Deutsche Industrie vor neuer Belastungswelle durch Irankrieg
Quick Look
- Die deutsche Industrie sieht sich mit neuen Kostensteigerungen konfrontiert, ausgelöst durch den Irankrieg.
- Experten und Unternehmen befürchten eine anhaltend hohe Belastungswelle bei Energie, Rohstoffen und Transport, die die Nachfrage weiter drosseln könnte.
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Why It Matters
Der Irankrieg hat bereits zu steigenden Kosten in der deutschen Industrie geführt. Die Hoffnungen auf eine Belebung der Nachfrage im zweiten Halbjahr schwinden, während eine neue Welle an Kostensteigerungen droht. Die Preise für Energie, Rohstoffe und Transporte bleiben hoch oder steigen weiter.
Düsseldorf. Die deutsche Industrie steht vor einer weiteren Belastungsprobe. Die Hoffnungen auf eine Belebung der Nachfrage im zweiten Halbjahr schwinden, zugleich droht der Wirtschaft eine neue Welle an Kostensteigerungen.
Die Preise für Energie, Rohstoffe und Transporte werden anhaltend hoch bleiben oder weiter steigen: Zu diesem Ergebnis kommen Recherchen des Handelsblatts bei Unternehmen, Branchenverbänden und Rohstoffexperten zu deren Erwartungen für die kommenden Monate.
Manager fürchten inzwischen ein Szenario, das sie aus vergangenen Krisenjahren kennen: steigende Kosten bei ausbleibendem Wachstum.
Am Mittwochmorgen hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung seine Konjunkturprognose für Deutschland gesenkt – unter anderem mit Blick auf die Folgen des Irankriegs. Eine Einigung zwischen den Kriegsparteien USA und Iran ist weiterhin nicht absehbar. Damit bleibt ungewiss, wann die für die Weltwirtschaft wichtige Meerenge von Hormus wieder offen ist.
Iran-Krieg
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Vor allem schwinden die Erwartungen, dass der Ölpreis deutlich sinkt. Der US-Konzern Exxon Mobil sieht den Ölmarkt wegen der fehlenden Mengen aus Nahost nur noch wenige Wochen von einem kritischen Bestandsniveau entfernt, ab dem die Preise erneut stark anziehen könnten. Amin Nasser, Chef des arabischen Ölkonzerns Saudi Aramco, geht mittlerweile davon aus, dass es bis 2027 dauern könnte, bis die weltweiten Lagerbestände wieder ein normales Niveau erreichen.
Containerschiff in der Straße von Hormus: Die für die Weltwirtschaft wichtige Wasserstraße ist immer noch gechlossen. Foto: Amirhosein Khorgooi/ISNA/AP/dpa
Je länger die Einschränkungen andauern, desto größer wird aus Sicht von Unternehmen und Marktbeobachtern das Risiko dauerhaft hoher Kosten für Energie, Rohstoffe und Logistik. BASF-Chef Markus Kamieth zum Beispiel bleibt beim Ausblick auf die zweite Jahreshälfte zurückhaltend – er erwarte Inflationsdruck und drohende Störungen in den Lieferketten in der Wirtschaft, sagte er vor Journalisten in Frankfurt.
Die Kosten steigen, die Nachfrage nicht
Für viele Industriebetriebe kommt diese Entwicklung zur Unzeit. Die Hoffnung auf eine kräftige Nachfragebelebung im zweiten Halbjahr hat sich bislang nicht erfüllt. „Die Preise für Rohstoffe und Transport werden in diesem Jahr nicht mehr signifikant sinken“, erwartet Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des deutschen Chemieverbands VCI. „Es stehen uns ohne Frage heiße Zeiten bevor.“
In energieintensiven Industrien wie der Chemie gehen mehr als 80 Prozent der Firmen von weiteren Belastungen durch teure Rohstoffe und Transporte aus, ergab eine Umfrage des VCI unter seinen Mitgliedsfirmen. Die Risiken nähmen mit der Dauer des Konflikts und der Blockade der Straße von Hormus zu.
Die Firmen fürchten, dass diese Entwicklung die Nachfrage im zweiten Halbjahr 2026 weiter drosseln wird. Aktuell profitieren viele Chemiefirmen zwar von Vorzieheffekten: Kunden tätigen Hamsterkäufe, weil sie mögliche Versorgungsengpässe vermeiden wollen. Doch dies wird nur als kurzfristiger Effekt gesehen. Eine grundsätzliche Erholung der Weltwirtschaft ist nach übereinstimmender Ansicht führender Chemiemanager nicht in Sicht.
Bislang konnten Industriefirmen etwa aus der Chemie noch mit der Erhöhung ihrer Verkaufspreise gegensteuern. Diese Erhöhungen machen sich in der verarbeitenden Industrie bemerkbar und werden am Ende beim Verbraucher im Super- oder Baumarkt ankommen. Schon von Januar bis Mai hat sich die Inflation in der Euro-Zone im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 3,4 Prozent fast verdoppelt, wie offizielle Zahlen von Eurostat zeigen.
Nach einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung Simon-Kucher unter 220 deutschen Industriefirmen erwarten die Unternehmen im Durchschnitt Kostensteigerungen von elf Prozent infolge der weiteren Auswirkungen des Irankriegs.
Gleichzeitig zeigt die Erhebung ein weiteres Problem: Die Unternehmen können die höheren Kosten nicht komplett an ihre Kunden weiterreichen. Lediglich rund zwei Drittel der zusätzlichen Belastungen lassen sich demnach über Preiserhöhungen kompensieren. Der verbleibende Teil muss intern aufgefangen werden – über Einsparungen.
Energiemarkt könnte bereits im Sommer in kritische Phase eintreten
Die steigenden Kosten machen sich bereits entlang nahezu aller Wertschöpfungsketten bemerkbar.
Für Druck sorgt zunächst der Energiemarkt. Die Blockade der Straße von Hormus hat dem globalen Markt laut Schätzungen der Großbank UBS bereits mehr als eine Milliarde Barrel (je 159 Liter) Öl entzogen und die weltweiten Ölreserven in ungewöhnlich hohem Tempo schrumpfen lassen.
Bisher sorgt allein die Freigabe der Reserven für ein stabiles Niveau des Ölpreises von rund 100 Dollar. Doch allein im Mai seien die globalen Vorräte mit einer Rekordrate von bis zu 8,7 Millionen Barrel pro Tag gesunken, schreiben die Goldman-Sachs-Analysten um Daan Struyven.
Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), warnt: Der Markt könne angesichts der sommerlichen Nachfragespitze und fehlender zusätzlicher Lieferungen bereits im Juli oder August in eine kritische Phase eintreten. Sollten die Bestände weiter sinken, drohten sprunghafte Preisbewegungen.
BASF-Chef Kamieth warnt vor einem neuen Ölpreisschock wegen des Irankriegs im zweiten Halbjahr und fürchtet stark schwankende Preise. Experten wie Arne Lohmann Rasmussen von Global Risk Management erwarten dann keine schrittweise Preisreaktion mehr. Stattdessen drohe ein sprunghafter Anstieg auf 130 bis 150 Dollar je Barrel.
Auf dem europäischen Gasmarkt wächst ebenfalls die Nervosität: Die Gaspreise liegen aktuell bei rund 50 Euro pro Megawattstunde und damit 60 Prozent höher als vor Beginn des Irankriegs.
Gasspeicher ungewöhnlich leer
Eine Entspannung ist nicht in Sicht, wie die Gaspreis-Futures am niederländischen virtuellen Handelsplatz TTF zeigen. Nach Einschätzung des britischen Energiemarktforschers Icis hängt die weitere Entwicklung auch hier von der Dauer der Hormus-Blockade ab. Jede Verzögerung bei der Öffnung der Meerenge würde deutlich höhere Preise nach sich ziehen, als der Markt jetzt schon erwartet.
Der Wettbewerb um das verfügbare Flüssigerdgas (LNG) ist jetzt schon hoch und dürfte weiter steigen – auch wegen der Situation in Deutschland. Die heimischen Gasspeicher sind leer, die Befüllung schreitet nur langsam voran. Einige Marktakteure warten mit der Speicherbefüllung ab und hoffen auf sinkende Preise zum Ende des Sommers.
„Die Situation der Gasspeicher ist angespannt. Die Terminmarktpreise geben aktuell kaum Anreize, um im großen Stil Gas einzuspeichern“, sagt Andreas Schröder, Gasmarktspezialist bei Icis.
Europa muss seine Speicher aber vor dem Winter füllen. Gleichzeitig könnte das Wetterphänomen El Niño die Nachfrage nach Flüssiggas in Asien im zweiten Halbjahr erhöhen. Grund: Wegen der erwarteten Wetterlage könnten die Temperaturen in vielen Ländern der Region steigen, was zu einem vermehrten Betrieb von Klimaanlagen führen würde.
Da zusätzlich erforderliche Strommengen häufig mit Gaskraftwerken erzeugt werden, würde auch die Nachfrage nach Flüssiggas steigen. Europa müsste dann noch stärker mit asiatischen Abnehmern um verfügbare LNG-Lieferungen konkurrieren.
„Wir glauben, dass der Markt die fehlenden LNG-Volumen aus Katar noch nicht voll eingepreist hat und noch nicht vollständig die Knappheiten wiedergibt, die sich aus dem hohen Wettbewerb um die restlichen LNG-Volumen zwischen Asien und Europa ergeben“, sagt Icis-Energiespezialist Schröder.
Kosten bei energieintensiven Industrien spürbar
Für die Industrie sind die Folgen davon unmittelbar spürbar. „Höhere Energiepreise belasten die Industrie insgesamt“, erklärt Thyssenkrupp Steel. Für die Stahlproduktion sei insbesondere Gas von zentraler Bedeutung. „Ein dauerhaft höherer Gaspreis hätte direkte Auswirkungen auf die Produktionskosten, da Erdgas an vielen Stellen der Produktion eingesetzt wird“, heißt es bei dem Unternehmen.
Mit Sorgen blickt auch die Papierindustrie auf die nächsten Monate. Zwar seien die Mehrkosten bei Erdgas spürbar, noch gravierender seien jedoch zusätzliche Belastungen durch CO2-Kosten, Energiesteuern und Netzentgelte, heißt es beim Verband der deutschen Papierindustrie. Gleichzeitig bekomme die Branche die Folgen einer schwächeren Konsumstimmung zu spüren.
Doch nicht nur Energie verteuert sich, auch die Logistik wird zum Kostenproblem. Der Inflationsdruck steigt durch die weiterhin anziehenden Transportpreise.
Transport: Dieselpreise bleiben hoch
„Verlader aus Industrie und Handel beziehungsweise deren Spediteure spüren Verfügbarkeits- und Kostendruck aktuell besonders stark“, fasst Gunnar Gburek, Head of Business Affairs bei der Frachtbörse Timocom, die Ergebnisse einer aktuellen Kundenbefragung zusammen.
Kostentreiber seien knapper Laderaum, fehlende Lkw-Verfügbarkeiten, Fahrermangel sowie steigende Kosten für Diesel, Maut und Betrieb.
Die Transportpreise innerhalb Deutschlands lagen von Januar bis Mai durchgehend über dem Vorjahresniveau. Im Mai zahlten Auftraggeber durchschnittlich 2,19 Euro pro Kilometer und damit mehr als 17 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Insbesondere der gestiegene Dieselpreis schlägt sich unmittelbar in den Transportkosten für Lebensmittel nieder, wie der Kreditversicherer Atradius beobachtet. Folge: Lebensmittel könnten kurz- und mittelfristig bis zu zehn Prozent teurer werden.
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Nicht nur im Straßengüterverkehr steigen die Kosten ungebremst. Auch bei den Frachtraten auf See geht es seit Ausbruch des Irankriegs nur in eine Richtung: nach oben. Kostete ein Containertransport nach Daten des Shanghai Containerized Freight Index (SCFI) Ende Februar auf dem Spotmarkt noch durchschnittlich 1432 Dollar, notierte der Preis Anfang Juni bei 2726 Dollar.
Mehr: USA und Iran greifen sich weiter an – Pakistans Innenminister reist als Vermittler nach Teheran
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What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Ölpreise könnten auf 130 bis 150 Dollar je Barrel steigen.
Possible · Medium term
Der Energiemarkt könnte im Juli oder August in eine kritische Phase eintreten.
Possible · Short term
Lebensmittel könnten kurz- und mittelfristig bis zu zehn Prozent teurer werden.
Possible · Medium term
Open Questions
- Wann wird die Straße von Hormus wieder geöffnet?
- Wie lange werden die hohen Energie-, Rohstoff- und Transportkosten anhalten?
- Wie stark wird die deutsche Industrie die Kostensteigerungen intern auffangen müssen?
- Welche weiteren Auswirkungen wird der Irankrieg auf die Weltwirtschaft haben?





