KI-generierte Bücher überschwemmen den Markt: Ein Fallbeispiel zur "Colonia Dignidad"
L'essentiel
- KI-generierte Bücher, darunter ein Werk über die "Colonia Dignidad", überschwemmen den Markt.
- Ein Fall zeigt fragwürdige Verlage, Pseudonyme und inhaltliche Fehler, die auf KI-Erstellung hindeuten.
- Der Dienstleister epubli prüft solche Inhalte nicht.
Résumé généré par IA
Pourquoi c'est important
KI-generierte Bücher stellen eine neue Herausforderung dar, insbesondere bei Sachbüchern, die Fakten vermitteln sollen. Ein Fall zeigt die Problematik bei einem Buch über die "Colonia Dignidad".
Fakebücher, die von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt werden, überschwemmen den Markt. Bei belletristischen Werken mag jeder Erweber selbst entscheiden, ob er sich dem mechanisch Fabrizierten hingeben will. Dagegen haben Sachbücher den Anspruch, Tatsachen zu referieren. Zu potentiellen Käufern gehören Schüler, Studenten, Forscher und wissenschaftliche Bibliotheken.
Eine neue Publikation beschäftigt sich mit der Foltersiedlung „Colonia Dignidad“ in Chile. Das rund 30 Quadratkilometer große Gelände entstand 1961, dort lebten rund 300 Personen, vorwiegend Deutsche. Es gab bis in die Neunzigerjahre Zwangsarbeit, sexuellen Missbrauch, vor allem an Kindern und Jugendlichen, und medizinische Versuche. Opfer leiden bis heute und sind teilweise auf private Spenden angewiesen.
Zur „Colonia Dignidad“ gibt es kluge Sachbücher. Nicht dazu gehört ein neues Werk mit dem Titel: „Abgeriegelte Hölle: Die psychologische Folterkammer der Colonia Dignidad: Sekten, Missbrauch, und das diktatorische deutsche Terrorregime im abgelegenen chilenischen Dschungel, 1961–1990“. Autorin soll Freia Dehmel sein, das ist jedoch ein Pseudonym. Im Buch selbst wird angegeben: „Text: Copyright von Erika Bastian“.
Ihr „Verlag“ hat eine Adresse im baden-württembergischen Gosheim. Bastian ist Immobilienmaklerin. Im Handelsregister findet sich ihr Verlag nicht. Auf eine E-Mail-Anfrage antwortet Bastian wie folgt: „Das Buch hat ein Freier Mitarbeiter für mich geschrieben und das ging voll in die Hose. Es sollte niemals über Colonia Dignidad geschrieben werden! Ich werde mich mit dem Mitarbeiter auseinandersetzen. Danke das Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben. Es liegt mir nichts ferner als mit dem Leid anderer Menschen Geld zu verdienen. Es wurde mit diesem Buch kein Umsatz gemacht.“
Bei Amazon ist zu dem 116 Seiten starken Buch, für das „Lesealter ab ein Jahr“ eingetragen ist, als Herausgeber „epubli“ genannt. Epubli ist kein Verlag, sondern agiert als technischer Dienstleister und Kommissionsagent im Bereich Selfpublishing. „epubli trifft keine verlegerische Auswahlentscheidung und veröffentlicht Werke nicht auf Basis einer fachlichen, wissenschaftlichen oder thematischen Begutachtung der Autorinnen und Autoren“, heißt es auf F.A.Z.-Anfrage vom zuständigen Unternehmen Neopubli GmbH in Berlin. Nicht äußern will man sich zur Frage, ob das Buch zur „Colonia Dignidad“ KI-generiert ist.
Indizien legen das nahe, unter anderem inhaltliche Fehler. So wird behauptet, die Sekte sei vor dem Nationalsozialismus geflohen, dabei erfolgte die Auswanderung erst Anfang der Sechzigerjahre, weil ihr Gründer in Deutschland strafrechtliche Ermittlungen fürchten musste. Auch die im Untertitel behauptete Lage im „chilenischen Dschungel“ ist falsch. Die Kapitel im Buch heißen „chapter“. KI-generiert wirkt auch das Coverdesign. (Laut Impressum beansprucht auch dafür Bastian das Copyright.)
Eigentümer der Neopubli GmbH ist die Holtzbrinck Digital GmbH in Stuttgart. Auf diese Verbindung weist das Unternehmen Neopubli auf seiner Website offensiv hin: „Als Teil von Holtzbrinck vereinen wir zudem ein starkes Netzwerk aus nationalen und internationalen Vertriebspartnern.“ Ob ein Buch KI-erstellt ist, prüft Neopubli allerdings nicht, anders als das Konkurrenzunternehmen Tredition.
„Derzeit existieren keine Verfahren, mit denen sich verlässlich feststellen lässt, ob und in welchem Umfang bei der Erstellung eines Buches generative KI eingesetzt wurde. Eine entsprechende technische Verifikation nehmen wir daher aktuell nicht vor“, heißt es von Neopubli. Immerhin ist zu erfahren, dass sich die Verkaufszahl des Buches zur „Colonia Dignidad“ im sehr niedrigen Bereich bewege. Man prüfe den Sachverhalt intern. „Die fachliche, wissenschaftliche oder historische Begutachtung von über unsere Plattform veröffentlichten Werken ist nicht Bestandteil des Selfpublishing-Modells.“
Bastian hat jüngst ein weiteres Taschenbuch publiziert. Dessen Titel lautet: „Fäden der Nacht: Erfundene Beziehungen mit dokumentierten Borddetails verweben“. Es kostet 48 Euro. Beworben wir das Buch so: „Liebesbande entzünden sich in der Pracht der Titanic: Erfundene Paare – ein Ingenieur und Suffragette, ein Steward und Erbin – navigieren Edwardianische Spannungen inmitten documentierter [sic!] Details wie der À-la-carte-Restaurants, dem türkischen Bad und der eisigen Warnungen. Bis Mitternacht 1912 zerreißen Sirenen und Wellen ihre Geschichten, wo Fiktion auf Fakten trifft. Dieses Buch webt Herzschlag in historische Präzision.“
Auch dieses epubli-Buch wird für ein Lesealter ab einem Jahr empfohlen. Auch hier heißen die Kapitel „Chapter“. Pseudonymisierte Autorin ist „Nyla Gruber“, die im Jahr 2026 einige Bücher herausgegeben hat, darunter „Organisationale Entscheidungsfindung durch kollektive Intelligenz verbessern“ oder „Historische Strategien in Gesetze der Machtverteidigung destillieren“. Bei letztem Werk wird bei Amazon als Erscheinungstag der 10. April 2026 angegeben, die aktuelle Auflage ist laut Angabe die dritte. Auf der epubli-Website heißt es über „Nyla Gruber“: „Eine Gemeinschaftsbaurin [sic!], die alte Gilden modernisierte, bietet Selbsthilfe-Kollaborationsfähigkeiten, Business-Kooperationsmodelle und Geschichten kollektiver Unternehmen von mittelalterlich bis modern.“
Immerhin hat es Bastians Werk zur „Colonia Dignidad“ noch in keine wissenschaftliche Bibliothek geschafft. Der F.A.Z. schreibt die „Autorin“ noch: „Ich habe eben dem Support Bescheid gegeben, das Buch heraus zu nehmen und den ganzen Account still zu legen, bis ich alles geklärt habe.“ Ob das Werk von KI verfasst wurde, dazu äußert sich Bastian nicht.
À surveiller
Perspective IA — des possibilités, pas des certitudes
Selfpublishing-Plattformen werden ihre Richtlinien für KI-generierte Inhalte verschärfen.
Probable · En quelques mois
Es werden Tools zur Erkennung von KI-generierten Texten entwickelt und implementiert.
Très probable · En quelques mois
Questions ouvertes
- Wie viele KI-generierte Bücher sind bereits auf dem Markt?
- Welche weiteren Prüfmechanismen könnten Selfpublishing-Plattformen implementieren?
- Wie wird sich die KI-generierte Literatur auf die Verlagsbranche auswirken?




