Gemeinnütziges Geben wird defensiv kommuniziert, privatnützige Abschirmung aggressiv vermarktet
Den Preis dafür, dass angeblich niemand zahlen will, zahlen letztlich alle.
Quick Look
- Der Artikel kritisiert, wie in Deutschland gemeinnütziges Geben defensiv kommuniziert wird, während private Steuerabschirmung aggressiv vermarktet wird.
- Dies führt zu einem hohen unsichtbaren Preis, der von allen gezahlt wird, in Form von Haushaltsdefiziten und Vertrauensverlust in den Staat.
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Why It Matters
Der Artikel beleuchtet, wie in Deutschland gemeinnütziges Geben bürokratisch und defensiv kommuniziert wird, während die privatnützige Abschirmung von Vermögen aggressiv vermarktet wird. Dies führt dazu, dass der Staat Einnahmen verliert und das Vertrauen der Bürger leidet.
Gemeinnütziges Geben wird in Deutschland defensiv kommuniziert, privatnützige Abschirmung aggressiv vermarktet. Den Preis dafür, dass angeblich niemand zahlen will, zahlen letztlich alle.
Ein Freund von mir handelt online mit Schallplatten. Es geht ihm gut. Als er dann neulich noch erbte, kämpfte sein Steuerberater monatelang darum, ihn vor der Erbschaftsteuer zu bewahren. Mein Freund wollte zahlen. Das Land, in dem er lebt und als Trödler (wie er sich augenzwinkernd nennt) erfolgreich ist, habe einen Anteil daran verdient. Sein Berater hielt das für einen Denkfehler und suchte weiter nach Gestaltungen.
In einer WhatsApp-Gruppe mit dem Namen „Stiftungen“ tauschen sich Hunderte Unternehmerinnen und Unternehmer wie er aus. Es geht fast ausschließlich um Erbschaft- und Wegzugsteuer, um Holdings, um Abschirmung. Ich kenne viele in dieser Gruppe, die auch mal größere Summen spenden. Dass Stiftungen auch etwas anderes sein können als Steuervehikel, spielt hier keine Rolle.
Eine gute Bekannte verfügt über ein dreistelliges Millionenvermögen. Sie möchte ihr Unternehmen in einer gesunden Gesellschaft wachsen sehen. Seit Jahren sucht sie einen Steuerberater, der ihr hilft, ihr Geld für Klimaschutz, Demokratie und Frauenrechte einzusetzen, einen, der sich mit Gemeinnützigkeit und Impact Investing auskennt. Sie hat noch keinen gefunden.
Die Verkaufsrealität der Branche hat mit diesen Beispielen wenig zu tun, wenn ich die Anzeigen sehe, die mir auf LinkedIn und Youtube ausgespielt werden. Sie stammen von Steuerberatern, Stiftungsanwälten, Privatbanken: „Steuerfrei, 0 Prozent mit Stiftung. Heute Abend, 19 Uhr, live.“ „Endlich nicht mehr die Hälfte Ihres Vermögens an den Staat abgeben.“ „Immobilie an Stiftung verkaufen. So geht es.“
Und immer wieder finde ich den Begriff „Steuerschaden“. Er steht in Werbebotschaften, Mandantenrundschreiben und Fortbildungsprogrammen, und er bezeichnet die Steuer, die gezahlt wird. In dieser Sprache ist der Staat der Schädiger, der Bürger der Geschädigte und die Steuerzahlung ein vermeidbarer Unfall, den ein guter Berater verhindert.
Muss ein Steuerberater die Steuerlast minimieren?
Die Botschaft ist klar: Alle wollen nur das eine. Und wer zahlt, ist der Dumme. Die Sozialforschung kennt diesen Mechanismus als bedingte Kooperation. Wie ehrlich jemand mit seinen Steuern ist, hängt davon ab, was er über das Verhalten der anderen glaubt. Zur bekannten Verzerrung, die Nachbarn seien wohlhabender als man selbst, gesellt sich die zweite: Sie zahlen alle weniger Steuern als ich. Eine Branche, die tausendfach ausspielt, jeder optimiere, erzeugt genau die Norm, auf die sie sich beruft.
Finanzpolitik
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Was sagt die Berufsordnung der Bundessteuerberaterkammer dazu? Gleich in Paragraf 1 Absatz 1 heißt es: „Steuerberater sind Angehörige eines Freien Berufs und ein unabhängiges Organ der Steuerrechtspflege.“ Rechtspflege. Dasselbe Wort, das Richter und Anwälte an ein öffentliches Interesse bindet. Das steht dort seit dem 1. November 1961, als der Berufsstand aus der öffentlichen Finanzverwaltung entlassen wurde.
Wer weiterliest, findet in 30 Paragrafen alles geregelt: Unabhängigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Verschwiegenheit, Interessenkollision, Werbung, Niederlassung, Praxisnachfolge. In keinem einzigen steht, dass es Aufgabe des Steuerberaters sei, die Steuerlast des Mandanten zu minimieren. Mit Geld etwas für die Gesellschaft zu tun, das steht nicht auf der Karte, also kann es auch niemand bestellen.
Zu den Motiven der Mandanten gibt es in Deutschland keine Forschung, aber in den USA geben 71 Prozent der Berater an, sie eröffneten das Thema Geben, wenn überhaupt, aus technischer Perspektive, über Abzugsfähigkeit und Vehikel, statt über die Ziele des Mandanten.
Wer seinen Wohlstand freiwillig fesselt, kann damit auch nichts Positives für die Gesellschaft gestalten.
Das gemeinnützige Geben wird in Deutschland bürokratisch und defensiv kommuniziert, die privatnützige Abschirmung aggressiv und bis an die berufsrechtliche Grenze vermarktet. Der unsichtbare Preis dafür, dass angeblich niemand zahlen will, ist hoch. Und er wird doch wieder von allen gezahlt.
Reichtum
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Und zwar erstens im Haushalt. Was bei der leicht vermeidbaren Erbschaftsteuer ausfällt, holt sich der Staat dort, wo niemand ausweicht, bei Löhnen und Konsum. 2023 nahm er über die Erbschaftsteuer 9,2 Milliarden Euro ein, knapp ein Prozent des Gesamtsteueraufkommens, verzichtete aber aufgrund der Ausnahmen für Unternehmensvermögen auf knapp acht Milliarden Euro.
Vertrauen, das der Staat braucht, geht verloren
Der Subventionsbericht der Bundesregierung führt die Erbschaftsteuerbegünstigung als größte Steuersubvention des Landes. Wer weniger als 200.000 Euro erbt, zahlt 12,1 Prozent. Wer mehr als 20 Millionen Euro erhält, zahlt nach Abzug der Erlasse rund 4,7 Prozent. In dieser Größenordnung werden aber häufig überhaupt keine Steuern bezahlt, wenn Steuerberater dem Finanzamt die Bedürftigkeit nachweisen.
Wie ich schon in meiner Kolumne zur Reform der Erbschaftsteuer vom 11.9.2025 geschrieben habe, geschieht das häufig über Familienstiftungen, an deren Vermögen der steuerpflichtige Vermögende nicht mehr herankommt. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat für die Jahre 2021 bis 2023 gezeigt, wie auf diese Weise aus 173 Millionen Euro Steuern nur noch 207.000 Euro wurden. (Von den Steuererlassen ging übrigens kein einziger nach Ostdeutschland.)
Legalität war noch nie das alleinige Kriterium, an dem wir schädliches Verhalten gemessen haben.
Zweitens kostet dieser Zustand Vertrauen, das der Staat dringend braucht. Die Anzeigen der Steuerberater versprechen: Wer es sich leisten kann, muss nicht zahlen. Die Statistik bestätigt dieses Versprechen. Wenn die Regeln nicht für alle gleich funktionieren, steigt auch die Bereitschaft, in ausgleichender Gerechtigkeit an anderer Stelle zu schummeln.
Es mangelt an alternativen Angeboten
Es gibt aber noch einen dritten unsichtbaren Preis für diese Praxis. Wer nachweist, dass er an sein Geld nicht herankommt, muss darauf nichts zahlen. Das Steuerrecht belohnt die Fessel. Wer seinen Wohlstand aber freiwillig fesselt, kann damit auch nichts Positives für die Gesellschaft gestalten.
Nichts von alledem ist illegal. Aber Legalität war noch nie das alleinige Kriterium, an dem wir schädliches Verhalten gemessen haben.
Tabakwerbung war legal, aber die Werbung immer schärfer reguliert, weil die Folgekosten eben für alle im Gesundheitssystem anfallen. Glücksspiel ist legal, aber seit dem Glücksspielstaatsvertrag bei 1000 Euro Einzahlung im Monat gedeckelt. Zucker ist legal, aber der Nutri-Score macht den Zuckergehalt auf einer Farbskala sichtbar.
Vor Werbeverboten, Limits, Kennzeichnung liegt die Selbstregulierung. Und davor liegen alternative Angebote.
Es gibt ethische Banken. Sie verkaufen Produkte mit einer anderen Balance zwischen Rendite und Wirkung, sie sagen das offen, und sie finden Kunden. Es gibt zertifizierte Berufsbilder für Vermögensverwalter, die mehr wollen als Ertrag. Warum nicht gemeinwohlorientierte Steuerberater? In meinem Umfeld gäbe es dafür einen Bedarf.
Und bis dahin würde ich gern wissen, wie ein Beipackzettel aussehen könnte, der die Verbraucher darauf hinweist, was sie mit der meisten Steuerberatung wirklich kaufen: „Steuergestaltung bindet Ihr Vermögen und entzieht es dem Gemeinwesen, in dem Ihre Kinder leben.“
Open Questions
- Wie können gemeinwohlorientierte Steuerberater gefördert werden?
- Welche konkreten Schritte kann die Bundessteuerberaterkammer zur Selbstregulierung unternehmen?
- Wie kann das Vertrauen der Bürger in die Fairness des Steuersystems wiederhergestellt werden?







