und dann verdrängt das Bild der fröhlich in die Zukunft lächelnden Frauen plötzlich ein ganz anderes Szenario: „Es ist schon so, dass ich Angst davor habe, dass es 2029 keine Möglichkeit mehr gibt, die AfD zu verhindern, außer dass alle demokratischen Kräfte miteinander irgendwie eine Koalition bilden. Oder dass wir 2033 eine Alice Weidel im Kanzleramt haben.“ Sie schluckt. „Auch von den Jahreszahlen her absurd.“
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Manchmal wünscht sich Nasr die Nullerjahre zurück. „Da waren wir so viel weiter, als wir es jetzt sind“, sagt sie. 2006, das Fußball-Sommermärchen, die Welt zu Gast bei Freunden: „Das war für mich Deutschland von der schönsten Seite.“ Vielleicht kann Deutschland ja wieder so werden. Vielleicht kann Deutschland sogar noch besser werden. Nasr lächelt. „Eine Kanzlerin mit Migrationsgeschichte wäre großartig.“ Nicht sie, stellt sie gleich klar. Für die Spitzenpolitik fehle es ihr an Teflon. „Ich bin sehr emotional.“ Wenn sie etwas ärgere, schleppe sie das ewig mit sich herum. Andererseits: „Man wächst ja auch.“
Und vielleicht ist das Emotionale ja nicht nur eine Schwäche, sondern auch das, was der SPD fehlt. In den sozialen Medien kommt Nasrs Art an. Da hat sie jedenfalls mehr Follower als sämtliche SPD-Minister.
Jean-Pascal Hohm: „Sie verkennen die Realität in Fußballstadien“
Das pessimistische Szenario für die anderen Politiker in dieser Reihe wäre für Jean-Pascal Hohm der größte Triumph: Dass die AfD in 25 Jahren Deutschland regiert. Um darauf hinzuarbeiten, verfolgt der Chef der Nachwuchsorganisation Generation Deutschland eine neue Strategie: der AfD durch einen konzilianten Auftritt den Schrecken nehmen.
Hohm redet etwa salbungsvoll davon, „die Gräben in der Gesellschaft zu schließen“, wünscht sich einen „versöhnlicheren Umgang mit dem politischen Gegner“ und findet, dass Medien „eine wichtige Funktion in unserer Demokratie“ erfüllen. Der Journalistin begegnet er denn auch ausgesprochen aufgeräumt. Da könnte man fast vergessen, dass ihn der Verfassungsschutz als rechtsextrem einstuft.
Dabei ist es mitnichten so, als seien die Jungen bei der AfD gemäßigter als die Alten. Sogar seiner eigenen Partei wurde es zu viel, als Hohm inmitten rechtsradikaler Hooligans zu sehen war, die Hitlergrüße zeigten und antisemitische Parolen riefen. „Ich selbst habe mir nichts zuschulden kommen lassen“, sagt Hohm dazu lächelnd. Und auf die Frage, ob er nicht hätte widersprechen müssen: „Ich glaube, Sie verkennen die Realität in Fußballstadien.“
Hohm kennt die Realität in Fankurven schon lang. Er wuchs in einem kleinen Ort in Brandenburg auf. Die Eltern waren „klassische SPD-Wähler“. Als sie sich wegen der Migrationskrise der AfD zuwandten, war der Sohn schon längst Mitglied. Seitdem war er immer ganz vorn mit dabei, wenn sich irgendwo die Wut Bahn brach: gegen Angela Merkel, gegen Flüchtlinge, gegen die Coronamaßnahmen. Er organisierte Proteste, stand auf Bühnen, sprach in Mikros. Und fiel den Oberen in der Partei auf, vor allem Alexander Gauland.
Hohm verkörpert einen neuen Typus in der AfD: professionell und radikal, modern und autoritär. „Ich bin niemand, der den Geschlechterrollen von vor 100 Jahren anhängt“, sagt er.
Er will schließlich Karriere machen
Wenn es nach ihm geht, dürfen sich auch homosexuelle Paare weiterhin trauen lassen. Außenpolitisch klingt der Chef der Generation Deutschland sogar mitunter wie ein staatstragender Christdemokrat: Er will weder ein Mündel Putins sein noch sich Trump anbiedern. Er nennt sich einen Freund der Wehrpflicht und der NATO. Wenn Putin das Baltikum angriffe, sagt er, müssten „wir Deutsche bereit sein, unsere Verbündeten im Zweifel zu unterstützen“.
Im Zweifel? All diese Positionen sind für ihn im Zweifel auch wieder verhandelbar. Wenn die Partei dazu andere Beschlüsse fassen würde, sagt Hohm, wäre das für ihn kein Grund, aus der Partei auszutreten. Er will schließlich Karriere machen.
Bundeskanzler? Er lacht laut. Das wäre wohl aktuell „nicht sehr realistisch“. Aber: „Es wäre verrückt, zu behaupten, dass man sich das grundsätzlich nicht vorstellen kann.“
Hohm ist „schwer optimistisch“
Was die Zukunft angeht, ist Hohm jedenfalls „schwer optimistisch“. Er kann den „Abgesang auf Deutschland“ an den AfD-Stammtischen „nicht leiden“. Klar gebe es viele Probleme, „aber wenn wir die Weichen wieder richtig stellen, würde es mit Deutschland auch wieder bergauf gehen“.
Dafür würde er als Erstes das Elterngeld erhöhen und Familien mit drei Kindern die Einkommensteuer erlassen. Dann würde er die Grenzen schließen, und zwar so, „dass die Zahl der illegalen Migranten auf null runtergeht“. Über die Einwanderung von Experten aus Indien und Pakistan könne man natürlich weiterhin reden, aber alle illegalen Migranten müssten raus aus dem Land.
Also millionenfache Abschiebung per Zwang, „Remigration“ auch deutscher Staatsbürger? Nein, nein, beschwichtigt Hohm, er wolle nur geltendes Recht durchsetzen und auch „Anreize schaffen“, damit Menschen freiwillig in ihre Heimat zurückkehren.
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Während Hohm im Interview mit der F.A.S. von Dänemark als Vorbild spricht, erzählt er seinen Followern auf Instagram allerdings gleichzeitig die Verschwörungsgeschichte vom „Bevölkerungsaustausch“. So ist das immer mit Hohm: Er klingt einerseits wie ein freundlicher Migrationsexperte, andererseits wie ein rechtsextremer Verschwörungstheoretiker.
Wie ist es denn nun wirklich, würde er Menschen unter gewissen Umständen die Staatsbürgerschaft aberkennen? Hohm wiegt den Kopf. Bei „Doppelstaatlern, die schwere Straftaten begehen“, könnte er sich das schon vorstellen. Also zwei Klassen von Deutschen? Hohm verneint, aber das kann wohl kaum jemanden beruhigen, der Angst hat angesichts der widersprüchlichen „Remigrations“-Pläne der AfD.
Wann hat Hohm eigentlich das letzte Mal mit so jemanden gesprochen, der seine Politik ablehnt? Hohm überlegt. Solche Leute treffe er nicht. Dabei wäre das ja nicht schwer. Die allermeisten Menschen hierzulande sind schließlich nach wie vor gegen die AfD. „Also, in meinem Dorf in Südbrandenburg haben mich über 50 Prozent gewählt“, sagt Hohm. „Wenn ich ins Fußballstadion gehe oder in der Stadt unterwegs bin, kommen die Leute an und wollen Fotos machen.“
Ines Schwerdtner: „Wir unterschätzen die zerstörerische Kraft autoritärer, reicher Männer“
Als Ines Schwerdtner den Journalismus aufgab, um Vorsitzende der Linken zu werden, hielten ihre Freunde sie für „ballaballa“. Die Partei lag schließlich am Boden, von Sahra Wagenknecht gespalten und bis aufs Blut zerstritten. Dann kamen ein paar Sachen zusammen, und plötzlich führte Schwerdtner eine Partei, die zwischenzeitlich gleichauf mit der SPD war. Immer etwas im Schatten von Heidi Reichinnek, die mit ihrer Wucht viele für die Linke begeistert. „Eine große Stärke“ nennt Schwerdtner Reichinneks Art, wie sie „ihr Herz auf der Zunge trägt“. Sie selbst sei da „etwas ruhiger“, analytischer, geprägt von politischer Theorie und Marx.
Schwerdtner steht dabei eigentlich für jenen Flügel, den viele früher mit Wagenknecht verbanden. Eine „Lifestyle-Linke“, wie Wagenknecht das nannte, war sie jedenfalls nie, sondern immer gewerkschaftsnah. Sie gendert deshalb auch nicht ambitionierter als Friedrich Merz: Es geht ihr dabei um die „Arbeiterinnen und Arbeiter“, jene Menschen in ihrem Wahlkreis Lichtenberg, die sie verstehen sollen.
Trotzdem zögert sie keine Sekunde bei der Frage, ob Wagenknecht fehle: „Nein.“ Die Spaltung der Linken, die alle in der Partei in Angststarre versetzt hatte, wurde am Ende schließlich zu ihrem Befreiungsschlag. Es ist paradox: „Wir können jetzt erst wieder über Klassen und Arbeiter reden“, sagt Schwerdtner. Gerade weil Wagenknecht weg ist.
Ihre größte Sorge ist, dass wir in den nächsten 25 Jahren „demokratische Kipppunkte“ erreichen – Punkte, an denen es irgendwann zu spät ist für die Rettung der Demokratie. Dann nämlich, wenn Öffentlichkeit und Infrastruktur in den Händen weniger Tech-Milliardäre liegen. „Wir unterschätzen die zerstörerische Kraft auto






