Ukraine-Hilfe für Deutschlands Raketenlücke
Quick Look
- Nach dem Debakel mit Tomahawk-Raketen sucht die Bundeswehr Hilfe bei ukrainischen Rüstungsfirmen, um Lücken in ihren Arsenalen zu schließen.
- Deutsche Unternehmen wie Rheinmetall zeigen Interesse an Kooperationen, während ukrainische Raketen wie der "Flamingo" ihre Wirksamkeit gegen russische Ziele bewiesen haben.
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Why It Matters
Die Bundeswehr hat eine Lücke in ihren Raketenbeständen, nachdem die USA die Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern verweigert haben. Deutschland sucht nun nach alternativen Lösungen, um diese Lücke zu schließen.
Nach dem Tomahawk-Debakel will die Bundeswehr mit ukrainischer Hilfe eine akute Lücke in ihren Raketenarsenalen schließen. Deutsche Rüstungsunternehmen suchen bereits den Schulterschluss. Roman Tyborski, Carsten Volkery 22.06.2026 - 13:34 Uhr Artikel anhören
Marschflugkörper Flamingo (vorn), Tomahawk: Schließen ukrainische Raketen bald die Lücken in den Beständen der Bundeswehr? Foto: Picture Alliance (2)
Paris, Berlin. Für die Pariser Rüstungsmesse Eurosatory haben die europäischen Rüstungsunternehmen groß aufgefahren. Rheinmetall, KNDS, Thales und Leonardo haben auf riesigen Ständen so gut wie alles gezeigt, was sie derzeit für die Militärs auf der ganzen Welt zu bieten haben. Doch eine andere, viel kleinere Firma mit nur wenigen Exponaten hat auf einer der größten Rüstungsmessen der Welt alle in den Schatten gestellt: der ukrainische Raketenhersteller Fire Point.
Das Unternehmen, vor vier Jahren von Denys Schtiljerman und Jehor Skalyha gegründet, fertigt weitreichende Marschflugkörper, die regelmäßig Ziele in Russland treffen. Vorstandsvorsitzende des Unternehmens ist die gerade einmal 34-jährige Iryna Terekh.
Fire Point ist der Hersteller des Marschflugkörpers „Flamingo“. Die Rakete hat in der aktuellen Ausbaustufe eine Reichweite von rund 3000 Kilometern. Neu im Portfolio sind nun auch Flugabwehrraketen, die ähnlich wirkungsvoll gegnerische Marschflugkörper und ballistische Raketen bekämpfen sollen wie das Patriot-System aus den USA.
Die Ukraine, die lange Zeit Deutschland vergeblich um den Marschflugkörper Taurus mit 500 Kilometer Reichweite gebeten hatte, verfügt inzwischen selbst über weitreichende Waffensysteme. Die einseitige Abhängigkeit könnte bald ein Ende haben.
Denn nachdem die US-Regierung Deutschland die Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern mit einer Reichweite von bis zu 2500 Kilometern verweigert hat, steht die Bundeswehr bei Reichweiten über 500 Kilometern komplett blank da – ebenso wie im Bereich der ballistischen Raketen.
Marschflugkörper Flamingo: Die Rakete des ukrainischen Rüstungsunternehmens Fire Point hat auf der Pariser Rüstungsmesse Eurosatory die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Foto: Handelsblatt
Die Not nach dem Tomahawk-Debakel ist so groß, dass Deutschland nun die Hilfe der Ukraine benötigt. Denn in Deutschland gibt es aktuell noch kein Rüstungsunternehmen, das günstige Marschflugkörper mit einer derart hohen Reichweite herstellen kann.
Rheinmetall offen für Kooperationen mit ukrainischen Raketenfirmen
Die Regierung in Berlin sieht aktuell unter anderem in Fire Point eine Möglichkeit, die gefährliche Lücke bei weitreichenden Marschflugkörpern schnell zu schließen. Auch die deutsche Rüstungsindustrie sucht den Schulterschluss.
Rheinmetall-Chef Armin Papperger etwa blickt mit Interesse auf die dynamischen Entwicklungen in der Ukraine. „Sie haben innerhalb kürzester Zeit starke Fähigkeiten im Raketenbereich aufgebaut. Wir sind seit Längerem in Gesprächen mit unterschiedlichen ukrainischen Rüstungsunternehmen“, sagte er dem Handelsblatt. Unter den richtigen Voraussetzungen sei er bereit zu Kooperationen.
Der deutsche Sensorspezialist Hensoldt hat bereits eine Kooperation mit Fire Point vereinbart und beliefert das Unternehmen mit seinem Radarsystem TRML-4D, das auch beim Flugabwehrsystem Iris-T des deutschen Rüstungsunternehmens Diehl zum Einsatz kommt. Diehl wiederum befindet sich in Verhandlungen, den ukrainischen Flamingo auch in Deutschland herzustellen.
Amerikanische Tomahawk-Rakete: Die US-Waffen kommen nicht nach Deutschland. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS
Der europäische Raketenspezialist MBDA hat auf der Messe mit dem ukrainischen Rüstungsunternehmen LUCH eine Absichtserklärung zur Weiterentwicklung des Neptune-Marschflugkörpers vereinbart. 2022 hatten die ukrainischen Streitkräfte mithilfe einer Neptune-Rakete das russische Kriegsschiff Moskwa versenkt.
Auf der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) in Berlin, eine Woche vor der Eurosatory, hatte MBDA bereits eine Kooperation bei „Deep Strikes“ mit dem größten privaten ukrainischen Rüstungskonzern Ukrainian Armor unterzeichnet. Die Firma baut unter anderem die Abschussrampen für die Neptune-Marschflugkörper.
Ukrainische Rüstungsfirmen haben Vermarktungsvorteil
Worin genau die Kooperation besteht, will der CEO von Ukrainian Armor, Vladyslav Belbas, nicht sagen. Aber er ist zuversichtlich, dass die ukrainisch-europäische Alternative zum Tomahawk im kommenden Jahr einsatzbereit sein wird. „Es ist eine Frage des Geldes und des politischen Willens“, sagt er. „Beides ist nun vorhanden.“
Die ukrainischen Rüstungsunternehmen haben einen Vermarktungsvorteil. Sie können beweisen, wie effektiv ihre Waffen gegen Ziele in Russland wirken. So hat Fire Point auf der Eurosatory am Stand Videos des massiven ukrainischen Luftangriffs gegen Öllager in der Nähe von Moskau gezeigt, bei dem vergangenen Donnerstag weitreichende Waffensysteme von Fire Point zum Einsatz kamen.
Die Bilder mit enormen Rauchschwaden gingen um die Welt. Der ukrainische Verteidigungsminister Michael Fedorow präsentierte unter anderem dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) die Ergebnisse des Angriffs bei einem Treffen im Nato-Hauptquartier in Brüssel in der vergangenen Woche.
Serhiy Pashinskyi, Chef des ukrainischen Rüstungsverbands Naudi, betont, dass beide Länder von einer vertieften Kooperation profitierten. Fire Point sei nicht die einzige ukrainische Firma, die an neuen Marschflugkörpern arbeite. Es liefen mehrere „Deep Strike“-Projekte parallel. Die Kooperation mit deutschen Firmen und der Bundesregierung sei wichtig, weil deutsches Geld und Technologie die ukrainische Industrie auf ein neues Niveau heben könnten.
„Wenn wir den Taurus mit dem Flamingo vergleichen, dann ist das ein Unterschied wie zwischen Mercedes und Käfer“, sagt er. Aber der Käfer sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu fortschrittlicheren Produkten gewesen. Gemeinsam könne man Produkte für den globalen Markt produzieren. Im Gegensatz zu den Tomahawks, die pro Rakete rund zwei Millionen Dollar kosten, liegen die Preise für Marschflugkörper von Fire Point bei etwa 500.000 Dollar.
Hohes Entwicklungstempo in der Ukraine
Die Kooperationsbereitschaft von Rheinmetall zeigt dabei, in welchem Tempo sich die Rüstungsbranche in der Ukraine entwickelt. Denn vor gerade einmal drei Monaten hatte Papperger mit Aussagen über die ukrainische Drohnenindustrie einen Shitstorm ausgelöst.
Damals sagte Papperger gegenüber dem US-Magazin „The Atlantic“ noch, dass die Drohnen von ukrainischen Hausfrauen mit 3D-Druckern in ihren Küchen hergestellt würden. „Das ist keine Innovation“, sagte Papperger und bezeichnete die unbemannten Fluggeräte zudem als „Lego-Drohnen“. Damit zog er auch die Kritik des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf sich.
Armin Papperger
Rheinmetall-Chef löst Shitstorm mit Aussage zur ukrainischen Drohnen-Produktion aus
Doch weil die Bestände der Bundeswehr massive Lücken haben, kehrt Pragmatismus ein. Neben den Gesprächen mit ukrainischen Rüstungsunternehmen hat Rheinmetall unter anderem ein Joint Venture mit dem niederländischen Raketenspezialisten Destinus gegründet.
Zusammen arbeiten die Firmen an einem Marschflugkörper mit über 2000 Kilometer Reichweite, sagte Papperger. Schon Ende 2026 sollen außerdem im niedersächsischen Unterlüß erste Raketen mit 500 Kilometer Reichweite entstehen. Die entsprechenden Raketen des Joint Ventures werden Handelsblatt-Informationen zufolge zwischen 300.000 bis 400.000 Euro pro Stück kosten.
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Armin Papperger: Der Rheinmetall-Chef hat seinen Blick auf die ukrainische Rüstungsindustrie verändert. Foto: Wolf von Dewitz/dpa
Erst in einem zweiten Schritt, wenn die Bundeswehr eine Art Grundarsenal mit weitreichenden Waffensystemen aufgebaut hat, dürften auch teurere und komplexere Systeme eingekauft werden. Aktuell arbeitet im Rahmen der Initiative „European Long Range Strike Approach“ (ELSA) ein europäisches Konsortium an der gemeinsamen Entwicklung moderner und weitreichender Marschflugkörper. Beteiligt sind neben Deutschland auch Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien.
Auf der Eurosatory haben die beteiligten europäischen Länder ihre Absicht bekräftigt, gemeinsam weitreichende Marschflugkörper zu fertigen. Wann genau die ersten Raketen aus der ELSA-Initiative entstehen sollen, ist unklar. Zweifel sind angebracht. Denn zuletzt waren Rüstungsinitiativen wie der Kampfjet FCAS, in denen Frankreich und Deutschland zusammengearbeitet haben, nicht gerade von Erfolg gekrönt. Die deutsch-ukrainischen Rüstungskooperationen könnten hier eine gute Alternative darstellen.
Mehr: Treffen auf Schloss Elmau – Militär sucht Nähe zur Industrie
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What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Ukrainisch-europäische Alternative zu Tomahawk wird im kommenden Jahr einsatzbereit sein.
Likely · Within months
Erste Raketen mit 500 km Reichweite aus Rheinmetall-Joint-Venture Ende 2026 in Unterlüß.
Likely · Within months
Open Questions
- Wie schnell können ukrainische Raketen in Deutschland produziert werden?
- Welche politischen Hürden gibt es für die Kooperation?
- Wie wird Russland auf diese Entwicklungen reagieren?




