Glückliche Kindheit prägt Lebenszufriedenheit stärker als Einkommen
Quick Look
- Eine glückliche Kindheit beeinflusst die Lebenszufriedenheit im Erwachsenenalter stärker als das Einkommen.
- Laut einer Studie der SKL Glücksatlas sind Geborgenheit und Freiheit entscheidend für eine positive Entwicklung.
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Why It Matters
Eine Studie der SKL Glücksatlas in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg untersucht die Lebenszufriedenheit in Deutschland und deren Zusammenhang mit der Kindheit. Die Ergebnisse zeigen, dass eine glückliche Kindheit die Zufriedenheit im Erwachsenenalter in allen Lebensbereichen positiv beeinflusst.
Ihre Kindheit verbrachte Bettina in einem Haus mit großem Garten direkt am Waldrand. Wenn sie heute von den ersten 18 Jahren ihres Lebens spricht, erinnert sie sich daran, wie sie im Sommer schaukelnd in einer Hängematte lag und zwischen den Blättern in die glitzernde Sonne blickte. Oder wie sie mit Freunden am Nachmittag mit dem Fahrrad durch die Gegend streunte, bis es irgendwann dämmerte und sie nach Hause musste. Oder wie sie im Winter ganze Nachmittage lang mit dem Schlitten den Abhang am Waldrand herunterbretterte. Das sei eine Kindheit wie in Bullerbü gewesen, sagt sie heute. Und dass sie ein warmes Gefühl verspüre, wenn sie daran zurückdenke. Die Naturverbundenheit sei etwas, das ihr noch heute Halt gebe und sie in stressigen Zeiten erde.
Wie sehr eine glückliche Kindheit das gesamte Leben beeinflusst, zeigen die jüngsten Zahlen der am Montag erscheinenden Sonderstudie des SKL Glücksatlas in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg zum Thema Lebenszufriedenheit in Deutschland, die der F.A.S. exklusiv vorliegt. Demnach bewerten 46,7 Prozent der 5148 Befragten zwischen 18 und 70 Jahren ihre Kindheit als glücklich, 15,8 Prozent geben sie als unglücklich an. Grundsätzlich lässt sich sagen: Wer seine Kindheit als glücklich erlebt hat, ist auch im Erwachsenenalter in allen Lebensbereichen deutlich zufriedener, was Beruf, Freizeit, Familie, Beziehungen und Finanzen betrifft (siehe Grafik). Umgekehrt zeigt sich, dass eine als unglücklich erlebte Kindheit zu einer geringeren Lebenszufriedenheit beiträgt. Menschen, die das so empfinden, sind zudem häufiger arbeitslos, seltener in festen Beziehungen, häufiger geschieden und schätzen die eigene Gesundheit schlechter ein.
Wie aber muss eine Kindheit aussehen, damit sie als glücklich eingestuft wird? Ist es wirklich das Bullerbü aus Astrid Lindgrens Kindergeschichten? Dessen Vorbild der idyllische Ort Sevedstorp war, aus dem die Familie ihres Vaters stammte. In Wahrheit wird es kaum noch Kinder geben, die so aufwachsen wie damals in Schweden zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Überall lauern heute die Gefahren der Moderne: Autoverkehr, Künstliche Intelligenz, Smartphones. Die Welt ist auch in den hintersten Winkeln der Erde schnelllebiger geworden.
Ist die Bullerbü-Kindheit das Ideal?
Das ruhige Leben auf dem Land inmitten eines engen familiären Verbunds ist dennoch ein Synonym für eine glückliche Kindheit geblieben, womöglich das verklärte Bild von dem, was wir uns für unsere Kinder wünschen. Eine ländliche Idylle, in der die Kinder frei und naturverbunden aufwachsen können, man könnte auch sagen: sie selbst sein können. „Es war schön, dort Kind zu sein“, soll Astrid Lindgren mal gesagt haben, als sie schon längst eine gefeierte Kinderbuchautorin war. Und sie habe lange darüber nachgedacht, warum das so gewesen sei: „Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit.“
Diese beiden Dinge sind, abgesehen von einer materiellen Sicherheit, tatsächlich die Grundpfeiler dessen, was eine gute Kindheit ausmacht: sich einerseits geborgen zu fühlen und andererseits mit dem Gefühl der Sicherheit in die Welt hinauszugehen. Kinder, die merken, dass sie von ihren Eltern angenommen und geliebt werden, haben die Stärke, sich auch in anderen sozialen Kontexten auszuprobieren.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Allerdings ist Freiheit bei den Kindern von heute gleichzeitig das am meisten bedrohte Gut. Pädagogen und Psychologen bemängeln, dass der Alltag von vielen Kindern keine Freiräume mehr bietet. Alles ist durchgetaktet durch Kita, Schule, Hobbys und Hausaufgaben. Später ersetzt das Handy die realen Erlebnisse. Aber wenn Kinder sich nicht selbst ausprobieren und damit keine Selbstwirksamkeit erleben können, wenn sie zu wenig merken, wie kompetent sie auch ohne Hilfe der Eltern sind, leidet auch ihr Selbstwertgefühl darunter.
Wie sehr das später das Leben als Erwachsener prägt, zeigt eine weitere Befragung der SKL-Glücksatlas-Studie. Ein hohes Selbstwertgefühl, vorhanden bei 51 Prozent der Befragten, steigert die Zufriedenheit als Erwachsener, mit den stärksten Effekten in der Familien- und der Berufszufriedenheit. Dieses Gefühl wirkt also stabilisierend über alle Lebensbereiche hinweg.
Auch wenn die Zahlen zeigen, dass eine glückliche Kindheit Erwachsene später durchs Leben trägt, ist sie kein Garant dafür, tatsächlich ein glückliches Leben zu führen. Viel hängt auch von der Persönlichkeit ab, von Erfolgen oder Misserfolgen in Ausbildung, Studium oder Beruf. Auch Schicksalsschläge sind Unwägbarkeiten, die das Leben nach der Kindheit stark beeinflussen können. Das lässt sich schon bei Geschwistern beobachten. Sie erleben im Groben die gleiche Kindheit, haben die gleichen Eltern, in der Regel eine ähnliche Schulausbildung, also mehr oder weniger die gleichen Voraussetzungen, bevor sie in das Erwachsenenleben starten. Schon der Blick zurück fällt dann aber mitunter unterschiedlich aus.
Bettinas Bruder Lutz beispielsweise kann seiner Kindheit in freier Natur nicht viel abringen. Er fand sie eher öde, suchte stets nach Ablenkungen und setzte in der Pubertät alles daran, auf ein Mofa zu sparen, um am Wochenende in der nächstgelegenen Kleinstadt Freunde aus der Schule zu treffen. An den sonntäglichen Wanderungen mit der Familie nahm er ab 14 Jahren nicht mehr teil, während Bettina bis zum Abitur gerne mitging. Lutz würde seine Kindheit deshalb nicht als ausdrücklich glücklich bezeichnen, auch nicht als unglücklich, eher als durchschnittlich. Womöglich gehört er deshalb zu den Menschen, die im Erwachsenenalter stärker auf materielle Dinge fokussiert sind.
Als eine der wichtigsten Erkenntnisse sieht Bernd Raffelhüschen, einer der Studienleiter und ehemaliger Professor für Finanzwirtschaft, dies: „Kindheitserfahrungen prägen die Lebenszufriedenheit stärker als Einkommen.“ Tatsächlich spielt das Medianeinkommen (circa 2250 Euro pro Monat Netto-Äquivalent) eine überraschend geringe Rolle für die Lebenszufriedenheit. Bei Personen mit einer glücklichen Kindheit steigt der Wert nur bei der Ehezufriedenheit minimal. Das zeigt, dass ein mittleres Einkommen dort wenig ausrichtet, wo eine glückliche Kindheit bereits eine stabile psychische Grundlage für die Zufriedenheit gelegt hat, wie es in der Studie heißt. Bei Personen mit unglücklicher Kindheit zeigen sich in Bezug auf das Einkommen immerhin moderate Zugewinne, am deutlichsten bei der finanziellen Zufriedenheit (siehe Grafik).
Geld kann nicht kompensieren, was in der Kindheit schief lief
„Was die Kindheit hinterlässt, lässt sich nicht mit Geld kompensieren“, bringt es Raffelhüschen auf den Punkt. „Ein höheres Einkommen verbessert die Zufriedenheit von Menschen mit unglücklicher Kindheit interessanterweise kaum.“ Gibt es dennoch etwas, was Fehlentwicklungen in der Kindheit ausgleichen kann? Wirksamer sei aus seiner Sicht der Aufbau eines stabilen Selbstwertgefühls durch spätere Erfahrungen von Kompetenz, Leistung und sozialer Anerkennung.
War Astrid Lindgren als Erwachsene glücklich? Sie führte jedenfalls kein unbeschwertes Leben, trotz ihrer glücklichen Kindheit. Mit 18 Jahren wurde sie schwanger und musste ihren Sohn Lasse bei einer Pflegefamilie in Dänemark unterbringen, da sie als alleinerziehende Mutter in Schweden gesellschaftlich geächtet wurde. Diese Trennung belastete sie sehr. Ihre spätere Ehe mit Sture Lindgren war von finanziellen Nöten, der Untreue und dem Alkoholismus ihres Mannes geprägt. Mit 44 Jahren wurde sie Witwe. Trotzdem schien sie ein erfülltes Leben gelebt zu haben, arbeitete jahrelang als Sekretärin, bevor sie mit Ende dreißig 1945 ihr erstes Kinderbuch – „Pippi Langstrumpf“ – veröffentlichte. Trotz der Herausforderungen soll sie laut ihren Biographen das Leben als reich und erfüllend empfunden haben. Womöglich war es eben doch jene glückliche Kindheit, die das Fundament bildete, um sie auch durch die schwierigen Phasen in ihrem Leben zu tragen. Heute nennt man diese Fähigkeit Resilienz.
Die Freiheit, die Astrid Lindgren als Kind beschreibt, hatten früher nicht alle Kinder. Sie mussten meistens nach den strengen Regeln der Eltern leben, die notfalls mit Gewalt durchgesetzt wurden. Ein großer Teil der Eltern heute sind darauf bedacht, ihren Kindern eine gute oder sogar glückliche Kindheit zu ermöglichen. Heute werden Kinder, zumindest im Idealfall, als Individuen gesehen, die sich frei entwickeln können. Natürlich muss es Grundvoraussetzungen geben wie materielle Versorgung und Zugang zu Bildung (siehe Interview auf dieser Seite). Ansonsten ist eine wertschätzende Erziehung, als Voraussetzung für eine gute Kindheit, eigentlich nicht besonders kompliziert.
Die Erziehungsexpertin Nora Imlau nennt das ein „zugewandtes Begleiten“. In ihrem Buch „Was Familie leichter macht“ schreibt sie, dass es darum gehe, Kinder mit starken Bindungserfahrungen auszustatten und ihnen ein tiefes Vertrauen in die Welt und die Menschen, die darin leben, zu vermitteln. Am Ende sollten es Kinder sein, „die ihre Gefühle erkennen und benennen können, die empathisch und fürsorglich sein können und gleichzeitig ohne schlechtes Gewissen ihre persönlichen Grenzen wahren – Kinder, die erfahren haben, dass es sicher ist, sie selbst zu sein“. Erziehung ist also keine Raketenwissenschaft, eher ist sie eine Haltung.
Dazu gehört auch, dass nicht alles, was man sich für die Kinder so vorstellt, auch eintrifft oder das Richtige ist. Bettina zog später, als ihre Kinder klein waren, mit ihrer Familie von der Stadt wieder aufs Land, weil sie ihnen die Möglichkeit bieten wollte, eine ähnliche idyllische Kindheit wie sie selbst zu erleben. Die Kinder fühlten sich aber nach dem Umzug nicht wohl, vermissten den Trubel in der Stadt. Die Familie zog schließlich wieder zurück – und Bettina blieben trotzdem die Erinnerungen an den Zauber der Kindheit.
Open Questions
- Wie können spätere Erfahrungen Fehlentwicklungen der Kindheit ausgleichen?
- Welche Rolle spielen genetische Faktoren für die Lebenszufriedenheit?



