Zunehmende Wüstenstaubbelastung in Europa beeinträchtigt Luftqualität
Quick Look
- Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Paul-Scherrer-Instituts hat festgestellt, dass die Wüstenstaubbelastung in Europa zunimmt.
- Dies beeinträchtigt die Luftqualität und birgt Gesundheitsrisiken, da feine Partikel tief in die Lunge eindringen können.
- Besonders Südeuropa ist betroffen.
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Why It Matters
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Kaspar Dällenbach vom Paul-Scherrer-Institut hat eine Zunahme der Wüstenstaubbelastung in Europa zwischen 2012 und 2021 festgestellt. Diese Entwicklung droht Fortschritte bei der Reduzierung anderer Feinstaubarten zu überdecken.
Über Europa gibt es eine Luftverschmutzung, gegen die kein Filter und kein Grenzwert der Welt etwas ausrichten können: Feinstaub aus der Wüste. Er legt sich regelmäßig auch hierzulande wie ein gelber Schleier über den Himmel und hinterlässt eine dünne Schicht auf Autos und Fensterscheiben. Die Belastung mit Wüstenstaub nimmt zu, wie ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Kaspar Dällenbach vom Schweizer Paul-Scherrer-Institut herausgefunden hat. Mit Messungen und Modellen haben die Forscher die Feinstaubbelastung in den Jahren 2012 bis 2021 bestimmt. So konnten sie die Entwicklung ablesen. Ihre Ergebnisse sind nun im Wissenschaftsmagazin „Nature“ erschienen.
Die Konzentrationen der Rußpartikel aus Verbrennerautos, Kraftwerken, Ölheizungen und sonstigen Feuerungsanlagen sinken seit Jahren, denn die Vorschriften sind strenger und Filtertechniken besser geworden. Die Luftqualität steigt daher. Doch diese Fortschritte drohen nun durch den Wüstenstaub überdeckt zu werden. Durch zunehmende Trockenheit dehnt sich die Sahara aus. Zudem haben sich die Luftströme so verändert, dass vermehrt starke Winde aus Nordafrika den Staub nach Europa tragen. Ob der menschengemachte Klimawandel die Ursache dafür ist, können die Forscher nicht mit Sicherheit sagen. Die Zunahme des Staubs wird dadurch aber zumindest begünstigt, schätzt Dällenbach.
Partikel dringen in die Lunge ein und verursachen Entzündungen
Wüstenstaub besteht nach den Schätzungen der Wissenschaftler nicht nur aus Partikeln mit zehn Mikrometer Durchmesser (PM₁₀), sondern auch zu mehr als einem Viertel aus Partikeln, die kleiner sind als 2,5 Mikrometer. Solche Stäube einzuatmen, ist ein Risiko für die Gesundheit. Diese kleinen Partikel dringen tief in die Lunge ein und verursachen Entzündungen. Sie sind mit Erkrankungen der Atemwege verbunden, mit Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems wie Bluthochdruck und Arteriosklerose, mit Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes und mit Demenz. An Tagen mit Saharastaub in der Luft sterben mehr Menschen an Herzinfarkten und Atemproblemen als üblich.
Wüstenstaub lässt sich von sonstigen Feinstäuben in Europa chemisch gut unterscheiden, wenn man misst, welche Elemente die Partikel enthalten. Zuverlässige Nachweise für Wüstenstaub sind Aluminium und Titan. Enthält der Staub vor allem Calcium und Eisen, stammen die Partikel zum großen Teil aus Bremsenabrieb von Autos, von Baustellen und werden vom Wind aus Äckern aufgewirbelt. Partikel aus Haushalten oder Autoabgasen sind zudem am Kohlenstoffgehalt erkennbar.
Besonders hart trifft es Südeuropa: Hier liegt die Konzentration der zehn Mikrometer großen Partikel im jährlichen Mittel bei 5,3 Mikrogramm pro Kubikmeter. Das ist mehr als doppelt so hoch wie über Mittel- und Nordeuropa. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, dass die Gesamtbelastung mit den PM₁₀-Partikeln übers Jahr gesehen die 15 Mikrogramm pro Kubikmeter nicht übersteigt. Und mit steigenden PM₁₀-Werten nimmt auch die Menge der 2,5 Mikrometer kleinen Partikel zu. Über Italien, der Adria und der Ägäis sind die Staubkonzentrationen stärker gestiegen als über dem Rest Europas. Im gesamten Mittelmeerraum werden jährlich etwa 46 Tage mit Saharastaub in der Luft registriert. Ähnlich stark wie am Mittelmeer sind die Konzentrationen in Nordeuropa gestiegen, ein Teil des mineralischen Staubs in den nördlichen Breiten könnte allerdings aus Island stammen.
Um die Staubbelastungen bis ins Jahr 1750 zurückzuverfolgen – also bevor Messstationen Daten lieferten – und mit den heutigen zu vergleichen, haben die Wissenschaftler zusätzlich drei Eisbohrkerne untersucht. Sie stammten aus dem Colle Gniffetti, einem vergletscherten Sattel im Monte-Rosa-Massiv an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien. Wie sich bei der Auswertung herausgestellt hat, haben sich die Konzentrationen des Wüstenstaubs in der Luft in den vergangenen 150 Jahren verdoppelt. Dabei zeigen die Ablagerungen im Eis eine Korrelation mit der Wüstenbildung in der nordwestlichen Sahara, vor allem in Marokko.
Im Gegensatz zum Feinstaub aus Auspuff oder Schornstein lässt sich Wüstenstaub nicht abstellen. Auch sich davor zu schützen, ist eher schwierig. Menschen, die auf feinen Sand in der Atemluft empfindlich reagieren, etwa Asthmatikern, hilft nur: drinnenbleiben. Langfristig lässt sich der Tendenz zu mehr Staub nur dann etwas entgegensetzen, wenn es gelingt, die Wüstenbildung zu unterdrücken.
Open Questions
- Können die Forscher den menschengemachten Klimawandel als Ursache für die Zunahme des Staubs mit Sicherheit bestätigen?





