Jordan Bardella: Frankreichs rechte Hoffnung mit Popstar-Qualitäten
Der RN-Chef gilt als starker Kandidat für den Élysée. Doch wie politisch tiefgründig ist er wirklich?
Quick Look
- Jordan Bardella, 30, ist der aufstrebende Star des Rassemblement National und wird in Umfragen hoch gehandelt.
- Seine Popularität verdankt er geschickter Medieninszenierung und der Verkörperung einer "volkstümlichen Elite".
- Ob er Marine Le Pen als Präsidentschaftskandidat beerbt, hängt von einem Gerichtsurteil ab.
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Why It Matters
Jordan Bardella, 30, ist der Parteichef des Rassemblement National und wird als möglicher Präsidentschaftskandidat gehandelt. Seine Popularität wächst, während Marine Le Pen auf ein Gerichtsurteil wartet.
Jordan Bardella war als Plan B des Rassemblement National gedacht. Inzwischen gilt er vielen Franzosen als die stärkere Option für den Élysée. Scheidet Marine Le Pen wegen eines Gerichtsurteils aus, rückt er nach. 06.07.2026 - 11:43 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Paris. Jordan Bardella ist 30 Jahre alt, offiziell nicht einmal Präsidentschaftskandidat – und schon der Mann, auf den die französische Rechte ihre größten Hoffnungen setzt. In Umfragen erzielt der Parteichef des Rassemblement National (RN) Rekordwerte.
Ob er 2027 tatsächlich ins Rennen geht, entscheidet sich vor Gericht: Am 7. Juli fällt das Urteil darüber, ob Marine Le Pen, bis 2021 Vorsitzende und lange Galionsfigur des RN, noch einmal kandidieren darf. Vor Gericht geht es um die Zweckentfremdung von EU‑Geldern.
Sollte Le Pen ausfallen, rückt Bardella nach. Und der Ersatzmann ist längst mehr als nur eine Reserve. In Umfragen werden ihm inzwischen bessere Chancen eingeräumt als seiner politischen Ziehmutter. Mehr als zwei Drittel der eigenen Anhänger halten ihn für den besseren Kandidaten. Warum ist er so beliebt? Was würde ein Präsident Bardella für Deutschland bedeuten? Und wie stehen seine Chancen?
Eher Popstar als Politiker
Jordan Bardella mag keine Kalkflecken in der Dusche. Zur besten Sendezeit sitzt der Chef des Rassemblement National in einem Fernsehstudio und erklärt, wie „fundamental“ ein Duschabzieher sei. Sein Social-Media-Team teilt diese kurze Szene mit seinen 2,3 Millionen Followern bei Tiktok – und am nächsten Tag wird in Frankreich darüber gesprochen, ob Bardella einen Putzfimmel hat.
Genau darum geht es. Wer über Kalkflecken redet, wirkt nicht wie ein Politiker einer radikalen Partei, sondern wie der penible Nachbar von nebenan. In der Welt des Jordan Bardella bleibt nichts dem Zufall überlassen.
Der 30-Jährige ist in Frankreich längst ein mediales Massenphänomen. Alle paar Tage sitzt er in Fernsehstudios und setzt dabei immer wieder dieselben Themen: Migration, Kaufkraft, Sicherheit. Ihm kommt es zupass, dass wenige Politiker des RN offiziell sprechen dürfen. So ist immer ein Platz für den Parteichef frei.
Die kurzen Clips, die sein Team daraufhin in sozialen Netzwerken postet, sind auf maximale Verbreitung getrimmt – und sprechen besonders junge Wähler an.
Das hat dem Europaabgeordneten die Popularität eines Popstars verschafft. Im jährlichen Ranking der 50 beliebtesten Persönlichkeiten Frankreichs liegt er auf Platz zwölf – als einziger Politiker unter den ersten 20.
Wenn Bardella durch die Provinz reist, bilden sich „Jordan, Jordan“-rufende Menschentrauben um ihn. Sobald ein Smartphone auf ihn gerichtet ist, setzt er ein Zahnpasta-Lächeln auf. Es ist zu seinem Markenzeichen geworden.
Parteichef Bardella: Selfies im Sekundentakt. Foto: AFP
Bardella war nicht immer so souverän. Auf Aufnahmen aus dem Regionalwahlkampf 2015 wirkt der damals 20-Jährige steif, beinahe schüchtern – eher wie ein ungelenker Streber im Anzug als wie ein politischer Star.
Sein berühmtes Lächeln, berichtete sein früherer Coach Pascal Humeau nach einem Zerwürfnis im französischen Fernsehen, habe er sich mühsam antrainiert. Das Ziel: Selbst Menschen, die ihn ablehnen, sollten zumindest denken: „Für einen Fascho wirkt er ganz nett.“
Der Journalist Pierre-Stéphane Fort hat den Politiker länger begleitet und ein viel beachtetes Buch darüber geschrieben. Er sieht Bardellas größte Stärke weniger in inhaltlicher Tiefe als in Kommunikation und Inszenierung. Bardella, sagt Fort, sei „besessen von dem Bild, das er abgibt“, und davon, stets makellos zu wirken. Die Form sei für ihn wichtiger als der Inhalt.
„Bardella ist stets perfekt vorbereitet und lernt Kernbotschaften auswendig, um Souveränität auszustrahlen“, sagt Fort. Die Kehrseite: Themenkomplexe beherrsche er nicht immer in der Tiefe.
Fort ist skeptisch, dass das im harten Präsidentschaftswahlkampf mit zwei Wahlgängen reichen würde. Bardella könne schnell an seine Grenzen stoßen, wenn er Kandidaten wie Édouard Philippe oder Jean-Luc Mélenchon gegenüberstehe. „Die beherrschen ihre Themen inhaltlich deutlich souveräner“, sagt er.
Der strategische Coup
Für den Rassemblement National ist Bardella ein politischer Glücksfall. Der Sohn italienischer Einwanderer, aufgewachsen in den Vorstädten Drancy und Saint-Denis, verkörpert genau das Profil, mit dem sich die Partei moderner und massentauglicher geben kann.
Seine Herkunft erzählt er gern als düstere Vorstadtgeschichte zwischen Häuserblöcken und Kriminalität. „Ich habe Gewalt erlebt“, erklärt er immer wieder. Und dass er miterlebt habe, wie seine Mutter am Monatsende immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten geriet.
Von seinem Vater, dem Chef eines Unternehmens für Getränkeautomaten, spricht er allerdings weniger. Auch dass dieser ihm ein Auto oder eine Reise in die USA finanziert haben soll, gehört nicht zu seiner Selbsterzählung. Ebenso selten erwähnt Bardella, dass er eine Privatschule besuchte – und nicht das öffentliche Lycée.
Frankreich
Macrons ewiger Rivalin droht das politische Aus
Für Autor Pierre-Stéphane Fort verkörpert Bardella damit das Ideal einer „volkstümlichen Elite“: einer, der es geschafft hat, ohne den klassischen Weg über Frankreichs Eliteschulen zu gehen. Dass er sein Geografiestudium abgebrochen und nie eine Institution wie die Kaderschmiede ENA durchlaufen hat, passe perfekt in dieses Bild. Dass er außerhalb der Politik kaum Berufserfahrung hat, spiele eine untergeordnete Rolle.
Mindestens ebenso wichtig ist: Bardella stammt nicht aus dem Le-Pen-Clan. Gerade das macht ihn für Wähler interessant, die den RN lange für rassistisch hielten. Er hilft der Partei, sich aus dem Schatten ihres Gründers Jean-Marie Le Pen zu lösen, der mehrmals wegen Anstachelung zum Fremdenhass und wegen Verharmlosung von NS-Verbrechen verurteilt wurde. Bardella gibt dem RN einen sanfteren Anstrich: weg vom Rassismus, rein in die Mitte der Gesellschaft.
Das perfekte Match
Jordan Bardella und Marine Le Pen geben sich geschlossen. Erst am Wochenende zeigten sich die beiden bei einem Parteifest im nordfranzösischen Liévin gemeinsam, scherzten gemeinsam, lachten. Tatsächlich hat sie ihn früh entdeckt und systematisch aufgebaut. 2017, mit 22 Jahren, wurde er einer der Parteisprecher. 2019 führte er den RN als Spitzenkandidat in die Europawahl, seitdem sitzt er im Europaparlament. 2022 übernahm er von Le Pen den Parteivorsitz.
RN-Politiker Le Pen, Bardella: Inzwischen zeigen sich Unterschiede. Foto: AFP
Inzwischen zeigen sich jedoch Unterschiede. Le Pen steht für die soziale, staatsorientierte Linie des RN. Bardella gilt als wirtschaftsliberal und unternehmensnah. Für Unruhe sorgte etwa, dass er in einem Interview die lange von der Partei propagierte Rente mit 60 beziehungsweise 62 infrage stellte.
Was wie ein Widerspruch wirkt, interpretiert Autor Pierre-Stéphane Fort als bewusste Arbeitsteilung. „Bardella verkörpert, was Marine Le Pen nicht kann, um die Wählerschaft zu verbreitern“, sagt er. Sie spreche eher sozial geprägte Milieus an, er eher liberal-konservative. Das gemeinsame Ziel sei klar: möglichst viele Wählergruppen zu erreichen, um an die Macht zu kommen.
Der Märchenerzähler
Lange hielt Bardella sein Privatleben aus der Öffentlichkeit heraus. Ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl änderte sich das. Im Frühjahr machte er seine Beziehung mit Maria Carolina von Bourbon-Sizilien mit einer Fotostrecke in einer französischen Klatschzeitung öffentlich.
Seine Partnerin ist nicht nur adelig, sondern eine Nachfahrin Ludwigs XIV. Wenn Bardella über sie spricht, wird der Ton weich. „Bevor es um ein Symbol der Geschichte Europas geht, geht es um die Person, die ich liebe“, sagte er im französischen Fernsehen.
Für manche Franzosen wirft diese Liaison Fragen auf: Wie passt Jetset-Romantik zum Anti-Eliten-Kurs des RN? „Zu Bling-Bling?“ schrieb etwa eine große französische Zeitung.
In Bardellas Umfeld dagegen treibt sie die Aufstiegserzählung auf die Spitze. „Ein Junge aus Saint-Denis in den Armen einer Prinzessin – das ist eine Erfolgsgeschichte“, schwärmt etwa der rechte Kommentator Thomas Bonnet im Fernsehsender CNews. Sogar über eine Hochzeit in der Kathedrale von Saint Denis, in der zahlreiche französische Könige begraben sind, wird spekuliert.
Vor allem in bürgerlich-konservativen Milieus, die Bardella erschließen will, dürfte die Beziehung eher nützen als schaden. Zugleich bleibt sie eine Gratwanderung. Dass Bardella Anfang Juni beim Formel-1-Grand-Prix in Monaco gut gelaunt mit seiner Partnerin posierte, während ein Gedenkmarsch für ein ermordetes Mädchen stattfand, dessen Sexualmord gerade in RN-nahen Milieus große Anteilnahme auslöste, sorgte für Irritationen. Als er anschließend – offensichtlich unvorbereitet – in einer Fernsehsendung darauf angesprochen wurde, entgegnete er patzig: „Gedenkmärsche gibt es doch jeden Tag.“
Bardella, Partnerin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien beim Grand Prix de Monaco: Für manche wirft die Beziehung Fragen auf. Foto: IMAGO/MAXPPP
Außen soft, innen hart
Bardella tritt weniger laut und aggressiv auf als andere Figuren seiner Partei. Auch gegenüber Deutschland schlägt er deutlich mildere Töne an. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nannte er die deutsch-französischen Beziehungen sogar „das Fundament Europas“. Das unterscheidet ihn von anderen RN-Vertretern, die regelmäßig gegen Deutschland sticheln.
Viele europäische Partner hoffen deshalb, Bardella könnte außenpolitisch eher dem pragmatischen Modell der rechten italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni folgen. Auch dass er Russlands Präsidenten Putin inzwischen als „mehrdimensionale Bedrohung“ bezeichnet, wurde in Europa mit Erleichterung registriert – nachdem der RN lange als russlandfreundlich galt.
Doch die moderatere Verpackung sollte nicht über den politischen Kern hinwegtäuschen. Nationalismus, harte Positionen zu Migration und Islam sowie eine konfrontative Europapolitik gehören unverändert zu Bardellas Profil. Er will die Freizügigkeit einschränken und Sozialleistungen auf französische Staatsbürger begrenzen.
Sollte er Präsident werden, würde sich Frankreichs Rolle in Europa fundamental verändern. Bardella will die EU nicht sprengen, aber, wie er sagt, „alles ändern, ohne zu zerstören“. Hinter der Formel steckt ein harter Kurs: Frankreichs Nettozahlungen an die EU sollen halbiert, nationales Recht soll in der Migrationspolitik über europäisches Recht gestellt werden. Das wäre ein direkter Angriff auf Grundprinzipien der Union.
Ähnlich doppeldeutig ist seine Linie in der Sicherheitspolitik. Frankreich soll in der Nato bleiben, sich aber aus der integrierten Kommandostruktur zurückziehen.
Auch seine Unterstützung für die Ukraine hat klare Grenzen. Den 90-Milliarden-Euro-Kredit der EU lehnte er ab – mit dem Argument, Frankreichs Anteil sei nicht gegenfinanziert und werde von Kiew kaum vollständig zurückgezahlt werden können.
Auf der Suche nach der präsidialen Statur
Bardella sucht gezielt den Kontakt ins Ausland. Zuletzt reiste er nach Polen, traf dort Politiker aus seiner europäischen Parteienfamilie, besuchte Sicherheitskräfte an der Grenze zu Belarus und die europäische Grenzschutzagentur Frontex.
Bardella an der polnischen Grenze zu Belarus: Konfrontative Europapolitik. Foto: AFP
Der Frankreich-Experte Jacob Ross von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sieht dahinter allerdings auch innenpolitisches Kalkül: Bardella müsse sich als präsidententaugliche, staatsmännische Figur aufbauen. Dazu passt auch, dass seine Partei ein Treffen mit dem deutschen Botschafter in Paris öffentlich machte.
Ob Bardella tatsächlich einen milderen Kurs gegenüber Deutschland verfolgen würde, ist nach Ross’ Einschätzung keineswegs ausgemacht. Innerhalb des RN gebe es weiterhin einflussreiche Stimmen, die deutlich härter gegen Deutschland und die EU argumentieren. Ross bezweifelt, dass Bardella in der Partei bereits dominant genug wäre, um sich gegen diese Kräfte durchzusetzen.
Hinzu kommt ein weiteres Risiko: Ein offizieller Wechsel von Marine Le Pen zu Bardella könnte die Spannungen im Innern der Partei verschärfen. Bardella steht seit Längerem eher für eine Öffnung zu konservativen und noch weiter rechts stehenden Milieus – einen Kurs, den Le Pen und ihr Lager bislang bewusst abgelehnt haben, um den Markenkern der Partei nicht zu verwässern.
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Bardellas Stärke liegt im Widerspruch. Er präsentiert sich als modernes, freundliches Gesicht einer Partei, deren politischer Kern in zentralen Fragen radikal geblieben ist. Für viele Franzosen verkörpert er Aufstieg, Ordnung und Erneuerung.
Ob Bardella tatsächlich ins Präsidentenrennen zieht, hängt zunächst am Urteil über Marine Le Pen. Doch schon jetzt zeigt sein Aufstieg, wie weit der Rassemblement National in die politische Mitte Frankreichs vorgedrungen ist. Für Deutschland wäre ein Präsident Bardella gerade deshalb heikel: weil er moderater auftritt als viele in seiner Partei – politisch aber kaum weniger hart wäre.
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AI outlook — possibilities, not facts
Bardella könnte Marine Le Pen als Präsidentschaftskandidat ersetzen.
Likely · Within days
Bardellas Präsidentschaft würde zu einer fundamentalen Veränderung der EU-Politik führen.
Likely · Medium term
Open Questions
- Kann Bardella inhaltliche Tiefe im Wahlkampf beweisen?
- Wie wird sich seine Beziehung zu Le Pen entwickeln?
- Wie wird seine Politik die EU beeinflussen?


