Wehrbeauftragter: Bundeswehr hat weiter Personalprobleme
Auf einen Blick
- Der Wehrbeauftragte Henning Otte warnt trotz positiver Trends vor anhaltenden Personalproblemen bei der Bundeswehr.
- Er fordert mehr Transparenz für Arbeitgeber bezüglich ihrer Reservisten und betont die Notwendigkeit einer engen Abstimmung mit der Wirtschaft beim Reservistengesetz.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Der Wehrbeauftragte Henning Otte äußert sich zur Personalausstattung der Bundeswehr und fordert mehr Transparenz für Arbeitgeber bezüglich ihrer Reservisten. Er betont die Notwendigkeit einer engen Abstimmung mit der Wirtschaft beim Reservistengesetz.
Der Wehrbeauftragte des Bundestags gibt trotz Zuwachses keine Entwarnung bei der Personalausstattung der Bundeswehr. Beim Reservistengesetz rät er zu enger Absprache mit Arbeitgebern. Emma Möllenbrock, Frank Specht 16.06.2026 - 04:10 Uhr Artikel anhören
Wehrbeauftragter Otte in seinem Büro: „Die Bundeswehr steht weiterhin vor erheblichen demografischen Herausforderungen.“ Foto: picture alliance/dpa
Berlin. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Henning Otte, fordert mehr Transparenz für Arbeitgeber darüber, welche ihrer Beschäftigten Reservistin oder Reservist bei der Bundeswehr sind. „Wer Verantwortung für Personal und betriebliche Abläufe trägt, muss wissen, welche Ausfälle im Spannungs- oder Verteidigungsfall möglich sind“, sagte der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete im Gespräch mit dem Handelsblatt. So wie die Einwohnermeldeämter wissen müssten, wer als Wehrdienstleistender infrage komme, so bräuchten auch die Unternehmen Planungssicherheit.
Eine starke Reserve sei für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands unverzichtbar, sagte Otte. „Gleichzeitig dürfen die berechtigten Interessen der Unternehmen nicht aus dem Blick geraten“, betonte der Wehrbeauftragte. Deshalb sei es wichtig, dass das Verteidigungsministerium und die Wirtschaftsverbände frühzeitig und eng zusammenarbeiteten.
Den Zuwachs beim Personal bei der Bundeswehr hält Otte zwar für positiv, es sei aber zu früh, darüber zu entscheiden, ob der freiwillige Wehrdienst ausreiche. „Ein klares Bild werden wir erst bekommen, wenn die Musterungen Fahrt aufnehmen und aus grundsätzlichem Interesse eine konkrete Entscheidung werden muss“, sagte der „Anwalt“ der Soldatinnen und Soldaten.
Otte macht sich weiter für eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen bei der Bundeswehr oder zivilen Hilfsorganisationen stark. Er sagte: „Das würde viele Probleme in Deutschland lösen und wäre gut für den Zusammenhalt.“
Lesen Sie hier das vollständige Interview mit dem Wehrbeauftragten Henning Otte:
Herr Otte, das Verteidigungsministerium verweist auf einen positiven Personaltrend bei der Bundeswehr und zweistellige Zuwachsraten bei Bewerbungen und Einstellungen. Sind Sie zufrieden?
Die Entwicklung ist grundsätzlich erfreulich. Allerdings sprechen wir hier über relative Zuwächse, die auf niedrigem Niveau aufbauen. Bewerbungen und Einstellungen sind zwar wichtige Zwischenschritte, entscheidend ist aber, wie viele Menschen ihre Ausbildung erfolgreich abschließen und dauerhaft für den Dienst in der Bundeswehr gewonnen werden. Deshalb ist es richtig, dass das Ministerium dem Parlament zweimal jährlich Bericht erstatten muss, ob die Personalziele auf freiwilliger Basis erreicht werden können.
Rekrutinnen und Rekruten bei einem feierlichen Gelöbnis: „Bis spätestens 2035 müssen rund 260.000 Soldatinnen und Soldaten verfügbar sein.“ Foto: Christoph Reichwein/dpa
Für dieses Jahr plant das Ministerium eine Vergrößerung der aktiven Truppe auf 186.000 bis 190.000 Soldatinnen und Soldaten. Die unterste Spanne war im Mai schon fast erreicht. Läuft also alles nach Plan?
Das wäre verfrüht. Die Bundeswehr steht weiterhin vor erheblichen demografischen Herausforderungen. In den kommenden Jahren werden viele erfahrene Soldatinnen und Soldaten altersbedingt ausscheiden. Gleichzeitig reicht es nicht aus, nur den Heimatschutz mit Freiwilligen auszustatten, die vielleicht sechs Monate dienen. Entscheidend ist, dass das Stammpersonal deutlich wächst. Bis spätestens 2035 müssen rund 260.000 Soldatinnen und Soldaten verfügbar sein. Diese Menschen müssen gewonnen, ausgebildet, qualifiziert und einsatzbereit sein.
Bundeswehr
Wehrbeauftragter sieht gravierende Probleme bei Personalgewinnung
Die Zustimmung zum neuen Wehrdienst ist bei Älteren höher als bei Jüngeren. Warum gelingt es der Bundeswehr so schwer, gerade die junge Generation zu überzeugen, die sie eigentlich braucht?
Das liegt sicher auch daran, dass viele Ältere selbst noch Wehrdienst geleistet haben und den meisten Jüngeren diese Erfahrung fehlt. Umso wichtiger wäre es gewesen, die junge Generation frühzeitig und stärker in die Debatte einzubeziehen. Gleichzeitig erlebe ich im Austausch mit jungen Menschen eine große Bereitschaft, Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen zu wollen – aber nur wenn es ein sinnstiftender Dienst ist.
Vita Henning Otte
Der Bankkaufmann und Jurist Henning Otte gehört seit 1994 der CDU an und vertrat von 2005 bis 2025 den Wahlkreis Celle-Uelzen im Bundestag. Beim Panzerbataillon 333 in Celle wurde Otte zum Reserveoffizier ausgebildet. Der 57-Jährige ist verheiratet und hat vier Kinder.
Am 5. Juni 2025 wurde der Niedersachse als Nachfolger von Eva Högl als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags vereidigt. In diesem Amt ist Otte „Anwalt“ der Soldatinnen und Soldaten und Hilfsorgan des Parlaments bei der Kontrolle der Streitkräfte. Einmal im Jahr legt der Wehrbeauftragte einen Bericht über den inneren Zustand der Bundeswehr vor.
Von den jungen Männern, die den Fragebogen zum Wehrdienst ausfüllen müssen, kann sich rund jeder vierte einen Dienst bei der Bundeswehr zumindest vorstellen. Ist das viel oder wenig?
Das ist zunächst ein sehr positives Signal. Es zeigt, dass die Bundeswehr für viele junge Menschen grundsätzlich eine Option ist. Aber ein klares Bild werden wir erst bekommen, wenn die Musterungen Fahrt aufnehmen und aus grundsätzlichem Interesse eine konkrete Entscheidung werden muss.
Die Rücklaufquote bei den jungen Frauen, die den Fragebogen zum Wehrdienst freiwillig ausfüllen können, ist mit rund drei Prozent sehr gering. Beunruhigt Sie das?
Der Frauenanteil in der Bundeswehr ist nach wie vor zu niedrig. Insgesamt liegt er bei circa 13 Prozent, außerhalb des Sanitätsdienstes sogar nur bei etwa neun Prozent. Das ist viel zu wenig. Hier besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf. Die Bundeswehr muss noch attraktiver für Frauen werden – durch bessere Vereinbarkeit von Familie und Dienst, moderne Arbeitsbedingungen und eine Personalpolitik, die die Lebensrealitäten von Frauen stärker berücksichtigt.
Spielen vielleicht auch sexistische Übergriffe und extremistische Vorfälle eine Rolle, wie bei den Fallschirmjägern in Zweibrücken? Sind das wirklich nur Einzelfälle?
Jeder Fall ist einer zu viel. Solche Vorfälle beschädigen das Vertrauen in die Bundeswehr und müssen konsequent aufgeklärt und geahndet werden. Die Bundeswehr besteht aus Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern in Uniform. Sie sind den Werten des Grundgesetzes verpflichtet. Wer diese Werte missachtet oder schwere Straftaten begeht, muss mit harten dienst- und strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Besonders gravierende Delikte müssen auch zum Ausschluss aus der Bundeswehr führen.
Übung der Panzerbrigade 45 in Litauen: „Kraftanstrengung mit hoher politischer Signalwirkung.“ Foto: Kay Nietfeld/dpa
Die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen ist stark gestiegen. Kommt bei den Menschen zu wenig an, dass der Wehrdienst freiwillig ist?
Aus meiner Sicht ist der Wehrdienst ein Dienst für den Frieden. Und die Abfrage der Bereitschaft zum Wehrdienst ist noch keine Verpflichtung zum Dienst und erst recht kein Einsatzbefehl. Viele junge Menschen beantragen aktuell vorsorglich eine Kriegsdienstverweigerung. Das Familienministerium bereitet sich auch darauf vor, die Stellen für Zivildienstleistende zu erhöhen, sollten wir doch die Bedarfswehrpflicht einführen müssen. Unabhängig davon wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen bereit sind, Verantwortung für unsere Gesellschaft zu übernehmen – sei es bei der Bundeswehr, im Bevölkerungsschutz, bei Hilfsorganisationen oder in anderen Bereichen des Gemeinwohls.
Es ist bekannt, dass Sie sich durchaus mehr gewünscht hätten als den freiwilligen Wehrdienst …
Ich erfahre in allen politischen Diskussionen viel Zustimmung für eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen, von der neben der Bundeswehr auch die „Blaulichtorganisationen“ und die Freiwilligendienste profitieren könnten. Das würde viele Probleme in Deutschland lösen und wäre gut für den Zusammenhalt.
Personell gibt es aktuell vor allem Probleme, genug Freiwillige für die Brigade Litauen, also die in Litauen stationierte Panzerbrigade der Bundeswehr, zu finden. Was könnte hier helfen?
Die Brigade Litauen ist eine Kraftanstrengung mit hoher politischer Signalwirkung – ihre Aufstellung muss gelingen. Das hat beim Aufbau des Stabs gut funktioniert, beim Stammpersonal hat der anfängliche Schwung jedoch nachgelassen. Jetzt kommt es darauf an, die Attraktivität des Dienstes in Litauen weiter zu erhöhen. Entweder muss der Verteidigungsminister noch einmal kräftig die Werbetrommel rühren oder er muss bald Soldatinnen und Soldaten abkommandieren.
Verteidigung
Gefechtsübung in Litauen – „Im Krieg wäre ich jetzt tot“
Junge Wehrdienstleistende werden mit einem Sold von mindestens 2600 Euro brutto gelockt und müssen kaum Sozialabgaben zahlen. Das ist nicht schlecht für Einsteiger, oder?
Die finanziellen Anreize für Neueinsteiger sind durchaus attraktiv, was jedoch nicht dazu führen darf, dass die, die schon länger dabei sind, sich vernachlässigt fühlen. Das Lohnabstandsgebot muss gewahrt werden. Personalgewinnung und Personalbindung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Woran denken Sie konkret?
Nehmen wir die Brigade Litauen: Da es sich nicht um einen mandatierten Auslandseinsatz handelt, erhalten die Soldatinnen und Soldaten keinen offiziellen Auslandsverwendungszuschlag, sondern lediglich eine niedrigere Zulage. Das sorgt insbesondere bei den Mannschaftsdienstgraden für Ernüchterung, und darauf sollte das Verteidigungsministerium reagieren.
Bundeswehr und THW halfen Anfang 2026 beim Berliner Stromausfall: „Auch die Unternehmen brauchen Planungssicherheit.“ Foto: Christophe Gateau/dpa
Wird die Bundeswehr durch solche „Einstiegsgehälter“ nicht zum ernsten Wettbewerber für die Privatwirtschaft, die auch unter Fachkräftemangel leidet?
Der Staat und die Wirtschaft stehen im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte. Das ist angesichts des demografischen Wandels kaum zu vermeiden. Aber auch Unternehmen können von Menschen profitieren, die zuvor bei der Bundeswehr gedient haben. Sie erwerben nicht nur fachliche Qualifikationen, sondern auch Fähigkeiten wie Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit, Belastbarkeit und Verlässlichkeit – Eigenschaften, die auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt sind.
Die Arbeitgeber sollen künftig auch weniger mitreden können, wenn es um Reservedienstleistungen ihrer Beschäftigten geht – so sieht es der Entwurf für das Reservistengesetz vor. Wird die Wirtschaft über Gebühr belastet?
Eine starke Reserve ist für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands unverzichtbar. Gleichzeitig dürfen die berechtigten Interessen der Unternehmen nicht aus dem Blick geraten. Deshalb ist es wichtig, dass das Ministerium und Wirtschaftsverbände frühzeitig und eng zusammenarbeiten. Akzeptanz entsteht durch Transparenz, Planungssicherheit und einen kontinuierlichen Dialog.
Bundeswehr
Arbeitgeber fordern von Pistorius Auskunft über Reservistenstatus
Viele Unternehmen beklagen, dass sie gar nicht wissen, welche ihrer Beschäftigten gegebenenfalls für Reservedienstleistungen oder für Einsätze in Blaulichtorganisationen etwa beim THW oder Katastrophenschutz bereitstehen müssen. Brauchen wir da eine Abfragemöglichkeit?
Die Wehrerfassung wird gerade wieder aufgebaut, damit die Einwohnermeldeämter wissen, wer als Wehrdienstleistender infrage kommt. Und auch die Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Wer Verantwortung für Personal und betriebliche Abläufe trägt, muss wissen, welche Ausfälle im Spannungs- oder Verteidigungsfall möglich sind.
Arbeitgeber könnten sagen: Wir stellen lieber erst gar keine Reservistinnen oder Reservisten ein ...
Niemand darf aufgrund seines Engagements in der Reserve Nachteile im Betrieb oder bei der Jobsuche erfahren. Wer bereit ist, zusätzliche Verantwortung für die Sicherheit unseres Landes zu übernehmen, verdient Anerkennung und Unterstützung. Deshalb müssen Transparenz für die Arbeitgeber und ein wirksamer Schutz der Reservistinnen und Reservisten Hand in Hand gehen.
Flugabwehrkanonenpanzer Skyranger: „Lange Produktions- und Lieferzeiten.“ Foto: IMAGO/eventfoto54
Kommen wir zur materiellen Ausstattung der Bundeswehr: Hat sie immer noch von allem zu wenig?
Die Bundeswehr braucht von allem mehr. Die Haushaltsmittel fließen ab, und es wird viel bestellt. Allerdings entsteht Einsatzfähigkeit nicht mit der Vertragsunterschrift, sondern erst dann, wenn Material tatsächlich bei der Truppe ankommt und genutzt werden kann. Genau hier sind nach wie vor erhebliche Herausforderungen, insbesondere aufgrund langer Produktions- und Lieferzeiten. Eine Skalierung muss im Bedarfsfall sichergestellt sein.
Anders als in den übrigen Ressorts beschließt das Parlament im Verteidigungsbereich nicht nur den Haushalt, sondern auch jedes einzelne größere Beschaffungsvorhaben. Brauchen wir hier ein anderes Verfahren, um zu mehr Tempo zu kommen?
Die parlamentarische Kontrolle großer Beschaffungsvorhaben hat sich grundsätzlich bewährt. Sie sorgt für Transparenz und gibt auch dem Verteidigungsministerium parlamentarische Rückendeckung. Ich sehe keinen Anlass, das Verfahren infrage zu stellen. Es könnte allerdings diskutiert werden, ob die 25-Millionen-Euro-Grenze angesichts der Inflation und Preisentwicklungen der vergangenen Jahre noch zeitgemäß ist.
Beschaffungsvorhaben wie bei der Fregatte F-126 oder die Digitalisierung landbasierter Operationen – kurz DLBO – laufen völlig aus dem Ruder oder verzögern sich – trotz der parlamentarischen Kontrolle.
Große Rüstungs- und Digitalisierungsprojekte sind komplex und mit erheblichen Risiken verbunden. Parlament und Ministerium tragen hier gemeinsam Verantwortung. Dennoch dürfen Kostensteigerungen und Verzögerungen nicht zum Normalfall werden. Die von Ihnen angesprochenen Projekte sollte Verteidigungsminister Boris Pistorius zur Chefsache erklären.
Bei DLBO hat Pistorius die Industrievertreter zum Rapport ins Ministerium bestellt …
Das war notwendig. Es hat zu lange gedauert, bis das Verteidigungsministerium Mängel behoben hat. Solche Projekte zeigen, wie wichtig eine kontinuierliche Kontrolle und ein realistisches Lagebild sind. Es gibt Aussagen des Ministers noch aus dem vergangenen Jahr, dass bei DLBO doch alles in Ordnung sei. Angesichts der sicherheitspolitischen Lage sollte sich der Minister als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt noch öfter ein eigenes Bild von den Herausforderungen und Bedürfnissen der Truppe machen können.
Das Minenjagdboot „Fulda“ läuft in Richtung Straße von Hormus aus: „Ohne Schutz darf es keinen Einsatz geben.“ Foto: Marcus Golejewski/dpa
Die Marine hat das Minenjagdboot „Fulda“ auf die Reise geschickt, um sich an einer eventuellen Mission in der Straße von Hormus zu beteiligen. Machen Sie sich Sorgen um die Besatzung?
Die Sicherheit unserer Soldatinnen und Soldaten hat oberste Priorität. Bei meinem Besuch be
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