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Als die Mauer schöner werden sollte
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Die Welt1 hour agoWorld6 min readGermanyView translation

Als die Mauer schöner werden sollte

Geheime Skizzen vom November 1961 zeigen, wie die SED-Diktatur den Checkpoint Charlie optisch aufwerten und militärisch verstärken wollte

Quick Look

  • Oktober 1961 standen sich am Checkpoint Charlie zehn sowjetische und zehn amerikanische Kampfpanzer gegenüber.
  • Nur sechs Tage später fertigten DDR-Pioniere Skizzen für einen massiveren und optisch aufgewerteten Grenzübergang an.
  • Die Pläne sahen eine 2,20 Meter breite und 1,60 Meter hohe Mauer, Fahnenmasten und Pflanzschalen vor, wurden aber weitgehend nicht umgesetzt.

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Why It Matters

Am 27./28. Oktober 1961 standen sich am Checkpoint Charlie je zehn sowjetische und amerikanische Kampfpanzer gegenüber. Weniger als drei Monate nach der Sperrung der innerstädtischen Grenze planten DDR-Pioniere Anfang November 1961 einen massiveren und optisch aufgewerteten Grenzübergang. Die Pläne sahen eine 2,20 Meter breite und 1,60 Meter hohe Mauer, Fahnenmasten und Pflanzschalen vor, wurden aber weitgehend nicht umgesetzt.

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Rein zahlenmäßig hatte Gleichstand bestanden: Je zehn sowjetische und amerikanische Kampfpanzer hatten einander am 27./28. Oktober 1961 auf der Friedrichstraße gegenübergestanden, genau dort, wo Kreuzberg (gehörte zum US-Sektor) auf Mitte stieß (sowjetischer Sektor der geteilten Stadt). Dazu kamen Schützenpanzer und weitere Militärfahrzeuge.

Filme und Fotos des bedrohlichen Kräftemessens gingen um die Welt und sorgten dafür, dass der nun unter dem Namen Checkpoint Charlie bekannte Ausländerübergang von West- nach Ost-Berlin weltweit zum Symbol für das mörderische DDR-Grenzregime wurde. Offenbar störten diese Bilder die Mächtigen der SED-Diktatur. Wie anders ließe sich erklären, dass nur wenig später Entwürfe für eine Umgestaltung des „Kontrollpassierpunktes Friedrichstraße“ angefertigt wurden? Mehrere Skizzen sind auf den 3. November 1961 datiert, also nur sechs Tage nach dem Ende der Panzerkonfrontation.

Anscheinend hatten die Urheber der Zeichnungen, wohl Pioniere der DDR-Grenztruppen, einen doppelten Auftrag bekommen: Erstens sollte der Übergang nach dem Umbau so massiv sein, dass Panzer aus dem Westen die Sperren nicht mehr niederwalzen könnten. Zweitens sollte die Passierstelle von West-Berlin aus betrachtet (um den Blick aus dem Osten scherte sich niemand) weniger martialisch wirken. In Anlehnung an den Anfang 1961 in der Bundesrepublik gestarteten Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ hätte das Motto lauten können: „Unsere Mauer soll schöner werden.“

Im Herbst 1961, weniger als drei Monate nach der Sperrung der innerstädtischen Grenze, standen an den meisten durchbruchsgefährdeten Stellen Sperrmauern aus Betonplatten und -schwellen sowie Gusssteinen, gekrönt von Stacheldraht. Auf Ost-Berliner Seite verstärkten mindestens zwei Zäune hintereinander sowie an manchen Stellen ein bis zwei Reihen „Tschechenigel“, aus je drei Stahlträgern oder alten Eisenbahnschienen zusammengeschweißte Hindernisse, die „vordere pioniertechnische Anlage“.

So eine dichte Staffelung an Hindernissen gab es jedoch gerade an den Übergängen nicht. Hier sollten Autos und Busse sowie (kleinere) Lastwagen eben durchkommen, wenn auch vorbei an Schlagbäumen und in Schlangenlinien, die durch Betonschwellen auf der Straße erzwungen wurden – also langsam. Aber einen Panzer hielt nichts davon ab, vor allem nicht, wenn er mit einem Räumschild ausgestattet war.

Seit der Konfrontation am Checkpoint Charlie machten sich die Verantwortlichen darüber offenbar Sorgen. Jedenfalls entstanden konkrete Planungen für eine stabilere „Sicherung des KPP“. Demnach sollten die Friedrichstraße und die hier von Nordwesten im Winkel von etwa 40 Grad einmündende Mauerstraße (deren Name nichts mit einer tatsächlichen Mauer zu tun hatte, sondern mit einer um 1720 geplanten, aber nie gebauten Stadtbefestigung) durch eine „2,20 Meter breite und 1,60 Meter hohe Mauer“ abgesperrt werden.

Für den Verkehr zum „KPP“ war auf der Friedrichstraße eine 2,75 Meter breite Lücke vorgesehen – bei einer zulässigen Nettobreite von maximal 2,55 Metern für Autos, Busse und normale Lastwagen in Schrittgeschwindigkeit passierbar, aber immer noch sehr eng. Auf Ost-Berliner, geografisch hier also der nördlichen Seite, waren zwei „besondere Verstärkungen“ eingeplant, die jeweils 2,50 Meter lang sein sollten und die Durchfahrt zu einem 2,75 Meter schmalen, fast fünf Meter langen Engpass machten.

„Alle Hohlräume werden mit Beton B 225 ausgegossen“

Der Aufbau dieser Mauer war klar beschrieben: Vorgefertigte Betonlochschwellen von drei Metern Länge, einem Meter Breite und 20 Zentimetern Höhe sollten aufgeschichtet werden, jeweils in ein 2,5 Zentimeter starkes Mörtelbett. Im Zwischenraum der beiden langen Stapel sollten alle anderthalb Meter alte Eisenbahnschienen stehen, verankert in einem 50 Zentimeter tiefen Fundament. Damit nicht genug: „Alle Hohlräume werden mit Beton B 225 ausgegossen, auch die Hohlräume der Platten.“ Die oberste Plattenlage der Mauer sollte auf einer Höhe von 1,40 Metern um acht Zentimeter auskragen, die dadurch entstehende breitere Lücke sollte durch eine weitere Lage Betonschwellen verschlossen werden. Noch vor der Sperrmauer sollten zusätzlich Eisenbahnschienen schräg „mit 60 Prozent Neigung“ im Boden eingelassen werden.

Eine solche Konstruktion war, sobald Mörtel und Beton einigermaßen abgebunden hatten, selbst für einen M48 mit Räumschild unüberwindbar: Die Kombination von schierer Masse (jeder Kubikmeter der Mauer wog rund 3000 Kilogramm, ein vier Meter breites Stück also mehr als ein 40 Tonnen schwerer Panzer) mit den schrägen Schienen davor und den senkrechten in der Konstruktion konnte selbst das stärkste Kettenfahrzeug der US Army nicht durchbrechen.

Auf DDR-Seite sollte zusätzlich ein schräg über die Friedrichstraße verlaufendes, einen Meter breites und 60 Zentimeter hohes Hindernis aus Betonschwellen die bisherigen versetzten Barrieren ersetzen. Durch die gleichfalls 2,75 Meter schmale Lücke zwischen dieser Sperre und dem Bürgersteig kurz vor der Schützenstraße sollte die Passiergeschwindigkeit in beide Richtungen auf Schritttempo begrenzt werden, ohne Fahrzeuge zur Zickzackfahrt zu nötigen.

Dieses schräge Hindernis gehörte schon zum zweiten Teil des Auftrages, den unbekannte Angehörige der DDR-Grenztruppen in der Woche nach der Panzerkonfrontation mit ihren Zeichnungen erfüllten: ein weniger hässliches Aussehen des Übergangs von West-Berlin aus. Da man im Ostteil der Stadt niemanden über den mörderischen Charakter der Mauer täuschen konnte, konzentrierte man sich gleich auf den Blick des Gegners im Kalten Krieg.

Drei Vorschläge für die Struktur des Putzes

Die 2,20 Meter breite und 1,60 Meter hohe Mauer aus gestapelten Schwellen sollte vollständig mit „Mörtel MG II“ verputzt werden, also leicht zu verarbeitendem Außenmörtel wie für Fassaden. Sogar über die Gestaltung der Putzflächen hatten sich die Pioniere Gedanken gemacht: „Dem Projekt liegen drei Vorschläge für die Struktur des Putzes, die je nach Standort gewählt werden können, bei.“

Noch wichtiger schien der Schmuck für die Sperranlage: Auf der gesamten Breite zwischen den Brandmauern der Häuser Zimmerstraße 79/80 und Mauerstraße 93 sollten sich 22 Fahnenmasten erheben. An ihnen sollten abwechselnd DDR-Flaggen in Schwarz-Rot-Gold, mit dem Staatswappen aus Hammer, Zirkel und Ährenkranz (der 1959 eingeführten offiziellen Fahne) und offenbar rote Flaggen flattern; so jedenfalls sieht es auf den erhaltenen perspektivischen Zeichnungen aus. Das rote Tuch stand stets für die SED und ihre Zugehörigkeit zur weltweiten kommunistischen Bewegung. Zusätzlich sollten auf der obersten Betonschwellenlage 19 Pflanzschalen stehen. Welche Blumen sich der Zeichner genau vorgestellt hat, ist leider unbekannt; vielleicht dachte er sich seine Sperrmauer bunt blühend.

Der ästhetische Teil der Planung überzeugte die Verantwortlichen bei den Grenztruppen weniger als die technische Seite: Zwar entstand noch Ende 1961 binnen weniger Wochen das vorgeschlagene Hindernis quer über die Friedrichstraße, fast wie vorgeschlagen. Doch das „Aufhübschen“ hielten die Verantwortlichen offenbar für unnötig.

In der ersten Januarwoche 1962 war die leicht modifizierte Grundkonstruktion einschließlich der schräg gestellten Eisenbahnschienen fertig – die verwendeten Betonschwellen waren dicker als geplant und das Ergebnis daher trotz einer Lage weniger rund 20 Zentimeter höher. Außerdem wurde die komplette Sperre um drei Meter weiter südlich als ursprünglich vorgesehen angelegt. Das zeigt ein Schnappschuss, der mehrere Busse mit Matrosen des Flugzeugträgers USS „Essex“, der seinerzeit gerade Station in Hamburg machte, vor der Einfahrt nach Ost-Berlin am 10. Januar 1962 zeigt. Weitere Fotos aus derselben Zeit belegen die fast genaue Umsetzung der konzipierten Sperrmauer.

Auf Schmuck allerdings verzichteten die Grenzpioniere: Lediglich ein etwa 3,50 Meter im Quadrat messendes Staatswappen der DDR auf weißem Grund war aufgestellt worden. Anständig verputzt oder gar mit Fahnenmasten und Pflanzschalen verziert wurde diese Mauer nicht. So wichtig war den SED-Oberen Walter Ulbricht und Erich Honecker, als ZK-Sekretär für Sicherheit verantwortlich für die innerdeutsche Grenze, ein etwas weniger abstoßender Schein nach außen nicht.

Durch die neue Sperre entstanden uneinsehbare Stellen auf der DDR-„Grenzübergangsstelle“ (GÜSt, wie der KPP nun genannt wurde). Das nutzten am 30. August und 1. September 1964 unabhängig voneinander zwei ostdeutsche Zöllner, um zu flüchten. Daraufhin errichteten Grenztruppenpioniere binnen weniger Tage einen Wachturm, aus dem heraus die toten Winkel kontrolliert werden konnten. In diesem Zusammenhang übertünchte man die aufgeschichteten Betonschwellen mit weißer Farbe.

Der neue Wachturm erwies sich als zu niedrig, sodass er 1968 um fast vier Meter erhöht wurde. Wenig später bekam die Sperrmauer erstmals eine Verkleidung aus kanneliertem Blech, einem Standardmaterial der DDR-Bauwirtschaft. Doch Unzufriedenheit mit der Gestalt des prominentesten „Eingangs“ in den SED-Staat blieb. So begannen Anfang der 1970er-Jahre Planungen für eine grundsätzliche Umgestaltung, deren Koordination 1973, im Zuge der internationalen Anerkennung der DDR, die Stasi übernahm. Wieder hieß das unausgesprochene Prinzip: „Unsere Mauer soll schöner werden.“

Aber das dauerte im Mangelstaat DDR. Bei den Dreharbeiten für den James-Bond-Film „Octopussy“ im August 1982 zeigte sich der Übergang noch weitgehend in der alten Gestalt. Erst danach begann die Errichtung einer mächtigen, überdachten Kontrollstelle – deren wesentliche Funktion die Durchleuchtung aller passierenden Fahrzeuge mit radioaktiven Gammastrahlen war. Erst am 9. November 1989, laut der Erinnerung von Zeitzeugen gegen 22 Uhr, endete diese Praxis.

Open Questions

  • Wer genau fertigte die Skizzen am 3. November 1961 an?
  • Warum entschieden die Verantwortlichen gegen das Aufhübschen der Sperranlage?
  • Welche Blumen hatte der Zeichner für die Pflanzschalen vorgesehen?

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This article was originally published by Die Welt.

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