Buckelwal-Drama: Vorwürfe nach gescheiterter Rettungsaktion
نظرة سريعة
- Ein Buckelwal, der in der Wismarer Bucht gerettet und per Schiff in die Nordsee transportiert werden sollte, ist nach seiner Freilassung verendet.
- Die F.A.Z. liegen Dokumente vor, die auf widersprüchliche Darstellungen und mögliche Fehlentscheidungen der Beteiligten hinweisen.
- Umweltminister Till Backhaus steht wegen der Duldung der Aktion in der Kritik, während die Geldgeber und die beteiligten "Amerikaner" sich gegenseitig Vorwürfe machen.
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Eine private Initiative versuchte, einen gestrandeten Buckelwal aus der Ostsee in die Nordsee zu transportieren. Die Aktion war von Anfang an umstritten und von widersprüchlichen Aussagen der Beteiligten geprägt.
Karin Walter-Mommert hat die Freilassung des Buckelwals atemlos gemacht. „Und wütend.“ So sagte es die Geldgeberin der privaten „Rettungsaktion“ für das gestrandete Tier vor Kurzem dem Livestream-Anbieter News 5. Am Morgen des 2. Mai, dem Tag nach der gescheiterten Freilassung, sei kein neuer Versuch geplant gewesen. Und doch habe es plötzlich geheißen: „He’s off“ – er ist frei.
Auf einem Video ist dieser Moment zu sehen. Da schimmert der Körper des Meeressäugers im Skagerrak in der Sonne, einer Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen. Der Wal bläst durch sein Blasloch heiße Luft, das Wasser schäumt, dann taucht er ab.
Zwölf Tage später wird sein Kadaver an den Strand der dänischen Urlaubsinsel Anholt gespült. Ein angebrachtes Ortungsgerät identifiziert ihn. Das Signal des Senders brach zwischen dem 6. und 7. Mai ab, 215 Kilometer Distanz „überwand“ der Wal laut Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) bis dahin noch – allerdings nicht in Richtung Atlantik, sondern zurück in die Ostsee. Wann genau er verendete, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.
Schon länger überziehen sich die Beteiligten mit Vorwürfen. Wer traf die Entscheidungen? Trug die von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) geduldete „weltweit einmalige Rettungsaktion“ einer privaten Initiative zum Tod des Tieres bei? Und was ist bei der Freilassung passiert?
Der F.A.Z. liegen Logbucheinträge, Videoaufnahmen und Sprachnachrichten vor, die auf manche dieser Fragen Antworten geben. Das „Konzept Walbergung“, das die BVT Chartering und Logistics im Auftrag der Geldgeber Karin Walter-Mommert und Walter Gunz anfertigte, so viel scheint sicher, war schon am ersten Tag der „Rettungsaktion“ hinfällig.
Der Wal konnte die Barge nicht selbständig verlassen
28. April: Die Erleichterung war groß. „Gott sei Dank, Gott sei Dank“: Der Media-Markt-Gründer Walter Gunz erinnert sich an seine Worte. Gerade hatte er von Karin Walter-Mommert gehört, dass der Wal in den Lastkahn geschwommen war. Vor Freude seien ihm Tränen gekommen. Zuvor hatten Helfer das Tier in der Bucht von Wismar mehrere Stunden mit Gurten in Richtung der Barge gezogen. Schließlich bewegte sich der Wal selbständig hinein. Und als der Kirchsee langsam in der Dunkelheit versank, brach die Barge im Schlepptau der Robin Hood in Richtung Nordsee auf. Später übernahm die Fortuna B den Transport des unmotorisierten Lastkahns.
Das „Konzept Walbergung“, das der F.A.Z. vorliegt, umfasst zehn Seiten, beginnend mit „Schritt 0“. Die Abläufe werden klar dargelegt. Die „geplante Reisezeit“ ist auf drei bis fünf Tage festgelegt, die Reisegeschwindigkeit auf zwei bis fünf Knoten. Eine Rolle spielten auch der Zustand von Wal und See. Auf einer Karte ist der ungefähre Zielort markiert. Aus der Wismarer Bucht führen die Striche gen Norden, mehr als 400 Kilometer weit, zum dänischen Nordzipfel. Als Anhaltspunkt dient die kleine Küstenstadt Skagen. Die Striche führen daran vorbei. Dann sollte das „Ausschwimmen“ passieren. Aber schon am 28. April war das unmöglich.
Der Plan: Der Wal sollte aus eigener Kraft der Barge entkommen. Dafür sollte er mit der Flosse voran auf den Lastkahn geladen werden. Doch als er sich an Baggern und Helfern vorbei durch das Wasser schob, schwamm er vorwärts ein. Den Kahn konnte er nur noch mit Hilfe verlassen, Wale können nicht rückwärts schwimmen. Drehen konnte sich das Tier nicht, dafür war der Platz zu knapp. Der Wal, den manche Timmy nennen, andere Hope, hatte einen gewaltigen Körper: zwölfeinhalb Meter lang, dreieinhalb Meter breit. Gewicht: rund zwölf Tonnen. Da muss man schon viel Hoffnung haben.
Warum hat Umweltminister Till Backhaus die Aktion dennoch geduldet? Das Ministerium teilt dazu mit: „Ein Abbruch der Maßnahme wegen der falschen Lage des Wals hätte bedeutet, dass man den Wal aus der Barge hätte herausziehen müssen.“ Noch am Freitag bestand Backhaus darauf, dass es beim Transport des Wals „keine Verletzungen“ gegeben habe.
Backhaus hatte „unserem Hope“ vor der Abfahrt noch eine gute Reise gewünscht. Aber schon wenig später verletzte sich der Wal mehrfach. Auf der Barge versuchten Männer, das Tier mit Feuerwehrschläuchen zu „stabilisieren“. Sie befestigten ein Schlauchboot mit einem Seil oder Schlauch an seiner Fluke. Dann zogen sie an ihm.
„Die Amerikaner haben totale Scheiße gemacht“
1. Mai: Sie sind im Skagerrak angekommen. „Aber die Amerikaner haben totale Scheiße gemacht“, meldete ein verantwortliches Crew-Mitglied in einer Whatsapp-Sprachnachricht einem der Schiffskapitäne. Die Audiodatei liegt der F.A.Z. vor. Der Seemann bittet um Informantenschutz. Es ist bekannt, dass Kollegen Morddrohungen erhalten haben; einer der Schiffskapitäne steht seit Wochen unter Polizeischutz.
„Die Amerikaner“ – das sind Jeffrey Foster, Michael Partica und Kyra Wadsworth. Die Crews nannten sie auch das „Free Willy“-Team. Jeffrey Foster, heute mehr als 70 Jahre alt, trug 2002 zur Auswilderung des Orcawals Keiko aus den gleichnamigen Filmen bei (Untertitel auf Deutsch: „Ruf der Freiheit“). Der Film endet damit, dass Parkmitarbeiter den Wal auf einem Laster in einen Hafen bringen. Von dort durchbricht er jedes Hindernis, springt in den Ozean, ist frei. In der Realität ist Keiko kurz nach seiner Auswilderung verendet.
Foster, Partica und Wadsworth waren nebst Tierärztinnen und Tauchern von Walter-Mommert für die „Rettungsaktion“ rekrutiert worden. Sie sollten für die private Initiative den Transport begleiten und sich um den Wal kümmern. „Die Amerikaner“ sind für das Whale Sanctuary Project tätig. Die Organisation war schon erfolgreich an Freilassungen von Orcas und Seeottern beteiligt.
Sie zogen an seiner verletzlichsten Stelle
Dennoch sollen sie versucht haben, den Wal dreimal an seiner Schwanzflosse herauszuziehen, wie das Crew-Mitglied in einer Sprachnachricht an einen Kapitän berichtet. „Wenn du das hörst: Sag bitte R. und E., dass die drei nicht mehr an den Wal ran dürfen. Denn das ist ja nicht Sinn der Sache.“ Im Netz sind Videoaufnahmen davon zu sehen. Es fehlt zwar an Schärfe. Doch sind Männer erkennbar, die mit Seilen oder Schläuchen am Wal hantieren. Wer zuerst auf die Idee kam, das Tier an seiner Fluke aus dem Kahn zu ziehen, war bis dato unbekannt.
Eine Meeresbiologin des Meeresmuseums Stralsund hat das Material gesehen. Sie spricht im NDR von einem „No-Go“. Die Fluke eines Wals gilt als seine verletzlichste Stelle. Das Fleisch dort ist weich, durchzogen von Muskeln, aber ohne Knochen. Entsprechend hoch ist die Verletzungsgefahr. Wer sich mit Walen wirklich auskenne, mache so etwas nicht.
Der Wal hatte zahlreiche Verletzungen
Warum also? War womöglich ein Besuch auf der Barge an diesem Morgen der Auslöser? Mit der leitenden Tierärztin, Anne Herrschaft, stellten die Amerikaner „mehrere sichtbare Verletzungen“ beim Wal fest. So schreibt es Foster bereits Mitte Mai in einer Stellungnahme. Mittlerweile ist sie auch im Internet zu finden. Er zählt „mehrere Schnittwunden am Kopf“ auf. Wahrscheinlich seien sie „durch Kontakt mit freiliegenden Bolzen an den Wänden des Lastkahns verursacht“ worden. Außerdem „Abschürfungen am Blasloch“ und „eine etwa zwei Fuß lange Schürfwunde entlang der rechten Fluke“. Als der Wal in der Wismarer Bucht in den Lastkahn schwamm, war er nach Meinung vieler Meeresbiologen zwar schwach. Und seine Haut blieb auch dann noch fahl, nachdem die „Aktivisten“ Zinksalbe auf sie geschmiert hatten. Solche Verletzungen hatte das Tier jedoch nicht. Der Transport hat das Tier gezeichnet.
Foster bezweifelte, dass der Wal „eine weitere Nacht an Bord der Barge durchstehen“ könne. „Insbesondere angesichts der Vorhersagen, wonach sich die Seebedingungen verschlechtern würden, während das Schiff weiter nach Norden fuhr“, schreibt er. Die Zeit drängte. Daraufhin befestigten sie den Tracker.
Drei Wochen später beschreibt Karin Walter-Mommert bei News 5 die Situation mit anderen Worten. „Die See war ruhig, der Wal war ruhig.“ Ihre Direktive an den Kapitän sei gewesen: „Bei gutem Wetter fahren wir weiter, weiter, weiter.“
Die F.A.Z. hat Walter-Mommert und Foster kontaktiert und sie zum Rettungskonzept, der Koordination an Barge und Bord sowie der Befehlsgewalt befragt. Walter-Mommert ließ die Frist für einen ersten Fragenkatalog verstreichen. Nachdem die F.A.Z. sie ein paar Tage später mit dem Inhalt der Recherche konfrontierte, bat die Unternehmerin um eine Fristverlängerung. Mit Verspätung antwortete sie.
Das PDF heißt „Stellungnahme_und_Instruktionen“. Es ist Walter-Mommert zufolge untersagt, aus einzelnen Teilen ihres Schreibens zu zitieren. Nach juristischer Prüfung ist das aber zulässig. Ohnehin beantwortet das Dokument nur wenige Fragen. „Es steht Ihnen frei, sich mit Ihren ‚Ermittlungsansätzen‘ an die beteiligten Reederein (sic!) zu wenden“, lautet etwa ein Satz daraus.
Für Foster antwortet eine Sprecherin des Whale Sanctuary Projects. „Angesichts der uns bekannten laufenden Ermittlungen in Deutschland bezüglich der Freilassung des als ‚Hope‘ und ‚Timmy‘ bezeichneten Buckelwals kann zu diesem Zeitpunkt leider keine Stellungnahme abgegeben werden.“ Es wird auf Fosters Protokoll verwiesen. Die Stunde der Anwälte hat geschlagen.
Viele Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft
Bei der Staatsanwaltschaft Schwerin ist bereits eine dreistellige Zahl an Anzeigen und Hinweisen eingegangen, die mit dem Wal zusammenhängen. Es seien teilweise aberwitzige Einlassungen, so der Leiter der Staatsanwaltschaft, Jonas Krüger. Manche behaupten, sie könnten „Walisch“ sprechen. Die Justizbehörde ist verpflichtet, allem nachzugehen.
Umweltminister Backhaus ist mehrfach angezeigt worden. Einerseits, weil er die „Rettungsaktion“ der privaten Initiative duldete, andererseits, weil er die „Rettung“ erst verspätet unterstützt habe. Bevor auch der SPD-Minister den Wal Timmy oder Hope nannte, bevor er also bei ihm schlief, mit ihm sprach und sich Ende April auf den Tiertransport einließ, stützte sich Backhaus auf ein wissenschaftliches Gutachten des Deutschen Meeresmuseums sowie des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung. Den Auftrag dafür erteilte der Minister selbst. Im Gutachten heißt es, der Wal könne „die Belastung eines langen Transportes in die Nordsee nicht überstehen“. Dieser sei „mit Stress, Lärmbelastung und Manipulation des Tierkörpers verbunden“. Von einer „Lebendbergung“ sei abzuraten: „Nicht möglich und vertretbar.“
Karin Walter-Mommert, Walter Gunz, die Amerikaner sowie die Tierärztinnen Kirsten Tönnies und Anne Herrschaft hatten eine andere Devise.
Wer traf die Entscheidungen an Bord?
Wer an Bord in welchen Momenten das Sagen hatte, ist unklar. Es arbeiteten mehr als zwei Dutzend Crewmitglieder auf drei Schiffen. Zwei Boote dienten als Schlepper, ein weiteres als Unterkunft. Hinzu kam die Barge. Crewmitglieder sprechen von „diffuser Kommunikationsstruktur innerhalb der Privatinitiative“. Walter-Mommert, sagt einer, habe ihre Entscheidungen meist über Dritte, telefonisch oder Sprachnachrichten weiterleiten lassen.
Was klar ist: Am Abend des 1. Mai hat um 20.25 Uhr ein Treffen der Kapitäne stattgefunden. Der F.A.Z. liegt ein entsprechender Logbucheintrag der Fortuna B dazu vor. Demnach war auch Jeffrey Foster dabei. Ein solches Treffen erwähnt dieser auch in seinem Protokoll. Ausgewählt wurde Foster dafür von Walter-Mommert, heißt es im Logbuch. Bei dem Treffen soll der weitere Ablauf vereinbart worden sein. Handgeschrieben steht da: Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang gelte es, den Wal „sanft“ aus der Barge zu ziehen. Foster habe eigens eine Skizze angefertigt und diese an Walter-Mommert gesendet. Die Geldgeberin habe die Aktion „bestätigt“, ihr „zugestimmt“ und sie „genehmigt“. Begründung für die Notwendigkeit zu handeln: „Wegen des immer größer werdenden Risikos infolge des Wetters.“
Keine 30 Minuten später telefonierte die Chefin der Reederei laut eigener Aussage mit Walter-Mommert. Die Geldgeberin sollte demnach einen „Entscheidungsträger“ bestimmen. Die Geschäftsführerin der Reederei sagt: Walter-Mommert habe sich in dem Gespräch für Jeffrey Foster entschieden. Doch die Geldgeberin der privaten Initiative widerspricht. Foster sei nicht „zu irgendeinem Zeitpunkt durch die Initiative als alleiniger Verantwortlicher oder ‚Leading Man‘ eingesetzt oder dargestellt worden“ – so schreibt es Walter-Mommert.
Der Wal sei regelrecht aus der Barge „geschleift“ worden
So oder so: Der Amerikaner stand am nächsten Morgen auf der Brücke der Robin Hood und überblickte die Freilassung des tonnenschweren Tieres.
2. Mai. Sie setzen ihn frei. Foster erzählt die Geschichte so: Fünf Personen hätten auf der Barge eine Stange genutzt, um Leinen an der Fluke des Wals zu befestigen. Dann seien die Taue an der Robin Hood angebracht worden. Dabei sei das andere Schleppschiff mit einer „höheren Geschwindigkeit“ gefahren, als vereinbart worden sei. Der Wal sei regelrecht aus der Barge „geschleift“ worden. Der Geschäftsführer des Unternehmens der Barge dementiert diese Darstellung. Videoaufnahmen des Bordcomputers der Robin Hood widerlegen jedenfalls eine zu hohe Schleppgeschwindigkeit; auch eine Überschreitung seitens der Fortuna B trifft der Reederei zufolge „nicht zu“.
أسئلة مفتوحة
- Wer traf die endgültigen Entscheidungen an Bord?
- Welche Rolle spielten die "Amerikaner" bei der Verletzung des Wals?
- Warum wurde die Freilassung trotz der offensichtlichen Probleme durchgeführt?




