Sommerinterviews als Talkshow-Lückenfüller: Kritik an Format und Inhalt
نظرة سريعة
- Der Artikel kritisiert die aktuellen Sommerinterviews im deutschen Fernsehen (ZDF, ARD) als oberflächliche Talkshow-Lückenfüller.
- Er bemängelt, dass sie keine tiefgehenden Fragen stellen und stattdessen tagespolitische Diskursschnipsel und innerparteiliche Kritik abhandeln, anstatt die eigentliche Funktion eines Sommerinterviews zu erfüllen.
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لماذا يهم
Sommerinterviews sollen im politischen Leben eine ähnliche Funktion wie der Sommerurlaub für Bürger erfüllen, indem sie Raum für grundsätzliche Fragen abseits des Tagesgeschäfts bieten.
Der Sommerurlaub hat einen festen Platz im Leben der meisten Deutschen. Man tritt aus dem Alltag heraus, entdeckt ferne Regionen und Länder, lässt je nach persönlicher Vorliebe die Seele baumeln oder sucht Abwechslung im Abenteuer. Im besten Fall geht davon ein Gefühl der Erneuerung aus, das auch auf die heimische Routine ausstrahlt.
Eine ganz ähnliche Funktion wie der Sommerurlaub im Leben der Bürger könnte im politischen Leben das Sommerinterview einnehmen. Schließlich steht der parlamentarische Betrieb zur Sommerzeit still, die Minister sind reihum im Urlaub und größere Gesetzesvorhaben vorerst nicht zu erwarten. Wann, wenn nicht jetzt, könnte man einen Schritt zurücktreten und die grundsätzlichen Fragen in den Blick nehmen, die im politischen Tagesgeschäft oft zu kurz kommen? Etwa, welche Überzeugungen einen Politiker antreiben, welche Entwicklungen ihm Hoffnung machen, vielleicht auch, was ihm als Menschen wichtig ist?
Für die großen Sendeanstalten aber sind Sommerinterviews vor allem Talkshow-Lückenfüller – und sie geben sich immer weniger Mühe, das zu verbergen. Am Sonntag ließ sich das wieder einmal beobachten. Da saß die SPD-Vorsitzende und Arbeitsministerin Bärbel Bas im ZDF vor der durchaus imposanten Kulisse eines menschenleeren Fußballstadions in Duisburg.
Moderatorin Diana Zimmermann hätte Bas, nach eigenen Angaben Dauerkarteninhaberin, fragen können, ob sie Parallelen zwischen dem Niedergang des nun drittklassigen MSV und jenem der SPD sieht. Sie hätte den Auftritt in Bas' Geburtsstadt und Wahlkreis dafür nutzen können, die ursozialdemokratische Biografie ihres Gastes zu beleuchten. Gerne hätte man erfahren, welche Schlüsse Bas aus dem eigenen Aufstieg von der Hauptschülerin zur Ministerin gezogen hat und warum ein solcher in ihrer Partei so selten geworden ist.
Stattdessen der übliche Dreischritt. Erstens soll der Gast Stellung beziehen zu den wenigen Diskursschnipseln, die die Redaktion über die Woche auflesen konnte. Wenn einige CDU-Ministerpräsidenten die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren beibehalten wollen, wäre die SPD bereit, das Rentenpaket noch einmal aufzuschnüren? Bas scheint nicht abgeneigt und fordert, die CDU müsse ihre Position klären. Was hält sie von der Forderung des SPD-Spitzenkandidaten in Sachen-Anhalt, die Fünfprozenthürde zu überdenken? Man könne über alles diskutieren, meint Bas, aber als Mittel gegen die AfD tauge das nicht.
Zweitens wird der Gast mit innerparteilicher Kritik konfrontiert, die natürlich auch immer irgendwo zu finden ist. In diesem Fall dient Zimmermann ein „Brandbrief“ des bekanntlich meinungsführenden Unterbezirksvorstands Bielefeld als Munition: Die SPD-Führung, heißt es darin, habe in der Koalition Entscheidungen getroffen, „die sozial unausgewogen, politisch und fachlich falsch, sowie innerparteilich unzureichend legitimiert waren“.
Bas will darauf nicht näher eingehen, sondern nutzt die Gelegenheit, sich und ihre Partei wieder einmal als „einziges Stoppschild“ gegen den Neoliberalismus zu positionieren. Karenztage, eine weitreichende Lockerung des Kündigungsschutzes oder eine Aufweichung der Arbeitszeitregelungen – all das sei von der Union schon gefordert und von ihr verhindert worden. Nur der Zuschauer fragt sich offenbar, ob Bas wirklich glaubt, dass „Stoppschilder“ die Menschen im großen Stil zum Wählen motivieren. Zimmermann geht lieber zum nächsten tagespolitischen Thema über.
Weil der Sommer davon aber beim besten Willen nicht genug zu bieten hat, um die zwanzig- bis dreißigminütige Sendezeit zu füllen, darf als drittes ein Ausblick auf die „großen“ politischen Ereignisse der Nachsommerzeit nicht fehlen. Also fragt Zimmermann vorsichtshalber schon einmal, was in der SPD im Falle eines Misserfolgs bei den Landtagswahlen im September passieren werde. „Das weiß ich doch jetzt noch nicht“, antwortet Bas. Die leichte Pampigkeit möchte man ihr nachsehen und der etwas blass aussehenden Ministerin ansonsten gute Erholung wünschen.
Urlaubsfrische ging von diesem Interview jedenfalls ebenso wenig aus wie eine Stunde zuvor von jenem mit Markus Söder in der ARD. Dort wurde freilich auch gar nicht erst der Anschein erweckt, als wolle man in der Sendung Abstand zum üblichen Politbetrieb gewinnen. Denn während das ZDF, das das Format durch ein Gespräch mit Helmut Kohl am Wolfgangsee 1988 ins Leben rief, bis heute seine Gäste an Orten ihrer Wahl besucht, hat die ARD ihr Set mittlerweile sogar in ein hauptstädtisches Fernsehstudio verlegt. Dieses „Sommerinterview“ könnte also genauso gut ein „Herbst-“ oder „Winterinterview“ sein.
Business as usual bekam der Zuschauer dann auch zu sehen und zu hören. Einmal mehr ging es um die vermeintlichen Aufregerthemen der Woche (die Frührente, was sonst?), um die womöglich gefährdete Stellung des Gastes angesichts innerparteilicher Kritik (statt aus Bielefeld kam der Brandbrief dieses Mal aus Bad Tölz) und um Was-wäre-wenn mit Blick auf die Landtagswahlen im September. Söder wirkte reizbarer als sonst, beschwerte sich bisweilen über einen „ziemlich zusammengemixten“ Einspieler und riss – zweifellos am überraschendsten – während der gesamten Sendung keinen einzigen Witz.
Ein paar müde Agenturmeldungen werden auch diese Gespräche wieder produziert haben. Aber kann das das Ziel von Sommerinterviews sein? In ihrer jetzigen Form wirken sie so, wie wenn jemand im Urlaub permanent am Laptop hängt und manisch versucht, die gewohnte Routine aufrechtzuerhalten. Dann soll man doch lieber gleich auf der Arbeit bleiben – und die gewöhnlichen Talkshows auch den Sommer über auf Sendung lassen.
أسئلة مفتوحة
- Welche Schlüsse zieht Bas aus ihrem eigenen Aufstieg?
- Warum ist ein Aufstieg wie der von Bas in ihrer Partei selten geworden?
- Motivieren "Stoppschilder" Wähler wirklich?





