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Indien: Skandale um Aufnahmeprüfungen erschüttern das Land
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FAZ7 hours agoPolitics5 min readGermany

Indien: Skandale um Aufnahmeprüfungen erschüttern das Land

Quick Look

  • Indien wird von einer Welle von Skandalen um manipulierte Aufnahmeprüfungen erschüttert, die landesweite Proteste junger Menschen auslösen.
  • Anshul Yadav und Tausende andere demonstrieren in Delhi gegen Korruption im System und die mangelnde Chancengleichheit, während die Regierung mit Polizeigewalt reagiert.

AI-generated summary

Why It Matters

Indien erlebt eine Welle von Skandalen um manipulierte Aufnahmeprüfungen für Universitäten und den öffentlichen Dienst, die landesweite Proteste und Wut über Korruption und mangelnde Chancengleichheit ausgelöst haben. Die Regierung reagierte auf Demonstrationen mit Polizeigewalt, was die Spannungen weiter verschärfte.

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Die Aufnahmeprüfung für eine Offizierslaufbahn in der indischen Armee ist nichts für Weicheier. Die Kandidaten, die zwölf Jahre Schule hinter sich gebracht haben, müssen zwei Prüfungen in Mathematik sowie Englisch und Allgemeinwissen ablegen, ein fünftägiges Auswahlverfahren überstehen und anschließend eine medizinische Untersuchung. Jedes Jahr bewerben sich rund 600.000 meist männliche Kandidaten, aufgenommen werden davon 600.

Doch es ist nicht die theoretische Erfolgsquote von 0,1 Prozent, wegen der sich Anshul Yadav, 18 Jahre alt, am frühen Montagmorgen dieser Woche mit zwei Freunden in seinem Dorf im Bundesstaat Uttar Pradesh zum Bahnhof der Stadt Mainpuri aufgemacht hat und sechs Stunden in Indiens Hauptstadt Delhi gefahren ist. Dort steht Yadav mit Tausenden anderen meist jungen Menschen auf dem Gelände der alten Sternwarte Jantar Mantar und will gegen die Regierung protestieren. Wieder einmal hat ein Skandal um Aufnahmeprüfungen das Land erschüttert. Es geht um Fragen für die Prüfung im Zulassungsverfahren für medizinische Hochschulen, die vorab an Kandidaten verkauft worden sind, um durchgestochene Fragebögen für den Aufnahmetest für den öffentlichen Dienst und um Computerchaos bei Abiturprüfungen, das den Abiturienten viel schlechtere Noten einbrachte, als sie eigentlich erzielt hatten.

„Das gesamte System ist korrupt geworden“

Anshul Yadav hat Angst, dass auch die Aufnahmeprüfung für die Armee manipuliert sein könnte und er umsonst lernt. Doch es geht noch um mehr. Um das Gefühl, dass sich Leistung in Indien nicht mehr lohnt. Zwar wächst die Wirtschaft hier mit rund sieben Prozent so stark wie nirgendwo sonst auf der Welt. Doch davon, so sieht das nicht nur Yadav, profitiere nur das einkommensstärkste Prozent, das 40 Prozent des Reichtums besitzt. Nur sieben Prozent der indischen Universitätsabsolventen finden im ersten Jahr eine feste Stelle.

Es gehe nicht nur um das Durchsickern von Prüfungsaufgaben, sagt Yadav im Gespräch mit der F.A.Z.: „Das gesamte System ist korrupt geworden.“ Er sei hier, um gegen all die Missstände in Indien zu demonstrieren. „Ich will mein Land schützen.“ Doch als er auf dem Protestgelände auf einer Bühne saß, kamen plötzlich Polizisten und schlugen mit ihren Schlagstöcken auf ihn ein. Yadav sah eine Frau neben sich, der die Polizisten die Beine gebrochen hätten, auf dass sie zu Boden gefallen sei. Viele hätten am Kopf geblutet und geweint. „Ich habe die Polizisten mit gefalteten Händen angefleht, doch sie haben einfach auf meine Hände eingeschlagen. Ich hätte nie gedacht, dass das System unseres Landes so korrupt ist.“

Skandale um Aufnahmeprüfungen sind in Indien eigentlich nichts Neues. Das unabhängige Medienportal Newslaundry kam bei einer systematischen Auswertung der vergangenen zehn Jahre auf 89 Fälle, bei denen Prüfungsfragen vorab an zahlende Schüler und deren Eltern durchgestochen wurden. Andere Quellen sprechen sogar von 152 Fällen in dem Zeitraum, in dem 75 Millionen Prüflinge von Betrug betroffen gewesen seien. Doch der diesjährige Skandal um über den Messengerdienst Telegram vorab verkaufte Prüfungsfragen für die landesweite Aufnahmeprüfung für angehende Medizinstudenten (NEET) hat eine neue Qualität erreicht. Nachdem das Durchsickern der Fragen bekannt geworden war, ließ die Regierung die Ergebnisse der ersten Prüfung annullieren und den Test wiederholen, bei dem die Kandidaten in drei Stunden und 20 Minuten 180 von 200 Fragen beantworten müssen, also ungefähr jede Minute eine Frage. Als sie hörten, dass sie die Tortur noch einmal erleiden mussten, nahm sich mindestens ein Dutzend Schüler das Leben.

Indiens Staat hat die Wut auf den Prüfungsbetrug völlig unterschätzt

Seitdem herrscht Aufruhr im Land. Die Protestanten fordern den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan, doch diesen Sieg will ihnen Ministerpräsident Narendra Modi bisher nicht zugestehen. Das Gefühl der Ohnmacht regt die Jungen weiter auf. „In jedem Land, in dem jemand seine Aufgaben nicht bewältigen kann, tritt er einfach zurück“, sagt der achtzehnjährige Yadav, der zur Armee will. „Doch in unserem Land haben sie alles unter ihre Kontrolle gebracht und sagen: ‚Wir werden nicht gehen.‘“ Obwohl es am Montag in Delhi bis zu 38 Grad heiß wurde und zeitweise regnete, zogen die Demonstranten vom Jantar Mantar mit Bannern und Plakaten über die Zufahrtsachsen um den großen Verteilerkreis in Richtung Parlamentsgebäude. Neben der Forderung, dass endlich strenge Gesetze gegen den Prüfungsbetrug erlassen würden, verlangten die Protestanten, die Familien der verstorbenen Schüler mit je zehn Millionen Rupien (90.000 Euro) zu entschädigen. Dann hielt die Polizei sie auf.

Die Staatsmacht hatte das Protestpotential völlig unterschätzt. Dass die Polizisten Tränengasgranaten auf Jugendliche schossen, Wasserwerfer einsetzten, selbst Frauen zusammenprügelten, Metrostationen sperrten und sogar zeitweise das Internet und den Versand von SMS sperrten, hat im Land viele entsetzt. Delhis kommunaler Regierungschef, Chief Minister Arvind Kejriwal, sprach von staatlicher „Tyrannei“ und einem „Anschlag auf die Demokratie“. Oppositionsführer Rahul Gandhi nannte die Polizeigewalt „komplett unindisch“ und forderte nicht nur den Innenminister zum Rücktritt auf, sondern Ministerpräsident Modi gleich dazu. Der wiederum verteidigte das Handeln der Regierung im Betrugsskandal und kündigte an, im Land das Gespräch mit der aufgebrachten Jugend zu suchen.

Nicht Hacker, sondern Insider des Systems stehlen die Prüfungsfragen

Doch ein paar mitfühlende Worte dürften den Ärger über die strukturellen Probleme, die im indischen Aufstieg immer stärker zutage treten, kaum lindern. Die Wut der Demonstranten, das gesamte System sei „korrupt“, kommt schließlich nicht von ungefähr. Studien haben gezeigt, dass die Prüfungsfragen bei all den Skandalen nicht von externen „Hackern“ gestohlen werden, sondern von Insidern des Systems: von Arbeitern in Druckereien, von Sicherheitskräften, von Übersetzern, der Prüfungsaufsicht, Professoren und Regierungsbeamten.

Diese bieten die Aufgaben privaten Nachhilfezentren an, deren Leiter genau wissen, wer von ihren Kunden zahlungskräftig genug ist, und bereiten die Schüler perfekt auf das Examen vor. Die Sozialwissenschaftlerin Indranee Dutta hat im Zuge des jüngsten Skandals nachgezeichnet, wie in Städten wie Delhi, Kota, Hyderabad und Patna „parallele Bildungssysteme“ entstanden seien, in denen Schüler zwar weiter formal an „Scheinschulen“ eingeschrieben seien, aber in Wahrheit die gesamte Zeit in sogenannten „Coachingzentren“ auf die Prüfungen vorbereitet würden. Fliegt die Sache auf, werden meist nur die kleinen Fische in den mafiaähnlichen Netzwerken bestraft. Jene, die auf höherer Ebene dafür verantwortlich sind, dass sich der Betrug Jahr für Jahr wiederholt, in Behörden und Ministerien, haben praktisch nichts zu befürchten. Untersuchungen haben gezeigt, dass in einem Zeitraum von über zehn Jahren nur ein hochrangiger Beamter im Zusammenhang mit dem Durchstechen von Prüfungsfragen verurteilt worden ist. Bereits Jawaharlal Nehru, Indiens erster Ministerpräsident, hatte 1961 davor gewarnt, dass das Land „ins Hintertreffen“ geraten werde, „wenn wir das Prüfungssystem nicht strenger gestalten und die Standards verbessern“. Seitdem ist wenig passiert.

Skandal auf Skandal – doch personelle Konsequenzen gibt es kaum

Die Zeitung „Indian Express“ hat in einer aufwendigen Recherche nachgezeichnet, dass Indiens Prüfungssystem regelmäßig Skandale hervorbringt, weil die verantwortlichen Institutionen versagen: Es gibt zwar immer neue Sicherheitsmechanismen, um das Durchstechen der Fragen zu verhindern. Beteiligte an der Ausarbeitung der Testbögen werden in isolierte Räume gesperrt und müssen ihre Telefone abgeben. Doch offensichtlich wird die Prozedur nicht angemessen überwacht. Der Recherche zufolge mangelt es an klaren Zuständigkeiten und starken digitalen Sicherheitsstandards.

Im jüngsten Fall hat offensichtlich ein Mitarbeiter der dem Bildungsministerium unterstellten Prüfungsbehörde einem Mittelsmann die Prüfungsfragen in den Bereichen Physik, Chemie und Biologie verschafft, die dieser dann als PDF-Dateien über Telegram‑Kanäle mit Namen wie „Private Mafia“ für umgerechnet Tausende Euro an ausgewählte Kandidaten schickte. Diese PDFs konnten auf ganz normalen Smartphones geöffnet, gespeichert und beliebig weitergeleitet werden – was eine sichere End-to-End-Verschlüsselung verhindert hätte. Dass für dieses institutionelle Versagen nun Verantwortliche ausgemacht werden, ist nicht sicher, auch wenn Modi ein hartes Durchgreifen angekündigt hat. Nachdem die Prüfungsfragen für das medizinische Aufnahmeverfahren 2024 durchgestochen wurden, gab es im Bildungsministerium keinerlei Entlassungen.

Allerdings stellt sich die Frage, ob ein Köpferollen Indiens Prüfungsskandale tatsächlich beenden würde. Schließlich würde das deren wichtigste Ursache nicht beseitigen: Solange der indische Arbeitsmarkt so eng bleibt, bleibt auch der Diebstahl und Verkauf der Fragen extrem lukrativ. Indiens Arbeitsmarkt ist so eng, dass die Aufnahmeprüfungen der zentrale, oft einzige Zugang zu den wenigen sicheren Jobs sind, die praktisch ausschließlich im Staatswesen zu finden sind. In der Folge könnten die Ausgaben der Inder für Nachhilfe von derzeit rund sieben Milliarden Dollar in den kommenden Jahren auf geschätzt das Vierfache steigen. „Das Nachhilfe-Ökosystem trägt dazu bei, dass Bildungsangst, Auswahlprüfungen und Arbeitslosigkeit in einen riesigen Markt umgewandelt werden“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Dutta.

Zeigt dieser Markt auch noch Störungen wie im Prüfungsskandal, wittert der Schulabgänger Anshul Yadav einen Anschlag auf Indiens Meritokratie, das Versprechen von Chancengleichheit, das in der Verfassung festgeschrieben ist. Ein Freund habe geweint, als herausgekommen sei, dass seine Prüfungsaufgaben gestohlen und verkauft worden waren. „Was sollen wir nur tun?“

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Die Ausgaben der Inder für Nachhilfe werden sich in den kommenden Jahren voraussichtlich vervierfachen.

    Very likely · Within years

  • Die indische Regierung wird versuchen, das Gespräch mit der aufgebrachten Jugend zu suchen und ein hartes Durchgreifen gegen Betrug ankündigen.

    Likely · Within weeks

Open Questions

  • Werden die Forderungen der Protestierenden nach strengeren Gesetzen und personellen Konsequenzen erfüllt?
  • Wie wird die Regierung die strukturellen Probleme des Prüfungssystems und des Arbeitsmarktes angehen?
  • Welche langfristigen Auswirkungen haben die Proteste auf die politische Landschaft Indiens?

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This article was originally published by FAZ.

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