Tausende protestieren in Tirana gegen Trump-Luxusresort
Quick Look
- Tausende demonstrieren in Tirana gegen ein geplantes Luxusresort, das mit Jared Kushner und Ivanka Trump in Verbindung steht.
- Der Protest, "Flamingo-Revolution" genannt, richtet sich gegen Umweltzerstörung und Korruption.
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Why It Matters
Tausende protestieren in Albanien gegen ein geplantes Luxusresort im Naturschutzgebiet Vjosa-Narta, das mit Trump-Schwiegersohn Jared Kushner in Verbindung steht. Die Proteste, "Flamingo-Revolution" genannt, sind auch Ausdruck der Wut über Korruption und Intransparenz.
In Tirana protestieren Tausende gegen ein Luxusresort, das mit der Trump-Familie in Verbindung steht. Dabei geht es längst um mehr als nur ein Bauprojekt im Naturschutzgebiet. Milena Merten, Annett Meiritz, Carsten Volkery 19.06.2026 - 04:00 Uhr Artikel anhören
Tirana, Düsseldorf, Berlin. Florian Haçkaj lässt den Blick mit leuchtenden Augen über die Menschenmenge schweifen. Tausende Demonstranten sind an diesem schwülen Sonntagabend zum Boulevard der Märtyrer der Nation in Tirana gekommen. Sie halten Plakate hoch mit Aufschriften wie „Albanien ist nicht zu verkaufen“ oder „Touristen gegen Milliardäre“. Einige haben aufblasbare Flamingos dabei, andere schwenken Albanien-Flaggen. Die Stimmung ist aufgeheizt, eine Mischung aus Wut, Euphorie und Aufbruch.
„So was haben wir hier in Albanien noch nie erlebt“, ruft Haçkaj über das Getöse aus Trommeln, Trillerpfeifen und Hupen hinweg. Der gebürtige Albaner, der inzwischen in der Schweiz lebt, ist mit seiner Familie angereist, um mitzudemonstrieren. „Ich bin seit 24 Jahren weg, aber mein Herz ist immer noch hier“, sagt er und legt dabei die Hand auf die Brust. „Endlich haben die Albaner keine Angst mehr, endlich trauen sie sich aufzustehen!“
Seit mehr als zwei Wochen demonstrieren sie in Tirana gegen ein geplantes Luxusresort im Naturschutzgebiet Vjosa-Narta an der südwestlichen Küste des Landes sowie auf der gegenüberliegenden unbewohnten Adria-Insel Sazan, einer ehemaligen Militärbasis aus Sowjetzeiten.
Hinter dem umstrittenen Projekt stehen unter anderem Trump-Schwiegersohn Jared Kushner und seine Frau Ivanka Trump als Investoren. In einem Podcast schwärmte die Präsidententochter von der Insel und versprach, „die besten Architekten“ an Bord zu holen.
Die Region zählt zu den ökologisch wertvollsten Feuchtgebieten Europas. Mehr als 200 Vogelarten leben dort, darunter mehr als 70 bedrohte Arten. Auch Flamingos brüten in der Lagune von Narta. Deshalb haben die Demonstranten den rosafarbenen Vogel zu ihrem Symbol gemacht und ihren Protest die „Flamingo-Revolution“ genannt.
Albaner in Griechenlan: Sie protestieren aus Solidarität mit den Demonstranten in Albanien. Foto: REUTERS
Doch wer mit den Menschen vor Ort spricht, merkt schnell: Es geht hier längst um viel mehr als Naturschutz. Das Bauprojekt ist, so formulieren es viele Demonstranten, nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Seit Jahren schwelt im Land die Wut gegen Profitgier, Korruption und Intransparenz in der politischen Elite. Die Demonstranten fordern den Rücktritt von Premierminister Edi Rama und von Oppositionsführer Sali Berisha, seinem Vorgänger im Amt. Im Kern geht es bei den Protesten, die inzwischen weit über die Grenzen Albaniens hinausreichen, um die Frage, wem das Land eigentlich gehört – und in welche Zukunft es steuert.
Ein virales Video befeuerte den Protest
Erster Widerstand gegen das Luxustourismus-Projekt regte sich bereits, als es 2024 angekündigt wurde. Auslöser der aktuellen Protestwelle war aber ein Video, das am 30. Mai viral ging. Es entstand bei einem Protest in Zvërnec, wo bereits Zäune für den Bau des Luxusresorts errichtet wurden und Bagger vorfuhren – obwohl Premierminister Rama immer wieder betont, das Projekt sei noch gar nicht final genehmigt. Das Video zeigt, wie private Sicherheitskräfte einen Demonstranten gewaltsam zu Boden bringen und wegzerren.
Flamingo-Revolution
Kushner-Investition in Albanien stoppen? „Das wäre verrückt“, sagt der Premierminister
Mehr als 1.500 Kilometer Luftlinie von Zvërnec entfernt zeigt Dritan Alsela das Video auf seinem Smartphone. Er ist einer von 2,2 Millionen Albanern, die im Ausland leben. Auch er teilte das Video damals auf Instagram und Tiktok. „Ich hätte nie gedacht, dass ich solche Bilder aus Albanien sehen würde“ kommentierte er, dazu ein Emoji mit gebrochenem Herzen.
Der gebürtige Albaner sitzt in seinem nach ihm benannten Café im Düsseldorfer Norden, umgeben von Espressokochern und Kaffeemaschinen. Als „Latte Artist“ hat er sich eine beachtliche Online-Reichweite aufgebaut: Millionen Menschen folgen ihm bei Facebook, Tiktok und Instagram. Doch seit einigen Wochen veröffentlicht er keine Tipps für Hobby-Baristas mehr. Stattdessen dokumentiert er beinahe minutiös die Proteste in seiner Heimat.
Ich nutze all meine Reichweite, um darauf aufmerksam zu machen, was in meinem Heimatland passiert. Dritan AlselaBarista und Aktivist
Er zieht wieder sein Smartphone hervor, zeigt Screenshots von den Startseiten der größten albanischen Medien. „Das war, sechs Stunden nachdem der Demonstrant weggezerrt wurde und das Video um die Welt ging“, sagt er sichtlich aufgebracht. „Sie haben nicht darüber berichtet, nichts!“
Die einflussreichsten albanischen Privatmedien sind im Besitz von einigen wenigen Unternehmen mit Verbindungen zur Politik. Deshalb spielten die Exil-Albaner zu Beginn eine entscheidende Rolle dabei, die Aufmerksamkeit auf das Projekt zu lenken. Inzwischen organisieren sie Proteste in Berlin, New York, Straßburg und vielen weiteren Städten rund um die Welt.
„Ich habe mich seit ein paar Wochen komplett aus dem Tagesgeschäft herausgezogen“, sagt Alsela. Er ist jetzt Vollzeit-Aktivist. „Ich nutze all meine Reichweite, um darauf aufmerksam zu machen, was in meinem Heimatland passiert.“
Flamingos im Naturschutzgebiet Vjosa-Narta: Hier ist ein Luxusresort geplant. Foto: REUTERS
Alsela kämpft in erster Linie um den Erhalt der teilweise unberührten Natur. Rund 21 Prozent der Landesfläche stehen unter Schutz. Im Februar 2024 hat die albanische Regierung allerdings die bisherigen Vorschriften zum Erhalt geschützter Gebiete aufgeweicht.
Seitdem gibt es Ausnahmeregelungen für den Bau und Betrieb von sogenanntem „Exzellenztourismus“ und zugehöriger Infrastruktur in Schutzgebieten. Nur wenige Wochen später wurde bekannt, dass Kushner in Sazan und Zvërnec investieren wolle.
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Im Dezember 2024 – kurz nach der Wiederwahl von US-Präsident Donald Trump – erteilte die albanische Regierung eine vorläufige Genehmigung für das Projekt und gewährte dem Vorhaben den Status eines „strategischen Investors“, mit dem sich behördliche Genehmigungsverfahren beschleunigen lassen.
Auch wenn es in diesem Fall noch keine konkreten Hinweise auf Unregelmäßigkeiten im Verfahren gibt: Für viele Albaner liegt der Verdacht der Korruption nahe. Seit dem Ende der kommunistischen Diktatur 1992 erschüttern immer wieder Fälle von Vetternwirtschaft, mangelnder Unabhängigkeit der Justiz und politischer Einflussnahme das Land. Transparency International stuft Albanien auf Platz 91 von 182 ein. Das Vertrauen der Bürger in staatliche Institutionen ist entsprechend gering.
120.000Unterzeichnerhat die Online-Petition „Schützt Vjosa–Narta: Stoppt den Bau in geschützten Gebieten“ bereits.
Die aktuellen Proteste nahmen Fahrt auf, nachdem Alsela vor einigen Wochen eine Online-Petition mit dem Titel „Schützt Vjosa–Narta: Stoppt den Bau in geschützten Gebieten“ gestartet hatte. Inzwischen haben mehr als 120.000 Menschen unterschrieben.
Eine von ihnen ist Eva Kushova. Sie lebt in Tirana und setzt sich mit ihrer Non-Profit-Organisation „DMO Albania“ für nachhaltigen Tourismus in Albanien ein. Am Montagabend sitzt sie mit einem Plakat mit Flamingo-Aufdruck im Rinia-Park.
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Der Tourismus ist für Albanien ein großer Wirtschaftsfaktor. Seit der Pandemie erlebt das Land einen Tourismusboom: Im vergangenen Jahr besuchten zwölf Millionen Touristen das Land. „Allerdings ist Albanien derzeit vor allem bei preisbewussten Touristen beliebt“, sagt Kushova. „Sie schlafen in kleinen Hotels oder Airbnbs und kaufen sich Essen im Supermarkt, statt im Restaurant zu essen.“ Es bestehe eine erhebliche Diskrepanz zwischen der hohen Besucherzahl und den tatsächlichen Einnahmen, die für die albanische Wirtschaft generiert würden.
Ramas Wette auf den Luxustourismus
Genau deshalb will Albanien zahlungskräftigere Touristen anlocken und damit die Wirtschaft ankurbeln. Albaniens Premierminister Edi Rama sagt im Interview mit dem Handelsblatt: „Wir brauchen mehr hochwertige Angebote, um mehr zu verdienen, aber unsere Infrastruktur und unsere Umwelt weniger zu belasten.“ Genau dazu trage auch das geplante Luxusresort bei. Rama geht sogar so weit, zu behaupten, das Projekt werde „die Umwelt verbessern“: „Am Ende werden wir mehr Bäume haben als jetzt.“
Albaniens Premierminister Rama: „Das Projekt ist ein absoluter Glücksfall für das internationale Profil unseres Landes.“ Foto: REUTERS
Der Premier spricht von vier Milliarden Euro Investitionen für das Projekt in der Vjosa-Narta-Region – eine riesige Summe für ein Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 27 Milliarden Euro. „Das Projekt ist ein absoluter Glücksfall für das internationale Profil unseres Landes“, sagt Rama.
Doch Tourismus-Expertin Kushova glaubt den Versprechen der albanischen Regierung nicht. Sie wolle das Land „in eine Art Dubai für Elite-Touristen“ verwandeln, sagt sie. Einige Luxusresorts, die im Rahmen des strategischen Investitionsprogramms entstehen, erhielten Steuerbefreiungen für bis zu zehn Jahre.
Die Regierung finanziere die dazugehörige Infrastruktur – Straßen, Strom- und Wasserversorgung – aus Steuergeldern. „Das hat eine öffentliche Debatte darüber ausgelöst, was die Bevölkerung dafür im Gegenzug erhält“, sagt Kushova.
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Einige Luxusresorts hätten neue Jobs geschaffen – aber vor allem für ausländische Arbeitskräfte, die zu niedrigeren Löhnen arbeiten als die einheimische Bevölkerung. „Das wirft die Frage auf, inwieweit diese Investitionen zur lokalen Beschäftigung und zum Wohl der albanischen Gesellschaft insgesamt beitragen“, sagt Kushova.
Der Konflikt erreicht Brüssel
Sie steht auf, nimmt ihr Plakat und schließt sich der Menschenmenge an, die sich auch an diesem Abend wieder zum Protest versammelt. Eine Gruppe Demonstranten trägt ein großes Banner mit der Aufschrift: „Europa, kannst du uns hören?“
Die Botschaft richtet sich an Brüssel. Albanien ist Beitrittskandidat, soll 2030 Mitglied der Europäischen Union werden. Ein Großteil der albanischen Bevölkerung unterstützt dieses Ziel. Dafür muss das Land allerdings die Vorgaben des Umweltkapitels des EU-Beitrittsprozesses erfüllen.
EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sagt: „Wir haben von der albanischen Regierung die Zusicherung erhalten, dass eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt wird und die europäischen Umweltstandards eingehalten werden.“ Ob das tatsächlich geschieht, will Brüssel kontrollieren: „Unsere Aufgabe wird es sein, zu überprüfen, ob die entsprechenden Vorgaben erfüllt werden.“
Deutlich kritischer äußern sich einige EU-Abgeordnete. Das Europaparlament hat Albanien aufgefordert, Bauvorhaben in Schutzgebieten auszusetzen. „Die Bürger Albaniens werden über die Zukunft ihres Landes entscheiden, nicht Trump-begeisterte US-Milliardäre“, sagt die niederländische Grünen-Abgeordnete Tineke Strik.
„Hört auf, euer Geld zu waschen, um Hochhäuser zu bauen“
Der Name Trump prägt die internationale Debatte um das Projekt. Kushner sagte dem „Guardian“, der ehemalige US-Botschafter und Balkan-Beauftragte Richard Grenell habe ihn an Investitionen in Albanien herangeführt. Grenell fungiere als „Geschäftsvermittler“ für Kushners Private-Equity-Firma Affinity Partners.
Jared Kushner: Für viele Demonstranten in Albanien ist die Rolle von Trumps Schwiegersohn zweitrangig. Foto: Bloomberg
Forbes schätzt Kushners Vermögen auf eine Milliarde US-Dollar. Fast die gesamte Finanzierung hinter Affinity Partners stammt dem Magazin zufolge aus dem Ausland – vor allem von Staatsfonds aus Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Firma aus Miami verwaltet Vermögenswerte in Höhe von 4,6 Milliarden Dollar.
Der albanischen Zeitung „Exit“ zufolge distanziert sich Affinity Partners nun allerdings von dem Projekt in Zvërnec. Die Firma sei weder an der Entwicklung beteiligt noch dort investiert. Sollten Personen aus Kushners Umfeld oder Personen mit Verbindungen zu seinem Unternehmen in das Projekt investieren, täten sie dies als Privatpersonen. Eine Anfrage des Handelsblatts ließ Affinity Partners unbeantwortet.
Kommentar
Trump ist der Boss – aber nicht mehr uneingeschränkt
Martin Greive
Für viele Demonstranten in Albanien, so erzählen sie es im Gespräch, ist die Rolle Kushners ohnehin zweitrangig. Sie haben den Verdacht, dass manche der Investoren andere Ziele verfolgen. „Hört auf, euer Geld zu waschen, um Hochhäuser zu bauen, die mir die Sonne verbauen!“, steht auf einem Demo-Plakat in Tirana.
Tatsächlich ermittelt die albanische Antikorruptionsbehörde SPAK wegen Geldwäscheverdachts gegen Personen, die mit dem Bauprojekt in Verbindung stehen sollen. In der Pressemitteilung ist allerdings von „Bauprojekten in Küstengebieten“ die Rede, Zvërnec wird nicht explizit erwähnt.
Für Edi Rama ist alles Desinformation
Albaniens Premierminister Edi Rama zeigt sich vom Aufruhr um das Projekt betont unbeeindruckt. Am Dienstagabend ist er zu Gast beim Jahresempfang des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft in Berlin. In seiner Rede beschwört er die Gefahren der Desinformation in den sozialen Medien. Es gebe ein altes albanisches Sprichwort, erzählt er. „Wenn die Lüge schon einmal um die Welt gegangen ist, zieht die Wahrheit gerade erst ihre Hose an.“
Proteste in Tirana: Sie fordern auch den Rücktritt von Premierminister Rama. Foto: REUTERS
Als Beispiel dafür, wie schnell Lügen sich heutzutage verbreiteten, führt er die „Flamingo-Revolution“ an. „Ein geplantes Tourismusprojekt wurde plötzlich zum Mittelpunkt eines internationalen digitalen Sturms“, sagt er. Die Umweltkatastrophe sei als Fakt dargestellt worden, die Korruption für bewiesen erklärt, bevor ein echter Beweis existierte. „Behauptungen wurden zu Schlagzeilen, Schlagzeilen wurden zu Wahrheiten, Wahrheiten wurden zu Dogmen“, klagt Rama. „Und jeder, der nach Beweisen fragte, wurde wie ein Verdächtiger behandelt.“
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Einen ersten Erfolg konnten die Demonstranten bereits verbuchen: Die Bauzäune in Zvërnec wurden abgebaut. Es sei unmöglich, unter diesem Druck weiterzumachen, sagt Rama.
Aktivist Haçkaj sagt, früher hätten die Menschen Angst gehabt, ihre Meinung zu sagen und auf die Straße zu gehen. „Jetzt hat Rama Angst“, sagt er. Das Haus des Premierministers sei seit Tagen verschlossen. „Der traut sich hier nicht mehr raus.“
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Weitere Proteste und internationaler Druck auf die albanische Regierung.
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