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BackHochbegabtenförderung: Wenn das Schulsystem an seine Grenzen stößt
Hochbegabtenförderung: Wenn das Schulsystem an seine Grenzen stößt
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Handelsblatt19.06.2026Education6 dk okumaGermany

Hochbegabtenförderung: Wenn das Schulsystem an seine Grenzen stößt

L'essentiel

  • Das deutsche Schulsystem stößt bei der Förderung Hochbegabter an seine Grenzen.
  • Privatschulen und spezielle Programme wie die Junior-Ingenieur-Akademie der Telekom-Stiftung bieten Lösungsansätze, um Unterforderung und Langeweile zu vermeiden und das Potenzial dieser Schüler optimal zu nutzen.

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Das deutsche Schulsystem hat Schwierigkeiten, die Bedürfnisse hochbegabter Schüler zu erfüllen, was zu Unterforderung und Langeweile führen kann. Privatschulen und spezielle Förderprogramme versuchen, diese Lücke zu schließen.

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Hamburg. Die Tüftelei hat sich gelohnt: Das ganze Schuljahr haben Maja, Eshwar und Theo an der „Santa Barbara“ gewerkelt. Zur Belohnung flitzt das mit Technik vollgestopfte gelbe Modellboot beim Race-Wettbewerb an der Hochschule Wismar als Erstes durchs Ziel.

Designt haben die Achtklässler das Schiff mit Unterstützung des Fraunhofer-Instituts im Rahmen der Junior-Ingenieur-Akademie der Telekom-Stiftung. Das Projekt fördert helle Köpfe, von denen es am CJD-Gymnasium Rostock besonders viele gibt.

„Dieses gemeinsame Erlernen herausfordernder Technik und die Wertschätzung hinterher sind für die Entwicklung unserer Schüler besonders wichtig“, sagt Regine Schütt. Sie begleitet seit mehr als 20 Jahren die Kinder und Jugendlichen im Hochbegabtenzweig der Schule.

In jedem Jahrgang gibt es hier eine Klasse mit rund 24 Mädchen und Jungen, die zu den zwei Prozent der hochbegabten Schüler in Deutschland gehören. Sie brauchen besonders viel geistiges Futter, um motiviert zu sein, wollen Wissensgrenzen überschreiten und komplexe Sachverhalte in der Praxis kennenlernen.

Öffentliche Schulen können auf diese Bedürfnisse oft nicht genug eingehen. Deshalb bieten viele Privatschulen besondere Programme für Hochbegabte an, um deren kognitive Fähigkeiten in die richtigen Bahnen zu lenken. Sonst können Unterforderung und Langeweile zum Problem werden.

Träger des Rostocker Gymnasiums ist das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD), das zu den größten Bildungs- und Sozialunternehmen des Landes gehört. Das Motto des Bildungsträgers lautet: „Keiner darf verloren gehen.“ Denn hochbegabte Kinder können schulisch ebenso abgehängt werden wie lernschwache, wenn die Hochbegabung unentdeckt bleibt und nicht gefördert wird.

Die CJD-Schulen kümmern sich um beide Gruppen. „Es ist unser Ziel, allen Schülerinnen und Schülern unabhängig von ihrem Leistungsniveau optimale Entwicklungsbedingungen zu bieten und sie dort abzuholen, wo sie stehen“, sagt Marlen Kuffner, Referatsleiterin für Schulische Bildung beim CJD.

Lange Zeit ging man davon aus, dass hohe Intelligenz automatisch zu guten schulischen Leistungen führt. Das gilt inzwischen in der Pädagogik als überholt. „Selbst bei Wunderkindern sind die äußeren Einflüsse extrem wichtig“, sagt Bettina Harder. Sie ist Direktorin der Beratungs- und Forschungsstelle für Hochbegabung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Neben den individuellen Voraussetzungen eines Kindes wie Fähigkeiten und Motivation spielten auch die Unterstützung im Umfeld sowie eine langfristige Begleitung der Lernentwicklung eine große Rolle. Nur wenn alles zusammenspiele, könne ein hoher IQ zu erfolgreichem Lernen und besonderen Leistungen führen.

Von Hochbegabung spricht man, wenn der IQ bei 130 oder mehr liegt. Dies ist laut Harder aber nur eines von vielen Kriterien. An ihrem Institut analysieren Experten die individuellen Ressourcen des Kindes und empfehlen Beratungsangebote und Lernformate. „Manchen Familien ist schon geholfen, wenn wir ihnen Anleitungen geben, wie ihre Kinder eigenständig oder mithilfe von Lehrern an der jeweiligen Schule zusätzliche Themen erarbeiten können“, sagt Harder.

Zum Teil haben hochbegabte Kinder in der Regelschule bereits negative Erfahrungen gemacht, sind mit Desinteresse oder Reizempfindlichkeit angeeckt oder wissen gar nicht, warum ihnen klassische Lernformate so schwerfallen. Laut Harder fehlt es im deutschen Schulsystem an Zeit und Personal für besonders schlaue Kinder – ebenso wie für lernschwächere Schüler.

In diese Lücke stoßen Privatschulen mit gemischten Schülergruppen oder Exzellenzzweigen. Die meisten finanzieren sich über eine Kombination aus staatlichen Zuschüssen und Schulgeld, das die Eltern aufbringen müssen. Hier gibt es erhebliche Unterschiede, die auch vom Bundesland abhängig sind. Für Privatschulen gelten die staatlichen Lehrpläne, allerdings können sie sich konzeptionell von öffentlichen Schulen abgrenzen und eigene Schwerpunkte setzen – etwa durch eine Hochbegabtenförderung.

Anders als das CJD-Gymnasium in Ros­tock setzt die Brecht-Schule in Hamburg auf gemischte Klassen. Schulleiterin Anja Messerschmidt weiß, wann die Hochbegabten geistig aus dem Unterricht aussteigen. „In den meisten Fällen hassen Hochbegabte Wiederholungen“, sagt die Pädagogin. Wenn ihnen Lerninhalte dagegen nur vorgesetzt würden oder sie Aufgaben in einem Buch abarbeiten müssten, langweilten sie sich schnell. Dann kann es im Klassenzimmer schwierig werden.

Daher gibt es an der Brecht-Schule oft nur kurze Impulsvorträge zu einem Thema. Danach können die lernstarken Schüler eigene Lernwege beschreiten und komplexe Sachverhalte vertiefen. „Oft verfügen diese Kinder schon über Vorwissen und wollen eigenen Gedanken nachgehen“, sagt Messerschmidt. Entsprechend flexibel müssen Lehrkräfte reagieren und ein breites Repertoire an weiterführendem Material für die verschiedenen Lerntypen bereithalten.

Zudem bietet die Brecht-Schule schon in der Grundschule sogenannte Enrichment-Kurse an, die parallel zum Regelunterricht stattfinden. Darin bekommen Kinder, die die Lernziele bereits erreicht haben und die normalen Schulstunden ruhig verpassen können, Zusatzstoff angeboten: Technik, Schach, Programmieren oder Chinesisch, je nach Alter und Neigung.

Besonders fortgeschrittene Schüler können sogar vom Unterricht freigestellt werden und stattdessen Kurse an der Uni besuchen. „Vor dem Abitur kehren sie dann für das Erarbeiten des konkreten Prüfungsinhaltes in die Schule zurück, manchmal aber mit bereits drei Semestern Physikstudium im Gepäck“, sagt Messerschmidt.

Auch die reinen Hochbegabtenklassen des CJD-Gymnasiums sind heterogen – obwohl hier alle Schüler überdurchschnittlich intelligent sind. „Wenn man mit diesen Gruppen arbeitet, weiß man: Das ist Inklusion par excellence“, sagt Pädagogin Schütt. „Jedes Kind ist anders.“ Das liegt nicht nur an unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen: Viele neurodivergente Kinder haben einen hohen IQ, daher ist der Anteil von Schülern mit ADHS oder Autismus in Hochbegabtenklassen oft größer als an Regelschulen.

Diese Kinder verarbeiten Reize anders und können schnell auch andere Störungen entwickeln. Ihre Familien können eine Unterrichtsbegleitung beim Jugendamt beantragen. „Wir erleben aber oft, dass unsere Schüler dank unserer Strukturen nach ein paar Jahren so gut integriert sind, dass sie diese Hilfe nicht mehr möchten“, sagt Schütt.

Die Nachfrage nach den Hochbegabtenplätzen an den CJD-Schulen ist hoch, nicht alle Kinder bekommen einen Platz – und nicht alle erweisen sich als hochbegabt. Um das herauszufinden, müssen Kinder von interessierten Familien Tests durchlaufen. „Selbst wenn keine Hochbegabung vorliegt, zeigt unsere Testung aber in der Regel, dass die Kinder grundsätzlich sehr fähig sind“, sagt Schütt.

Viele Schülerinnen und Schüler treffen in der Hochbegabtenklasse erstmals in ihrem Leben auf Gleichaltrige, die ihre Gedankengänge verstehen. „Sie finden immer jemanden in der Klasse, mit dem sie sich über ihre Interessen unterhalten können, und es ergeben sich oft tiefe Freundschaften“, sagt Schütt. Ebenfalls ein zentraler Baustein für eine schöne und erfolgreiche Schulzeit. Egal auf welchem Lernniveau.

Questions ouvertes

  • Wie viele Schulen bieten spezielle Hochbegabtenförderung an?
  • Welche finanziellen Hürden gibt es für Eltern von Hochbegabten?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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