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KI-Agent soll den Nahverkehr revolutionieren
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Handelsblatt6/15/2026Tech7 min readGermany

KI-Agent soll den Nahverkehr revolutionieren

Quick Look

  • Anna-Theresa Korbutt, Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbunds HVV, entwickelt ein KI-Agentensystem namens MIA.
  • Es soll Fahrplanauskunft, Ticketkauf und Taxi-Ruf vereinen und den Nahverkehr vereinfachen.
  • Start ist Anfang 2027.

AI-generated summary

Why It Matters

Der deutsche Nahverkehr ist durch analoge Prozesse und eine Zersplitterung von Zuständigkeiten gekennzeichnet. Anna-Theresa Korbutt, HVV-Chefin, treibt die Entwicklung eines KI-Agentensystems voran, um diese Komplexität zu reduzieren.

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Aus dem Handelsblatt-Archiv: Der deutsche Nahverkehr ist ein Moloch aus analogen Prozessen. KI könnte einiges verbessern, findet Anna-Theresa Korbutt – und lässt ein einmaliges Agentensystem entwickeln. Sven Prange 15.06.2026 - 16:59 Uhr Artikel anhören

Hamburg. Auf Menschen, die regelmäßig den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland benutzen, wirkt Anna-Theresa Korbutt wie eine Frau aus einem Science-Fiction-Film. Energiegeladen, energisch. Denn sie arbeitet an etwas, das nach ferner Zukunft und anderer Galaxie klingt. Bis die Geschäftsführerin des Hamburger Verkehrsverbunds HVV dieses etwas dann erklärt, und erklärt und erklärt. Und irgendwann klar wird: Ihre Idee ist so weit fortgeschritten, dass Korbutt womöglich doch keinem Science-Fiction-Szenario, sondern nur einer freundlichen Version der nahen Zukunft entstammt.

Denn Korbutt arbeitet an etwas, das für den Nahverkehr in Deutschland ebenso revolutionär wie systemsprengend wäre: Ein KI-Agentensystem soll Fahrplanauskunft, Wegeplanung, Ticketshop und Taxi-Ruf in einem ausführen und so die Nutzung von Bus, U-Bahn und Regionalzügen vereinfachen. Alles per Sprachsteuerung in 146 Sprachen.

Anfang 2027 soll es losgehen: „Wir bauen die Siri des ÖPNV“, sagt Korbutt. Der Kunde soll nur noch sagen: Ich bin hier und möchte nach Altona. Dann sagt das System: Geh jetzt los, der Bus kommt in sieben Minuten, und das Ticket ist hinterlegt.

Wie realistisch das ist? „Ich bin intrinsisch motiviert, mich an Themen heranzuwagen, die noch keiner gelöst hat“, sagt Korbutt.

Nahverkehr? Digital ist hier wenig

Vermutlich ist das genau die Entschiedenheit, die es für ein Vorhaben wie MIA – das Mobile Intelligente Assistenzsystem – braucht. Um die Dimension der Aufgabe zu verstehen, muss man einen Blick auf den Nahverkehr in Deutschland werfen: 16 Bundesländer finanzieren rund 60 Verkehrsverbünde, die bei mehr als 1000 Unternehmen Fahrten mit Bus, U-Bahn, Tram, S- oder Regionalbahn bestellen.

S-Bahn Hamburg: Komplexes System. Foto: dpa

Es gibt jenseits des Deutschlandtickets, das in all diesen Verbünden gilt, Hunderte unterschiedliche Tarife, die an der jeweiligen Verbundgrenze enden. Es gibt keine einheitlichen Daten zu diesem Angebot, keine gemeinsamen IT-Schnittstellen und Verbände, die das Drucken eines QR-Codes für das Deutschlandticket auf eine Papierkarte schon für Digitalisierung halten. „Wir haben in Deutschland ein großes Talent dafür, einfache Dinge mit maximaler Komplexität zu betrachten“, sagt Korbutt.

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Und in dieses System prescht Korbutt nun mit ihrer Idee eines KI-gestützten Agentensystems, das den Nutzern verspricht: Dieses ganze Verwaltungschaos muss dich gar nicht mehr interessieren, du sagst deinem Handy einfach, wohin du willst – und es erledigt den Rest. „Wir reden nicht über einen Chatbot, der Standardantworten ausspuckt. Wir reden über einen KI-Agenten, der Aufgaben erledigt“, sagt Korbutt.

Die schwierigste technische Aufgabe sei dabei nicht der Aufbau der KI selbst: „Die größte Schwierigkeit ist, sie im Zaum zu halten.“ Ein Agent, der Fahrpläne, Preise oder Kundenprozesse bearbeitet, dürfe nicht halluzinieren. Er müsse wissen, welche Quelle verlässlich ist. Und das in einem System, das bisher die saubere Aufarbeitung von Daten eher nicht auf dem Schirm hatte: „Shit in, shit out gilt auch bei KI“, sagt Korbutt. Im Nahverkehr aber darf ein KI-Agent nicht fehlende Echtzeitdaten durch ausgedachte ersetzen – sonst landen Menschen, die vom Baumwall nach Altona wollen, am Ende doch in Lüneburg.

Aus dem System, aber nicht immer für das System

Korbutt findet, dass in der Verkehrsbranche ziemlich viel ziemlich schlecht läuft. Gleichzeitig kennt sie nach Stationen bei der Österreichischen Bundesbahn, der Schweizer Bahn BLS, der Deutschen Bahn und einer Spedition das System so lange und so gut, dass man sie nicht einfach ignorieren kann.

Sie arbeitet Zeit ihres Berufslebens im Verkehrssektor – und hat sich doch so etwas wie eine Quereinsteiger-Mentalität erhalten. „Man muss Veränderungen mit der Branche machen, aber nicht aus ihr heraus“, sagt sie.

Das war schon so, als sie sich mit am lautesten für die möglichst konsequente Digitalisierung des Deutschlandtickets ein- und es später auch durchsetzte. Oder wie sie ihren Job in Hamburg anging. Nicht ganz dankbar, hängt man als Chefin des Verkehrsverbunds doch an den politischen Gremien dreier, auch noch unterschiedlich regierter Bundesländer – Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein – und muss die Bedürfnisse der Millionenmetropole und der Landkreise in Einklang bringen.

Dafür ist sie recht weit gekommen: Gab es bei Amtsantritt vor fünf Jahren rund 70 verschiedene Zeitfahrkarten im HVV, sind es jetzt drei.

Bahn an den Landungsbrücken: Alles mit einer Software. Foto: dpa

Dabei hat sie sich nicht nur die Politik gewogen gehalten, sondern auch die Fahrgäste. Der Fahrgastverband Pro Bahn ist so begeistert von ihr, dass er sie im vergangenen Jahr als Deutsche-Bahn-Chefin vorschlug. Ob Korbutt wirklich Interesse hatte, ist unklar. Wer mit ihr spricht, hat aber nicht den Eindruck, dass sie Aufgaben dieser Dimension nicht interessieren würden.

Erst mal aber MIA. Heute, sagt Korbutt, müsse sich der Kunde zwischen Apps, Ticketshops und Anbietern selbst koordinieren. Künftig übernehme das der KI-Agent. Geplant ist eine geschlossene Beta-Phase mit echten Nutzern, die das System im Alltag testen und trainieren.

Den Code dafür schreibt der HVV nicht selbst. „Wir sind kein Tech-Unternehmen. Wir sollen pünktliche und sichere Verkehrsmittel anbieten. Deshalb holen wir uns dafür Technologiepartner, die es besser können“, sagt Korbutt. Externe KI-Spezialisten arbeiten am Multi-Agentensystem, das hinter der Spracheingabe steckt. Korbutt selbst sieht ihre Rolle als Übersetzerin zwischen den Welten.

Für Innovation braucht man Politik, die unterstützt – oder einen zumindest machen lässt. Anna-Theresa KorbuttHVV-Chefin

Wie ist sie auf die Idee gekommen? Mit einer ihrer Töchter, gerade frisch geboren, stand Korbutt vor einiger Zeit am Frankfurter Hauptbahnhof und suchte eine Weiterfahrtmöglichkeit. Töchterchen auf dem Arm, Smartphone in einer Hand. Aber womit tippen? Also wollte sie dem Smartphone ihren Reisewunsch diktieren. Hat natürlich nicht gut geklappt. Angekommen ist sie irgendwie, eine Idee reicher war sie auch.

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Seitdem hat sie Hürden auf dem Weg zur Umsetzung dieser Idee ziemlich konsequent umschifft. „Hamburg ist für solche Projekte ein gutes Pflaster, weil es hier Vertrauen, politischen Willen und Veränderungsbereitschaft gibt“, sagt sie. „Für Innovation braucht man Politik, die unterstützt – oder einen zumindest machen lässt.“ Wobei ihr vor allem Letzteres wichtig zu sein scheint.

Bahn-App: Bisher gibt es kaum intelligente Lösungen über Unternehmensgrenzen hinweg. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Woher kommt diese Lust, aussichtslose Projekte durchzudrücken? „Ich komme aus dem Leistungssport. Da will man immer Weltmeister werden“, sagt sie. Korbutt entstammt einer polnischen Hochleistungssport-Familie: Ihr Vater war Volleyball-Nationalspieler, ihre Tante ist Olga Korbut, die legendäre Turnerin mit drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Korbutt selbst war bis 2014 Profitänzerin im deutschen Standardtanz-Kader – parallel zu ihrer ersten Karriere bei der Deutschen Bahn.

Entsprechend ist ihr Ambitionsniveau in Sachen KI. Wenn das Ganze läuft, will sie Google und Apple dazu bekommen, das System in ihren mobilen Betriebssystemen zu integrieren. Dann bräuchte man keine App mehr, sondern könnte seine Wünsche direkt ins Handy sprechen. Hamburg soll der Anfang sein, danach will sie das System für andere Verbünde öffnen, langfristig deutschlandweit damit unterwegs sein. Was vermutlich nicht nur für die App, sondern auch für sie gilt. Ob sie daraus ein Geschäft machen will? Unklar. „Ich verlange erst einmal nichts – außer, dass man mir zuhört“, sagt sie.

Mehr: So sieht Deutschlands jüngste Professorin den KI-Boom

Dieser Artikel erschien bereits im Mai 2026. Der Artikel wurde am 29.05.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.

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What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Integration des KI-Systems in mobile Betriebssysteme von Google und Apple.

    Possible · Long term

  • Ausweitung des Systems auf andere Verkehrsverbünde und deutschlandweit.

    Likely · Long term

Open Questions

  • Wie wird die Finanzierung des Systems gesichert?
  • Wie wird die Akzeptanz bei Nutzern und Mitarbeitern sein?
  • Welche Partner werden für die Technologieentwicklung gewonnen?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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