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Mit 16 Jahren einen Pommeswagen eröffnet: Noel Schnieders' Weg in die Selbstständigkeit
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Handelsblatt9/7/2026Business9 min de lecturaGermany

Mit 16 Jahren einen Pommeswagen eröffnet: Noel Schnieders' Weg in die Selbstständigkeit

En resumen

  • Noel Schnieders eröffnete mit 16 Jahren einen Pommeswagen, "Nöl's Imbiss".
  • Trotz Herausforderungen als Minderjähriger und der schwierigen Gastronomiebranche baut er sein Geschäft aus und plant Expansion.
  • Seine Mutter unterstützt ihn, da sein Vater die nötige Unterschrift verweigert.

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Noel Schnieders hat mit 16 Jahren einen Pommeswagen eröffnet. Auf dem Papier aber hat er eine Chefin: seine Mutter. Gar nicht so einfach, als Teenager zu gründen. Sebastian Dalkowski 09.07.2026 - 11:10 Uhr Artikel anhören

Rheine. Als Noel Schnieders gegen Viertel nach elf seinen Imbisswagen aufschließt, ist die Konkurrenz längst da. Seit mehr als einer Stunde steht gegenüber der Hähnchenverkäufer von „Max & Moritz“ mit seinem fahrbaren Grill. Die Verkaufsklappe ist geöffnet, die Hähnchen drehen sich. Aber der Mann darf auch schon allein Auto fahren.

Schnieders hingegen hat an diesem Donnerstag Mitte Juni die Bahn nehmen müssen, und die Bahn war mal wieder zu spät. Dann noch ein paar Minuten Fußweg vom Bahnhof Rheine, Westfalen, zum Edeka.

Neben dem Eingang des Supermarkts steht seit einigen Monaten sein Imbisswagen. Schnieders zählt die Tage, bis er endlich ohne Begleitung Auto fahren darf. Im November ist es so weit. Dann wird er 18. Dann wird hoffentlich eine Menge einfacher. Nicht nur der Arbeitsweg.

Noel Schnieders hat in einem Alter einen Imbisswagen eröffnet, in dem andere noch nicht mal wissen, was sie werden wollen. Mit 16 briet er vor mehr als einem Jahr die ersten Würstchen in „Nöl’s Imbiss“.

Warum macht sich jemand in diesem Alter selbstständig – und auch noch in einer Branche, die es wegen der Inflation besonders schwer hat? Noel selbst sagt: „Die Leute konsumieren weniger als vor fünf Jahren.“

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Laut Dehoga hat das Gaststättengewerbe 2025 im Vergleich zu 2019, das letzte Jahr vor Corona, 18,4 Prozent an Umsatz verloren, Caterer 11,9 Prozent. Die Zahl der beantragten Insolvenzverfahren im Gastgewerbe lag 2025 noch ohne die Dezemberzahlen bei 2132. Im Jahr 2019 waren es 90 weniger.

„Ich muss von dem leben, was ich verdiene“, sagt Schnieders. Er sieht an diesem Tag aus, als habe er noch viel vor. Er trägt eine Dreiviertel-Arbeitshose von Strauss, Sicherheitsschuhe und ein T-Shirt aus einem Material, das viel Schweiß aufnimmt. Aber für heute erwartet er nicht viel Betrieb. Es sind mehr als 30 Grad angesagt. Kein Wetter, bei dem sich die Leute vor einen Imbisswagen stellen.

Edeka-Parkplatz: Der Hähnchenmann ist schon da. Foto: Sebastian Dalkowski

Außerdem wird der Hähnchenmann ihm ein paar Kunden wegnehmen. Er steht jeden Donnerstag hier. Aber besser als Schnieders früherer Standort ganz in der Nähe vor einem Fahrradladen. An den besten Tagen hat er 200 Euro verdient, an den schlechten nicht mal 50.

Grillplatte anwerfen, Vordach hochklappen

Er braucht nicht lange, um den Imbisswagen zu öffnen. Wurst und Pommes aus dem Kühlhaus von Edeka holen, die beiden Fritteusen und die Grillplatte anwerfen, Verkaufsluke als Vordach hochklappen. Bratwurst drei Euro, Pommes mit Soße vier Euro, selbstgemachte Schnitzel ab fünf Euro. „Jung, lecker, legendär“ steht auf dem hellblauen Wagen in pinker Schrift, darunter eine Comic-Version seiner selbst, KI-generiert.

Noel Schnieders: In Arbeitskleidung. Foto: Sebastian Dalkowski

Um kurz vor zwölf kommt die erste Kundin und bestellt Pommes. Nach wenigen Wochen ist sie schon Stammkundin. Noel selbst läuft erst mal auf Energydrink. Von den 0,5er-Monster-Dosen wird er heute mehrere trinken. Zuckerfrei. Sonst könnte er sich sein fast tägliches Training im Fitnessstudio auch sparen, mit dem er sich diverse Kilos abtrainiert hat.

Im Februar 2025 machte Noel seinen Plan öffentlich, einen eigenen Imbisswagen zu eröffnen. Damals ging er noch zur Schule. Er lud ein Video auf Instagram und Tiktok hoch. Im grauen Kapuzenpulli, noch etwas unsicher, sagte er: „Moin, mein Name ist Noel, ich bin 16 Jahre alt und versuch, mich selbstständig zu machen in diesem Jahr noch …“

„Und bei den restlichen Schritten nehme ich euch auf jeden Fall mit.“ Schon mit 15 hatte er angefangen, in einem Imbisswagen in Münster zu arbeiten. Als er bei seinem Chef immer wieder mit Verbesserungsvorschlägen scheiterte – in Münster auf jeden Fall auch vegane Wurst, auf Social Media aktiv werden –, da setzte er sich in den Kopf, es mit einem eigenen Wagen besser zu machen.

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Mit dem Bessermachen wollte er nicht mal bis nach seiner Ausbildung warten, die er wenige Monate nach dem ersten Video beginnen würde. Das hielt er für „verschenkte Lebenszeit“. Schnieders gehört zu den Menschen, die lieber machen, bevor sie etwas völlig durchdacht haben.

Aus der Idee wird schnell Realität

Bundesweite Zahlen zu minderjährigen Gründerinnen und Gründern sind kaum zu bekommen. Nach Einschätzung von Marc Evers, Mittelstandsexperte von der Deutschen Industrie- und Handelskammer, handelt es sich um ein eher kleines Phänomen von einigen Hundert Fällen pro Jahr. „Gleichzeitig beobachten die Industrie- und Handelskammern in ihrer Beratungspraxis den Trend, dass das Interesse junger Menschen am Gründen spürbar zunimmt. Immer mehr Jugendliche setzen sich früh mit unternehmerischen Ideen auseinander.“

Auf Noels Social-Media-Kanälen lässt sich nachvollziehen, wie schnell aus seinen unternehmerischen Ideen Realität geworden ist. Knapp einen Monat nach seinem ersten Video zeigt er schon seinen Imbisswagen. Den hat er nach eigenen Angaben gebraucht für 10.000 Euro gekauft. Mit Renovierung, der auffälligen Folierung und den neuen Geräten investiert er 22.000 Euro.

Jung, lecker, legendär: Der Imbisswagen mit der auffälligen Folierung. Foto: Sebastian Dalkowski

Das meiste hat er gespart, Jobs, Geburtstage, Weihnachten. 4000 Euro holt er durch einen Spendenaufruf rein. Der Reichweite auf Instagram und Tiktok sei Dank. Die steigt schnell. Heute hat er auf beiden Kanälen zusammen fast 60.000 Follower.

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Sein erfolgreichstes Video kommt auf 2,5 Millionen Aufrufe, wobei keines davon spektakulär ist. Sein bester Freund Wladlen filmt ihn, während er ihm Fragen stellt. Manchmal möchte Noel von den Zuschauern wissen, was die beste Wurst ist, was die besten Pommes, das beste Kartenbezahlsystem. Sie verwenden nicht mal Ansteckmikros.

Aber Schnieders hat eben auch eine Geschichte zu erzählen: die vom Teenager, der sich in den Kopf gesetzt hat, eine Imbissbude zu betreiben. Das funktioniert. Und sein bester Freund weiß, was außerdem Reichweite bringt. Zum Beispiel, wenn Noel erzählt, dass auch Frikadelle Spezial auf der Speisekarte steht, dann soll er bei der Aufzählung der Zutaten unbedingt die Zwiebeln weglassen. Dann kommentieren alle, dass er die Zwiebeln weggelassen hat. Das erhöht die Sichtbarkeit.

Schon im Juli 2025 hat Noel einen festen Standort, wenn auch keinen guten. RTL, WDR und Sat 1 kommen vorbei und drehen Beiträge.

Im Imbisswagen: Nicht so viel los heute. Foto: Sebastian Dalkowski

Gleichzeitig beginnt Schnieders eine Ausbildung als Fachkraft für Gastronomie. Das geht nur, weil ihm andere mit seinem Imbiss helfen. Sein bester Freund zum Beispiel und seine Mutter. Barbara Peter ist am Anfang so gar nicht begeistert von den Plänen ihres Sohnes. Soll er doch erst mal die Ausbildung machen. Bis sie feststellt, wie sehr er sich begeistert. Für die Schule ist ihm das Aufstehen immer schwergefallen, für den Imbiss nicht.

Ohne seine Mutter wäre es aber sowieso nichts geworden mit dem eigenen Unternehmen.

Eine Unterschrift fehlte

Gründen ist schon herausfordernd genug, für Jugendliche noch ein bisschen mehr und für Noel im Speziellen. Auch Minderjährige dürfen ein Gewerbe anmelden, allerdings brauchen sie dazu die Unterschrift ihrer Eltern und die Genehmigung des Familiengerichts. Das soll sicherstellen, dass die Person die notwendige Reife mitbringt.

Ohne Eltern gibt es kaum ein Geschäftskonto, keinen Kredit, kein Leasing. Magdalena OehlStartup Teens

Seine Mutter hätte ihre Unterschrift gegeben, aber er braucht auch die seines Vaters. Zu dem hat er schon seit Jahren keinen Kontakt mehr. Das alleinige Sorgerecht hat seine Mutter aber nicht. Laut Mutter und Sohn versagt der Vater die Unterschrift. Deshalb meldet Barbara Peter das Einzelunternehmen unter ihrem Namen an.

Genau genommen ist also sie die Chefin, Noel ihr Angestellter. „In der Theorie dürfte ich gar nichts bestimmen, in der Praxis bestimme ich alles“, sagt er. Ein bisschen anders sieht sie das schon. Er bringe die meisten Ideen ein, manche lehne sie ab, sagt sie. Wenn zum Beispiel die Kalkulation nicht stimmt. Wenn er sich in den Kopf gesetzt hat, nach einem Fußballspiel eine Mantaplatte, also Currywurst, Pommes, Mayo, an die Spieler zu verkaufen, für 2,50 Euro, ein Drittel des regulären Preises.

Jugendliche Gründer haben es nicht nur deshalb schwer, weil die Eltern bei allem Möglichen zustimmen müssen. „Ohne Eltern gibt es kaum ein Geschäftskonto, keinen Kredit, kein Leasing“, sagt Magdalena Oehl, stellvertretende Vorsitzende von „Startup Teens“, einem Verein, der junge Gründer mit dem nötigen Know-how ausstatten will.

An diesem Donnerstag läuft es wie erwartet zäh. Der Freund seiner Mutter kommt vorbei, stellt sich an den Wagen. Er fährt häufig für Noel, als selbstständiger Fliesenleger kann er sich seine Arbeit flexibel einteilen. Über Noel sagt er: „Chef sein konnte er vom ersten Tag an.“

Noel Schnieders: Hinter der Theke. Foto: Sebastian Dalkowski

Ein Stammkunde schaut vorbei, ein alter Mann, der einen Rollator vor sich herschiebt. Er legt Noel etwas auf die Theke. Spiralgirlanden in Deutschlandfarben. Hat er ihm für einen Euro von Aldi mitgebracht. Als er eine Weile später zurückkehrt, hat Schnieders sie am Vordach befestigt.

Der Mann bestellt eine Bratwurst im Brötchen. Die gibt’s gratis für sein Geschenk. Dann isst und redet der Mann eine Weile. Über die Fußball-WM, wo welche Bratwurst am besten schmeckt und wie die Arbeitsbedingungen beim Fleischfabrikanten Tönnies sind. Noel ist freundlich im Umgang mit Kunden, aber niemand, dem das Quatschen liegt. Während der Mann noch spricht, beugt sich Noel über sein Smartphone.

Noel Schnieders bereitet eine Currywurst zu: Freundlich, aber nicht allzu redselig. Foto: Sebastian Dalkowski

Vielleicht muss ein 17-Jähriger auch nicht seine Erfüllung darin finden, mit deutlich älteren Menschen zu reden und zu reden. Bei Noel kommt noch etwas hinzu. Er hat seinen Abschluss an einer Förderschule gemacht mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, wie es im Bürokratendeutsch heißt. Seine Mutter sagt, er habe zwar viel dazugelernt, könne aber Gefühle von anderen nicht so nachempfinden. Den Smalltalk mit Kunden müsse er noch lernen, sagt sie.

Oder auch die Kommunikation mit seinem besten Freund Wladlen. Mit dem schreibt er schon eine Weile übers Smartphone, weil der ihn eigentlich am Nachmittag ablösen soll, aber nicht auftaucht. Noel muss mit dem Freund seiner Mutter zu einem Termin. Irgendwann trifft Wladlen doch ein.

Handwerk

„Wer sich entscheidet, jeden Tag Fleisch zu essen, ist nicht mein Kunde“

Später, als Noel weg ist, erklärt Wladlen, er habe am Vortag Nein gesagt, als der ihn fragte, ob er die Schicht übernehmen könne. Der Freund habe das offenbar für einen Scherz gehalten. Wladlen hat eigentlich keine Zeit, muss für Klausuren lernen. Er ist einer von vier Minijobbern, die Noel beschäftigt.

Lieber Schnitzel als Fingerfood

Nicht nur der Wagen gehört zu „Nöl’s Imbiss“. Der Wagen ist für ihn eher eine Werbemaßnahme, die auch noch Umsätze generiert. Mehr Geld verdient er mit Catering auf Veranstaltungen und privaten Feiern. Dort kommt er entweder mit seinem Wagen vorbei oder bringt Fingerfood. Seine Mutter hilft ihm dabei. Viel in kurzer Zeit schaffen, das ist seine Sache, sagt sie. Wobei er lieber die Schnitzel macht, also übernimmt sie das Fingerfood. Sie schmeißen auch Veranstaltungen mit 1000 Leuten zu zweit.

Wir können es uns schlicht nicht leisten, jungen Menschen, die gründen wollen, Steine in den Weg zu legen. Magdalena OehlStartup Teens

Barbara Peter hat früher selbst viele Jahre in der Branche gearbeitet, aber auch BWL studiert. Ihren alten Job in der Pflege hat sie aufgegeben, um sich vor allem um einen weiteren Imbiss zu kümmern, den sich die beiden gesichert haben. In einem Schwimmbad in der Nähe sorgt sie für die Gastronomie. Am nächsten Tag will er an einem Freibad schon den nächsten Standort eröffnen.

Noel Schnieders mit seiner Mutter Barbara Peter am alten Standort: Sie schmeißen auch Veranstaltungen mit 1000 Leuten zu zweit. Foto: PR

Die Ausbildung hat Schnieders vor einigen Wochen abgebrochen. Zu viel Stress im Imbisswagen, zu wenig in der Ausbildung gelernt. Er hat auch so schon eine Siebentagewoche. Eigentlich gilt die Schulpflicht für ihn bis einschließlich des Schuljahres, in dem er 18 wird. Hieße bei ihm also noch bis Sommer 2027. Er weiß noch nicht genau, wie er das lösen wird, hofft darauf, sich mit der Agentur für Arbeit zu einigen. Darauf zum Beispiel, dass er bis dahin einfach ein Praktikum im eigenen Imbiss macht.

„Jede und jeder Jugendliche, die oder der gründen will, ist ein Gewinn – für die Wirtschaft, aber auch für die Person selbst“, sagt Oehl. „Wer mit 16 oder 17 den Mut hat, etwas Eigenes aufzubauen, lernt in einem Jahr mehr über Verantwortung, Geld und Durchhalten als aus jedem Lehrbuch.“

Gastronomie

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Der Konflikt mit der Berufsschulpflicht zeige das eigentliche Problem: „Unser System ist nicht für junge Selbstständige gebaut.“ Unternehmerisches Handeln solle flexibel mit der Schulpflicht vereinbar sein. „Wir können es uns schlicht nicht leisten, jungen Menschen, die gründen wollen, Steine in den Weg zu legen.“

Das Ziel sind zwölf Imbisswagen

Aber schon in wenigen Monaten braucht Noel ohnehin keine Unterschrift mehr von irgendwem. Und der Kurs ist klar: expandieren. Eine GmbH gründen. Schnieders war von Anfang an klar, dass ein einziger Imbisswagen nicht ausreicht. Zwölf möchte er irgendwann besitzen, dann nicht mehr selbst hinter der Fritteuse stehen und stattdessen das verdiente Geld mit Immobilien vermehren. Spätestens in acht Jahren soll es so weit sein. Ein Alter, in dem andere noch nicht mal ein Studium abgeschlossen haben.

Seine Mutter sagt: „Das zieht er durch.“

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Erstpublikation: 03.07.2026, 04:00 Uhr.

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