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Nach Anschlagsserie auf Strominfrastruktur: Experten fordern verstärkten Schutz
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Handelsblatt55 minutes agoPolitics4 min readGermany

Nach Anschlagsserie auf Strominfrastruktur: Experten fordern verstärkten Schutz

Nach mutmaßlichen Sabotageakten in Bergheim und Jänschwalde fordern Branchenverbände und Politiker staatliche Unterstützung und neue Sicherheitskonzepte für kritische Infrastrukturen.

Quick Look

  • Nach mutmaßlichen Anschlägen auf Umspannwerke in Bergheim und Jänschwalde innerhalb von 24 Stunden fordern Energieverbände und Politiker einen besseren Schutz der kritischen Infrastruktur.
  • Diskutiert werden staatliche Resilienzfonds und neue Befugnisse für Geheimdienste.

AI-generated summary

Why It Matters

Innerhalb von 24 Stunden kam es zu mutmaßlichen Anschlägen auf Umspannwerke in Bergheim und Jänschwalde. Die Sicherheitsbehörden prüfen Zusammenhänge und mögliche Hintergründe wie Sabotage oder Linksextremismus.

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Berlin, Düsseldorf. Nach dem mutmaßlich zweiten Anschlag auf die Strominfrastruktur in Deutschland innerhalb eines Tages fordern Experten wirksamere Schutzkonzepte. „Die jüngsten Anschläge auf die Stromnetze zeigen, dass sich die Bedrohungslage zuspitzt und unsere kritische Infrastruktur verletzlich ist“, warnt Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU).

Stadtwerke, kommunale Ver- und Entsorger schützten ihre Anlagen bestmöglich, „aber sie sind keine Sicherheitsbehörden“, sagte Liebig. Sicherheit sei Aufgabe des Staates, von Polizei und Geheimdiensten, nicht der Unternehmen: „Es kann uns jederzeit an jedem Ort treffen, weil es trotz aller Vorkehrungen, die wir in den Unternehmen bereits leisten und intensivieren müssen, keine 100‑Prozent-Sicherheit gibt.“

Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), sagte dem Handelsblatt, neben der Gefahrenabwehr sei entscheidend, Schäden nach einem Angriff zu begrenzen und insbesondere die Versorgung schnell wiederherstellen zu können. „Dafür braucht es eine finanzielle Flankierung. Notwendige Investitionen müssen im Regulierungsrahmen der Bundesnetzagentur anerkannt werden“, sagte Andreae.

Zusätzliche Investitionen, die aufgrund der verschärften Sicherheitslage erforderlich sind, sollten zudem über staatliche Mittel, etwa einen Resilienzfonds, finanziert werden, forderte die BDEW‑Hauptgeschäftsführerin. „Dieser war angekündigt, muss jetzt kommen. Die Bedrohung ist real, weder abwarten noch aussitzen ist sinnvoll“, sagte sie. Es müsse jetzt eine belastbare Finanzierungsgrundlage im Haushalt geschaffen werden.

Der Vorsitzende des Geheimdienste-Kontrollgremiums, Marc Henrichmann (CDU), verwies auf die geplante Reform der Nachrichtendienste. „Unsere Dienste bekommen erstmals die Befugnis, bei erkannten Gefahren schützend einzugreifen, statt nur zuzusehen und zu melden“, sagte er dem Handelsblatt. „Das ist der Schritt vom Hinterherlaufen zum Vor-die-Welle-Kommen, den wir lange gefordert haben.“ Ein „Resilienzfonds“, wie ihn die Bundesregierung plane, könne dabei ein Baustein sein.

Am Dienstagabend kam es in einem Umspannwerk in Bergheim nahe Köln zu einem mutmaßlichen Anschlag. Auf Videos sind laut Angaben des Landesinnenministeriums mehrere Explosionen und grelle Lichtblitze zu sehen. In der Folge gingen insgesamt fünf Kohlekraftwerksblöcke des Energieversorgers RWE vom Netz.

Drei davon sollen im Laufe des Tages wieder ans Netz gehen. Der Rest soll über das Wochenende wieder hochgefahren werden. Erst am Dienstagmorgen war es zu einem versuchten Anschlag auf ein Kohlekraftwerk im brandenburgischen Jänschwalde gekommen. Dort wurden nach Angaben der Polizei nun Terrorermittlungen eingeleitet.

Der CDU-Sicherheitspolitiker Henrichmann befürchtet weitere Angriffe auf die deutsche Energieversorgung. „Dass unser Netz bislang gehalten hat, ist kein Grund zur Entwarnung, sondern der Beweis, dass Resilienz mehr denn je hart erarbeitet werden muss“, sagte Henrichmann dem Handelsblatt.

„Bergheim und Jänschwalde binnen 24 Stunden: Das sind keine Einzelfälle mehr, das ist eine Serie von Angriffen gegen unsere Energieversorgung“, sagte der CDU‑Politiker. „Auffällig ist: Es braucht gar keine großen Sprengungen, kein aufwendiges Arsenal. Ein gezielt herbeigeführter Kurzschluss an der richtigen Stelle reicht, um maximalen Schaden anzurichten.“ Man sehe hier „eiskaltes Kalkül mit niedrigschwelligen Mitteln“.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul sprach am Mittwochmorgen mit Blick auf Bergheim von einem „Anfangsverdacht verfassungsfeindlicher Sabotage“. Man ermittle sowohl in Richtung fremdstaatlich gelenkter Sabotage, als auch in Richtung Linksextremismus. Auch Zusammenhänge mit dem Anschlag in Brandenburg werden geprüft.

„Kritische Infrastruktur ist die Achillesferse unserer Gesellschaft. Wir haben das Thema über mehrere Jahre vielleicht nicht zu ernst genommen, kritische Informationen sind zu öffentlich zugänglich, das müssen wir kritisch überprüfen“, kündigte der CDU-Politiker an.

Angriffe auf die deutsche Strominfrastruktur gab es schon viele – nur ein Teil davon ist öffentlich bekannt. Dazu zählen ein Anschlag auf die Stromversorgung des Tesla-Werks in Brandenburg, eine Sabotageaktion mit tagelangem Stromausfall in Berlin oder der Brand in einem Umspannwerk in Reutlingen.

Weitläufige Anlagen wie Umspannwerke oder Kraftwerksgelände sind gegen Angriffe nur schlecht gewappnet. Gleichzeitig sind sie ein lohnendes Ziel für Sabotage: Ein Umspannwerk ist ein kritischer Netzknoten für die Umleitung und Weiterleitung von Strom. Fällt es aus, ist die Stromversorgung von Zehntausenden, teilweise Hunderttausenden Menschen und Unternehmen innerhalb weniger Sekunden lahmgelegt.

Immer wieder wird vor dem zu schlechten Schutz der kritischen Infrastruktur (Kritis) gewarnt. „Wir schaffen es in Deutschland zurzeit nicht, die Flughäfen zu sichern – die großen, wenigen Flughäfen. Wie sollte ich Ihnen jetzt sagen, dass wir aber unsere vielen hundert Verteilnetzpunkte alle unter Kontrolle haben?“, sagte Leonhard Birnbaum, Chef des größten deutschen Netzbetreibers Eon, erst vor wenigen Wochen. Man sei dabei, die physische Absicherung der Anlagen zu verbessern, aber gerade bei Drohnenattacken könne es keinen vollständigen Schutz geben.

„Detaillierte Informationen und Pläne zu kritischen Infrastrukturen dürfen potenziellen Angreifern nicht frei zugänglich sein“, sagte BDEW-Chefin Andreae. Dazu gehöre auch, die geltenden Datenschutzbestimmungen so anzupassen, dass auch angrenzende öffentliche Bereiche rechtssicher per Kamera überwacht werden können.

Der BDEW sei außerdem in Gesprächen mit dem Bundeswirtschaftsministerium sowie der Bundesnetzagentur, um ein Maßnahmenpaket zur Resilienzsteigerung in den Stromnetzen zu entwickeln. Dazu gehöre auch ein enger Informationsaustausch zwischen Sicherheitsbehörden und Kritis-Betreibern.

Allerdings gilt eine Anlage erst als kritische Infrastruktur, wenn sie mehr als 500.000 Personen versorgt. Kritiker halten diese Begrenzung für deutlich zu hoch. Erst im Juni hatte es einen Brandanschlag auf ein Umspannwerk im baden-württembergischen Reutlingen gegeben, nach dem es zu einem großflächigen Stromausfall kam, von dem 30.000 Menschen betroffen waren. Das Umspannwerk lag deutlich unter der gesetzlichen Schwelle von 500.000 Personen.

Erste Betreiber haben ihre Schutzvorkehrungen bereits selbst erhöht. Nachdem ein Anschlag im Südwesten von Berlin Zehntausende Haushalte mitten im Winter über Tage ohne Strom dastehen ließ, wurden mehr als 70 Umspannwerke des Berliner Netzbetreibers „Stromnetz Berlin“ mit meterhohen Zäunen, Stacheldraht und KI-gestützter Videoüberwachung ausgerüstet.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Einführung eines staatlichen Resilienzfonds zur Finanzierung von Sicherheitsmaßnahmen.

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wer sind die Täter hinter den Anschlägen?
  • Wie hoch ist der finanzielle Schaden für die Betreiber?
  • Wann wird der Resilienzfonds konkret umgesetzt?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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