Hamburgs neue Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez stellt Pläne vor
Quick Look
- Hamburgs neue Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez stellte ihre Pläne vor, mit Schwerpunkten auf Bildung, Hochschulen und digitalem Antisemitismus.
- Sie will präventiv wirken und die jüdische Gegenwart sichtbar machen, um Antisemitismus langfristig zu reduzieren.
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Why It Matters
Anna von Villiez wurde Ende Juni vom Hamburger Senat zur neuen Antisemitismusbeauftragten ernannt. Ihr Vorgänger Stefan Hensel war zuvor nach Anfeindungen und einem umstrittenen Besetzungsprozess zurückgetreten.
Seit drei Wochen ist Hamburgs neue Beauftragte für jüdisches Leben und die Bekämpfung und Prävention von Antisemitismus, Anna von Villiez, im Amt. Am Dienstag stellte sie sich und die Pläne für ihre Amtszeit erstmals einer größeren Öffentlichkeit vor. Dabei machte die 51 Jahre alte Historikerin deutlich, dass sie Schwerpunkte ihrer Arbeit bei Schulen, Hochschulen und im Kampf gegen Antisemitismus im Internet sieht.
Im Rathaus kündigte sie an, nicht nur auf Antisemitismus reagieren zu wollen – wie sie das in der vergangenen Woche im Vorfeld eines umstrittenen DJane-Auftritts getan hatte. Ihr Ziel sei es vielmehr, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Antisemitismus in Hamburg „langfristig und messbar“ zurückgehe.
„Mein Ziel wird es nicht sein, Antisemitismus zu verwalten und immer auf Vorfälle zu reagieren, sondern ich möchte auch gestalten“, sagte von Villiez, die im Hauptberuf die Leiterin der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule ist. Hamburg habe bereits mit seiner Landesstrategie gegen Antisemitismus einen Rahmen geschaffen. Dieser müsse nun mit Leben gefüllt werden.
Besondere Sorgen bereiten der 51-Jährigen antisemitische Einstellungen unter jungen Menschen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit werde deshalb das Bildungswesen sein. Jüdische Schüler sowie Studierende müssten besser geschützt werden. Gleichzeitig gehe es darum, Antisemitismus „in den Köpfen und in den Herzen der nichtjüdischen Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer“ zurückzudrängen.
Von Villiez sprach sich für mehr Bildungsangebote zur Extremismusprävention aus. Zudem müsse die Sensibilität für Antisemitismus in der Lehrerausbildung stärker verankert werden. Auch die geplante Bildungsstätte gegen Antisemitismus müsse zügig vorangebracht werden. Mit Blick auf die Hochschulen sprach sie von einer „durchaus herausfordernden“ Situation für jüdische Studierende. Noch in diesem Jahr seien Gespräche mit den Hochschulleitungen geplant.
Nach Einschätzung der neuen Beauftragten hat sich die Lage seit dem Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 spürbar verschärft. Zwar gebe es in Hamburg keine „Berliner Verhältnisse“, sagte sie. Antisemitismus habe sich aber auf einem hohen Niveau verstetigt. Besonders verbreitet sei israelbezogener Antisemitismus – also der Hass auf Juden, der sich aus dem Handeln des Staates Israels speist.
Einen weiteren Schwerpunkt will von Villiez auf die digitale Welt legen. Gerade junge Menschen bewegten sich heute selbstverständlich in hybriden Lebenswelten, die zu großen Teilen online stattfänden. Dort begegne ihnen Antisemitismus in vielfältiger Form. Auf Plattformen wie TikTok verschmölzen rechter, linker und israelbezogener Antisemitismus zunehmend miteinander. „Es gibt so viel Antisemitismus, man macht sich wirklich kein Bild“, sagte sie. Notwendig seien deshalb neue Strategien und auch überregionale Anstrengungen. Als Beispiel nannte sie die Möglichkeit einer gemeinsamen Taskforce gegen digitalen Antisemitismus.
Neben Prävention und Aufklärung will die neue Beauftragte stärker die jüdische Gegenwart in Hamburg sichtbar machen. Viele Menschen wüssten wenig über jüdisches Leben heute. Begegnungsprojekte, Synagogenbesuche, Schüleraustausche mit Israel oder Ausstellungen im Rathaus könnten dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Interesse zu wecken.
Von Villiez war Ende Juni vom Senat zur Nachfolgerin von Stefan Hensel berufen worden. Hensel war im Oktober 2025 vom Amt des Antisemitismusbeauftragten zurückgetreten. Er war der erste Beauftragte der Hansestadt und 2021 ins Amt gekommen. Seinen Rücktritt begründete er unter anderem mit dem Hass, der ihm im Amt entgegengeschlagen sei. Im Mai vergangenen Jahres war er gemeinsam mit seiner Tochter im Auto attackiert worden, als sie einen Pop-Song auf Hebräisch hörten. Inzwischen berät er die oppositionelle CDU zu einer eigenen Antisemitismusstrategie.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Antisemitismusbekämpfung in Hamburg klaffe eine „riesige Lücke“, sagte Hensel zuletzt. Er habe sein Amt auch deshalb niedergelegt: Er habe nicht länger die Rolle ausfüllen wollen, „der Antisemitismusbeauftragte“ zu sein – „mancher hat auch gesagt: der Jude der Stadt“ –, der erklären müsse, „warum Antisemitismus ein Problem ist, während gleichzeitig die eigene Landesstrategie nicht konsequent umgesetzt wird."
Hensels zweite Amtszeit, die 2024 begann, war aber auch von einem Streit zwischen den jüdischen Gemeinden begleitet worden. Hensel gehörte der größeren Jüdischen Gemeinde Hamburg an, die zweite große Gemeinde: der Israelitische Tempelverband (Liberale Jüdische Gemeinde) fühlte sich zunehmend von Hensel nicht repräsentiert, ja sogar ausgegrenzt. Es kam zu einer Klage gegen die Neubesetzung mit Hensel. Aus formalen Gründen, die das Ausschreibungsverfahren und Gleichbesetzungsgrundsätze betrafen, bekam ein unterlegener Kandidat Recht, die Art der Vergabe des Amtes wurde gerügt. Hensel aber kam nach Nachbesserungen der Stadt erneut ins Amt und blieb es bis zu seinem Rücktritt.
Derselbe Kandidat, er gehört der Liberalen Jüdischen Gemeinde an, klagte im November auch gegen den Auswahlprozess für Hensels Nachfolge. Das verzögerte die Nachbesetzung bis in den Juni hinein. Nachdem sowohl das Verwaltungsgericht als auch das Oberverwaltungsgericht den Antrag zurückgewiesen hatten, konnte der Senat die Personalie endgültig beschließen.
Von Villiez ist keine Jüdin, sondern evangelisch, hat den Zugang zum Judentum durch ihre Arbeit als Historikerin aufgebaut. Sie stünde mit beiden jüdischen Gemeinden im Kontakt, sagte sie am Dienstag. Von Villiez leitet aus ihrer eigenen Biografie sogar einen Teil ihres Amtsverständnisses ab. Als nichtjüdische Hamburgerin wolle sie Brücken in die Mehrheitsgesellschaft bauen. Antisemitismus dürfe nicht als Problem der jüdischen Gemeinschaft betrachtet werden. „Die Bekämpfung von Antisemitismus ist erst mal ein Auftrag an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft“, sagte sie.
Wissenschafts- und Gleichstellungssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) sprach von einer wichtigen Stimme, die der Stadt in den vergangenen Monaten gefehlt habe. Antisemitismus müsse deutlich entschlossener zurückgedrängt werden. Von der neuen Beauftragten erwarte sie ausdrücklich auch, „der Politik ein Stück weit auf die Füße zu treten“.
Dass sie davor nicht zurückschrecken will, zeigte von Villiez bei einer Frage zur seit Jahren umstrittenen Forderung nach einer Städtepartnerschaft Hamburgs mit einer israelischen Kommune. Anders als der Senat, der eine solche Partnerschaft bislang ablehnt, positionierte sich die neue Beauftragte klar. „Ich würde das begrüßen“, sagte von Villiez. Wissenschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Verbindungen nach Israel müssten gerade in schwierigen Zeiten gepflegt werden.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Gespräche zwischen Anna von Villiez und Hochschulleitungen zur Lage jüdischer Studierender werden noch dieses Jahr stattfinden.
Very likely · Within months
Open Questions
- Wie werden die geplanten Gespräche mit Hochschulleitungen konkret umgesetzt?
- Welche neuen Strategien werden gegen digitalen Antisemitismus entwickelt?
- Wird die geforderte Städtepartnerschaft mit einer israelischen Kommune realisiert?





