Wacken: Von der Provinz zum Metal-Mekka
Die Gründer Holger Hübner und Thomas Jensen über die Entstehung und Entwicklung des Heavy-Metal-Festivals
Quick Look
- Die Gründer des Wacken Open Air, Holger Hübner und Thomas Jensen, blicken auf die Entstehung ihres Festivals von einer persönlichen Leidenschaft zu einem internationalen Event.
- Sie erzählen von den Anfängen, finanziellen Schwierigkeiten, dem Wachstum und der Rolle von Investoren.
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Why It Matters
Das Wacken Open Air ist ein jährliches Heavy-Metal-Festival in Norddeutschland, das 80.000 Besucher anzieht. Die Dokumentation "Wacken – Hearts Full of Metal" beleuchtet die Gründer Holger Hübner und Thomas Jensen.
Das Heavy-Metal-Festival Wacken ist ein weltweit beachtetes Ereignis im norddeutschen Nirgendwo, das inzwischen 80.000 Besucher einmal jährlich (29. Juli bis 1. August) dazu bringt, dem Metalgott zu huldigen und sich bei Bedarf im Schlamm zu suhlen. Dazu entstand unter der Regie von Cordula-Kablitz-Post die Dokumentation „Wacken – Hearts Full of Metal“, die die beiden Gründer Holger Hübner und Thomas Jensen ins Rampenlicht rückt und auf Magenta TV zu sehen ist. Bei einem Treffen in München erzählen sie aus ihrer Geschichte.
Habt ihr durch die Dokumentation etwas Neues über euch erfahren?
Holger Hübner: Nichts, was wir nicht schon vorher wussten.
Thomas Jensen: Wir haben da wirklich die Hosen runtergelassen, aber das wollten wir auch so.
Auch Wacken hat mal klein angefangen. Wie kam es, dass aus einer persönlichen Leidenschaft ein internationales Business wurde?
Hübner: Im Grunde aus Mangel. Es gab nichts. Der Gedanke war: Wenn wir es nicht machen, macht es niemand für uns. Das ist Provinz und keine Stadt zum Ausgehen. Stadionrock war tot und Grunge kam 1991. Wir haben 1990 nicht geguckt: Was könnte erfolgreich werden? Die Fragestellung war: Es gibt hier nicht, was wir wollen? Lass uns versuchen, ob wir das selbst hinkriegen.
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Wie waren die Anfänge?
Hübner: Am Anfang war das hart. Metal und Grunge waren tot. Erst Ende der Neunziger wurde es besser. Immer mehr Gäste aus dem Ausland kamen, weil es in Frankreich zum Beispiel gar keine Metalfestivals gab.
Jensen: Wie es Holger sagt, die Mitte der Neunziger war schwer. Konkret 1993, da hatten wir 167 Leute beim Konzert. Das hat nicht mal das Catering eingespielt. Es war eine absolute Katastrophe. Trotzdem blieb für uns nur die Frage: Wie können wir das verbessern? Und dann haben wir unser Wissen erweitert – zum Beispiel darüber, wie man Bühnen aufbaut. Wir haben Bustouren zu Konzerten organisiert. Wir hatten definitiv keinen Businessplan. Für uns gilt bis heute: Wir können nix anderes.
Hübner: Die Freundin meines Bruders hat dann festgestellt, dass wir beide nicht rechnen können, und hat sich dann um die Finanzen gekümmert. Dafür hatten wir meist ein gutes Händchen für Menschen. Und wir haben uns in Wacken gegenseitig geholfen.
Wann ging es denn richtig los?
Hübner: 2003 kam der Punkt, an dem wir sagten: Hey, was wir hier machen, damit machen wir unglaublich viele Leute glücklich. Sei es die Crowd vor der Bühne, die Bands auf der Bühne und die Crew hinter Bühne, sei es die Region um Wacken herum, die happy ist. Das haben wir vorher gar nicht auf dem Schirm gehabt.
Jensen: Es hat ein paar Jahre gedauert. So ab 1997, als Motörhead das erste Mal dabei waren – für uns eine der ikonischsten Bands. Lemmy (Lemmy Kilmister, Frontsänger und Bassist der Gruppe, d. Red.) steht nach wie vor über allem – als wir Lemmy also in unser Dorf holen konnten, wussten wir, dass wir eine Bedeutung, eine Relevanz haben, auch in der Szene. Da konnten wir fast nicht mehr größer werden.
Und ab wann hat es sich auch finanziell gerechnet?
Jensen: Ab den 2000er-Jahren. Da sind wir Jahr für Jahr in Zehntausenderschritten gewachsen. 2013, mit Rammstein und mit Iron Maiden, sind wir in eine ganz eigene Liga aufgestiegen, dazu Mötley Crüe …
Wann kam die Erkenntnis: Das ist jetzt Business?
Jensen: Ach, es fühlt sich nicht so an. Eigentlich sind die Leute geblieben, vom Elektriker bis zum Feuerwerker – nur ihre Crews sind größer geworden.
Hübner: Malte Friedrich zum Beispiel ist seit dem ersten Jahr dabei und hat eine Karriere gemacht als Techniker im Bereich Elektrik. Er hat die Stromversorgung beim Eurovison Song Contest in Baku 2012 ausgetüftelt. Das ist eine der größten Medienproduktionen weltweit.
Was hat euch vor größeren Niederlagen bewahrt? Oder gab es die auch?
Hübner: Niederlagen haben wir natürlich auch gehabt: Wacken ist sehr geprägt von Trial and Error. Wir haben halt nur immer gesagt: Scheiß drauf – es geht weiter. Wir haben nie daran gedacht, einfach aufzuhören.
Jensen: Natürlich gab es Enttäuschungen. Aber die werden wir für uns behalten. Die Metalszene ist sehr familiär. Und so richtigen Mist wird da niemand bauen. Aber wenn du da unten durch bist, bist du unten durch.
Hübner: Es ging bisher immer weiter. Es musste weitergehen. Natürlich gab es auch Bands, die uns versetzt haben, weil sie meinten, woanders verdienen sie mehr Geld. Das muss man dann sportlich nehmen.
Jensen: Uns kennt man zwar überwiegend für Wacken. Ich habe aber auch noch 16 Jahre die Metalband Saxon gemanagt. Holger wiederum ist ja auch der Kapitän der guten Laune, mit Full Metal Cruises unterwegs auf Kreuzfahrten durch die ganze Welt. Er kommt gerade von einer Achtzigertour, die wir betreut haben. Wir kümmern uns auch um Nicht-Metal-Bands wie Fury in the Slaughterhouse und Santiano. Die kommen alle aus unserer Gegend. Die arbeiten mit uns, weil sie uns vertrauen.
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Wie kam es dazu?
Hübner: Santiano kamen in den 2000ern auf uns zu, weil sie uns vertraut haben, und fragten, ob wir sie managen können. Wir haben gesagt: Klar, das machen wir. Wir haben zwar keine Ahnung. Das wird Learning by Doing – aber wenn ihr euch damit zufriedengebt. Und dann haben wir einfach gemacht. Erfolg kommt vom Machen.
Wie wichtig ist Social Media für euch?
Hübner: Social Media ist erst einmal tierisch gefährlich. Da sind wir uns einig. Unsere Reichweite hat uns natürlich geholfen. Die Herausforderung ist, den Inhalt, der uns gefällt, zu finden.
Spielt KI für euch eine Rolle?
Hübner: Ich bin auch nicht gegen KI. Denn wenn KI gut gemacht ist, kann das eine eigene Kunstform sein. Im Moment ist das eine Blase, die von den falschen Leuten für das falsche Zeug genutzt wird.
Aber die Eigenständigkeit habt ihr aufgegeben. Der Finanzinvestor KKR ist bei euch eingestiegen, mit über 60 Prozent.
Hübner: Moment. Die Frage ist doch: Wo liegt die Kompetenz? Und die liegt nach 35 Jahren eindeutig bei uns. KKR ist bei Superstruct Entertainment eingestiegen, das ist ein Festivalverbund. Und der Verbund hält 60 Prozent bei uns. Da ist eine Riesenkompetenz. Wir sind an Superstruct beteiligt. Das führt bei uns zu viel mehr Resilienz – gerade in schwierigen Situationen wie den Lieferkettenproblemen nach Corona. Uns ist jüngst ein Toilletenlieferant weggefallen, und dann haben wir die dänischen Kollegen vom Northside Festival einmal angerufen, und die meinten: No problem.
Wie geht’s weiter?
Jensen: Ich bin und bleibe auf der Suche nach der Zukunft des Metals. Ich will aber nicht ewig im organisatorischen Kleinklein festhängen.
Hübner: Wir wollen weiter gestalten und das Festival nach vorne bringen. Man muss da immer wieder dran arbeiten.
Wie steht ihr zum Dynamic Pricing, das gerade die Fußball-WM so ungenießbar macht?
Hübner: Wir machen unser eigenes Ticketing und haben es selbst in der Hand. So etwas wird es bei uns nicht geben. Wir haben früher Flyer vor Stadien verteilt, und du konntest fast die Uhr danach stellen: Kurz vorm Konzert hast du immer noch ganz billig Tickets bekommen. Das war auch eine Form von Dynamic Pricing.
Was macht das mit der Livemusikbranche?
Hübner: Ich glaube, wir müssen uns eher mit den kleinen Festivals beschäftigen. Was passiert mit den Clubs? Darauf müssen wir uns konzentrieren. Wir sind Gott sei Dank im Bereich Metal, und Metal ist global. Wir hatten im April 35 Shows in 35 Ländern.
Sitzt ihr manchmal in der Freundschaftsfalle, zum Beispiel wenn ein wenig in die Jahre gekommene Bands wie die Scorpions auftreten?
Hübner: Es muss ja keiner ein Ticket kaufen. Ich habe Künstler, bei denen ich froh bin, wenn ich die sehen kann. Wenn da einer für einen Song auf die Bühne humpelt, ist das doch toll. Keiner erwartet doch, dass die UK Subs heute noch so spielen wie 1982, als ich sie in Hamburg auf der Bühne gesehen habe. Wenn ich die Band jetzt sehe, freue ich mich über jeden Song.
Besteht die Gefahr, dass jetzt auch das Eventpublikum nach Wacken kommt – einfach weil es angesagt ist, dort zu sein?
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Wacken wird weiterhin eine führende Rolle im Metal-Festival-Sektor einnehmen.
Likely · Long term
Jensen wird neue Wege für die Zukunft des Metals finden.
Possible · Medium term
Open Questions
- Wie wird sich die Rolle von KKR langfristig auf das Festival auswirken?
- Welche neuen künstlerischen Richtungen wird Jensen für den Metal erkunden?
