Robert Gugutzer über Public Viewing: "Fußball ist Anlass, aber nicht Grund"
Quick Look
- Soziologe Robert Gugutzer erforscht die Atmosphäre beim Public Viewing.
- Er unterscheidet zwischen Fußballfans und -konsumenten und betont die integrative Kraft des Sports, die Menschen zusammenbringt, die sich sonst nicht kennenlernen würden.
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Why It Matters
Soziologe Robert Gugutzer hat zur Atmosphäre beim Public Viewing bei der EM 2024 geforscht und erklärt im Interview, wie gemeinsames Fußballgucken funktioniert.
Robert Gugutzer hat zum Public Viewing bei der EM 2024 geforscht. Im Gespräch erklärt er, wie die Atmosphäre beim gemeinsamen Fußballgucken funktioniert.
DIE ZEIT: Herr Gugutzer, wie haben Sie das erste Deutschlandspiel gesehen?
Robert Gugutzer: Ich war in einer Sportbar in Frankfurt. Das ist eine ziemlich kleine Kneipe, in der aber sechs oder sieben Bildschirme hängen und eine große Leinwand. Eigentlich ist das eine Stammkneipe für Fans von Eintracht Frankfurt. Aber der Betreiber zeigt auch WM-Spiele.
ZEIT: Warum sind Sie gerade dorthin gegangen?
Gugutzer: Aus soziologischer Neugier. Ich wollte sehen, was für Leute da zusammenkommen. Solche Bars sind ja eine Art Semi-Public-Viewing. Es gab da einige Grüppchen, denen ging es gar nicht um den Fußball. Die wollen sich halt treffen, und dann ist so ein WM-Spiel ein beliebiger Anlass dafür. Bei wichtigen Spielen ist das privat für mich ehrlich gesagt nicht der richtige Ort, weil ich mich in Ruhe auf das Spiel konzentrieren will.
ZEIT: Damit sind Sie aber während des Turniers in der Minderheit, oder? Den meisten Fußballkonsumenten geht es da eher nicht um die intensive Beschäftigung mit spielerischen Details.
Gugutzer: Sie haben recht: Es gibt Fußballkonsumenten, die mit anderen zusammen die Spiele schauen wollen, für die Fußball der Anlass ist, aber nicht der Grund. Und es gibt Fußballfans, zu denen ich mich zähle, die sich für Spielzüge und solche Dinge interessieren. Ich ärgere mich auch, wenn jemand neben mir unqualifizierte Kommentare abgibt.
ZEIT: Aber gerade Fans haben doch starke Gefühle und sind dem Wesen nach gerade nicht vernünftig. Das sind doch nicht alles Taktiknerds.
Gugutzer: Ich würde das nicht gegeneinander ausspielen. Ja, der Fan ist total emotional gebunden und leidet mit, fürchtet und freut sich – die ganze Gefühlspalette. Das ist tatsächlich etwas Irrationales, denn es ist eigentlich völlig lächerlich, dass man da für so ein Spiel mitfiebert! Das ist ja aber auch das Schöne, Harmlose daran. Doch Fans sammeln im Lauf des Lebens auch Wissen über den Sport an. Sie werden quasi nebenbei zum Experten, auch das ist schön. Die Kombination aus beidem macht die besondere Bindung der Fans an den Fußball aus.
ZEIT: Und die Fußballkonsumenten?
Gugutzer: Die sind, wie beim Auftaktspiel in der Bar, mal kurz still, wenn es einen Elfmeter gibt. Dann jubeln sie auch. Aber die Trippelschritte von Kai Havertz, bevor er mit links schießt, dass er sich auf ganz ähnliche Art den Torwart ausguckt hat, wie Harry Kane das oft tut – Dinge, über die Fans reden und sich freuen –, das ist dem Fußballkonsumenten eher egal.
ZEIT: Nichts für ungut, aber Sie klingen ein wenig wie ein Musikfan, der sich über die vielen Leute auf den Konzerten ärgert, die all die frühen Alben der Band nicht kennen.
Gugutzer: Ja gut, als Fan bin ich natürlich unfair. Das gehört zum Fansein dazu. Aber ich hoffe, dass man mir abnimmt, dass das harmlos gemeint ist.
ZEIT: Es ist doch auch schön, wenn Menschen zusammenfinden, die sonst keine Fans sind?
Gugutzer: Ja, absolut! Dieses integrative Moment, das der Sport hat, ist etwas Besonderes. Er bringt Leute zusammen, die sich sonst nicht kennenlernen würden. Gerade die großen Turniere sind harmlose Formen von Vergemeinschaftung.
ZEIT: Nun ist es ja bei dieser WM so, dass die meisten der Spiele nachts oder frühmorgens stattfinden. Besonders gemeinschaftstauglich ist das nicht, oder?
Gugutzer: Man kommt dank der WM ins Gespräch. Wir reden über das Unentschieden der Kapverden gegen Spanien, über das Beten von Felix Nmecha am Mittelkreis, über die schottischen Fans und so weiter. Aber es stimmt: Die Spiele gemeinsam zu erleben, das geht tiefer und ist nachhaltiger. Vergemeinschaftung, würde ich sagen, ist dann am stärksten, wenn gemeinsam geteilte Gefühle im Spiel sind. Wenn es zu kollektiven Eruptionen kommt: Jubel oder Trauer, man liegt sich in den Armen. Das hat eine große Wucht und kann überwältigend sein, gerade weil wir in solchen Momenten nicht erst über Worte zueinanderfinden müssen.
ZEIT: Was genau passiert mit uns, wenn wir uns mit vielen anderen zusammen über ein Tor freuen oder ärgern?
Open Questions
- Wie stark ist die integrative Kraft des Sports bei zukünftigen Turnieren?
- Welche Rolle spielen digitale Public-Viewing-Formate?
