Die ideologischen Wurzeln des muslimischen Antisemitismus
Historiker Omar Kamil analysiert in seinem neuen Buch, wie sich der Antisemitismus in der arabischen Welt entwickelte und warum Israel zum Projektionspunkt kollektiver Ohnmacht wurde.
Quick Look
- Der Historiker Omar Kamil untersucht in seinem Buch die historischen und ideologischen Ursprünge des muslimischen Antisemitismus.
- Er zeigt auf, wie europäische antisemitische Narrative in die arabische Welt transformiert wurden und Israel zum Symbol für kollektives Scheitern avancierte.
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Why It Matters
Der Artikel analysiert die historischen Wurzeln des muslimischen Antisemitismus, insbesondere im Kontext des Nahostkonflikts und der Gründung Israels.
Es gibt zwei arabische Wörter, die aufhorchen lassen: Yahudi (Jude) und Sahyuni (Zionist). Sie werden meist verwendet, um das Gegenüber als „Feind“ zu markieren, zu beleidigen und herabzuwürdigen. Seit dem barbarischen Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 grassiert der muslimische Antisemitismus massiv in Deutschland. Juden, die auf der Straße bespuckt und verprügelt werden. Jüdische Studenten, die sich an den Universitäten nicht mehr sicher fühlen. Jüdische Gedenkorte, die beschmiert werden.
Der Gazakrieg hat viele Muslime und arabischstämmige Deutsche emotionalisiert. Israel dient dabei als Projektionsfläche für den spannungsgeladenen Nahostkonflikt. Das Potpourri an Emotionen entlädt sich an „den“ Juden, die für die Politik des Staates verantwortlich gemacht werden: Wut und Trauer über den zerstörten Küstenstreifen und die Zehntausenden Toten, die Ohnmacht der Vereinten Nationen und der arabischen Staaten, aber auch der Zorn und Neid gegenüber den militärischen und technologischen Fähigkeiten des jüdischen Staates. Doch aus welchen ideologischen Quellen speist sich der muslimische Antisemitismus? Wie hat er sich verbreitet – und weshalb ist er in der arabischen Welt so wirkmächtig?
Diesen Fragen geht der Historiker Omar Kamil in seinem Buch nach. Er forscht und lehrt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu jüdischer und arabisch-islamischer Geschichte. In seiner Darstellung kann Kamil auf seine Erfahrungen zurückgreifen: Er ist in Kairo aufgewachsen, hat in Deutschland und Israel gelebt, studiert und gearbeitet. Zudem spricht der Politikwissenschaftler Hebräisch und Arabisch. Aus diesem Fundus schöpft sein Buch eine inhaltliche Tiefe, die beeindruckend ist.
Zunächst schildert Kamil, wie sich Judentum und Islam von der Zeit des Propheten Muhammad bis zum Zerfall des Osmanischen Reiches wechselseitig befruchtet haben. Jüdisch-islamische Geschichte sei nie nur Nähe und nie nur Feindschaft gewesen, „sondern immer beides zugleich“. Sodann wird eindrücklich erklärt, wie rasant sich die Ritualmordlegende im Zuge der Damaskus-Affäre von 1840 verbreitete. Habib Faris, ein griechisch-katholischer Libanese und Lehrer, nutzte sie als Grundlage für seine antisemitischen Artikelserien. Dessen 1891 erschienenes Werk „Der Schrei des Unschuldigen nach Freiheit und die talmudische Opfergabe“ sei das „erste antisemitische Buch“ in arabischer Sprache gewesen. Er habe den europäischen Antisemitismus in ein arabisches Narrativ transformiert, „das sich als moralische Aufklärung ausgab, tatsächlich aber Feindseligkeit als Humanismus tarnte“.
Schließlich entwickelte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein „arabisch-islamischer Antisemitismus“. Eine wichtige Rolle hat dabei der ehemalige Großmufti von Jerusalem, Muhammad Amin al-Husaini, gespielt, der 1941 in Berlin Zuflucht gefunden hatte. Der bekennende Panarabist suchte den Schulterschluss mit Nazi-Deutschland. Der Palästinenser hatte, wie Kamil darlegt, die arabische Welt zur Solidarität mit dem Dritten Reich aufgefordert, antisemitische Propaganda verbreitet und für muslimische SS-Einheiten auf dem Balkan geworben. „Es war ein verhängnisvoller Pakt, der auch auf ideologischer Verblendung gründete.“
An diesem Punkt holt Kamil aus. Er erkennt seit Napoleons Landung in Ägypten 1798 ein bitteres Echo, das durch die arabische Moderne hallte: „der Zusammenbruch gewachsener Ordnungen, das Herausgerissen-Sein aus dem eigenen historischen Rhythmus“. Die arabischen Gesellschaften seien von der Moderne überrollt, zerstückelt und neu vermessen worden. Dieses Gefühl der Ohnmacht habe sich im Ersten Weltkrieg verstärkt. Noch immer gilt das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 als „Geburtsstunde eines künstlich gegliederten Nahen Ostens“.
In einem ideologischen Kurzschluss seien die Verfolgung und Vernichtung der Juden nicht als universelles Trauma anerkannt, sondern als Ausdruck europäischen Versagens interpretiert worden, dessen Konsequenzen nach Palästina verlagert werden sollten. Demnach erschien vielen Arabern „die zionistische Forderung nach einem eigenen Staat“ nicht als legitime Suche nach einer sicheren Heimat, sondern als kolonialer Übergriff und als Enteignung der palästinensisch-arabischen Bevölkerung. „Israels Gründung wurde damit symbolisch zur Zementierung des Verlusts von arabischer politischer Gestaltungsmacht, kultureller Identität und historischer Selbstbestimmung“, konstatiert Kamil. „Der jüdische Staat wurde zum Spiegelbild des eigenen Scheiterns, zum Sinnbild für historische Ungerechtigkeiten und Verletzungen – und schließlich zum scheinbar legitimen Ziel symbolischer wie realer Angriffe.“
Durch diese Wahrnehmung seien israelischer Staat und jüdisches Volk, Zionismus und Judentum, untrennbar miteinander „verschmolzen“: „Politische Kritik verwandelte sich in metaphysische Anklage, territoriale Konflikte wurden zu moralischen Kämpfen.“ Auf diesem Nährboden keimte der arabisch-islamische Antisemitismus. Die neue Ideologie verbreitete sich von Kairo aus wie ein Funkenflug und erfasste politische Salons, Sendestudios, Parteiprogramme, Redaktionen, Klassenzimmer, Universitäten, Theaterbühnen und Freitagsgebete. Welche Stimmen dieses Feindbild kultivierten, veranschaulicht Kamil auf instruktive Weise.
Beispielsweise bündele sich in den Schriften von Ahmad Hasan az-Zayyat die ideologische Verschiebung jener Epoche, „in der Bewunderung für europäische Aufklärung und Bildungsideale in erbitterte Kritik umschlug“. Die Nakba, die Vertreibung und Flucht von mehr als 700.000 Palästinensern im Zuge der Staatsgründung Israels 1948, nimmt hierbei eine zentrale Stellung ein.
Az-Zayyat, der 1933 die reichweitenstärkste Zeitung der arabischen Intelligenz, ar-Risala (Die Botschaft), gründete, verstand die militärische Niederlage der arabischen Staaten 1948 als Demütigung. Er habe nicht nach Ursachen gefragt, sondern nach Schuldigen gesucht. Dabei, so Kamil weiter, griff er auf islamische Deutungsmuster zurück, in denen Juden seit Jahrhunderten als Dhimmis (Schutzbefohlene) galten: „geschützt, aber politisch ohnmächtig, in der Diaspora lebend, schwach und militärisch machtlos“. Der „zionistische Sieg“ erschien ihm daher nicht bloß als politisches Ereignis, sondern als „kosmische Störung, als Bruch mit der göttlichen Ordnung“.
„Sagte man, die Juden besäßen die Macht in Palästina“, schrieb az-Zayyat, „so wäre dies, als hätte man gesagt: Eine Schar von Hasen bildet einen Staat im Wald der Löwen.“ Dieser Vergleich enthülle, analysiert Kamil, ein tief verwurzeltes Weltbild, das die Stellung der Juden durch koranische Demutsgebote und die Geschichte der Diaspora als dauerhaft untergeordnet definierte: „wie Schlangen ohne Gift, wie Vulkane ohne Lava“.
Überdies beschreibt Kamil, wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ aus dem zaristischen Russland ihren Weg in das arabische Bewusstsein fanden. Die antisemitische Hetzschrift sei von Nationalisten wie dem ehemaligen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, einer Symbolfigur des arabischen Nationalismus, zum Beweisstück erhoben worden. Vor diesem Hintergrund sei die Niederlage im Sechstagekrieg 1967 zur Stunde der Islamisten geworden – und habe ein weiteres politisches Trauma in einen „ideologischen Sprengsatz“ verwandelt.
Omar Kamil zeichnet in vier Kapiteln die Geschichte des muslimischen Antisemitismus nach und legt die facettenreichen Diskurse der arabischen Welt offen. Die historischen Zäsuren, die den Nährboden für Antisemitismus bereiteten, werden polit-psychologisch erhellend eingeordnet. Kamils Buch ist luzide geschrieben und analytisch-kraftvoll – und erscheint genau im richtigen Moment. Wer begreifen möchte, wie sich antisemitische Stereotype in arabischen Gesellschaften – und auch hierzulande – so stark verfestigt haben, wird diese Studie mit Gewinn lesen.
Open Questions
- Wie lässt sich die Verbreitung dieser Ideologie in der Praxis stoppen?





