Proteste gegen Seenotretter in Portsmouth und Poole: Demonstranten blockieren Flüchtlingsbusse, beleidigen Helfer und drohen mit Gewalt
Quick Look
- Am vergangenen Sonntag blockierten Hunderte Demonstranten in Portsmouth Straßen, um Busse mit Flüchtlingen zu stoppen, die den Ärmelkanal überquert hatten.
- Dabei wurden Polizisten verletzt, Autos beschädigt und Seenotretter der RNLI beleidigt, bedroht und im Internet doxxed.
- In Poole sammelten sich weitere Protestierende vor der RNLI-Zentrale.
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Why It Matters
Die RNLI ist eine durch Spenden finanzierte britische Seenotrettungsorganisation, die jährlich Tausende von Einsätzen fährt. Im vergangenen Jahr wurden lediglich 1,2 Prozent ihrer Einsätze wegen Menschen in Not im Ärmelkanal durchgeführt. Die Mehrheit der Bootsflüchtlinge wird von Grenzschutzbehörden aufgegriffen. Seit Januar 2026 ist die Zahl der Bootsflüchtlinge um 43 Prozent gesunken.
Am vergangenen Sonntag hatten sich Hunderte Demonstranten in der südenglischen Hafenstadt Portsmouth versammelt. Sie blockierten die Straßen, um Busse mit Flüchtlingen zu stoppen, die kurz zuvor im Schlauchboot den Ärmelkanal überquert hatten. Dabei wurden Polizisten verletzt, Autos beschädigt und - wie sich später herausstellte - auch Seenotretter angegangen.
Ein Video etwa zeigt, wie Personen in einem Boot sich dem der RNLI nähern, der britischen Seenotrettungsorganisation, und deren Helfer als "Verräter" beschimpfen. Später wurden Fotos der Seenotretter im Internet geteilt, wo User dazu aufriefen, ihre Namen und Adressen bekannt zu machen und mit Gewalt drohten. Auch vor der Zentrale der RNLI in der Stadt Poole kamen Demonstranten zusammen. Sie werfen den Seenotrettern vor, illegale Migration zu unterstützen.
Von den Anwohnern in Poole gab es teils Verständnis für die Aktion: "Wir sorgen uns um unsere Gemeinden, die Zukunft unserer Kinder. Offene Grenzen sind einfach keine Lösung", sagt ein Mann. Und ein anderer glaubt: "Es gibt Menschen, die auf See wirklich in Gefahr sind, aber die RNLI kann ihnen wahrscheinlich nicht helfen, weil sie Migranten im Ärmelkanal aufgreift."
Zahl der Bootsflüchtlinge deutlich gesunken
Diese Vorwürfe seien so nicht haltbar, sagt Peter Sparkes, Geschäftsführer der RNLI, die durch Spenden finanziert wird: "Wir sind letztes Jahr mehr als 9.000 mal von der Küstenwache beauftragt worden und ausgerückt. Nur 109 mal wegen Menschen in Not im Ärmelkanal." Das seien 1,2 Prozent der gesamten Rettungseinsätze. Fast 95 Prozent der Bootsflüchtlinge würden von der Grenzschutzbehörde aufgegriffen.
Zudem ging die Zahl der Bootsflüchtlinge deutlich zurück: Von Januar bis September 2026 kamen 43 Prozent weniger Menschen als im Vorjahreszeitraum. Doch Joe Mulhall, Forschungsleiter der Antirassismusorganisation "Hope not Hate", glaubt nicht, dass die Drahtzieher hinter den Protesten in Portsmouth - und tags zuvor auch in der Hafenstadt Dover - sich an diesen Zahlen orientierten.
Er sagt im Podcast "The News Agents": "Sie glauben, dass Großbritannien überrannt wird." Sie seien der Überzeugung, dass eine Masseninvasion stattfinde und dass der Staat, die Polizei sowie die französischen und britischen Behörden daran mitschuldig seien, sagt Mulhall. Diese Vorstellung sei bei den Menschen so tief eingeprägt, dass der Rückgang der Zahlen nichts ändern würde, glaubt er.
Forscher: Neonazis mischen sich unter Proteste
Mobilisiert hatte die Demonstranten der Brite Danny Thomas. Er ist ehemaliger Bodyguard des bekannten britischen Rechtsextremen Tommy Robinson und Anführer der neuen Gruppe "Patriot Platform". Auf deren Internetseite heißt es: Es brauche weniger Kommentatoren und mehr Menschen, die bereit seien zu handeln.
Forscher Mulhall spricht von einer neuen Form des Aktivismus: stärker im Verborgenen organisiert, aggressiver, mit mehr Selbstjustizcharakter. Und: "In Portsmouth waren bekannte Neonazis aus verschiedenen Gruppen, die wir beobachten, unterwegs", sagt Mulhall.
Das seien keine besorgten Anwohner, die Angst davor haben, was mit ihrer Gemeinde geschehe, betont der Wissenschaftler. "Das sind Aktivisten aus der radikalen Rechten, die Spannungen schüren, bestehende Ängste in der Bevölkerung ausnutzen und diese auf wirklich gefährliche Weise instrumentalisieren." Mulhall rechnet mit weiteren Protesten der Gruppe. Die RNLI hat ihre Mitarbeiter angewiesen, notfalls Geschäftsstellen und Rettungsbootsstationen zu schließen, sollten sie sich nicht sicher fühlen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die RNLI wird weitere Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, einschließlich vorübergehender Schließungen von Rettungsstationen bei Bedrohungslage.
Very likely · Within weeks
Die Gruppe 'Patriot Platform' unter Danny Thomas wird zu weiteren Protesten in Küstenstädten wie Dover oder Folkestone aufrufen.
Likely · Within months
Die Behörden werden Ermittlungen gegen die Doxxing-Kampagnen und Bedrohungen gegenüber RNLI-Mitarbeitern aufnehmen.
Possible · Within weeks
Open Questions
- Welche rechtlichen Konsequenzen erwarten die Demonstranten, die Seenotretter beleidigt und bedroht haben?
- Wird die 'Patriot Platform' weiter mobilisieren und zu weiteren Protesten führen?
- Wie werden britische und französische Behörden auf die zunehmenden Angriffe auf Seenotretter reagieren?
- Gibt es Verbindungen zwischen den Protesten in Portsmouth und Dover und anderen rechtsextremen Gruppen in Europa?




