Helgoland debattiert über Inselvergrößerung durch Aufschüttung
Quick Look
- Auf Helgoland wird erneut über eine Aufschüttung zwischen Hauptinsel und Düne diskutiert, um dem Bevölkerungsrückgang und der begrenzten Fläche entgegenzuwirken.
- Befürworter sehen Chancen für Tourismus, Wohnraum und Naturschutz, während Umweltorganisationen wie der BUND vor schwerwiegenden Schäden am einzigartigen Ökosystem warnen.
- Eine Abstimmung könnte im nächsten Frühjahr stattfinden.
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Why It Matters
Helgoland hat bereits 2011 eine ähnliche Aufschüttungsplanung abgelehnt. Seitdem ist die Bevölkerung weiter gesunken, insbesondere bei jungen Menschen, und die Infrastruktur wie Hafenanlagen ist marode.
Helgoland hat sich in seiner wechselvollen Geschichte schon mehrfach neu erfunden. Jetzt könnte der Moment gekommen sein, sich weit draußen in der Nordsee abermals zu entscheiden. Wollen die mehr als 1.400 ständigen Bewohner des roten Felsens versuchen, mit dem, was sie haben, in die Zukunft zu gehen? Oder wollen sie sich vergrößern, indem Hauptinsel und Düne mit einer Sandaufspülung vereint werden? Ein Vorhaben, das in ähnlicher Form bei einer Abstimmung auf Helgoland im Jahr 2011 durchgefallen war.
Was hat sich seit 2011 verändert?
Hotelier Detlev Rickmers sieht eine positive Veränderung im Tourismus, von dem die Insulaner hauptsächlich leben, und ist dennoch pessimistisch für die Zukunft unter den aktuellen Voraussetzungen. Obwohl Helgoland sich zu einem gefragten Ziel für Ruhe suchende Urlauber gewandelt und von der Abhängigkeit von Tagesgästen gelöst habe, drohe Niedergang, sagt der 65-Jährige, der den Generationswechsel im Unternehmen gemeinsam mit seinen drei Töchtern gestaltet.
Den Grund sieht er vor allem in der räumlichen Begrenztheit der nur einen Quadratkilometer großen Insel. Es gebe keine Entwicklungsmöglichkeiten.
Was droht bei Stillstand?
«Für den Tourismus bin ich optimistisch», sagt Rickmers. Das gelte selbst, wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändere. Aber: «Es wird passieren, dass irgendwann die Einwohner weg sind.» Dann kämen die Menschen noch für ein paar Jahre zum Arbeiten auf die Insel. «Dann existiert aber keine Gemeinde im Sinne von Gemeinschaft der Einwohner mehr», befürchtet er. Kindergarten, Schule und andere Infrastruktur würden wegfallen.
«Die Helgoländer sterben aus. Fast alle, die strukturelle Veränderungen wollten, haben die Insel verlassen.» Nach seinen Angaben gibt es nur noch knapp 200 Unter-30-Jährige auf Helgoland. «Das ist viel zu wenig. Wenn nichts passiert, stirbt die Insel langsam aus.»
Fehler der Vergangenheit
Mit welchen Gefühlen denkt der 65-Jährige über die Entwicklung und verpasste Chancen? Pause. «Trauer», sagt er dann, «früher war auch Wut dabei, aber dazu bin ich zu alt.»
Rickmers sieht einen entscheidenden Fehler in der Nachkriegsgeschichte bei den Helgoländern selbst. Sie lehnten 1980 das Hotelprojekt einer Unternehmensgruppe ab. «Das war praktisch ein Entscheid gegen die eigene Zukunft.» Danach seien Investitionen auf Helgoland ausgeblieben und auch das Interesse des Landes sei weg gewesen. Land und Bund hält er vor, die rechtliche Situation Helgolands nie modernisiert zu haben. Das Helgolandgesetz hätte spätestens 1970 weiterentwickelt werden müssen. «Jetzt fühlt sich keiner mehr zuständig.»
Wie sieht der Plan zur Inselvergrößerung aus?
Zwischen Hauptinsel und Düne könnte rund ein Quadratkilometer Land aufgespült werden. Nach Süden soll sich das neue Land zu einem Strand mit flacher Lagune öffnen. Dort wäre auch Wassersport möglich.
Kann sich das wirtschaftlich rechnen?
Wenn Investoren 300.000 Quadratmeter - knapp ein Drittel der neuen Landfläche - zum aktuellen Preis kaufen, müssten die Kosten der Aufspülung von geschätzt bis zu 300 Millionen Euro gedeckt sein, rechnet Rickmers.
Ein wichtiger Faktor: Die Hafeninfrastruktur und die Küstensicherungsbauwerke sind durchgehend marode und müssen für mehrere Hundert Millionen Euro saniert werden. Gefordert sind hier vor allem Bund und Land. Mit dem Zusammenschluss von Insel und Düne könnten Teile der Molenerneuerungen und die Sanierung des Dünenhafens eingespart werden.
Welche Chancen könnten sich der Insel eröffnen?
An den grundsätzlichen Eigenschaften der unechten Hochseeinsel - und damit an ihren einzigartigen Stärken - würde sich nichts ändern. «Helgoland machten Ruhe, Kultur und Natur aus», schwärmt Rickmers. «Helgoland ist trotz des ganzen Tourismus ein dörfliches Idyll geblieben. Das ist eine große Stärke.»
Die große Chance sieht Rickmers darin, dass ein ganz neuer Ortsteil entstehen könnte. Die Bebauung Helgolands könnte sich verdoppeln. Anfang der 50er Jahre habe man auf der Insel mit 12,5 Quadratmetern Wohnraum pro Person gerechnet, erklärt der Hotelier. Bundesweit waren es nach Zahlen des Statistischen Bundesamts 2021 fast 48 Quadratmeter. Auf Helgoland blieben die Verhältnisse beengt, auch wegen der Auflagen des Denkmalschutzes, unter dem die einheitliche Nachkriegsbebauung steht. Neubauten böten eine deutliche Entlastung für den Denkmalschutz, ist er überzeugt. Denn die vorhandene Bausubstanz könnte als Altdorf besser geschützt werden.
Was sagt der Bürgermeister?
Bürgermeister Thorsten Pollmann argumentiert vor allem mit dem Zustand der Hafenanlagen. Diese seien voraussichtlich in acht bis zehn Jahren so kaputt, dass sie ersetzt werden müssten. Mit Fördergeld dafür könne die Insel wohl nicht rechnen. Selbst wenn sich die Gemeinde das Geld für die Sanierungen leihen dürfte, entstünde kein Mehrwert über die wieder funktionierende Hafenanlage hinaus. Anders bei einer Aufschüttung. Drei von vier Hafenanlagen würden wegfallen und über den Verkauf von Land käme Geld in die Kasse. «Das ist der Hauptgrund», sagt Pollmann.
Weitere positive Effekte wären sinkende Kosten in verschiedenen Bereichen und Verbesserungen im Tourismus, etwa mit weiteren Hotels, sowie neuer Wohnraum.
Auf Helgoland habe es bereits Aufschüttungen gegeben. «Das geht auf alle Fälle», sagt er zur technischen Realisierbarkeit. Keine Behörde, mit der die Gemeinde gesprochen habe, habe bisher mit Ablehnung reagiert. «Niemand hat gesagt, völlig verrückt, kommt nicht infrage.»
Die Stimmung bei den Insulanern sei überwiegend positiv, sagt der Bürgermeister. Es gebe aber auch Kritik und Ablehnung. Pollmann würde gerne spätestens im nächsten Frühjahr eine Abstimmung über die Frage ansetzen. «Viel länger dürfen wir uns nicht Zeit lassen.» Gerade werde geprüft, welche Informationen bis dahin beschafft werden müssten, etwa durch Gutachten. Prüfen lassen möchte Pollmann auch, ob ein Strömungskraftwerk in die Landverbindung integriert werden kann, um Strom zu produzieren.
Was ist mit dem Umwelt- und Naturschutz
Auf der jetzigen Düne könnten die Strände besser geschützt werden, ist Rickmers überzeugt. Inzwischen trauten sich manche Urlauber nicht mehr an den Südstrand der Düne und dort schwimmen zu gehen, weil dieser mehr und mehr von Seehunden und Kegelrobben eingenommen werde. Früher hatten sich diese großen Tiere überwiegend nur am Nordstrand aufgehalten.
Rickmers hält auch eine dauerhafte Schließung des Flugplatzes für möglich. Linienflüge wie früher von Büsum und Cuxhaven gibt es schon seit einiger Zeit nicht mehr. «Ich sehe für den Naturschutz, obwohl das ein großer Eingriff ist, große Vorteile.»
An dieser Stelle kommt deutlicher Widerspruch von der stellvertretenden Vorsitzenden der Umweltorganisation BUND in Schleswig-Holstein, Marina Quoirin-Nebel. Das Ökosystem aus Algen, Krebsen und Fischen im Naturschutzgebiet Helgoländer Felssockel sei absolut einzigartig und nach der höchsten europäischen Schutzkategorie als FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie) geschützt.
BUND sieht große Umweltprobleme
«Dieses einzigartige Ökosystem würde schwer in Mitleidenschaft gezogen, wenn zwischen Helgoland und der Düne eine riesige Baustelle entsteht», befürchtet Quoirin-Nebel. Eine solche Landverbindung würde die Strömungs- und Sedimentationsverhältnisse grundlegend ändern. Katzen und Hunde könnten zur Düne gelangen und Sandregenpfeifer, Austernfischer und andere Bodenbrüter gefährden oder in Konflikt mit Robben geraten.
«Die Hoffnung der Gemeinde Helgoland auf Erleichterungen für die Instandhaltung der Hafenanlagen oder auf touristische Entwicklung ist nachvollziehbar, aber die Insel würde damit das verlieren, was sie ausmacht und was der Grund für die Mehrzahl der Gäste ist, sie zu besuchen: ihre einzigartige Natur», so die Naturschützerin.
Was ist anders als am Plan von 2011?
Aus dem 2011 gescheiterten Plan habe man wichtige Schlüsse gezogen, betont Rickmers. So sollte nicht der Süd-, sondern der Nordwesthafen die Baulogistik abwickeln, damit die Insel von Verkehr entlastet wird. Die neue Landfläche liegt jetzt weiter nördlich.
Wie geht es weiter?
Das Umweltministerium hält sich mit einer Bewertung der Pläne noch zurück, da bisher keine Planungsunterlagen vorliegen, wie eine Sprecherin sagt. Im Falle eines konkreten Bauvorhabens wären aus Naturschutz-Perspektive unter anderem Fragen der naturschutzrechtlichen Eingriffsregelung, der FFH-Verträglichkeit, der Vereinbarkeit mit dem Artenschutzrecht sowie der Vereinbarkeit mit den nationalen Schutzgebieten zu klären.
«Zudem wäre zu klären, woher das entsprechende Sediment stammen soll. Auch hierfür wären entsprechende natur- und artenschutzrechtliche Prüfungen erforderlich», so die Sprecherin. «In jedem Fall wäre eine solche Aufschüttung aufgrund der Größenordnung sowohl technisch als auch finanziell sehr anspruchsvoll.»
Rickmers sagt, er nehme überwiegend positive Reaktionen auf den neuerlichen Plan. Persönlich glaubt der Hotelier an die Umsetzung. «Es ist einfach so viel zu gewinnen für alle Beteiligten. Und volkswirtschaftlich ist es einfach vernünftig.»
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Im nächsten Frühjahr wird eine Abstimmung über die Aufschüttung zwischen Hauptinsel und Düne stattfinden.
Likely · Within months
Bei Zustimmung zur Aufschüttung würden Investoren etwa 300.000 Quadratmeter des neuen Landes kaufen, um die Kosten von bis zu 300 Millionen Euro zu decken.
Possible · Within months
Open Questions
- Woher soll das Sediment für die Aufschüttung stammen?
- Wie hoch sind die genauen Kosten für die Aufschüttung und die notwendigen Naturschutzausgleichsmaßnahmen?
- Welche konkreten Fördermöglichkeiten stehen Bund und Land zur Verfügung?
- Wie würde ein Strömungskraftwerk in die Landverbindung integriert werden können?

