Chinaschock trifft deutsche Industrie hart – EU erwägt Schutzzölle
Quick Look
- Neue Zahlen zeigen, dass China durch Handelspolitik und Subventionen rund 400.000 Industriearbeitsplätze in Deutschland vernichtet hat.
- Die EU erwägt nun umfassende Schutzzölle gegen chinesische Importe, während Deutschland und Frankreich ihre Chinapolitik überdenken.
AI-generated summary
Why It Matters
Die deutsche Industrie leidet unter Chinas Handelspolitik und staatlichen Subventionen, was zu erheblichen Arbeitsplatzverlusten führt. Dies veranlasst die EU und Deutschland, ihre bisherige Chinapolitik zu überdenken und härtere Maßnahmen wie Schutzzölle in Erwägung zu ziehen.
Neue Zahlen zeigen, wie sehr der Chinaschock der deutschen Industrie schadet. Nun könnte Europa härter gegen Peking vorgehen – weil Bundesregierung und deutsche Wirtschaft umdenken. Friederike Hofmann, Martin Greive, Jakob Hanke Vela, Moritz Koch und Julian Olk 15.06.2026 - 04:05 Uhr Artikel anhören
Frankreichs Präsident Macron: Der G7-Gastgeber will Vermittler zwischen China und USA sein. Foto: IMAGO/Bestimage
Berlin, Brüssel, Paris. In der Europäischen Union verdichten sich die Anzeichen für eine Kursänderung in der Chinapolitik. So dürften die Regierungschefs auf dem EU-Gipfel am Donnerstag die EU-Kommission beauftragen, ein Konzept für umfassende Schutzzölle gegen chinesische Importe zu entwickeln. Auch auf dem am Montag beginnenden G7-Gipfel im französischen Évian steht der Aufstieg der Volksrepublik zur Export-Supermacht auf der Agenda.
Vor allem in Deutschland zeichnet sich ein Kursschwenk ab. So schließt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Schutzzölle gegenüber China nicht mehr aus. „Wir müssen zeigen, dass wir bereit sind, uns zu wehren“, sagt ein Spitzenbeamter. „Die Situation ist nicht mehr zu tolerieren.“ Selbst Deutschlands größter Autohersteller VW plädiert nach Informationen des Handelsblatts für einen härteren Umgang mit China.
Nach einer neuen Analyse der OECD sind rund 60 Prozent der globalen Marktanteilsgewinne chinesischer Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren direkt auf staatliche Subventionen zurückzuführen.
Darunter leidet besonders die deutsche Industrie, wie neue, dem Handelsblatt vorliegende Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigen. Demnach dürfte Deutschland zwischen 2019 und 2025 nur wegen Chinas Handelspolitik etwa 400.000 Industriearbeitsplätze verloren haben. „Das Gros der Deindustrialisierung in Deutschland ist damit auf China zurückzuführen“, sagt IW-Forscher Jürgen Matthes.
Deutscher Kurswechsel
Jahrelang war es Deutschland, das Europa bremste, wenn Brüssel gegen die unlautere Handelspolitik Chinas zurückschlagen wollte. Zu sehr trug der Handel mit China zum deutschen Wohlstand bei. Doch jetzt setzt Chinas wirtschaftlicher Aufstieg der deutschen Wirtschaft immer mehr zu – und Unternehmen und Politik verändern ihre Chinapolitik.
So setzt VW in vertraulichen Gesprächen mit EU-Vertretern neuerdings diese Botschaft: Europa sei zwar in einer schlechten Verhandlungsposition gegenüber China. Aber es sei die beste Position für die nächsten Jahre. Man müsse jetzt handeln. Bislang hatte der Konzern stets vor Protektionismus gegenüber Peking gewarnt.
Gastkommentar – Global Challenges
Die USA und die EU müssen den globalen Handel neu ordnen
Auch das Kanzleramt justiert seine Chinapolitik neu. Die EU müsse sich für einen offenen Welthandel einsetzen, könne und werde aber nicht „tatenlos zusehen“, wenn „andere gemeinsame Regeln nicht einhalten“, sagt Merz und stellt klar: „Wir schützen unsere Interessen und unsere Wirtschaft gegen wettbewerbsverzerrende Handelspraktiken anderer Staaten.“
Ausschlaggebend für den Kurswechsel des Kanzlers war unter anderem ein Forschungspapier der Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser. Das Handelsblatt berichtete kürzlich darüber. Merz, so schildert es ein hochrangiger Beamter, habe sich die Studie daraufhin vorlegen lassen und sei zu dem Schluss gekommen, dass Europa neue Handelsinstrumente brauche.
Zweiter Chinaschock
Die Autoren diagnostizieren wegen des rasanten Anstiegs chinesischer Importe in Schlüsselbranchen wie der Autoindustrie einen „zweiten Chinaschock“ und warnen, dass dieser kein Land so hart wie Deutschland treffe.
Setzte der erste „China-Schock“ nach dem Beitritt der Volksrepublik in die Welthandelsorganisation (WTO) Anfang der 2000er-Jahre vor allem den USA zu, drängt China nun mit subventionierten Produkten immer weiter in einstige Domänen der deutschen Industrie vor.
Autoindustrie
China exportiert deutlich mehr Autos
So erhielten chinesische Unternehmen laut OECD zwischen 2005 und 2024 das Drei- bis Achtfache an staatlicher Unterstützung verglichen mit der Konkurrenz in OECD-Ländern. Hauptsächlich geförderte Branchen: Photovoltaikmodule, Halbleiter, Elektrofahrzeuge und andere Schwerindustrien.
Deindustrialisierung in Deutschland
Die vom IW berechneten Auswirkungen auf die Industriearbeitsplätze in Deutschland korrelieren mit den OECD-Zahlen. So gingen im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland von 2019 bis 2025 rund 520.000 Arbeitsplätze verloren, 400.000 davon nur wegen Chinas aggressiver Wirtschaftspolitik.
Da Peking zudem seine eigene Währung niedrig bewertet hält, liege der preisliche Wettbewerbsvorteil Chinas bei etwa 30 Prozent, kalkuliert Matthes. Entsprechend hohe Importzölle müsste die EU verhängen.
Geldscheine: Die chinesische Währung gilt als unterbewertet. Foto: dpa
Vor solchen weitreichenden Maßnahmen schreckt die Bundesregierung zurück. Sie will neue Zollbefugnisse der EU als Hebel für Verhandlungen verstanden wissen, nicht als Ankündigung eines Zollkriegs.
Innerhalb der Bundesregierung gibt es bei dem Thema unterschiedliche Lager. Das Auswärtige Amt dringt auf eine harte Linie, das Wirtschaftsministerium mahnt zur Zurückhaltung und verweist auf die Abhängigkeiten der deutschen Wirtschaft von China.
Zwar sind die Exporte in die Volksrepublik zuletzt zurückgegangen. Aber 20 Prozent der chinesischen Exporte nach Deutschland seien Produkte deutscher Unternehmen, die diese in der Volksrepublik produzieren. Als ersten Schritt müsse die Wirtschaft daher ihre Abhängigkeit von China reduzieren.
Hilferufe aus der Wirtschaft
Aus Sicht großer Teile der Wirtschaft hingegen muss die EU gleich aktiv werden. So hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) jüngst ein Debattenpapier unter seinen Mitgliedern verteilt, in dem der Verband vor einer „Aushöhlung der industriellen Basis“ in Deutschland warnt. Chinas parteigelenkte Hybridwirtschaft stelle die Resilienz, Wettbewerbs- und Anpassungsfähigkeit Europas infrage.
Der Spitzenverband nennt verschiedene Optionen zum Umgang mit China. Weiterhin nur die Abhängigkeiten von der Volksrepublik zu reduzieren („Derisking“), sei zu langsam, unkoordiniert und wenig durchsetzungsfähig. Ebenfalls hält der BDI nichts von einer strategischen Annäherung an China. Das berge „erhebliche Risiken bei begrenztem Nutzen“.
Geopolitik
Chinas stiller Sieg über Russland
Stattdessen schlagen die Industrievertreter ein „konsequentes Derisking“ vor. Wichtiges Instrument dabei: neue Zölle. „Breitere Zollinstrumente“ seien notwendig – nicht nur diejenigen, die bislang auf den Regeln der Welthandelsorganisation WTO basierten. Handels- und Industriepolitik müssten in einer Agenda für „Systemwettbewerbsfähigkeit“ zusammengeführt werden, in der „ein ganzer Strauß an offensiven und defensiven Instrumenten koordiniert eingesetzt wird“.
Heftige Diskussionen bei BDI-Mitgliedern
Während China-kritische Verbände wie das Maschinenbaubündnis VDMA den Überlegungen im BDI-Papier viel abgewinnen konnten, soll aus Kreisen des Automobilverbands VDA teils deutlicher Widerstand aufgekommen sein. Allerdings soll nicht nur bei VW die Erkenntnis gereift sein, dass umfassendere Abwehrmaßnahmen notwendig seien, sondern auch bei anderen deutschen Autokonzernen, heißt es.
Autoindustrie
BYD pausiert Werk in der Türkei und sucht Standort in Südeuropa
Frankreich ist zwar nicht so hart vom zweiten „China-Schock“ getroffen wie Deutschland, dennoch will Präsident Emmanuel Macron das Thema auf dem G7-Gipfel ganz oben auf die Agenda setzen. Macron versucht dabei, sich als Vermittler zwischen China und den USA zu etablieren.
Mit einem „Gipfel für Wachstum und Konvergenz“ vor Beginn des G7-Treffens ist Frankreich einen Schritt auf China zugegangen. Anders als beim G7-Gipfel war China hier mit dabei. Frankreich möchte weg von einer rein konfrontativen hin zu einer kooperativen, zugleich aber interessengeleiteten Linie.
Der G7-Gipfel in Évian wird zum Testlauf dafür, wie stark Frankreich auf China einwirken kann. Agathe Demarais vom Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR) ist skeptisch: „China hat kein Interesse daran, sich mit der G7 einzulassen, die es als Zusammenkunft alter Mächte geißelt.“
Ringen um deutsche Position
Die Bundesregierung rang vor dem G7-Gipfel und dem EU-Gipfel intern darum, eine Linie zu finden. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wird zwar auch China-kritischer, will aber keinesfalls auf die wirtschaftliche Kooperation mit China verzichten, ist zudem grundsätzlich skeptisch gegenüber Instrumenten zur Abschottung.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) plädiert nach außen hin für härtere Schutzmaßnahmen. Allerdings gibt es in seinem Haus auch Stimmen, die vor zu harten Maßnahmen warnen. Das Kanzleramt denkt zwar um, ist aber weiterhin vorsichtig. Merz’ Europaberater Michael Clauß, als früherer Botschafter in Peking ein ausgewiesener Chinaexperte, steht für eine härtere Linie als Levin Holle, der Leiter der Wirtschaftsabteilung.
Die Grünen kritisieren, dass sich die Bundesregierung „ein riskantes Führungsvakuum“ leiste. Im Kanzleramt scheine der Ernst der Lage mittlerweile erkannt worden zu sein, doch Wirtschaftsministerin Reiche stehe auf der Bremse, sagt die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen, Sandra Detzer. „Der Bundeskanzler muss Führung übernehmen und unseren Mittelstand schützen – auch dann, wenn seine Wirtschaftsministerin dieser Aufgabe nicht gewachsen ist.“
Grüne fordern starkes EU-Mandat
Der Rat solle der EU-Kommission ein starkes Mandat erteilen, „um schnelle, sektorale Schutzmaßnahmen einzusetzen“, fordert Detzer. Schutzmaßnahmen könnten gezielte Ausgleichszölle in Höhe von zunächst 30 bis 50 Prozent pro Sektor betragen.
Das ist auch eine der Optionen, die in Brüssel diskutiert werden. Eine schriftliche Aufforderung der Kommission durch die Mitgliedstaaten wird es wohl nicht geben. Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, eine mündliche Absprache zu treffen. So will sie das Risiko verringern, dass China sich provoziert fühlt und eigene Handelsstrafen vorbereitet. Pekings Restriktionen für Exporte von kritischen Rohstoffen haben die europäische Industrie im vergangenen Jahr empfindlich getroffen.
Kommentar – Contra
Europa sollte Strafzölle gegen China abschaffen
Stephan Scheuer
Verwandte Themen
ChinaDeutschlandEuropäische UnionEuropaG7-GipfelOECD
Eine einheitliche Position gibt es allerdings auch innerhalb der EU noch nicht. Die nordischen Staaten sind eher skeptisch, Schutzzölle zu erlassen, Griechenland auch, Spanien ist komplett dagegen.
Mehr: Schon 400.000 Jobs weg – So hart trifft Deutschland der zweite China-Schock
Mehr Qualität in Ihren Suchergebnissen
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
EU-Gipfel beauftragt Kommission mit Konzept für umfassende Schutzzölle gegen China.
Very likely · Within days
G7-Gipfel thematisiert Chinas Aufstieg zur Export-Supermacht.
Very likely · Within days
Open Questions
- Wie werden China und die USA auf EU-Schutzzölle reagieren?
- Können sich die EU-Staaten auf eine gemeinsame Linie einigen?
- Wie stark wird die deutsche Wirtschaft die Abhängigkeit von China reduzieren können?





