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Gabriel Zucman verteidigt seine Idee einer Flat-Tax für Superreiche
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Handelsblatt6/22/2026Business12 min readGermany

Gabriel Zucman verteidigt seine Idee einer Flat-Tax für Superreiche

Quick Look

  • Der Ökonom Gabriel Zucman schlägt eine Mindeststeuer von zwei Prozent für Vermögen über 100 Millionen Euro vor, um die Steuerungerechtigkeit bei Superreichen zu bekämpfen.
  • Er verteidigt die Idee gegen Einwände von Familienunternehmern und betont die Notwendigkeit einer fairen Beitragsleistung aller.

AI-generated summary

Why It Matters

Der Ökonom Gabriel Zucman kritisiert die unzureichende Besteuerung von Superreichen und schlägt eine Mindeststeuer vor. Er argumentiert, dass diese Gruppe faktisch kaum Einkommensteuer zahlt und dies ein Gerechtigkeitsproblem darstellt.

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Aus dem Handelsblatt-Archiv: Der Ökonom Gabriel Zucman verteidigt seine Idee einer Flat-Tax für Superreiche. Ein Gespräch über Oligarchen, Milliardäre und darüber, warum er auch Familienunternehmer nicht schonen würde. Sven Prange 22.06.2026 - 15:14 Uhr Artikel anhören

Düsseldorf. Gabriel Zucman schaltet sich an diesem Montag Anfang Januar aus Paris zu. Das ist insofern bemerkenswert, als der französische Ökonom mittlerweile im kalifornischen Berkeley lehrt. Das liegt nicht nur daran, dass Zucman in den vergangenen Jahren in der internationalen Ökonomenwelt ziemlich nach oben gespült wurde, sondern ist auch praktisch, weil viele Anschauungsobjekte seiner Forschung hier in direkter Nachbarschaft leben. Denn Zucman beschäftigt sich mit den Superreichen dieser Welt.

Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Whiteboard voller Formeln und Kurven, in die Ecke hat er seinen Rucksack geworfen. Er trägt einen grauen Pulli, die Haare sind leicht verstrubbelt. Das wäre nicht weiter wichtig, stünde das nicht alles auch für seine Arbeit: Wohlmeinende halten Zucman für unkonventionell, andere finden ihn polarisierend bis unernst.

Fakt ist: Zucman hat viel mit Datenreihen geforscht und leitet daraus eine Kritik an den Superreichen dieser Welt ab, die es mit einer ökonomischen Fundierung in Kreise geschafft hat, die Ökonomen sonst eher nicht erreichen. Gleichzeitig stellt er für viele eine Zumutung dar, weil er durchaus auch mit Verknappungen und Zuspitzungen arbeitet. So auch in „Reichensteuer“, einem kleinen Büchlein mit großer Sprengkraft, das dieser Tage im altehrwürdigen Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erscheint. Zeit für ein Gespräch also.

Herr Zucman, Sie sagen, Deutschland sollte Milliardäre stärker besteuern. Der deutsche Staat hat so viel Geld zur Verfügung wie nie. Warum sollte er noch mehr bekommen?

Es geht mir nicht darum, die Steuerquote – also das Verhältnis von Steuern zum Bruttoinlandsprodukt – zwingend zu erhöhen.

Sondern?

Mein Punkt ist ein anderer: Deutschland braucht, wie andere Länder auch, eine funktionierende Besteuerung von Milliardären. Entscheidend ist nicht die Höhe der Staatseinnahmen an sich, sondern die Frage, ob alle Gruppen einen fairen Beitrag leisten.

Ökonom Zucman: „Wer extrem reich ist, soll jedes Jahr eine Mindeststeuer zahlen – ohne Ausnahmen.“ Foto: picture alliance / SIPA

Was genau ist aus Ihrer Sicht heute unfair?

Der Kern des Problems ist, dass Superreiche faktisch keinen Mindestbeitrag leisten müssen. Es ist heute möglich, über Jahre hinweg extrem reich zu sein und dennoch kaum oder gar keine Einkommensteuer zu zahlen. Das ist nicht nur ein fiskalisches Problem, sondern ein fundamentales Gerechtigkeitsproblem. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum jemand mit einer Milliarde Euro Vermögen steuerlich besser gestellt sein sollte als ein gut verdienender Angestellter oder Unternehmer. Gleichheit vor dem Gesetz ist ein zentrales demokratisches Prinzip – und genau dieses Prinzip wird an der Spitze der Vermögensverteilung verletzt.

Sie sagen, die Einkommensteuer „verflüchtige“ sich an der Spitze. Was meinen Sie damit konkret?

Wir hatten lange Zeit nur anekdotische Hinweise: spektakuläre Fälle, Enthüllungen, investigative Recherchen – etwa von Pro Publica in den USA. Dort zeigte sich, dass Milliardäre wie Jeff Bezos oder Elon Musk extrem wenig Einkommensteuer zahlten. In einem Jahr wies Bezos so wenig Einkommen aus, dass er Anspruch auf Familienleistungen hatte.

In jedem System gibt es ab und an extreme Ausreißer.

Inzwischen wissen wir aber: Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Phänomen. In allen Ländern, in denen es belastbare Studien gibt – oft in Kooperation mit Steuerbehörden –, zeigt sich dasselbe Muster. Am oberen Ende der Vermögensverteilung verschwindet die Einkommensteuer fast vollständig.

Vita

Gabriel Zucman ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Paris School of Economics und an der Universität Berkeley. Sein Doktorvater ist der französische Ökonom Thomas Piketty, der durch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ bekannt und umstritten wurde. Zucman forscht und lehrt zu Vermögensverteilung und Steuerfragen.

Zucman, 39, wurde Anfang 2021 Leiter der neugegründeten europäischen Steuerbeobachtungsstelle der EU.

Warum ist das so?

Der Grund ist vergleichsweise banal: Wer extrem reich ist, kann sein Vermögen so organisieren, dass daraus kaum steuerpflichtiges Einkommen entsteht. Gewinne werden nicht realisiert, Vermögen wird in Holdingstrukturen verschoben, Einkommen in Kapitalgewinne umgewandelt oder zeitlich verschoben.

Es gibt Gesetze, die genau das vorsehen. Wo ist das Problem?

Das ist kein illegales Verhalten, sondern eine systematische Schwäche der Einkommensteuer. Deshalb reicht es nicht, Steuersätze zu erhöhen oder Schlupflöcher einzeln zu schließen. Man braucht einen strukturellen Ansatz – und der ist eine Mindeststeuer.

Was schlagen Sie konkret vor?

Der Vorschlag ist bewusst einfach gehalten: Wer extrem reich ist, soll jedes Jahr eine Mindeststeuer zahlen – ohne Ausnahmen.

Gabriel Zucman: Reichensteuer, Suhrkamp, 2026, 63 Seiten, 12 Euro. Foto: Suhrkamp

Und wer ist „extrem reich“?

Das definiere ich als ein Vermögen von mehr als 100 Millionen Euro.

Und warum nicht 200 Millionen?

Diese Schwelle ist nicht willkürlich. Studien zeigen, dass ab diesem Niveau die Einkommensteuer fast systematisch verschwindet. Unterhalb davon funktioniert sie deutlich besser. Deshalb ist es sinnvoll, genau dort anzusetzen.

Wie funktioniert diese Mindeststeuer im Detail?

Die Mindeststeuer soll zwei Prozent des Vermögens betragen. Entscheidend ist: Sie greift nur dann, wenn jemand heute weniger zahlt. Wer bereits persönliche Steuern in Höhe von umgerechnet zwei Prozent seines Vermögens entrichtet, muss nichts zusätzlich leisten. Betroffen sind ausschließlich jene Superreichen, die derzeit unterhalb dieser Schwelle liegen. Sie würden die Differenz zahlen. Das macht die Maßnahme extrem zielgenau und begrenzt sie auf eine sehr kleine Gruppe.

Sie haben eingangs die Einkommensbesteuerung der Vermögenden bemängelt, setzen nun aber beim Vermögen als Grundlage an. Wie soll das zusammenpassen?

Weil genau dort das Problem liegt. Einkommen ist für Superreiche leicht zu manipulieren – Vermögen deutlich weniger. Vermögen lässt sich bewerten, erfassen und vergleichen. Es ist viel schwerer, es vollständig der Besteuerung zu entziehen. Die Mindeststeuer greift genau dort, wo die Einkommensteuer versagt.

Die Mechanismen, die es Superreichen ermöglichen, die Einkommensteuer zu umgehen, sind stets dieselben. Gabriel ZucmanÖkonom

Die zwei Prozent sind zentral in Ihrem Modell. Warum nicht weniger?

Die konkrete Höhe einer Steuer ist keine ökonomische, sondern eine politische Entscheidung. Ich schlage zwei Prozent vor, weil Studien zeigen: Erst ab diesem Niveau zahlen Milliardäre – gemessen an ihrem Einkommen – ungefähr so viel wie andere soziale Gruppen. Alles darunter würde bedeuten, dass man akzeptiert, dass Superreiche relativ weniger beitragen als etwa die obere Mittelschicht.

» Lesen Sie auch: Das sind die zehn reichsten Deutschen 2025

Vielleicht gehen Sie ja auch mehr Risiken ein, um Fortschritt für die Allgemeinheit zu erzielen, zum Beispiel als Unternehmerinnen und Unternehmer.

Selbst die konservativste Auslegung von Steuergerechtigkeit lautet: Reichere sollten nicht weniger zahlen als andere. In dieser Logik ist es sehr schwer, einen Satz unter zwei Prozent zu rechtfertigen.

Sie haben selbst einmal eingeräumt, dass die Datenlage zu Hochvermögenden in Deutschland nicht sehr gut ist. Sollte man nicht erst wissen, über wen man redet, bevor man neue Steuern fordert?

Uns liegen bereits zahlreiche Studien aus vergleichbaren Ländern vor. Die Mechanismen, die es Superreichen ermöglichen, die Einkommensteuer zu umgehen, sind stets dieselben. Wir können davon ausgehen, dass ähnliche Muster auch in Deutschland existieren. Was wir nicht genau wissen, ist, ob die effektiven Steuersätze eher bei null Prozent liegen wie in den Niederlanden oder eher bei zwei Prozent wie in Frankreich. In jedem Fall sind sie jedoch sehr niedrig.

Amazon-Gründer Jeff Bezos: Zahlt wie andere Milliardäre kaum Einkommensteuer. Foto: AP

Es gab lange eine Vermögensteuer in Deutschland, die schließlich gescheitert ist. Warum sollten wir diese Debatte wiederbeleben?

Die historischen Vermögensteuern in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern waren große Misserfolge – ökonomisch, politisch und administrativ. Sie waren voller Ausnahmen, Bewertungsprobleme und Schlupflöcher. In der Praxis führten sie dazu, dass vor allem Immobilienbesitzer zahlten, während die wirklich Superreichen weitgehend verschont blieben. Genau aus diesen Fehlern habe ich gelernt.

Was machen Sie anders?

Erstens: Der Fokus liegt ausschließlich auf Milliardären und wirklich reichen Millionären. Wer weniger als 100 Millionen Euro Vermögen hat, ist vollständig ausgenommen. Zweitens: Es gibt keine Ausnahmen. Egal ob das Vermögen in Immobilien, Finanzanlagen, privaten oder börsennotierten Unternehmen steckt – alles zählt. Drittens: Wer bereits viel Einkommensteuer zahlt, zahlt nichts extra. Doppelbesteuerung ist systematisch ausgeschlossen.

Reichtum

„Nur sehr selten verschwindet ein Milliardenvermögen fast komplett“

Und dann setzen sich die Betroffenen einfach in andere Länder ab.

Indem man Steuerflucht nicht als unvermeidlich hinnimmt, kann man das verhindern. Mein Vorschlag sieht vor, dass die Mindeststeuer auch nach einem Wegzug für mehrere Jahre weiter gilt. Wer in Deutschland superreich geworden ist und dann in ein Niedrigsteuerland zieht, bleibt steuerpflichtig. Zahlt er im neuen Wohnsitzland weniger als zwei Prozent, zieht Deutschland die Differenz ein. Das macht den Wohnort aus Steuersicht irrelevant.

Das geht ganz schön in die Niederlassungsfreiheit.

Nein. Jeder kann weiterhin frei entscheiden, wo er lebt. Der Unterschied ist nur: Man kann sich der Mindestbesteuerung nicht entziehen. Es ist keine Mobilitätsbarriere, sondern eine Neutralisierung von Steueranreizen. Berlin, Zürich oder Singapur – steuerlich macht es keinen Unterschied mehr.

Wie viele Menschen wären in Deutschland betroffen?

Wir sprechen von etwa 2000 bis 3000 Personen.

Soziales Engagement ist wichtig und anerkennenswert. Aber es ersetzt nicht die Pflicht zur Besteuerung. Gabriel ZucmanÖkonom

Und wie hoch wären die Einnahmen?

Simulationen des EU Tax Observatory zeigen: Eine Mindeststeuer von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro würde in Deutschland rund 17 Milliarden Euro pro Jahr einbringen.

Die reichsten zehn Prozent zahlen bereits rund 55 Prozent aller Steuern. Reicht das nicht?

Die top zehn Prozent sind eine riesige Gruppe – mehrere Millionen Haushalte, darunter gut verdienende Angestellte, Selbstständige und Führungskräfte. Sie zahlen viel, und das ist nicht das Problem. Das Problem ist die extreme Spitze.

Ist es ein historischer Fehler, dass immer über die oberen zehn Prozent, aber nie über die oberen 0,5 Prozent politisch diskutiert wurde?

Lange Zeit passierte das aus rationalen Gründen. Vor 30 oder 40 Jahren war das Vermögen von Milliardären deutlich geringer, die fiskalischen Effekte waren überschaubar. Der Fokus auf die oberen zehn Prozent war sinnvoll. Das hat sich fundamental geändert. In den letzten 20 Jahren ist das Vermögen der Superreichen explodiert – ebenso ihre ökonomische und politische Macht.

Vermögen

Zahl der Milliardäre wächst rasant – so legen sie ihr Geld an

Viele deutsche Vermögende haben das Geld nicht auf der hohen Kante oder in Aktiendepots – sondern aktiv in Unternehmen gebunden. Sie gefährden deren Substanz.

Dieses Argument hört man überall. In jedem Land gelten die eigenen Milliardäre als „besonders“. Ökonomisch ist das nicht überzeugend. Ein Steuersatz von zwei Prozent liegt deutlich unter der durchschnittlichen Rendite großer Vermögen, die bei etwa sechs Prozent liegt. In den allermeisten Fällen kann die Steuer aus laufenden Erträgen gezahlt werden – ohne Substanzverzehr.

Und in Zeiten wie diesen, in denen viele Familienunternehmen strukturelle Probleme haben, nehmen Sie das Ende dieses Erfolgsmodells in Kauf.

Dann kann eine Familie ihre Anteile ja verkaufen.

Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich, dass die Landschaft der Familienunternehmen und Mittelständler erhalten bleibt.

Emotionale Bindungen sind verständlich. Aber ökonomisch gibt es keinen Beleg dafür, dass Unternehmen erfolgreicher sind, weil eine Familie alle Anteile hält. Erfolg hängt von Management, Belegschaft, Mitbestimmung, Innovation und öffentlichen Rahmenbedingungen ab – nicht von Eigentumskonzentration.

Viele Unternehmer engagieren sich sozial. Was, wenn dieses Engagement wegfällt?

Soziales Engagement ist wichtig und anerkennenswert. Aber es ersetzt nicht die Pflicht zur Besteuerung. Entweder jemand zahlt bereits ausreichend – dann greift die Mindeststeuer nicht. Oder eben nicht. Dann gehört es zur gesellschaftlichen Verantwortung, den Mindestbeitrag zu leisten.

Hat Ihr Vorschlag nicht in Wahrheit seine beste Zeit schon hinter sich? International geht es doch wieder darum, auch vermögenden Menschen attraktive Steuerumfelder zu bieten.

Im Gegenteil. Wir sehen gerade einen Wendepunkt. Großbritannien hat das Non-Dom-Regime abgeschafft. Brasilien hat eine Mindeststeuer für Milliardäre auf die G20-Agenda gesetzt. In den USA gibt es erfolgreiche Kampagnen in New York und Kalifornien. In Frankreich hat das Parlament erstmals eine Mindeststeuer beschlossen. Die Debatte ist international angekommen.

Was soll eigentlich mit dem Geld passieren?

Das ist eine politische Entscheidung. Ökonomisch sinnvoll wäre es, in Bildung, Forschung, Infrastruktur und Energieunabhängigkeit zu investieren. Würden die 17 Milliarden Euro in Deutschland so eingesetzt, wäre der Effekt auf Wachstum und Produktivität klar positiv.

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Dieser Artikel erschien bereits im Januar 2026. Der Artikel wurde am 13.04.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.

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What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Internationale Bemühungen zur Einführung von Mindeststeuern für Superreiche werden zunehmen.

    Likely · Within months

  • Deutschland wird eine Form der Vermögensbesteuerung für die reichsten Bürger einführen.

    Possible · Within years

Open Questions

  • Wie werden internationale Steuerflucht und Niederlassungsfreiheit konkret gehandhabt?
  • Welche politischen Hürden muss die Mindeststeuer überwinden?
  • Wie wird die Bewertung von Vermögen für die Steuererhebung standardisiert?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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