
Aktuelle Ergebnisse zeigen historische Tiefstwerte in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik.
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Die Pisa-Studie misst alle drei Jahre die Kompetenzen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.
Haben 15-Jährige in Deutschland gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit die Fähigkeit, in der heutigen Lebens- und Berufswelt zurechtzukommen? Nur bedingt.
Berlin. Die deutschen Schülerinnen und Schüler schneiden in der aktuellen Pisa-Studie so schlecht ab wie noch nie. Die Ergebnisse der internationalen Bildungsstudie sind sogar noch schlechter als jene aus dem Jahr 2000, der hierzulande den „Pisa-Schock“ auslöste.
In der Studie, die am Dienstag veröffentlicht wurde, heißt es: „In allen drei untersuchten Kerndomänen, Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik, erreichen die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland die geringsten Kompetenzwerte seit Beginn der Pisa-Erhebungen.“
Es sei ein „eindeutiger Abwärtstrend“ zu sehen, sagte der Leiter der Pisa-Studie in Deutschland, Samuel Greiff. „Die Kompetenzverluste beschränken sich nicht auf bestimmte Leistungsbereiche oder auf einzelne Gruppen von Schülerinnen und Schülern, sondern sind über das gesamte Leistungsspektrum zu beobachten.“
Für die aktuelle Studie wurden von März bis Mai 2025 rund 6700 Schüler an etwa 250 Schulen in Deutschland getestet. Die Stichprobe gilt als repräsentativ für 15-Jährige in Deutschland.
Konkret erreichten die deutschen Jugendlichen in Naturwissenschaften 486 Punkte, im Lesen 465 Punkte und in Mathematik 464 Punkte. Deutschland erreicht damit nur noch das Durchschnittsniveau der OECD-Staaten.
In der 236 Seiten starken Studie heißt es zum Negativtrend: „Zwar zeigen sich ähnliche Entwicklungen auch in vielen anderen OECD- und EU-Staaten, die Kompetenzrückgänge fallen in Deutschland jedoch tendenziell stärker aus.“
Bei Pisa geht es laut dem Forscherteam nicht darum, auswendig Gelerntes abzufragen. Die Studie soll vielmehr zeigen, wie gut Jugendliche in der Lage sind, ihr Wissen aus verschiedenen Schulfächern und ihrem Leben außerhalb der Schule auf neue Problemstellungen aus dem Alltag zu übertragen.
Die Bildungsvergleichsstudie wird von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) koordiniert und in Deutschland vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der Technischen Universität München (TUM) geleitet.
Um wieder besser zu werden, empfiehlt das Pisa-Team die folgenden Maßnahmen:
Unterstützungsbedarf früh identifizieren und Kleinkinder gezielt fördern. In diese Richtung gehen auch die Pläne von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU): Alle Kinder in Deutschland sollen künftig im Alter von vier Jahren nach einheitlichen Standards auf Sprache und Entwicklung getestet werden. Durch eine Förderpflicht soll der Start in die Grundschule besser funktionieren.
Die Lernentwicklung der Schüler datenbasiert begleiten. „Staaten wie Kanada zeigen, dass mit regelmäßigen, kurzen Tests die Lernentwicklung hervorragend beobachtet werden kann“, erklärt TUM-Bildungsforscher Greiff. Lehrkräfte könnten darauf gezielt pädagogisch reagieren.
Schulen entsprechend ihrem Unterstützungsbedarf stärken. In diese Richtung geht seit 2024 bereits das Startchancen-Programm des Bundes, das Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schüler besonders unterstützt.
„Als Gesellschaft sollten wir uns nicht damit abfinden, dass junge Menschen die Schule ohne die Kompetenzen verlassen, die sie für ihren weiteren Lebensweg brauchen“, sagt Studienleiter Greiff. „Die Ergebnisse geben Anlass zur Sorge, aber sie sind kein Schicksal.“
Bildungsexperte und Lehrer Alexander Brand, dessen Sachbuch über die Spitzenreiter internationaler Bildungsstudien mit dem Titel „Die Bildungsweltmeister“ gerade erschienen ist, fordert: Lernstände früh und fortlaufend diagnostizieren, verlässliche Einzel- und Kleingruppenförderung durchführen und Fortbildung als festen Bestandteil des Lehrerberufs organisieren.
Was das deutsche Pisa-Team als besonders „auffällig“ bezeichnet, ist der wachsende Anteil von Jugendlichen, die keine ausreichenden Basiskompetenzen mehr erreichen. Sie verfügen also nicht mehr über die grundlegenden Fähigkeiten, die sie benötigen, um Anforderungen in Ausbildung, Beruf und Alltag sicher bewältigen zu können.
Rund einem Drittel der 15-Jährigen fehlen im Lesen und in Mathematik solche Fähigkeiten. Damit hat sich der Anteil solcher Schüler seit 2015 verdoppelt.
In den Naturwissenschaften hat rund ein Viertel der Schüler nur eine eingeschränkte Kompetenz. Rund ein Fünftel der Jugendlichen verfügt in keinem der drei Bereiche über ausreichende Basiskompetenzen.
Auch die besonders leistungsstarken Schüler werden weniger. Beispiel Mathematik: Hier sank der Anteil der Jugendlichen mit besonders hohen Kompetenzen seit 2015 von 13 auf acht Prozent. Nur noch drei Prozent der 15-Jährigen erreichen in allen drei Bereichen die höchsten Stufen.
Die Pisa-Forscher halten die Entwicklung in Deutschland für „besonders bemerkenswert“. Denn nach dem „Pisa-Schock“ vor 25 Jahren habe sich Deutschland zunächst verbessern und auf gutem Niveau halten können.
Es seien neue Unterrichtsmethoden eingeführt, zahlreiche Förderprogramme aufgelegt, Ganztagsschulen ausgebaut und die Ausbildung der Lehrer geändert worden. Dann habe sich aber „Genügsamkeit“ eingeschlichen, bemängelt Bildungsforscher Greiff. Seit rund zehn Jahren lassen die Leistungen kontinuierlich nach.
Estland und Österreich deutlich vor Deutschland
Die besten Ergebnisse in Naturwissenschaften und Mathematik erzielen die Schülerinnen und Schüler in den chinesischen Regionen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang. Im Lesen haben die 15-Jährigen in Singapur die höchsten Kompetenzen.
Insgesamt haben 91 Staaten und rund 760.000 Schüler an der aktuellen Pisa-Studie teilgenommen. Die Bildungsforscher verweisen darauf, dass es sinnvoll ist, Deutschland mit vergleichbaren Staaten zu vergleichen: Estland, Frankreich, Kanada, die Niederlande, Österreich und die Schweiz.
Besonders stark hängen die Fähigkeiten der Jugendlichen in Deutschland von der sozioökonomischen Situation ihrer Familien ab. Diese umfasst die elterliche Bildung, die berufliche Stellung sowie Ressourcen im Haushalt.
Die sozioökonomische Situation sei der wichtigste Faktor im Vergleich zu Geschlecht und Zuwanderungshintergrund. Beispiel Naturwissenschaften: Nur zwei Prozent der Schüler aus benachteiligten Familien erwerben hohe Kompetenzen, bei privilegierten Familien sind es 25 Prozent.
Die Pisa-Studie beschreibt, dass 29 Prozent der Schüler in Deutschland einen Zuwanderungshintergrund aufweisen. Das Fazit der Forscher: Bildungsungleichheiten können nicht auf den Zuwanderungshintergrund allein zurückgeführt werden.
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