Mexiko und EU modernisieren Handelsabkommen
Quick Look
- Mexiko und die EU aktualisieren ihr Handelsabkommen von 2000.
- Das neue Abkommen soll den digitalen Handel, öffentliche Beschaffung und die Zusammenarbeit stärken.
- Es tritt in Kraft, da Europa nach Partnern sucht, um unabhängiger von China und den USA zu werden.
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Why It Matters
Mexiko und die Europäische Union modernisieren ihr seit 2000 bestehendes Handelsabkommen, um es an aktuelle Gegebenheiten anzupassen. Die Überarbeitung konzentriert sich auf Bereiche wie digitalen Handel und öffentliche Beschaffung. Die EU sucht nach neuen Partnern, um ihre Abhängigkeit von den USA und China zu reduzieren.
Mexiko-Stadt, Brüssel. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert modernisieren Mexiko und die Europäische Union ihr Handelsabkommen. Die im Jahr 2000 geschlossene Vereinbarung wird nun im digitalen Handel, bei der öffentlichen Beschaffung und in weiteren Aspekten der Zusammenarbeit aktualisiert und erweitert. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum wollen das Abkommen am Freitag in der mexikanischen Hauptstadt unterschreiben.
Für die EU kommt die Unterschrift zur rechten Zeit. Europa sucht nach verlässlichen Partnern, um unabhängiger von China und den USA zu werden. Mexiko ist dabei besonders attraktiv: Das Land ist ein wichtiger Standort für die europäische Automobilindustrie, Rohstofflieferant, Brücke nach Nordamerika und politisch ein wichtiger Partner in Lateinamerika.
Mexiko ist seit 2008 strategischer Partner Brüssels – der einzige in Lateinamerika neben Brasilien. Aber in den vergangenen Jahren sind die historisch guten Verbindungen lockerer geworden. Europa war sehr mit sich selbst beschäftigt – und Mexiko hat zunehmend nach China geschaut. Aber in disruptiven Zeiten, in denen vor allem die USA als verlässlicher Partner in politischen und wirtschaftlichen Fragen wegfällt, wollen sich Europa und Mexiko wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen.
„Der Gipfel ist ein Meilenstein in den bilateralen Beziehungen und wird die strategische Partnerschaft zwischen Mexiko und der Europäischen Union festigen“, sagte Präsidentin Sheinbaum. Sie sieht in der Modernisierung das Vertrauen bestätigt, das internationale Unternehmen und Investoren in die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas hätten. Mit der Unterzeichnung „erschließen wir neue Horizonte“, unterstrich die linksliberale Staatschefin.
Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich, die Niederlande und Belgien gehören zu den wichtigsten Partnern innerhalb der Europäischen Union. Derzeit exportieren mehr als 45.000 Unternehmen aus der EU nach Mexiko, 11.000 haben eine Präsenz in dem lateinamerikanischen Land. Gemeinsam repräsentieren die EU und Mexiko einen Markt mit mehr als 582 Millionen Menschen und einem BIP von 25,1 Billionen Dollar.
Für europäische Unternehmen bringt das Abkommen konkrete Vorteile. Mexiko senkt hohe Zölle auf viele EU-Agrarprodukte und öffnet seine öffentlichen Ausschreibungen erstmals überhaupt in einem Freihandelsabkommen auch auf Ebene der Bundesstaaten für europäische Unternehmen. Zugleich werden Zollverfahren vereinfacht und Regeln für Dienstleistungen, digitalen Handel und Investitionen modernisiert.
Ein wichtiger Sieg für die EU-Verhandler ist auch, dass Mexiko hunderte europäische regionale Spezialitäten rechtlich vor Nachahmern schützt – von Feta über bayerisches Bier bis Champagner. Im Gegenzug schützt die EU mexikanische Produkte wie Tequila, Mezcal und Jalapeño-Chilis. Damit schließt sich Mexiko dem europäischen System der geschützten geografischen Herkunftsbezeichnungen an.
Der größte Gegner dieses Systems ist die US-Regierung: Sie kämpft auch im Ausland gegen den Schutz der europäischen Herkunftsbezeichnungen und argumentiert, nur Markennamen dürften rechtlich geschützt werden.
Washington wollte Mexiko davon abbringen, dem EU-System beizutreten: Denn US-Lebensmittelfirmen befürchten, auf dem Weltmarkt von ihren europäischen Wettbewerbern zurückgedrängt zu werden, wenn sie amerikanischen Käse nicht mehr als Parmesan und Schaumwein aus Kalifornien nicht mehr als „Champagner“ vermarkten dürfen.
Auch der Schutz geistigen Eigentums wird nun explizit geregelt. Daran hätten vor allem deutsche Unternehmen besonderes Interesse gehabt, sagt Johannes Hauser, Geschäftsführer der Deutsch-Mexikanischen Industrie- und Handelskammer (AHK Mexiko), dem „Handelsblatt“. Ab sofort könnten sie nun besser gegen Produktpiraterie vorgehen.
Das überholte Abkommen, das bereits seit 2018 ausverhandelt ist, ist vor allem für Mexiko eine willkommene Alternative zu der alles dominierenden Partnerschaft mit den USA. Mexiko ist seit 1994 über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (USMCA, früher NAFTA) mit den USA und Kanada verbunden.
Derzeit wird das Abkommen überarbeitet, wobei sich die Gespräche länger hinziehen werden als geplant, wie Wirtschaftsminister Marcelo Ebrard kürzlich eingestand. Washington will eine verbesserte wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Nachbarn an ein härteres Vorgehen gegen die organisierte Kriminalität und die Korruption knüpfen, was Mexiko als unzulässige Einmischung betrachtet.
Mexiko ist eines der Länder auf der Welt mit den meisten Freihandelsabkommen. Mit 52 Partnern sind weltweit Handelserleichterungen in insgesamt 14 Abkommen vereinbart. Allerdings hat das Land die Möglichkeiten bis heute nicht annähernd ausgereizt.
Mexikos Wirtschaft steht und fällt mit den Exporten in die USA, die rund 80 Prozent der Gesamtausfuhren ausmachen. Sheinbaum bekräftigte, dass Mexiko zwar der Überarbeitung des USMCA Priorität einräume, ihre Regierung aber auch den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit anderen internationalen Partnern anstrebe.
Die EU ist nach den Vereinigten Staaten und China Mexikos drittgrößter Handelspartner und sein zweitgrößter Exportmarkt, während Mexiko der elftgrößte Handelspartner der Europäischen Union ist. Seit Inkrafttreten des Abkommens hat sich der Warenhandel zwischen beiden Seiten vervierfacht. Er erreichte 2025 ein Volumen von fast 86 Milliarden Euro.
Damit macht er aber dennoch gerade einmal rund zehn Prozent des Handelsvolumens aus, das Mexiko mit den USA hat (874 Milliarden Dollar Import-Export-Volumen). Im Jahr 2025 beliefen sich die mexikanischen Exporte in die Europäische Union auf 27,66 Milliarden Dollar, was einem Anstieg von 4,8 Prozent gegenüber 2024 entspricht.
Die Europäische Union exportiert hauptsächlich hochwertige Industriegüter und Technologie nach Mexiko; darunter Maschinen und Anlagen, Fahrzeuge sowie chemische und pharmazeutische Erzeugnisse. Umgekehrt gehen auch Automobile und Fahrzeugteile, vorrangig von deutschen Herstellern, von Mexiko in die EU. Aber auch Elektronik und Maschinen sowie Agrarprodukte und Lebensmittel wie Obst und Gemüse, vor allem Avocados, gelangen in die EU.
Der mexikanische Wirtschaftsrat für Außenhandel, Investitionen und Technologie (Comce) prognostiziert einen Anstieg des bilateralen Handels durch das neue Abkommen um 35 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Neben dem Zollabbau ziele das neue Abkommen auch darauf ab, einen gemeinsamen Rechtsrahmen zu festigen, hob Comce-Präsident Sergio Contreras hervor. Auch Johannes Hauser hält die nun vereinbarte größere Sicherheit für wichtig.
Mexiko habe bei den Verhandlungen vor allem auf Zollerleichterungen für seine Agrarprodukte gedrängt, betont AHK-Chef Hauser. Frisches Obst sei bisher mit Aufschlägen von bis zu hundert Prozent belegt gewesen. „Das fällt nun weg.“ Die EU senkt künftig die Zölle auf Erdbeeren, Honig, Rohrzucker, Spargel, Orangensaft und andere Lebensmittel aus Mexiko. Umgekehrt kommen künftig Käse und Schweinefleisch, Schokolade, Nudeln und Kekse zollfrei nach Mexiko, die bisher mit Abgaben von bis zu 45 Prozent belegt waren.
Der Zugewinn an Marktpotenzial mit der Erweiterung sei für andere Länder größer, weil Deutschland im Agrarsektor nicht so stark ist, sagt Hauser, erinnert aber daran, dass Deutschland innerhalb der EU schon Mexikos größter Partner ist. Deutschland habe dabei einen klaren Industriefokus – und in diesem Bereich sei das EU-Mexiko-Abkommen bereits in seiner Ursprungsfassung gut ausverhandelt gewesen.
Insgesamt werde Mexiko mit der Modernisierung wieder mehr auf Europa schauen, unterstreicht der AHK-Chef. Und auch in Europa setze sich die Einsicht durch, dass die Gemeinschaft wieder mehr Präsenz in Lateinamerika zeigen müsse, um so vor allem nicht China das Terrain noch weiter zu überlassen. Das asiatische Land hat sich in den vergangenen Jahren in vielen Ländern der Region zum wichtigsten Wirtschaftspartner entwickelt. So etwa in Brasilien.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Anstieg des bilateralen Handels zwischen Mexiko und der EU um 35 Prozent innerhalb von fünf Jahren.
Likely · Medium term
Mexiko wird seine Wirtschaftsbeziehungen mit Europa weiter ausbauen, um die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren.
Very likely · Long term
Open Questions
- Wann genau tritt das modernisierte Abkommen in Kraft?
- Wie werden die neuen Regeln für digitalen Handel und öffentliche Beschaffung konkret umgesetzt?
- Welche Auswirkungen hat das Abkommen auf die US-mexikanischen Beziehungen?
- Wie wird die Einhaltung der geschützten geografischen Herkunftsbezeichnungen überwacht?


