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Musik als Protest: Der "Sterzinger Andachtsjodler" wird zum AfD-Gegner
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Musik als Protest: Der "Sterzinger Andachtsjodler" wird zum AfD-Gegner

L'essentiel

  • Ein queer-feministischer Chor aus Augsburg hat den "Sterzinger Andachtsjodler" mit dem Text "Scheiß AfD" neu interpretiert.
  • Die Aktion, die das ARD-Sommerinterview 2023 störte, hat den Jodler zu einem viralen Protestlied gemacht und eine Debatte über die Nutzung von Volksliedern für politische Botschaften ausgelöst.

Résumé généré par IA

Pourquoi c'est important

Ein Vorfall im Jahr 2023, bei dem linke Aktivisten mit Musik die Arbeit eines ARD-Journalisten beim Interview mit der AfD-Parteichefin störten, führte zur Verlegung der Sommerinterviews ins Studio. Der verwendete "Sterzinger Andachtsjodler" hat eine lange Geschichte.

Taille de police

Musik kann helfen, Ängste zu überwinden und den Menschen mutiger zu machen. Musik kann auch furchterregend und verstörend sein. Zum Beispiel, wenn sie zu laut ist.

Als vor einem Jahr der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Markus Preiß, AfD-Parteichefin Alice Weidel im Berliner Regierungsviertel unter freiem Himmel live interviewte, da machte ihm Musik seine Arbeit schwer. Über Lautsprecher, die auf einem Bus montiert waren, spielten linke Aktivisten nur ein paar Meter weiter den „Sterzinger Andachtsjodler“ ab, in einer Neuinterpretation der queer-feministischen Augsburger Gesangsgruppe Corner Chor. Der Text, ein bisschen simpel, aber einprägsam: „Scheiß AfD“. Dieser Vorfall markierte das Ende des ARD-Sommerinterviews in seiner bisherigen Form. In diesem Jahr finden die Gespräche im Studio statt.

Doch woher kommt er ursprünglich, der „Sterzinger Andachtsjodler“? Belegt ist, dass er schon im frühen 19. Jahrhundert während der weihnachtlichen Christmette in Südtirol gesungen wurde. Ein demütiges „Tjo tjo iri, tjo tjo iri, tjo tjo ri ridi ho e tjo iri“, einfühlsam intoniert von Gemeindemitgliedern während der heiligen Wandlung. Acht Takte, mit denen auch Maria ihr Kind in den Schlaf gesungen haben könnte.

In der Neuinterpretation durch die Augsburger Aktivistinnen wurde der Andachtsjodler (auch Metten- oder Rauhnachtjodler) zu einer Kampfansage gegen die Feinde der Demokratie. „Unsere Chorleiterin hatte im Februar 2025 die Idee“, so eine Sprecherin der seit 2019 existierenden, kürzlich mit einem Berliner Popkultur-Preis für herausragendes gesellschaftliches Engagement ausgezeichneten Gruppe Corner Chor. Immer wieder schon habe man sich bekannte Melodien geschnappt, die Titelmelodie der „Tagesschau“ zum Beispiel oder auch etwas von den Comedian Harmonists, und sie mit Texten versehen, die zum Beispiel gegen das Patriarchat Partei ergreifen oder gegen Wohnungsmangel. „Der Erfolg des Scheiß-AfD-Songs hat uns aber besonders überrascht“, sagt Sprecherin „Maggie“, die ihren Nachnamen lieber verschweigt.

Rechtspopulisten fanden die Aktion freilich weniger gelungen, was Maggie und ihren Kolleginnen bereits die ein oder andere Drohung beschert hat.

Dem Erfolg des Gesangs tat es nichts an: Mittlerweile ist „Scheiß AfD“ auf vielen Streamingdiensten abrufbar. Der Jodler dudelt als Klingelton auf Handys, ist in Reels und auf Demonstrationen zu hören und findet sich in „Hitbüchern für den musikalischen Protest“. „Gelegentlich bekommen wir sogar Anfragen aus Österreich oder der Schweiz, ob wir nicht auch noch eine Version gegen die FPÖ oder die SVP einsingen könnten“, sagt die Sprecherin. „Aber da lautet unsere Antwort immer: Singt es bitte selber, dann bringt es mehr.“ Die musikalischen Rechte am Sterzinger Andachtsjodler jedenfalls sind frei.

Als es um das Jahr 1820 in der katholischen Kirche konservative Kräfte auf weltliche Lieder im Gottesdienst abgesehen hatten, da sei in vielen Gemeinden auch der Andachtsjodler aus der Christmette verschwunden, schreibt die Südtiroler Volksmusikforscherin Brigitte Mantinger in einem Beitrag in der Zeitschrift Vierteltakt. Erst sehr viel später sei die Melodie, deren Komponist bis heute unbekannt ist, über den Berliner Gymnasiallehrer und Südtirol-Freund Max Pohl (1869–1928) wieder aufgetaucht: in reichsdeutschen Liederbüchern. So sei für das Jahr 1912 belegt, dass völkische Wanderburschen den Andachtsjodler auf der Seiser Alm sehr laut gesungen hätten. So laut, dass sich Südtiroler „beschämt“ abgewendet hätten.

Die aktuelle Neuinterpretation durch den queeren Augsburger Chor könne nun als eine Art Rückholaktion des Andachtsjodlers zu seinen Ursprüngen gedeutet werden, meinen manche Experten. „Mit nur wenigen Noten und kurzer Melodie vermag der Andachtsjodler eine sehr sanftmütige Stimmung zu erzeugen“, sagt der schweizerisch-österreichische Jodelforscher Raymond Ammann. Die neue offensive Aussage „steht im Widerspruch zur Musik und macht das Lied auch deshalb interessant und lässt den Zuhörer aufhorchen“.

Aus „Hejo spann den Wagen an“ wird „Wehrt euch, leistet Widerstand“

Auch der Innsbrucker Musikwissenschaftler Kurt Drexel hält die neue Betextung für grundsätzlich legitim. „Bekannte Volksweisen haben sich immer schon angeboten, politische Botschaften zu transportieren“, sagt er. Er selbst habe den Erntekanon „Hejo spann den Wagen an“ in den 1970er-Jahren mit dem Text „Wehrt euch, leistet Widerstand gegen das Atomkraftwerk im Land“ bei Demonstrationen gesungen.

Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, fügt noch einen weiteren Aspekt hinzu: „Im Gegensatz zu manch anderen Parteien hat die Linke einmal mehr erkannt, dass der Begriff ,Heimat‘ und die damit verbundenen Lieder und Traditionen für viele Menschen wichtig sind – und daher nicht allein den Rechten überlassen werden sollten.“

Questions ouvertes

  • Wie wird sich die Debatte um politische Musik weiterentwickeln?
  • Welche weiteren traditionellen Melodien könnten für Proteste adaptiert werden?

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This article was originally published by Süddeutsche Zeitung.

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