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VW-Werk Zwickau: Elektroautos bedrohen Zukunft trotz moderner Produktion
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VW-Werk Zwickau: Elektroautos bedrohen Zukunft trotz moderner Produktion

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#VW#Zwickau#Elektroautos#Automobilindustrie#IGMetall#AfD#Ostdeutschland#Wiedervereinigung
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FAZ
Yayıncı
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Montagabend in Zwickau. Ein Demonstrationszug zieht durch die Stadt. Freie Sachsen, Dritter Weg, Versatzstücke des ostdeutschen Protestmilieus. Ein Redner ruft ins Mikrofon, „Blauer Himmel über Zwickau, denn es bleibt dabei: Zwickau liegt in Sachsen, Sachsen liegt im Osten, und im Osten geht die Sonne auf.“

Das ist im übertragenen Sinne gemeint: Tatsächlich ist in Zwickau der Himmel ziemlich blau. Etwas mehr als 40 Prozent hatten hier in der Bundestagswahl im Jahr 2025 ihr Kreuz bei den „Blauen“, also der AfD gesetzt. Damit liegt Zwickau sogar noch über dem Durchschnitt Sachsens mit 37,3 Prozent.

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Mit dieser Szenerie beginnt die sechste und letzte Folge der F.A.Z. Podcast-Serie „Die VW-Story“, in der es auch um die Bedeutung von Europas größtem Autohersteller für die Region geht. In Zwickau befindet sich eines der modernsten Werke des Konzerns – und trotzdem ist seine Zukunft ungewiss, weil dort ausschließlich Elektroautos produziert werden.

So paradox kann die Situation in Ostdeutschland sein: Eine hochmoderne Autofabrik ist bedroht, auch, weil sie am falschen Ort steht? Sie liegt eben nicht in Niedersachsen, jenem Bundesland, das Anteile an VW hält und über den Aufsichtsrat direkten Einfluss auf den Konzern ausübt. Dass niedersächsische Standorte dadurch auf eine andere politische Rückendeckung hoffen können als Fabriken in Sachsen, ist eine Folge dieser besonderen Eigentümerstruktur. „Da sieht man vielleicht auch mit einem gewissen sichtbaren Thermometer, wie politisch VW eigentlich ist“, sagt Stefan Kolev, ein angesehener Wirtschaftswissenschaftler, der an der Hochschule in Zwickau unterrichtet.

Der Kampf um Einsparungen wird härter

Der politische Rechtsruck, die Enttäuschung darüber, dass auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung die viel beschworenen „gleichwertigen Lebensverhältnisse“ nicht erreicht sind, der Kampf um Technologie der Zukunft: All das schwingt also mit, wenn der VW-Konzern jetzt um weitere Einsparungen ringt. Dabei geht es keineswegs nur um Sachsen. Mancher Manager macht hinter vorgehaltener Hand keinen Hehl daraus, dass sich auch andernorts die Belegschaft nicht zu sicher fühlen sollte, in Niedersachsen. Klar ist: Standorte wie Wolfsburg oder Emden müssen sich ebenfalls strecken, um bis Ende des Jahres jene Kostenziele zu erreichen, die das Management den Werken vorgegeben hat. Die Fabrik in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover gilt sogar als teuerste im ganzen Produktionsnetz.

Wie schon im Machtkampf um Einsparungen vor anderthalb Jahren pocht die IG Metall nun darauf, dass Werksschließungen mit ihr nicht zu machen sind. Das Management müsse andere Wege finden, um Standorte besser auszulasten. Es gehe um gute Arbeit, Zukunftsperspektiven und sichere Beschäftigung. „Was dem zuwiderläuft, werden wir auch in Zukunft mit aller Härte bekämpfen“, heißt es von den Arbeitnehmervertretern. Die Konzernführung verweist hingegen auf den Ernst der Lage. VW-Finanzvorstand Arno Antlitz formuliert im Podcast unmissverständlich: In den nächsten Monaten gehe es „um die Zukunft von Volkswagen“.

Podcast-Serie „Die VW-Story“

Folge 1 Alles oder nichts

Folge 2 Die Legende entsteht

Folge 3 Der große Betrug

Folge 4 Das Geflecht

Folge 5 Überall Chinesen

Folge 6 Endspiel um VW

Hintergrund Eine Legende kämpft ums Überleben

Am traditionsreichen Standort Zwickau zeigen sich die Schwierigkeiten kondensiert. Wer dort auf die Werkstore schaut, sieht nicht bloß einen Industriebetrieb, sondern ein Stück sächsische Transformationsgeschichte in Blech und Beton. Auffällig ist, wie oft hier nicht nur über die Gegenwart gesprochen wird, sondern über die Abfolge der Zumutungen: erst die Wende, dann der Aufbau, dann die Anpassung, dann die Antriebswende.

Als erste Autofabrik in Europa wurde das Werk komplett auf E-Autos umgestellt, zwischenzeitlich galt Zwickau als Vorzeigewerk für den Umbau der deutschen Autobranche. Hat’s also geklappt mit der Transformationsgeschichte im Osten? Na ja. Zu den besten Zeiten haben mehr als 10.000 Menschen an dem Standort gearbeitet; nachdem viele befristet Beschäftigte gehen mussten, waren es nur noch 8000. Und jetzt wird weiter abgebaut. Die Nachfrage nach den aktuellen E-Modellen reicht nicht, um den Standort auszulasten. Ob und, wenn ja, welche zukünftigen Fahrzeuge dort gebaut werden könnten, ist ungewiss.

Das sorgt für Verdruss – und provoziert Widersprüche. In Südwestsachsen etwa, auch in Zwickau, verbreitet sich folgende Erzählung, so berichtet es der Gewerkschafts- und Arbeitsforscher Klaus Dörre, der auch viel vor Ort in Zwickau forscht. Viele Beschäftigte hätten sich ihren Lohn über Jahre hinweg erarbeitet und sähen nun, dass andere gesellschaftliche Gruppen in ganz Deutschland, etwa durch Mindestlohnerhöhungen, scheinbar schneller aufschließen. Höhere Forderungen wiederum gelten manchen als Risiko für den eigenen Betrieb. Daraus entsteht eine Wahrnehmung, in der nicht mehr wirtschaftliche Machtverhältnisse im Zentrum stehen, sondern Konkurrenz – zwischen Beschäftigten und auch zwischen „denen drinnen“ und „denen draußen“.

Das könnte auch ein Grund dafür sein, warum die Erhöhung des Mindestlohns, auf den die SPD so stolz ist, in den ostdeutschen Bundesländern so wenig verfängt. Die Sozialdemokraten sind in Sachsen zuletzt abgestürzt, von knapp 20 auf weniger als neun Prozent der Stimmen.

Die Industriearbeiter und die AfD

Vor diesem Hintergrund wurde im Frühjahr die Betriebsratswahl zu einem kleinen Stimmungstest der industriellen Republik. Das Ergebnis fiel weniger dramatisch aus, als manche erwartet hatten. Die IG Metall blieb mit 29 von 35 Sitzen klar stärkste Kraft im Zwickauer Werk. Das Bündnis freie Betriebsräte hielt seine vier Mandate, die Andere Liste zog mit zwei Sitzen neu ein. Der erwartete Rechtsruck am Standort blieb aus. Thomas Knabel, Geschäftsführer der IG Metall Zwickau, sprach gar von einem „medialen Scheinriesen“, der im Vorfeld der Abstimmung aufgebaut worden sei – und der sich dann als falsch erwiesen habe: „Diese Belegschaft weiß sehr genau, wer für ihre Interessen einsteht und wer nicht.“

Außerhalb der Werkstore allerdings wendet sich ein wachsender Teil der Arbeiterschaft der AfD zu. Und da stellt sich eben die Frage, warum ausgerechnet Industriearbeiter eine Partei wählen, die Arbeitnehmerrechte eher skeptisch sieht und ökonomisch keine offensichtliche Besserstellung verspricht. Arbeitsforscher Dörre vermutet, dass viele Beschäftigte weniger die Angst vor Arbeitslosigkeit umtreibt als vielmehr das Gefühl, die eigene Leistung werde gesellschaftlich nicht anerkannt. Vor allem Industriearbeiter fühlen sich demnach politisch nicht vertreten und kulturell übersehen.

Und dann gibt es da noch die historisch bedingten Gründe. In Zwickau zeigt sich eine Haltung, die gefühlt jedes Gespräch einläutet: „die da oben“. Und in diese Kategorie fallen nicht nur Spitzenpolitiker, sondern auch Chefs großer Automobilkonzerne. Ein Demonstrationsteilnehmer bringt die Kritik an deren Missmanagement auf den Punkt. „Welcher Unternehmer stellt sein komplettes Werk auf eine neue Sparte um, ohne zu wissen, ob das funktioniert?“, fragt er im Podcast mit Blick auf die Umstellung auf Elektromobilität. Ein vorsichtiger Unternehmer würde erst einen Teil der Produktion umrüsten, Erfahrungen sammeln und dann entscheiden, wie es weitergeht. VW dagegen sei voll ins Risiko gegangen – und jetzt hänge der ganze Standort in der Luft. „Was sind denn das für Unternehmer?“

This article was originally published by FAZ.

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