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Pisa-Studie: Ist das deutsche Bildungssystem wirklich gescheitert?
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Handelsblatt14 hours agoEducation4 min readGermanyView translation

Pisa-Studie: Ist das deutsche Bildungssystem wirklich gescheitert?

Experten analysieren den globalen Abwärtstrend bei Basiskompetenzen und hinterfragen die Aussagekraft der Pisa-Ergebnisse für Deutschland.

Quick Look

  • Deutsche Schüler schneiden in Pisa-Studien erneut schwach ab.
  • Experten wie Ludger Wößmann und Klaus Zierer ordnen dies als Teil eines globalen Trends ein, der über ein reines Versagen des deutschen Systems hinausgeht, und fordern neue bildungspolitische Ansätze.

AI-generated summary

Why It Matters

Deutschland verzeichnete nach dem Pisa-Schock im Jahr 2000 zunächst Leistungssteigerungen, bevor die Ergebnisse seit 2012/2015 wieder sanken. Dieser Trend korreliert mit einer globalen Entwicklung bei G7-Nationen.

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Berlin. Wieder einmal haben deutsche Schülerinnen und Schüler schlechter bei der Pisa-Studie abgeschnitten als in früheren Runden der internationalen Bildungserhebung. Und das, nachdem schon die jüngste Pisa-Studie aus dem Jahr 2022 für Deutschland historische Tiefstwerte brachte.

Doch sind die aktuellen Ergebnisse wirklich ein Beleg für eine speziell deutsche Problematik? Wer genauer in Daten und Studien schaut und mit Experten spricht, stellt fest: Die These, dass das deutsche Bildungssystem rundum versagt, ist zu einfach.

Nach dem Pisa‑Schock aus dem Jahr 2000 schnitt Deutschland bei den darauffolgenden Pisa‑Ergebnissen zunächst nach und nach besser ab. Die deutschen Schülerinnen und Schüler steigerten ihre Lesekompetenz von 2000 bis 2015. In Mathematik und Naturwissenschaften zeigten sie zumindest von 2000 bis 2012 bessere Leistungen.

Zeitweilig konnten die Deutschen hinter den Japanern und Kanadiern zumindest Platz 3 innerhalb der G7-Nationen für sich beanspruchen. Das bedeutet: Die Geschichte eines konstanten Versagens stimmt also nicht.

„Weil der Pisa-Schock so groß war und man sogar sehen konnte, welche Bundesländer besonders schlecht abschnitten, gab es auf allen Ebenen eine Anstrengung, mit der Deutschland schrittweise besser wurde“, kommentiert Ludger Wößmann, Leiter des Forschungsinstituts ifo Zentrum für Bildungsökonomik, die Ergebnisse im Zeitverlauf.

Doch danach ließ der Druck offenbar nach – und die Leistungen wurden erneut schwächer. Wößmann sagt: „Dass vergleichende Pisa-Tests zwischen den Bundesländern wieder abgeschafft wurden, ist ein Beispiel dafür, dass der Fokus verloren gegangen ist.“ Hinzu kommt seiner Einschätzung nach, dass sich die Zusammensetzung der Schüler in deutschen Klassenzimmern in diesen Jahren verändert hat und die Politik wenig Antworten auf eine höhere Migrantenquote gehabt habe.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Der deutsche Abstieg in der Kompetenz seit 2015 beziehungsweise seit 2012 hat nicht dazu geführt, dass die deutschen Schüler im Hinblick auf Bildung international extrem abgehängt sind. Der Grund dafür ist allerdings nicht besonders ermutigend: Auch bei den anderen G7-Nationen ist ein deutlicher Einbruch bei den Kompetenzen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften festzustellen. Eine Ausnahme bilden aktuell lediglich die japanischen Schüler.

Der Trend erinnert an eine Entwicklung, die man von Intelligenztests (IQ-Tests) als „Reverse-Flynn-Effekt“ kennt. Der ursprüngliche Flynn-Effekt bezeichnete das Phänomen, dass über die Jahre die Ergebnisse von IQ-Tests kontinuierlich besser wurden. Doch in den vergangenen Jahren berichten verschiedene Forscher, dass die Testergebnisse in einigen Ländern und bei bestimmten Altersgruppen seit den 1990er-Jahren jedoch stagnieren oder sich seit den 2000ern oder spätestens 2010er Jahren verschlechtert haben.

Zu den Pisa-Ergebnissen sagt Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler an der Universität Augsburg: „Das Spannende ist, dass man eigentlich weltweit seit 2015 sehen kann, wie die Pisa-Werte heruntergehen.“ Den Grund für den Abwärtstrend sieht Zierer in der Digitalisierung. Die langen Zeiten vor Bildschirmen führten dazu, dass unter anderem auch nachweislich der Wortschatz verkümmert, sagt er.

Im Kontrast dazu diskutieren andere Experten, ob ein solcher pessimistischer Ausblick grundsätzlich berechtigt ist. Sie sehen den Grund für die fallenden IQ-Werte wie zum Beispiel bei neueren Erhebungen für deutsche 15-Jährige vielmehr darin, dass klassische Intelligenztests Fähigkeiten messen, die unwichtiger werden, und andersherum Fähigkeiten nicht erfassen, die wichtiger werden.

Während es nämlich klare Anzeichen dafür gibt, dass der Wortschatz in der deutschen Bevölkerung sich verringert, konnte der Bildungsforscher Jakob Pietschnig vom Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung der Universität Wien zeigen, dass es eine moderate Zunahme bei der Konzentrationsfähigkeit gibt. Auch deswegen geht der Wissenschaftler in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung von einer „Seitwärts-Bewegung“ bei der Intelligenz von Erwachsenen aus.

Zierer findet diesen Grundgedanken berechtigt – widerspricht dennoch der These deutlich. „Auch bei Pisa kann man sich die Frage stellen, wieso beispielsweise Kommunikationsskills, Fremdsprachen und andere Dinge nicht gemessen werden. Alles Dinge, die Bildung umfassender messen würden“, sagt er.

Gleichwohl findet der Augsburger Experte es zu kurz gegriffen, die schlechten Ergebnisse rein auf die Messmethoden zurückzuführen. „Gerade die Mischung verschiedener Messungen aus IQ einerseits, Pisa andererseits zeigt doch, dass wir hier von einer globalen Bildungskrise sprechen“, mahnt er.

Speziell bei basalen, also grundlegenden Fähigkeiten wie der Lesekompetenz sei es schwer zu verargumentieren, warum diese Fähigkeit in der Gegenwart und Zukunft unwichtiger werden soll. „Solange wir auch oder gerade in Zeiten von KI der Meinung sind, dass es wichtig ist, selbst kritisch Dinge hinterfragen zu können und kreativ zu sein, solange braucht es Lesekompetenz“, sagt Zierer.

Pisa liefert seiner Einschätzung nach daher keinen Beleg dafür, dass speziell das deutsche Bildungssystem besonders schlecht sei – sondern dass das System vor der gewaltigen Herausforderung steht, den globalen Trend hin zu sich verschlechternden grundlegenden Kompetenzen zu stoppen. Zierer betont in dem Zusammenhang eine besonders dringliche Aufgabe: „Dazu müssen wir es hinkriegen, dass das Sprachniveau vor der Einschulung durch die Bank besser wird, sowohl bei Leuten mit Migrationshintergrund als auch ohne“, sagt er.

Ifo-Experte Wößmann plädiert mit Blick auf die Schulen für einen auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinenden Mix: mehr Autonomie für die Schulen und zugleich mehr einheitliche Prüfungen. „Wir wissen aus der Forschung, dass oft Länder gut mit einer Bildungsstrategie fahren, bei der es einheitliche Standards gibt, aber jede Schule für sich bestimmen kann, mit welchen Unterrichtsmethoden ihre Schüler diesen Standard erreichen“, sagt er.

Abgesehen von der Diskussion über Lesefähigkeiten ist Pisa für die Wissenschaftler eine Chance, sich auch eine viel generellere Frage zu stellen: Welche Art von Bildung sollte Deutschland fördern, die auch die Demokratie und den Glauben an die Mündigkeit des Individuums stärkt? Nach Zierers Einschätzung könnten Länder wie Deutschland genau dort gegenüber Global Playern mit autokratischen politischen Systemen wie China punkten.

Open Questions

  • Wie effektiv sind einheitliche Standards bei gleichzeitiger Schulautonomie?
  • Welche Rolle spielt die Digitalisierung exakt bei der Abnahme der Lesekompetenz?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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