WM 2026: Ein Fest des Fußballs, das nicht unbeschwert ist
Quick Look
- Die WM 2026 mit 48 Teams bringt neue Nationen und Kindheitserinnerungen zurück.
- Trotz Kritik an der Größe und Problemen bei der Einreise für Fans und Schiedsrichter wird das Turnier als Fest des Fußballs und der Begegnung mit dem Fremden beschrieben.
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Why It Matters
Die Fußball-WM 2026 ist die erste mit 48 teilnehmenden Nationen und findet in den USA statt. Sie wirft Fragen nach Gastfreundschaft und globaler Verbundenheit auf.
In unserer Kolumne »Grünfläche« schreiben abwechselnd Laura Jung, Oliver Fritsch, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 24/2026.
Eine meiner ersten WM-Erinnerungen ist Kuwait. Den Namen hatte ich noch nie gehört, bis sich die Mannschaft für das Turnier in Spanien 1982 qualifizierte. Es war meine erste WM als Fan. Ich war zehn, habe aber bis heute vor Augen, wie mitten im Spiel ein Mann von den Rängen auf den Platz hinabstieg. Der Mann verursachte gestikulierend eine Unterbrechung, beschwerte sich beim Schiedsrichter, der tatsächlich den Treffer zurücknahm. Der Protestler mit dem großen Einfluss trug ein langes Gewand und eine rot-weiß-karierte Kopfbedeckung, von der ich heute weiß, dass man sie Kufiya nennt. Mein erster Scheich.
Eine Fußball-WM erlebt man nicht nur am Fernseher. In meiner Kindheit blätterte ich oft in den WM-Chroniken meines Vaters. 1974 nahmen Zaire und Haiti teil. Die verloren hoch, keine anderen Bilder faszinierten mich jedoch mehr als die der »Leoparden« und der »Grenadiere«, wie sie sich nannten. Ich schlug deshalb im Lexikon nach. Seitdem weiß ich, wo diese Länder liegen.
Insofern ist die diesjährige WM, die seit Donnerstag läuft, eine Begegnung mit meiner Kindheit. Erstmals in der knapp hundertjährigen WM-Geschichte nehmen 48 Länder am Turnier teil, darunter Neulinge wie Jordanien, Kap Verde oder Usbekistan. Man wird es mit Nationen und Inseln zu tun haben, die manche erst mal auf der Landkarte suchen müssen.
Die Teilnehmerzahl ruft Kritik hervor, vielen gilt sie als Ausweis des Größenwahns und der Geldgier der Fifa und ihres Präsidenten Gianni Infantino. Von beidem möchte ich ihn nicht freisprechen, doch eigentlich möchte ich der Fifa auch danken (selbst wenn mir der Satz schwerfällt). Denn auch Haiti und Zaire sind erstmals seit 1974 wieder dabei, Zaire unter dem heutigen Namen Demokratische Republik Kongo.
Der wahre Wert einer WM beginnt nicht mit dem Viertelfinale, das auch diesmal bestimmt die üblichen Verdächtigen austragen werden. Entscheidend sind vielmehr die neuen, ungewöhnlichen Begegnungen auf wie neben dem Rasen, die einem helfen, auch durch eine eurozentrische Brille etwas mehr zu sehen.
Während viele über das aufgeblähte Turnier meckern, denke ich darüber nach, wer noch alles fehlt. Die früheren Europameister Dänemark und Griechenland haben sich ebenso wenig qualifiziert wie der vierfache Weltmeister Italien oder die afrikanischen Länder Nigeria und Kamerun. Zwei der besten Fußballer unserer Zeit, der Georgier Chwitscha Kwarazchelia und der Ungar Dominik Szoboszlai, müssen im Sommer Urlaub machen, weil ihre Mannschaften die Quali nicht überstanden. Und, hach, die irischen Fans werde ich immer vermissen.
Welch Freude, wenn unbekannten Sportlern, die ihr Leben ihrem Talent am Ball verschrieben haben, die Bühne gehört. Eine WM ist bunt. Für Curaçao stürmt Jürgen Locadia, ein gebürtiger Niederländer, der nach Jürgen Klinsmann benannt wurde. as ist erstaunlich, denn er wurde in den Niederlanden und zu einer Zeit geboren, als man dort noch eine tiefe Rivalität mit dem deutschen Nachbarn pflegte.
Und Haiti hat Josué Duverger berufen, den Torwart des Fünftligisten Cosmos Koblenz. Am 20. Juni begegnet er in Philadelphia Neymar und Carlo Ancelotti – im Vorrundenspiel gegen Brasilien. Das nennt man: once in a lifetime. In einer rheinland-pfälzischen Amateurkickerkabine drückt man fest die Daumen.
In den kommenden fünf Wochen wird in den globalen Schlagzeilen etwas weniger von Krieg und Seeblockaden zu lesen sein. Gerade bei Spielen wie Ghana gegen Panama oder Iran gegen Neuseeland kommt die Welt auf spielerische Weise zusammen, fiebernd, singend, kostümiert. Ausgelassenheit ist ein menschliches Bedürfnis. Millionen Fans reisen an, trotz der hohen Preise.
Wenn man sie denn reinlässt, muss man leider sagen. Die Welt ist diesmal nicht zu Gast bei Freunden. Fans vieler Länder lassen die USA nicht einreisen. Selbst Hauptfiguren des Spiels trifft der Argwohn. Die Mannschaft von Usbekistan wurde kontrolliert, als wären ihre Mitglieder alle Verdächtige. Der Iran ist in den USA unerwünscht, das Team erhielt nun in Mexiko Asyl, darf nur am Spieltag rein und muss dann schnell wieder flüchten.
Noch schlimmer erging es Omar Artan aus Somalia. Die Fußballer aus seinem Land haben keine reelle Chance auf eine WM, aber er ist Afrikas bester Schiedsrichter. Schiedsrichter sind ein wichtiger Teil des Fußballs, sie stehen für Integrität und Regelbasiertheit. Beides ist aus der Mode. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ihm die US-Behörden die Einreise verweigerten und ihm obendrein Kontakte zu Terroristen nachsagten. Selbst Infantino sah sich gezwungen, sein Bedauern über diesen Fall einzuräumen und wenigstens implizit auf Distanz zu seinem Buddy Donald Trump zu gehen.
Diese WM wird nicht unbeschwert. Sie wird ein Fest, das nicht frei ist von Konflikten, Misstrauen, Hass. Aber sie wird ein Fest. Und wer es gewinnt, welches Prinzip sich durchsetzt, ob man Fremden mit Vorbehalten begegnet oder mit kindlicher Neugier, ist noch nicht raus. In seiner Heimat wurde Omar Artan bei seiner Rückkehr jedenfalls gefeiert wie ein Weltmeister.
Eine Fußball-WM ist und bleibt eine Begegnung mit dem Fremden, sie macht einen mit dem Unvertrauten vertraut. So habe ich das immer erlebt. Fußball als Austausch. So sieht das auch mein Bekannter aus New York, den ich dieser Tage getroffen habe. Seine Augen leuchten, wenn er von der WM 1994 erzählt, damals hat er Spiele in den USA besucht. Wenn er über das aktuelle Turnier spricht, dann nur mit Gram und Scham. In ein Stadion will er auf keinen Fall. Ich hoffe, er läuft bald in eine Traube argentinischer, marokkanischer oder ecuadorianischer Fans, die ihn mit ihren Fahnen und ihrer Freude einhüllen.
Open Questions
- Wie wird die WM die Wahrnehmung des Fremden verändern?
- Werden die Einreisebeschränkungen die Stimmung des Turniers nachhaltig trüben?





