
US-Kapital fließt gezielter in europäische Technologie-Unternehmen, wobei Deeptech, KI und Verteidigung dominieren.
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Nach einem Rekordjahr 2021 und darauffolgenden Rückgängen deutet das Jahr 2026 auf ein neues Allzeithoch bei Investitionen in europäische Start-ups hin.
Berlin. Deutsche Start-ups mit US-Beteiligung sammeln im Schnitt zehnmal so viel Kapital ein wie Start-ups ohne. Zu diesem Fazit kommt der Start-up-Verband in einer für das Handelsblatt erstellten Auswertung. Und nicht nur in Deutschland entscheiden US-Investoren oft über den Erfolg einer jungen Firma. Der Trend zeigt sich europaweit.
Das Handelsblatt hat exklusive Daten der Plattformen Pitchbook, Dealroom und Start-up-Detector analysiert. Sie zeigen: Der Markt wird wieder attraktiver für US-Investoren. Ein neues Rekordjahr könnte für Europas Start-up-Szene anstehen. US-Investoren wählen ihre Deals jedoch gezielter aus denn je.
2021 floss so viel Geld in europäische Technologie-Jungfirmen wie nie zuvor. „Damals gingen Investoren davon aus, dass der Trend um E-Commerce und Lieferservices durch die Decke geht“, sagt Jannis Gilde, Forschungsleiter beim deutschen Start-up-Verband. „2021 war ein absolutes Rekordjahr.“
Nachdem die Summen in den Folgejahren abnahmen, könnte laut Analysten in diesem Jahr ein neuer Rekord anstehen. Laut den Daten der Plattform Pitchbook ging bis Ende Juli 2026 bereits so viel Geld in europäische Start-ups wie im gesamten Jahr 2025.
„Wir sind auf dem Weg zu einem neuen Allzeithoch im Jahr 2026“, sagt Orla Browne. Sie analysiert Daten zu Finanzierungsrunden für die Plattform Dealroom. Angetrieben werde das von zwei Branchen: Deeptech und Künstliche Intelligenz (KI).
Gilde sieht neben dem globalen KI-Boom aber auch neue europäische Märkte im Bereich Sicherheit und Verteidigung, die für mehr Investitionen sorgen. 2026 habe zudem das richtige Momentum. „Ich glaube, es sind Firmen gekommen, die einfach die Qualität für hohe Investments mitbringen. Das hat ein paar Jahre gebraucht“, sagt Gilde. Und dieses Mal, schätzt Gilde, wird der Aufwärtstrend mehr als ein Jahr anhalten.
US-Investoren setzen ihr Geld gezielter ein als 2021. Denn obwohl das Volumen der Investitionen steigt, sinkt die Anzahl der Finanzierungsrunden, an denen sich US‑Investoren beteiligen, stetig.
Zum Vergleich: 2026 wurden bisher bei gleichem Investitionsvolumen nur halb so viele Deals gemacht wie 2025. Das zeigen Zahlen der Pitchbook-Auswertung. Laut Browne sollten sie mit Vorsicht betrachtet werden: Einige frühe und kleine Finanzierungsrunden würden erst mit 18 Monaten Verspätung den Plattformen gemeldet werden. Abwärts gehe der Trend dennoch.
Doch selbst mit weniger Runden übersteigt der Anteil des US-Investorengeldes an europäischen Runden 2026 laut Dealroom erstmals seit 2021 wieder die Investitionen aus den Heimatländern der Start-ups.
Das liegt auch daran, dass US-Investoren sich stärker an späteren Runden beteiligen. In denen versuchen Start-ups, größere Summen einzusammeln. „In den großen Wachstumsrunden bleiben US-Investoren der wichtigste ausländische Kapitalgeber“, sagt Gilde.
Laut Pitchbook ist, zumindest in der Anzahl, der Anteil der Investitionen in sogenannten „Seed-Runden“ nur leicht unter der Zahl der späten Runden. Gemeint sind also frühe Anschubfinanzierungsrunden. Vor allem Investoren wie Technologieinvestor Plug and Play Tech Center sowie der Start-up-Entwicklungshelfer Y Combinator sind besonders früh aktiv.
Das Geld verteilt sich nicht gleichmäßig über den Kontinent. Besonders das Vereinigte Königreich profitiert mit weitem Abstand von US‑Geld. „Accel, Sequoia, Lightspeed und General Catalyst haben mittlerweile Büros in London. Der US-Investor in Europa ist zunehmend vor Ort präsent“, sagt Browne.
In London seien die Bedingungen laut Browne besonders günstig für Jungfirmen: Die Sprache sowie ein „Tech-Visa“ für fünf Jahre würden das nötige Talent anziehen. Start-ups würden zudem durch steuerliche Anreize in Frühphaseninvestments profitieren.
Neben London sieht Browne zudem in Berlin, Stockholm, Paris und München Start-up-Hubs, die bald noch mehr große Runden anziehen könnten. Aufsteigende, bescheidenere Kandidaten sind für sie zudem Cambridge und die belgische Stadt Gent.
Deutschland folgt bei US-Investoren auf Platz zwei. „Deutschland hat gute Unternehmen in spezifischen Domänen“, sagt Gilde. Das mache den Markt so attraktiv. „Wir sehen auch in den Bereichen Fusionsenergie und Batterietechnik und generell in der grünen Technologie große Runden.“ In den vergangenen Jahren kam in Deutschland vor allem ein großer Markt hinzu: Verteidigung. Das sei ein Sonderfall, sagt Gilde. „Hier sind die Märkte plötzlich entstanden.“
Europa ist ein B2B-Markt. Die Produkte und Start-ups, die die größten Investments anziehen, richten ihre Produkte meist an Unternehmen statt an Konsumenten.
In diesem Jahr zogen Softwareprodukte für Unternehmen die meisten US-Gelder an. Finanzsoftware und -technologie sind jedoch im Vergleich zu 2021 weniger gefragt. Das ist laut Browne ein globaler Trend: „Auf den Fintech-Sektor entfallen mittlerweile weniger als fünf Prozent des weltweiten Risikokapitals.“
Auffällig in den größten Runden Europas mit US-Beteiligung sind die hohen Summen für deutsche Verteidigungs-Start-ups wie Helsing, Quantum Systems und Stark. Sowohl Jannis Gilde als auch Browne heben zudem die Investitionen in Fusionsenergie-Start-ups hervor.
Gilde sieht in den gezielten großen Runden eine gängige Strategie amerikanischer Investoren: „Amerikanische Fonds suchen nach dem Outlier, dem großen Investment und der ganz großen Geschichte.“
Die Bereiche Sicherheit und Verteidigung sowie Raumfahrt und Robotik haben 2026 stark zugenommen, besonders im Volumen der Finanzierungsrunden. Verteidigung ist laut Gilde deshalb so beliebt, weil das Geschäftsmodell klar sei und Start-ups schnell hohe Umsätze vorweisen können.
In diesem Jahr zeigt sich ein weiterer Trend: Europäische Start-ups überzeugen Investoren mit ihrer Forschungsidee statt mit fertigen Produkten. So scheinen einige Gründer, meist berühmte Forscher, bereits mit ihrem Namen Geld einzusammeln.
KI-Forschungslabore wie AMI Labs, mitgegründet vom KI-Forscher und ehemaligen Forschungsleiter bei Meta, Yann LeCun, erhielten große Summen. Vom hohen Interesse an der Weiterentwicklung bisheriger KI-Modelle profitiert offenbar auch Recursive Superintelligence, ein KI-Forschungslabor, das selbst lernende Systeme entwickeln will. Mitgründer ist der KI-Forscher Richard Socher, ehemaliger Chefwissenschaftler des US-Softwareunternehmens Salesforce.
US-Investoren wie etwa Accel scheinen weiter an Europa zu glauben. Accel soll einen neuen Fonds über 800 Millionen Dollar aufgelegt haben, um in europäische und israelische Start-ups zu investieren. Sollten sich europäische Fonds und Anleger also nun an den amerikanischen orientieren?
„Es gibt natürlich bestimmte amerikanische Fonds, die einfach auch eine sehr erfolgreiche Investitionsgeschichte vorweisen können“, sagt Gilde. Für andere Fonds und Anleger sei es attraktiv, deren Strategie zu beobachten.
Doch mittlerweile gibt es laut Gilde, verglichen mit dem Rekordjahr 2021, auch europäische und heimische Fonds, die viel Geld in spätere Runden einbringen könnten. So will die Bundesregierung mit dem sogenannten „Zukunftsfonds“ privates Kapital mobilisieren, um in Rüstungs-, Quanten- und KI-Start-ups zu investieren. Der „Scaleup Europe“-Fonds der EU soll ebenfalls in diese Sektoren investieren und fünf Milliarden Euro umfassen.
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Neues Allzeithoch bei Investitionen in europäische Start-ups im Jahr 2026.
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