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BackAbnehmmittel: Nutzen, Nebenwirkungen und die Frage nach psychologischer Abhängigkeit
Abnehmmittel: Nutzen, Nebenwirkungen und die Frage nach psychologischer Abhängigkeit
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Handelsblatt23 minutes agoHealth3 min readGermanyView translation

Abnehmmittel: Nutzen, Nebenwirkungen und die Frage nach psychologischer Abhängigkeit

Quick Look

  • Immer mehr Menschen in Deutschland und weltweit nutzen Abnehmmittel wie GLP-1-Agonisten, ursprünglich für Diabetes entwickelt, jetzt auch für Gewichtsreduktion und Longevity beworben.
  • Während Studien positive Effekte auf Herz, Nieren und Suchtverhalten zeigen, warnen Experten vor möglichen psychologischen Abhängigkeiten und unbekannten Langzeitfolgen auf das Gehirn.
  • Der Markt wächst rasant, doch die Abbruchrate liegt bei bis zu 50 Prozent.

AI-generated summary

Why It Matters

Abnehmmittel wie GLP-1-Agonisten wurden ursprünglich für die Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt, zeigten jedoch starke Wirkung beim Abnehmen. Seit ihrer Zulassung für Adipositas hat sich ein milliardenschwerer Markt gebildet, verstärkt durch Telemedizin und neue Darreichungsformen wie Pillen. Die gesellschaftliche Wahrnehmung wandelt sich hin zu Prävention und Longevity, während Langzeitstudien noch ausstehen.

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Wer abnehmen will, kann das mit Medikamenten tun. Sie abzusetzen und schlank zu bleiben, ist aber kaum möglich. Studien zeigen, dass die Mittel auch aufs Gehirn wirken. Entsteht eine neue Sucht?

München, Düsseldorf. „Rausgeschmissenes Geld“, findet Manuela Badstübner. Nicht das für die Abnehmspritze, sondern das für die Tennisstunde: Es ist ein heißer Donnerstag, Badstübner steht auf dem Tennisplatz, aber sie bekommt Kreislaufprobleme. Wie eigentlich immer, wenn sie sich wie am Vortag die Abnehmspritze in den Bauch gepiekt hat und dann bei hohen Temperaturen Sport machen will.

Eigentlich wollte sie die Spritze schon längst absetzen. Davon war sie vergangenen Herbst, als das Handelsblatt sie besucht hat, fest überzeugt. Nicht nur wegen der Nebenwirkungen, sondern auch, weil sie ihr Gewichtsziel fast erreicht hatte: 67 Kilogramm, so viel wog sie vor sieben Jahren, als sie ihren Mann kennenlernte.

Doch stattdessen spritzt die 55-Jährige weiter. Und will nun, weil die Abnehmmittel seit Kurzem auch in Deutschland als Pille erhältlich sind, auf Tabletten umsteigen. Sie haben zwar die gleichen Nebenwirkungen, sind aber angenehmer einzunehmen und benötigen keine Kühlung. Warum will Badstübner nicht aufhören? Oder kann sie nicht aufhören? Entsteht hier gerade eine neue Art von psychologischer Abhängigkeit?

Der Nutzen von Abnehmmitteln verändert sich

Immer mehr Menschen greifen zu Abnehmmitteln. In den USA nimmt sie inzwischen etwa jeder achte Erwachsene, wie eine Umfrage des amerikanischen Forschungsinstituts Gallup aus dem Juni zeigt. In Deutschland gibt es keine amtliche Erfassung der Nutzer. Marktforscher schätzen aber, dass mehr als vier Millionen Menschen hierzulande die Medikamente nutzen – mit steigender Tendenz.

Die Abnehmmittel sind damit in kürzester Zeit zu einem Milliardenmarkt geworden. Der weltweite Markt für GLP-1-Medikamente wächst von 13 Milliarden US‑Dollar im Jahr 2020 voraussichtlich auf 135 Milliarden Dollar 2030 und damit auf mehr als das Zehnfache.

Zugleich verändert sich in der Gesellschaft die Wahrnehmung. US-Studien zeigen, dass ein wachsender Anteil die Medikamente nicht für den Zweck einnimmt, für den sie klinisch zugelassen sind. Dazu zählen Menschen, die nicht übergewichtig sind und die Mittel etwa zur Verlängerung der Lebensspanne verwenden, vor einer Hochzeit oder einem Sommerurlaub – oder schlicht, weil sie sich damit besser fühlen. Möglich wird das, trotz Verschreibungspflicht, vor allem über Telemedizin-Plattformen, auf denen Ärzte Rezepte oft ohne eingehende Untersuchung ausstellen.

Damit entsteht auch der Trend zum sogenannten Microdosing – also der Einnahme deutlich geringerer Mengen als klinisch vorgesehen. Eine mögliche Chance, die längst auch die Hersteller erkannt haben: Novo Nordisk führt seit August klinische Studien durch, in denen das Unternehmen niedrigere Dosierungen bei Patienten untersucht.

Mike Doustdar, Chef von Novo Nordisk, kündigte im Juni gar an, die Medikamente künftig auch in den Bereichen Longevity und Ästhetik zu positionieren. Das Unternehmen präsentierte bereits Daten, wonach der Wirkstoff Semaglutid das biologische Alter von Herz und Nieren messbar reduzieren könnte.

Damit stellt sich eine Kernfrage für Hersteller, Patienten und Forscher: Was bewirken die Wirkstoffe im Gehirn über die Gewichtsabnahme hinaus? Und können diese wirklich abhängig machen?

Die Abnehmspritze und der eigene Wille

Hinter den Abnehmspritzen und -pillen steckt ein Wirkstoff, der das körpereigene GLP-1 nachahmt – jenes Hormon, das nach dem Essen ausgeschüttet wird, die Insulinproduktion anregt und das Sättigungsgefühl fördert. Ursprünglich als Diabetesmedikament entwickelt, erwies sich der Wirkstoff bald auch als erstaunlich wirksam beim Abnehmen.

Am 1. Juni 2025 stach sich Manuela Badstübner zum ersten Mal die hauchdünne Nadel in den Bauch. Damals wog sie 94,4 Kilogramm, heute sind es 68 Kilogramm. Wegen des hohen Gewichtsverlusts habe sie mehr Falten im Gesicht, sagt sie. Aber wichtiger ist vielleicht etwas anderes: „Meine Freunde sagen: Du hast dich halbiert.“

Badstübner, die Vertrieb und Finanzen bei Koller leitet, einem österreichischen Unternehmen, das Komponenten für Whirlpoolsysteme herstellt, spritzt sich Mounjaro, die Spritze von Eli Lilly. Aktuell nimmt sie die Dosis von 7,5 Milligramm, bei Weitem nicht die höchste.

Mounjaro, Wegovy, Ozempic

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Sie fühlt sich bereits deutlich wohler. Die Spritze habe ihr ein völlig neues Selbstbewusstsein gegeben, eine „mentale Transformation“. Für sie war dieser Schritt der „Schlüssel zu mehr Gesundheit und neuer Lebensqualität“. Es sei, als hätte sie mit den Kilos „auch eine schwere emotionale Last abgeworfen“. Besonders faszinierend sei für sie die „Ruhe im Kopf“: Der ständige, stressige Gedanke ans Essen sei verschwunden.

Manuela Badstübner auf dem Tennisplatz: Eigentlich wollte sie die Abnehmmittel absetzen. Foto: Privat

Neben der Spritze nahm sich Badstübner ein strenges Programm vor: Ernährungsumstellung, Sport, strenge Selbstdisziplin. Im Frühjahr vor der Tennissaison, so ihr Plan, wollte sie die Spritze eigentlich absetzen. Und ihr Gewicht trotzdem halten.

Novo Nordisk

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Doch längst denkt sie über weitere Veränderungen nach. „Mittlerweile ist es Finetuning. Fünf Kilo müssen noch weg und mein Bauch stört mich noch sehr“, sagt sie. Das will sie mit der Tablette von Eli Lilly schaffen, die, anders als die des dänischen Wettbewerbers Novo Nordisk, nicht auf nüchternen Magen eingenommen werden muss.

Mittlerweile ist es Finetuning. Manuela BadstübnerLeitung Vertrieb und Finanzen bei Koller

Auch ihre anfängliche Idee, das Gewicht ohne Unterstützung zu halten, erscheint ihr inzwischen schwieriger als gedacht. Zum einen fürchtet sie den bekannten Jo-Jo-Effekt. Zum anderen zweifelt sie inzwischen an ihrer eigenen Disziplin. „Wieso sollte ich mich quälen? Ich bin faul, was das anbelangt. Dann müsste ich Bauchübungen machen. Ich mag aber einfach nur Tennis spielen.“ Für Badstübner ist das aber nicht weiter schlimm. Sie sieht das pragmatisch. Das Geld hat sie, das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt. „Viele Leute schmeißen Geld für unnötige Dinge raus. Ich weiß, wofür ich es rausschmeiße.“

Entsteht hier psychologische Abhängigkeit?

Was macht es langfristig, wenn Abnehmmedikamente zu Alltagsgegenständen werden, ohne die immer weniger Menschen leben wollen? Ist das dann schon ein Suchtverhalten?

Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin am Universitätsklinikum Leipzig, sagt, dass es in der Forschung bisher keinerlei Hinweise auf eine Sucht gibt, die das Absetzen von Abnehmspritze oder -pille schwer macht. „Man hat weder einen Rausch noch Entzugssymptome.“

Was häufig als Entzug missverstanden wird, ist die Rückkehr des Gewichts nach dem Absetzen. „Das ist kein Suchtphänomen, sondern der erwartbare Verlauf einer chronischen Erkrankung, deren Behandlung beendet wird“, sagt Sabrina Kristic, Senior Partnerin der Strategieberatung Boston Consulting Group.

Belegt ist, wie die Medikamente funktionieren: Die Wirkstoffe setzen im Gehirn in Arealen an, die Hunger, Belohnung und Motivation steuern, erklärt Hilbert. „Dadurch kommt es zu dem Effekt, dass sich das Verlangen nach Essen – insbesondere nach stark belohnenden Lebensmitteln – abschwächt und sich das Gewicht reduzieren kann.“

Da das Gehirn stark interkonnektiv ist, also bestimmte Gehirnregionen und Netzwerke nicht separat, sondern miteinander arbeiten, können auch andere Areale von den Wirkstoffen betroffen sein – etwa jene, die für Stimmung oder Suchtverhalten zuständig sind.

Zwar gebe es nur wenig solide Evidenz, doch „wir sehen in Studien, dass sich die Stimmung durch GLP-1 verbessert“, sagt Hilbert. Auch dass andere Süchte durch die Wirkstoffe verringert werden, könnte ein positiver Nebeneffekt sein. Die Mittel könnten laut Forschern Menschen dabei helfen, ihr Verlangen besser zu kontrollieren, ohne vollständig auf bestimmte Dinge zu verzichten. Es ginge dann nicht unbedingt um Abstinenz, sondern um einen gemäßigteren Umgang.

Je länger Badstübner die Abnehmspritze einnimmt, desto leiser werden auch bei ihr andere Verlangen. Waren es früher acht bis zehn Kaffees pro Tag, sind es jetzt nur noch drei. „Generell fühle ich mich in allen Lebensbereichen viel konsequenter“, sagt sie.

Erste Forschungsergebnisse stützen solche Beobachtungen. Eine 2026 im Fachjournal „Lancet“ veröffentlichte Studie zeigte, dass Abnehmmittel bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit und Adipositas den starken Alkoholkonsum stärker reduzieren. Auch Eli Lilly untersucht aktuell, ob ihre Medikamente Menschen mit Alkoholgebrauchsstörung und Übergewicht helfen können, weniger zu trinken.

Auch andere positive Effekte sind bekannt: GLP-1-Medikamente können das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle senken, eine Fettlebererkrankung zurückbilden, das Fortschreiten einer chronischen Nierenerkrankung verlangsamen und sogar bei Arthrose helfen. Badstübners Blutwerte seien heute besser, Zucker und Cholesterin gesunken, sagt sie. Rheumaschübe hat sie auch nicht mehr. „Es tut mir einfach gut“, sagt Badstübner.

Dämpfen das Hungergefühl und lassen Nahrung länger im Magen verweilen: So wirken sogenannte GLP-1-Agonisten. Foto: Roberto Pfeil/dpa

Aber es gibt auch Hinweise auf negative Effekte: Dass GLP-1 unser Belohnungssystem und damit auch die Ausschüttung von Dopamin beeinflusst, könnte auch problematisch sein. Denn die entsprechenden Nervenzellen gelten als Zentrum unseres Empfindens von Freude, bei Essen und Trinken ebenso wie bei Sex. Der dänische Wissenschaftler Jens Juul Holst, der an der Entdeckung von GLP-1 beteiligt war, warnte, ein Leben mit diesen Medikamenten könne möglicherweise so eintönig werden, dass man es irgendwann nicht mehr aushalte und in den alten Alltag zurückkehre.

Ohnehin gebe es zum jetzigen Zeitpunkt nur Forschungsdaten für einen kurzen Zeithorizont von bis zu circa fünf Jahren, sagt Forscherin Hilbert. Wirkliche Langzeitfolgen, insbesondere auf die Psyche, sind also bisher nicht untersucht.

Bekannt sind jedoch Beschwerden hinsichtlich der Verträglichkeit: Müdigkeit, Magenschmerzen, Haarausfall oder Schwindel. In seltenen Fällen kann es zu einer Bauchspeicheldrüsenentzündung und zu möglichen Sehstörungen kommen. Die Abbruchquote bei der Abnehmspritze liegt aktuell bei bis zu 50 Prozent.

Diese Quote könnte sich durch die Pille verringern, schätzt Hilbert – eine weitere positive Entwicklung. Trotz unzureichender Langzeitforschung und der weiter erforschten Nebenwirkungen hält Hilbert viel von den neuen Medikamenten. „Ich denke immer an die Zeit vor den GLP-1-Medikamenten zurück. Was damals auf dem Markt war, war bei Weitem nicht so wirksam und sicher.“

Anderer Meinung ist Kerstin Oltmanns, Professorin für Psychoneurobiologie an der Universität zu Lübeck, die über Verhaltenstherapie gegen Adipositas forscht. „Aus meiner Sicht sind GLP-1s alles andere als Gamechanger“, sagt sie. „Man muss sich mal verdeutlichen, was hier gerade vermittelt wird: Man nimmt ein Medikament, dessen Langzeitwirkung auf das Gehirn ungeklärt ist, anstatt weniger zu essen? Das ist absurd.“ Die Lösung liege langfristig in einer psychotherapeutischen Suchtentwöhnung und nicht in einer Pille, sagt Oltmanns.

Die gesellschaftlichen Folgen

Die Gefahr besteht, dass durch Abnehmmedikamente der gesellschaftliche Druck zum Schlanksein weiter steigt. Das vermutet auch Hilbert: „Insbesondere wenn die Kosten sinken und die Medikamente breiter verfügbar sind, könnte die Verantwortungszuschreibung für das eigene Gewicht steigen.“

Dabei ist Adipositas kein Resultat mangelnder Disziplin. „Sie ist eine komplexe, multifaktoriell bedingte Gesundheitsstörung mit chronischem Verlauf“, sagt Hilbert. Die Ursachen sind vielfältig – genetisch, psychologisch, sozial. „Erst trägt die Lebensmittelindustrie dazu bei, dass wir dick werden, und jetzt kommt die Pharmaindustrie und erfindet wirklich tolle Medikamente, damit wir wieder dünn werden.“

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Man nimmt ein Medikament, dessen Langzeitwirkung auf das Gehirn ungeklärt ist, anstatt weniger zu essen? Das ist absurd. Kerstin OltmannsProfessorin für Psychoneurobiologie an der Universität zu Lübeck

Dies belegt eine italienische Studie aus dem Jahr 2025, bei der 22 Prozent der Patienten die Befürchtung äußerten, das Medikament nie wieder absetzen zu können. Auch in Reddit-Foren zählt die Sorge, von den Medikamenten nicht mehr loszukommen, zu den Topthemen. Manuela Badstübner, die die Medikamente im Herbst vor einem Jahr noch absetzen wollte, ist mittlerweile überzeugt: Ein Leben ohne Abnehmmittel ist „nicht mehr vorstellbar“. Am Ende bleibt vieles eben noch ein großes, soziales Experiment.

Mehr: Abnehmtablette kommt in deutsche Apotheken

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What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Die Zulassung von GLP-1-Medikoten für Indikationen wie Alkoholabhängigkeit wird innerhalb der nächsten 2 Jahre erweitert.

    Likely · Within months

  • Novo Nordisk wird innerhalb der nächsten 18 Monate klinische Daten zu niedrigeren Dosierungen von Semaglutid für Longevity-Zwecke veröffentlichen.

    Possible · Within months

Open Questions

  • Wie wirken GLP-1-Medikamente langfristig auf das Gehirn und das Belohnungssystem?
  • Kann es zu einer psychologischen Abhängigkeit kommen, obwohl keine klassischen Entzugssymptome bekannt sind?
  • Wie wird sich der gesellschaftliche Druck zum Schlanksein entwickeln, wenn die Medikamente günstiger und breiter verfügbar werden?
  • Welche Rolle werden Telemedizin-Plattformen bei der Verschreibung und möglichen Missbrauch spielen?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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