Eichenprozessionsspinner: Spezialisten entfernen Nester am Garchinger See
Quick Look
- Spezialisten einer Baumpflegefirma entfernen Nester des Eichenprozessionsspinners am Garchinger See, um die Sperrung des Naherholungsgebiets aufzuheben.
- Die Raupen können schwere allergische Reaktionen auslösen.
- Die Firma ist seit Wochen im Umland im Einsatz.
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Why It Matters
Der Eichenprozessionsspinner breitet sich in diesem Jahr besonders stark aus, begünstigt durch ein trockenes Frühjahr und Wärme. Die Raupen können bei Menschen und Tieren schwere allergische Reaktionen auslösen.
Haese trägt eine komplette Schutzmontur: einen orangefarbenen Ganzkörperanzug. Die Beine sind oberhalb der Schuhe mit schwarzem Panzertape umwickelt, damit nichts hochrutschen kann und die gefährlichen Härchen der Raupen auf die Haut gelangen könnten; dasselbe gilt für die Ärmel und die Handschuhe, die den Baumkletterer schützen. Kopf und Gesicht sind hinter einer Vollmaske verborgen. Unten angekommen, schält sich der Baumkletterer aus dem Anzug, nimmt die Maske ab und holt erst einmal tief Luft. Es ist eine schweißtreibende Arbeit, und Haese sieht aus, als sei er gerade einem Katastrophenfilm entsprungen.
Jan Elstermann von Elsters Baumpflegefirma ist von der Stadt Garching beauftragt worden, die Nester des Eichenprozessionsspinners rund um den Garchinger See fachmännisch zu entfernen, damit die Sperrung der Uferbereiche in dem Naherholungsgebiet wieder aufgehoben werden kann. Seit Ende Mai warnen dort Schilder und am Radschnellweg vor dem Schädling. Die Raupen des Nachtfalters können bei Menschen und Tieren wie Hunden oder Pferden schwere allergische Reaktionen auf der Haut und in den Augen auslösen. Bei vorerkrankten oder hochempfindlichen Personen kann es sogar zu Atemnot kommen, wenn die feinen Brennhärchen eingeatmet werden.
Während die Baumpfleger an diesem frühen Morgen konzentriert ihre Arbeit verrichten, kommen ein paar Spaziergänger mit ihren Hunden vorbei. Die Vierbeiner sind zum Glück angeleint, haben aber viel Platz zum Schnuppern im dichten Grün neben dem Weg. Die Warnschilder am Zugang zum See haben die beiden Frauen und der Mann offenbar nicht gesehen und erkundigen sich, was der sich gerade abseilende Haese dort gemacht hat. Gutknecht und Elstermann von Elster klären sie über das Risiko für ihre Tiere auf – und schon werden die Mischlinge zurückgepfiffen.
Die Baumpfleger aus München-Trudering sind seit ein paar Wochen im Umland unterwegs, wo sich der Eichenprozessionsspinner in diesem Jahr besonders ausbreitet. Das trockene Frühjahr und die Wärme sind nach Angaben der Spezialisten die Treiber des verstärkten Befalls. Einen Tag vor ihrem Einsatz am Garchinger See haben die beiden Baumpfleger nach eigenen Worten „an die 30 Bäume“ an der Ruderregattastrecke in Oberschleißheim bearbeitet. Nachmittags geht es dann mit dem Spezialfahrzeug an den Feringasee in Unterföhring, wo an sieben Eichen Nester des Prozessionsspinners gesichtet worden sind, weshalb am vergangenen Wochenende die FKK-Halbinsel gesperrt werden musste. Wie das Münchner Landratsamt mitteilt, sind die Raupen beseitigt und die Sonnenanbeter können den beliebten Bereich am See wieder nutzen.
Zum ersten Mal in Berührung gekommen ist die Baumpflegefirma Elster im Jahr 2017 mit dem Schädling. Damals noch im Nürnberger Land, wo bereits seit längerer Zeit massive Trockenheit herrscht, wie der Chef erzählt, während er die kleinen Tüten mit den Nestern in einen stabileren Plastikbeutel verfrachtet. Dieser muss zusammen mit den anderen als Sondermüll entsorgt und in geeigneten Anlagen verbrannt werden. Inzwischen nehmen sich die Raupen auch die Eichen im Raum München vor.
Für die Spezialisten geht es nun auf die andere Seite des Garchinger Sees. An zwei weiteren stattlichen Bäumen in Ufernähe kleben ovale Gespinste. Haese zieht einen neuen Anzug an, nimmt sich Handschuhe, die Beine und Arme werden an den Bündchen mit Klebeband umwickelt. Dann steigt der 28-Jährige in den Korb des Fahrzeugs und steuert ihn per Fernbedienung in die Luft. Haese trägt jetzt eine andere Maske, eine mit Rückengebläse. Sie macht die Arbeit für ihn weniger stickig und anstrengend, weil permanent frische Luft in den Kopfschutz nachströmt. Zum Einsatz kommt diesmal ein surrender Sauger, der die Gespinste entfernt. Sind sie zu groß für dessen Öffnung, muss Haese wieder zur Kleberdose greifen.
Elstermann von Elster inspiziert derweil die umstehenden Eichen und deutet auf einen nahezu kahl gefressenen Ast, an dem sich ein fast unsichtbarer hauchdünner Faden im Wind bewegt. Der Fachmann weiß, wo er hinschauen muss: „Da waren die Prozessionsspinner am Werk“, sagt er und bittet seinen Kollegen oben im Korb, noch eine Runde zu drehen. Haese schwebt in eine andere Richtung, wird tatsächlich fündig und macht die Schädlinge dingfest. Ein paar Raupen fallen allerdings runter, der Baumpfleger ortet sie und verabreicht ihnen eine Ladung Sprühkleber, ehe sie in die Mülltüte kommen. Auch am Boden sind sie gefährlich, betont der 37-Jährige.
Wie aufs Stichwort zeigt Firmenchef Jan Elstermann von Elster seine Unterarme. Sie sind voller Bläschen, die Haut ist gerötet und angeschwollen, es juckt arg. Doch der Prozessionsspinner-Spezialist nimmt den Ausschlag gelassen: „Nicht dran denken und bloß nicht kratzen“, sagt er. In zwei, drei Tagen seien die kleinen Pusteln dank einer kortisonhaltigen Salbe wieder abgeheilt, versichert er aus Erfahrung. Entstanden seien sie offenbar nach dem Einsatz an der Ruderregatta, als er das Rohr vom Sauger gereinigt und dabei „wohl nicht gut aufgepasst“ habe, mutmaßt er. Kollege Haese ist da nach eigenen Worten nicht so empfindlich, hat aber eine andere Schwachstelle, wie er einräumt: „Ich bin allergisch auf alles, was blüht.“ Gut, dass diese Phase schon bald vorbei ist.
Der Eichenprozessionsspinner aber hat noch ein paar Wochen Hauptsaison: Bis in den Juli hinein versammeln sich die Raupen in sogenannten Prozessionen und häuten sich. Ihre feinen Brennhaare brechen leicht ab und enthalten Thaumetopoein, ein Nesselgift, das beim Menschen allergische Reaktionen an Haut, Augen und Atemwege auslösen kann – bis hin zu Bronchitis, Asthma oder sogar Schockreaktionen. Die Brennhaare können zudem durch den Wind verbreitet werden und bleiben auch nach längerer Zeit noch wirksam. Die Truderinger Baumpfleger dürften also in den kommenden Wochen zu weiteren Spezialeinsätzen ausrücken.
Open Questions
- Wie lange wird die Hauptsaison des Spinners noch andauern?
- Gibt es langfristige Auswirkungen auf die betroffenen Eichenbestände?
