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„Antikörper sind nicht der Gamechanger bei Alzheimer“
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FAZ6/21/2026Health3 min readGermany

„Antikörper sind nicht der Gamechanger bei Alzheimer“

Quick Look

  • Der Mainzer Biochemiker Christian Behl bezweifelt den Nutzen neuer Antikörper-Therapien gegen Alzheimer und fordert neue Forschungsansätze.
  • Er erklärt, welche Faktoren das Demenzrisiko erhöhen.

AI-generated summary

Why It Matters

Der Mainzer Biochemiker Christian Behl äußert Zweifel an der Wirksamkeit neuer Antikörper-Therapien gegen Alzheimer, die als Hoffnungsträger gelten. Er fordert stattdessen neue Forschungsansätze.

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„Antikörper sind nicht der Gamechanger bei Alzheimer“

Von

Sascha Zoske

21.06.2026, 10:03Lesezeit: 7 Min.

Zwischen Nervenzellen lagert sich Amyloid (gelb) ab – aber ist das auch die Ursache von Alzheimer?Picture Alliance

Im Kampf gegen Alzheimer ruht die Hoffnung auf neuen Antikörper-Therapien. Der Mainzer Biochemiker Christian Behl zweifelt deren Nutzen an. Er fordert neue Forschungsansätze und sagt, was das Risiko für Demenz erhöht.

Herr Behl, vor 120 Jahren hat der Nervenarzt Alois Alzheimer erstmals die später nach ihm benannte Krankheit beschrieben. Haben wir inzwischen verstanden, was diese Art von Demenz verursacht?

Das ist eine der großen Fragen, die uns immer noch beschäftigt. Wir haben in den letzten Jahrzehnten viel über die Pathologie von Alzheimer gelernt, insbesondere über die Ablagerung von Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen im Gehirn. Diese Ablagerungen sind charakteristisch für die Krankheit. Aber ob sie tatsächlich die Ursache sind oder nur ein Symptom, das ist immer noch Gegenstand intensiver Forschung und Debatte.

Die neuen Antikörper-Therapien, wie Lecanemab und Donanemab, zielen darauf ab, diese Amyloid-Ablagerungen zu reduzieren. Sie zeigen in Studien eine gewisse Verlangsamung des kognitiven Abbaus. Dennoch sind die Effekte oft nur moderat, und es gibt Bedenken hinsichtlich der Nebenwirkungen, wie Hirnschwellungen oder Blutungen.

Ich sehe hier nicht den „Gamechanger“, den wir uns erhofft haben. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber wir müssen realistisch bleiben. Diese Therapien sind teuer, sie erfordern eine engmaschige Überwachung und sie sind nicht für jeden Patienten geeignet. Vor allem aber behandeln sie nur ein Puzzleteil des komplexen Krankheitsbildes.

Was ist denn Ihrer Meinung nach das Problem mit diesen Antikörpern?

Das Hauptproblem ist, dass wir uns zu sehr auf die Amyloid-Hypothese fixiert haben. Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass Alzheimer eine multifaktorielle Erkrankung ist, bei der viele Faktoren zusammenspielen. Dazu gehören Entzündungsprozesse im Gehirn, Probleme mit dem Energiestoffwechsel der Nervenzellen, vaskuläre Faktoren, genetische Prädispositionen und auch der Lebensstil.

Wenn wir uns nur auf Amyloid konzentrieren, ignorieren wir möglicherweise andere wichtige Angriffspunkte für Therapien. Wir brauchen einen breiteren Blick auf die Krankheit und müssen verstehen, wie all diese Faktoren interagieren.

Welche anderen Faktoren sind denn besonders relevant für das Demenzrisiko?

Ein ganz wichtiger Faktor ist die Gefäßgesundheit. Hoher Blutdruck, Diabetes, hohe Cholesterinwerte – all das sind Risikofaktoren nicht nur für Herzinfarkt und Schlaganfall, sondern auch für Demenz. Das Gehirn ist ein sehr stoffwechselaktives Organ und benötigt eine gute Durchblutung. Wenn die Blutgefäße geschädigt sind, leiden auch die Nervenzellen.

Auch chronische Entzündungen spielen eine große Rolle. Unser Immunsystem im Gehirn, die sogenannten Mikroglia, kann bei Dauerbelastung dysfunktional werden und selbst Schäden verursachen. Wir sehen bei Alzheimer-Patienten oft erhöhte Entzündungsmarker.

Und der Lebensstil?

Der Lebensstil ist entscheidend. Regelmäßige körperliche Aktivität, eine ausgewogene Ernährung, geistige Aktivität und soziale Interaktion können das Risiko, an Demenz zu erkranken, nachweislich senken. Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum sind hingegen schädlich.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass Schlafstörungen das Demenzrisiko erhöhen können. Im Schlaf werden Abfallprodukte aus dem Gehirn, darunter auch Amyloid, abtransportiert. Wenn dieser Prozess gestört ist, kann sich das negativ auswirken.

Was bedeutet das für die Forschung und die Entwicklung neuer Therapien?

Wir müssen weg von der reinen Fokussierung auf Amyloid. Wir brauchen Therapien, die an mehreren Fronten gleichzeitig angreifen. Das könnten Kombinationstherapien sein, die Amyloid reduzieren, Entzündungen hemmen und den Energiestoffwechsel verbessern.

Wir müssen auch die Prävention stärker in den Fokus rücken. Wenn wir die Risikofaktoren durch einen gesunden Lebensstil und die Behandlung von Grunderkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes minimieren können, ist das der effektivste Weg, um Demenzerkrankungen vorzubeugen oder zumindest hinauszuzögern.

Sollten wir die Antikörper-Therapien also ganz aufgeben?

Nein, das würde ich nicht sagen. Sie können für eine bestimmte Patientengruppe und in Kombination mit anderen Ansätzen durchaus einen Wert haben. Aber sie sind eben nicht die alleinige Lösung, die wir uns erhofft hatten. Wir müssen die Forschung breit aufstellen und dürfen uns nicht in einer einzigen Hypothese verlieren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Alzheimer-Forschung?

Ich wünsche mir mehr Mut zu neuen Wegen. Wir brauchen Grundlagenforschung, die die komplexen Mechanismen der Krankheit besser versteht. Wir brauchen innovative Therapieansätze, die über die reine Amyloid-Entfernung hinausgehen. Und wir brauchen eine stärkere Betonung der Prävention und der Modifikation von Lebensstilfaktoren. Nur so können wir hoffen, die steigende Zahl von Demenzerkrankungen in Zukunft wirksam einzudämmen.

Open Questions

  • Was sind die alternativen Forschungsansätze?
  • Welche Faktoren erhöhen das Demenzrisiko konkret?

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This article was originally published by FAZ.

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