Böden als systemrelevant anerkennen: Warum regenerative Landwirtschaft entscheidend für Ernährungssicherheit und Frieden ist
Quick Look
- Der Artikel warnt vor der globalen Bodendegradation und deren Folgen für Ernährungssicherheit, politische Stabilität und Frieden.
- Er kritisiert die fehlende politische Bereitschaft, intakte Böden als systemrelevant zu behandeln, trotz vorhandener Sondervermögen für Bundeswehr und Infrastruktur.
- Konventionelle Landwirtschaft zerstört Bodenleben, während regenerative Ansätze wie Agroforst und Bodenbedeckung Kohlenstoff binden und Klimaresilienz stärken.
AI-generated summary
Why It Matters
Der Begriff 'systemrelevant' wurde während der Covid-19-Pandemie geprägt, um kritische Infrastrukturen zu beschreiben. Die Weltbank schätzt, dass 40 Prozent der globalen Agrarböden degradiert sind. Die FAO warnt, dass bis 2050 90 Prozent der fruchtbaren Bodenschicht gefährdet sein könnten. Die konventionelle Landwirtschaft profitiert derzeit am meisten von EU-Subventionen, während ökologische Ansätze unterfinanziert bleiben.
Wir haben ein Sondervermögen für die Bundeswehr, eines für die Infrastruktur und das Klima, doch was wir nicht haben, ist die politische Bereitschaft, intakte Böden und damit gesunde Nahrungsmittel und Trinkwasser ebenfalls als systemrelevant zu behandeln. Den Begriff „systemrelevant“ haben wir eigentlich alle mit der Covid-19-Pandemie gelernt. 40 Prozent des Agrarbodens weltweit gelten der Weltbank zufolge als degradiert. Klar ist, und das zeigt die Forschung: Angesichts der Degradation landwirtschaftlicher Böden und eines gestörten Wasserhaushalts entsteht weltweit ein ungeheures Konfliktpotential.
Wenn weltweit die Böden nicht mehr genug produzieren können, vermehren sich Hunger, politische Instabilität und Krieg. Die FAO warnt, dass 90 Prozent der fruchtbaren Bodenschicht der Erde bis 2050 gefährdet sein könnten. Damit geben sie uns eine Einschätzung der Sicherheitslage mit Blick auf Ernährungssicherheit, die alarmierender für uns alle nicht sein könnte.
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Konventionelle Landwirtschaft ist bisher Profiteur
Die konventionelle Landwirtschaft produziert bisher noch genug Nahrungsmittel, doch ihre mechanischen und chemischen invasiven Eingriffe in die Böden zerstören das Bodenleben, das unabdingbar für die Fruchtbarkeit der Erde ist. Bakterien, Würmer und Pilzkulturen sind unsere Laboranten und Köche für das „Buffet“, an dem sich unser Gemüse und Obst bedient. Erst sie machen die Vielzahl der im Boden vorhandenen Nährstoffe für die feinen Wurzeln der Pflanzen in der nötigen Auflösung verfügbar. Letztlich verlieren wir mit Erosion durch Wind und Wasser den Boden, von dem wir leben.
Trotzdem ist es die konventionelle Landwirtschaft, die am meisten von den EU-Subventionen profitiert. Die Greening-Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU greift kaum. Würden die Finanzierungsmechanismen der Gemeinsamen Agrarpolitik konsequent für Agrarumweltschutz nach dem Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ eingesetzt, könnten heute bestehende Umweltprobleme der Landwirtschaft deutlich gemindert werden. Und Landwirtschaft würde nicht zu Klimawandel und Erderwärmung beitragen, sondern ihn reduzieren. Die Förderung der ökologischen Landwirtschaft kam zu spät, war zu halbherzig.
Eine „gesündere“ Landwirtschaft schützt Böden
Inzwischen kann keiner mehr guten Glaubens behaupten, es gäbe keine Dringlichkeit, eine gesündere Landwirtschaft zu betreiben, und zwar weltweit. Die Zahl wissenschaftlicher Studien dazu ist inzwischen erdrückend. Eine klimaresiliente regenerative Landwirtschaft könnte die absehbare Ernährungskrise und das damit verbundene immense Konfliktpotential mittel- und langfristig verhindern. Es geht um Agroforstmethoden und um stärkere Bodenbedeckung, also darum, mit Zwischenkulturen und Hecken den Boden zu schützen und über die Vermehrung pflanzlichen Materials Kohlenstoff im Sinne einer Net-Zero-Landwirtschaft zu binden. Solch eine Landwirtschaft kann eine wichtige Rolle als Carbon-Senke spielen – und damit zur Reduzierung der Erderwärmung beitragen.
Unsere europäischen Gemüse- und Obstregionen, wie Italien, Griechenland und Spanien, sind, was Landwirtschaft betrifft, im kontinuierlichen Krisenmodus. Hunger gibt es bei uns (noch) nicht. Doch die seit Jahren steigenden Nahrungsmittelpreise sind eine Mahnung, dass der Rest der Welt uns nicht weiter einfach so ernähren kann. Als ein Teil der ukrainischen Weizenernten durch den Krieg wegfiel, haben wir eine Idee davon bekommen, wie sich die Dinge auch zu unseren Ungunsten entwickeln können.
In Westafrika, wo ich seit 20 Jahren arbeite und teilweise auch lebe, wird Klimaforschern zufolge die Ernährungsunsicherheit weiter zunehmen. Wir spüren es schon jetzt. Seit drei Jahren versuchen wir in Guinea, eine klimaresiliente regenerative Landwirtschaft aufzubauen, die gesunde nahrhafte Nahrungsmittel produziert. Wir bauen den Boden auf und schützen ihn zum Beispiel mit Obstbäumen durch Beschattung vor Hitze und Austrocknung, sodass er fruchtbar wird – und auch in zehn Jahren noch fruchtbar ist – und das Wasser halten kann. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Und es ist harte Arbeit bei jedem Wetter.
Wir lernen jeden Tag dazu, sehen eine weitere Herausforderung und suchen und finden eine neue hilfreiche Antwort darauf. Initiativen wie unsere gibt es auf allen Kontinenten. Der „Global Tipping Points Report 2025“ nennt sie „Seeds of systemic change“ – Samen des Systemwandels. Solche Initiativen sind wichtig, doch um wirklich global Wirkung zu zeigen, benötigen sie Solidarität, Ressourcen und politischen Willen.
Hinter der Forderung nach einem Sondervermögen „klimaresiliente regenerative Landwirtschaft“ und damit nach gesundem Essen und einem gesunden Lebensumfeld müssten sich eigentlich lagerübergreifend alle Menschen vereinigen können.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Der Druck auf die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU wird bis 2027 zunehmen, wenn die Auswirkungen der Bodendegradation stärker spürbar werden.
Likely · Within years
Initiativen für regenerative Landwirtschaft wie die in Guinea werden ohne zusätzliche internationale Finanzierung und politischen Rückhalt nicht skalierbar bleiben.
Possible · Within years
Open Questions
- Wie lässt sich die Gemeinsame Agrarpolitik der EU reformieren, um öffentlichen Geld für öffentliche Leistungen zu gewährleisten?
- Welche konkreten finanziellen Mechanismen könnten den Übergang zur regenerativen Landwirtschaft in Entwicklungsländern wie Guinea unterstützen?
- Wie lässt sich politischer Wille für ein Sondervermögen 'klimaresiliente regenerative Landwirtschaft' aufbauen, das über Lagergrenzen hinweg konsensfähig ist?



