Wachstumsdebatte: Ist mehr Wirtschaftskraft das richtige Ziel für Deutschland?
Auf einen Blick
- Die Bundesregierung plant ein großes Reformpaket zur Ankurbelung des deutschen Wirtschaftswachstums.
- Experten diskutieren jedoch, ob Wachstum allein das richtige Ziel ist oder ob andere Wohlstandsindikatoren stärker berücksichtigt werden sollten.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Die Bundesregierung plant ein Reformpaket zur Steigerung des deutschen Wirtschaftswachstums nach Jahren der Krisen. Es gibt jedoch Debatten unter Ökonomen, ob das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der alleinige Maßstab für Wohlstand sein sollte.
Die Bundesregierung will Deutschland aus der Stagnation führen. Aber ist ein Mehr an Wirtschaftskraft allein überhaupt das richtige Ziel? Oder vielleicht sogar ein Problem? Victoria Kowsky 15.06.2026 - 16:43 Uhr Artikel anhören
Lebensfreude: Kann Wirtschaftswachstum allein ein gutes Leben möglich machen? Foto: picture alliance / dpa
Berlin. In wenigen Wochen soll es stehen, das große Reformpaket für die deutsche Wirtschaft. Die Bundesregierung will ran an den Sozialstaat, an die Steuern, an den Bürokratieabbau. All das für ein Ziel: Deutschland soll endlich wieder richtig wachsen. „Wir müssen uns als Koalition einen Aufschwung-Schwur geben“, fordert Unionsfraktionschef Jens Spahn. „Wachstum hat jetzt Vorfahrt.“
Nach Jahren der Krisen – erst die Coronapandemie, dann der Ukrainekrieg mit anschließender Energiekrise, jetzt der Irankrieg – hat sich die deutsche Wirtschaft vom Wachstum entfernt. Nicht nur wegen der Krisen, auch angesichts der wirtschaftlichen Struktur droht Nullwachstum in Deutschland zum Dauerzustand für die nächsten Jahre zu werden.
Das will die Regierung um Kanzler Friedrich Merz (CDU) unbedingt verhindern. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll wieder zulegen. Sollte der Irankrieg tatsächlich enden und die Blockade des Persischen Golfs aufgehoben werden, könnte sich tatsächlich eine neue Dynamik entwickeln.
Wirtschaftswachstum als oberste, ja sogar als einzige Maxime? In Deutschland haben sich die meisten daran gewöhnt, ein BIP-Plus gilt als die Voraussetzung für alles Weitere.
In den Wirtschaftswissenschaften allerdings gibt es durchaus Ökonomen, die vom Fokus auf die Kennzahl BIP nicht überzeugt sind. Angesichts des so stark auf Wachstum ausgerichteten Reformprozesses der Bundesregierung stellt sich die Frage, wie sinnvoll dieser Weg ist – und was die Alternative wäre.
Wie messen wir Wohlstand?
Was wir brauchen, also was den Wohlstand ausmacht, wird grundsätzlich darüber definiert, die menschlichen Bedürfnisse für ein gutes Leben zu erfüllen. Um den Wohlstand in Zahlen abbilden und mit anderen Ländern und früheren Zeiten vergleichen zu können, verwenden Politik und Wirtschaftsforschung vor allem das BIP. Dieses ist der Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Volkswirtschaft produziert werden.
Doch an dem Konzept gibt es einige Kritikpunkte, zum Beispiel daran, dass nur Materielles zählt und etwa Gesundheit, Bildung, Zeit oder Natur nur indirekt. „Bereiche, die den Menschen wirklich wichtig sind, wie die Qualität der Schulen, lassen sich nicht berechnen“, sagt Till van Treeck, Professor für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen.
Außerdem ist der Vergleich mit dem Stand der Volkswirtschaft vor 20 oder 50 Jahren schwierig. „Das BIP über lange Zeit zu vergleichen, ist eigentlich lächerlich“, sagt van Treeck.
Till van Treeck: Innovationskraft der Wirtschaft stärken. Foto: privat
Das liege daran, dass die Produkte sich über die Zeit so stark verändert hätten, dass sie kaum miteinander vergleichbar seien. Zum Beispiel ist ein Smartphone teurer als ein Tastenhandy Anfang der 2000er, kann aber auch wesentlich mehr. Die Gewichtung der neuen und alten Produkte sei sehr subjektiv.
Welche Kritik gibt es am Fokus auf Wachstum?
Für den Wirtschaftsweisen Achim Truger geht es gar nicht darum, Wachstum zu verhindern. Der von den Gewerkschaften unterstützte Regierungsberater hält die Überlegungen vielmehr für falsch herum aufgesetzt.
Interview
„Wir leben in einer Zeit der Schamlosigkeit – und niemand versucht mehr, das zu verbergen“
„Ich halte es für unproduktiv, Wachstumsziele, sei es hohes Wachstum, Nullwachstum oder Schrumpfung, in den Fokus zu rücken“, sagt Truger. „Wir sollten lieber festlegen, was wir brauchen, und uns darum kümmern.“
Garantiert Wachstum dennoch Wohlstand?
Stefan Kolev, Leiter des Ludwig-Erhard-Forums, sieht das anders. Er hält Wachstum auch nicht für das einzig relevante Ziel, aber er hält es für unabdingbar.
„Wachstum entsteht, wenn zwei Menschen oder Unternehmen sich auf dem Markt begegnen und daraus ein positives Ergebnis ziehen, das für beide Seiten eine Verbesserung darstellt“, sagt Kolev. „Eine wachsende Ökonomie bedeutet, dass mehr Menschen zu solchen Ergebnissen kommen, und sich damit ein Teil ihres Lebens verbessert.“
Ein Land, das sehr produktiv ist, kann es sich leisten, weniger zu arbeiten. Till van Treeck Universität Duisburg-Essen
Unter Ökonomen ist eine interessante Debatte über die Wirtschaftsentwicklung in Europa und Amerika ausgebrochen. Die USA sind beim Pro-Kopf-Einkommen deutlich an der EU vorbeigezogen. Aber geht es den Amerikanern tatsächlich besser? Angesichts der Kluft zwischen Arm und Reich, der steigenden Preise und der Sorge über die schwache soziale Absicherung gibt es daran berechtigte Zweifel. Unter anderem Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman weist darauf hin.
Van Treeck gibt grundsätzlich zu bedenken: „Wenn in reichen Ländern die Einkommen aller steigen, steigt nicht automatisch die Zufriedenheit aller mit ihrem Lebensstandard.“
Wenn eine Wirtschaft wachsen, also etwa effizienter werden soll, dann solle das nicht über mehr Anstrengung der Bürger geschehen. „Es muss darum gehen, die Innovationskraft der Wirtschaft zu stärken und in Grundlagen und Infrastruktur zu investieren, statt mehr zu arbeiten oder Bürgergeldempfänger unter Druck zu setzen.“
Geht es auch ohne Wachstum?
Van Treeck geht von diesem Standpunkt aus noch einen Schritt weiter: Wenn alles so effizient laufe, dass alle Bedürfnisse gut abgedeckt würden, müsse es vielleicht irgendwann auch kein Wachstum mehr geben. „Ein Land, das sehr produktiv ist, kann es sich leisten, weniger zu arbeiten“, sagt van Treeck. Das gehöre dann zur Freiheit der Menschen.
An dieser Stelle liegt der größte Dissens unter den Ökonomen. Dass das BIP nicht in allen Belangen der Weisheit letzter Schluss ist, darüber besteht Einigkeit. Aber ob es auch ohne Wachstum geht, dass es also einen Sättigungspunkt gibt, bleibt hochumstritten.
Stefan Kolev: Keine systemische Notwendigkeit oder gar Zwang zu Wachstum. Foto: privat
Kolev sieht dafür mehrere Gründe. Menschen seien oft unersättlich, es gebe daher keine Grenze für die von ihm beschriebenen positiven Marktergebnisse. „Wir wollen nicht immer mehr, aber immer mehr Vielfalt in unterschiedlicher Qualität.“
Für Kolev ist das Wachstum aber vor allem eine wichtige Voraussetzung für den Sozialstaat. „Es ist politökonomisch äußerst hilfreich, Wachstum zu haben“, sagt er. Ansonsten müsse das Geld für die soziale Umverteilung jemand anderem weggenommen werden. Wie viel die Menschen arbeiten wollen, gehört auch für Kolev zu deren Freiheit, die Entscheidung sei aber eingebettet in Kultur und die Anreize, die ihnen beispielsweise der Staat gibt.
Agil zu sein, sei für die Wirtschaft vor allem in Krisenzeiten wichtig, wenn Dinge plötzlich nicht mehr so funktionieren wie früher. Eine wachsende Wirtschaft könne dabei helfen. „Ohne Wachstum sind Armutsbekämpfung und Umverteilung ganz schwer, aber es besteht keine systemische Notwendigkeit oder gar Zwang zu Wachstum“, sagt Kolev.
Welche Alternative gibt es?
Das BIP ist zwar der bei Weitem dominanteste Indikator, aber nicht der einzige, den es gibt. „Ich sehe das BIP-Wachstum als ein Lämpchen auf einem Dashboard“, sagt Kolev. „Es wäre naiv zu denken, dass irgendein Indikator den menschlichen Wohlstand vollständig erfasst.“
Es gibt einige Indizes, die versuchen, die Qualität des Lebens zu messen, zum Beispiel den „Human Development Index“ und den „Happy Planet Index“. Diese geben Merkmalen wie Wohlbefinden oder Qualität von Bildung eine Zahl. Dabei spielen Werturteile aber eine wichtige Rolle, was Experten und Expertinnen kritisch sehen.
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Es gab auch Versuche, verschiedene Indikatoren in einem Katalog zu betrachten. Zum Beispiel hatte die Ampelregierung die Jahreswirtschaftsberichte zu ihrer Amtszeit um weitere Indikatoren ergänzt. Noch unter der Leitung von Robert Habeck (Grüne) hatte das Wirtschaftsministerium deshalb Punkte wie Klimaschutz, soziale Ungleichheit, Schulabbrecherquote und den Gender-Pay-Gap im Jahreswirtschaftsbericht ergänzt.
„Natürlich ist die Auswahl der Kriterien ideologisch“, sagt Sven Giegold, damals Staatssekretär im Ministerium, heute Vizevorsitzender der Grünen: „Das sind immer Werturteile.“ Und dass das BIP weiter relevant bleibt, stehe dabei außer Frage. Doch Giegold sieht einen hohen Mehrwert darin, sich nicht nur das BIP anzusehen. Das erfasste Bild soll breiter werden, das ist die Idee.
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